Stichtag

16. Juni 1956 - Tod des Illustrators Fritz Koch-Gotha

In der Häschenschule herrschen Zucht und Ordnung. Auf den Bildern von Fritz Koch-Gotha im Kinderbuch von 1924 sind die Bänke in Reih und Glied in den Wald gestellt. Brav heben die Schülerinnen und Schüler ihre Pfötchen, lernen Ostereier-Malen und die Angst vorm fremden Fuchs. Und wenn einer einmal aus der Reihe tanzt, zieht der Lehrer ihm die Ohren lang.

"Hasenmax, der Bösewicht, konnte heute sein Verschen nicht, hat gepfiffen und geschwatzt, Haselieschens Rock zerfatzt", heißt es in den Strophen von Albert Sixtus, die Koch-Gotha mit vermenschlichten Hasenkindern, -eltern und -lehrern mit zeichnerischer Strenge akurat illustriert: "Wär ich nicht ein Kindelein, möcht ich gleich ein Häschen sein".

Künstler nach Unfall

Die ebenso reaktionäre wie liebenswerte "Häschenschule" macht Koch-Gotha berühmt. In Berlin ist er bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt. 1877 als Sohn eines Reserveleutnants und Gutsinspektors unter dem Namen Friedrich Koch in Eberstädt geboren, soll er auf Wunsch des Vaters Soldat werden. Ein Sturz beim Turnen, der ihn schwerhörig macht, durchkreuzt den Plan. 1895 geht Koch-Gotha an die Kunstakademie in Leipzig und wechselte zwei Jahre später an die Akademie nach Karlsruhe. Ab 1902 verdingt er sich als freischaffender Zeichner in Berlin.

In der deutschen Haupstadt gehört er schon bald zu den meistbeschäftigten Illustratoren und Pressezeichnern des Ullstein-Verlags; in dessen Auftrag unternimmt er zudem zahlreiche Reisen nach Russland, Frankreich und in die Türkei. Um seinem Namen etwas Besonderes zu verleihen, hängt er ihm als Erinnerung an den Ort seiner Jugend ein "Gotha" an – was er selbstbewusst damit begründet, dass es "viele Köche, aber nur einen Koch-Gotha" gebe.

Künstler und Patriarch

In seinen Zeitungsrubriken "Die verehrten Zeitgenossen" oder "Meine lieben Nachbarn, die Familie Krause" zieht Koch-Gotha als Karikaturist gegen den Untertanengeist im Wilhelminismus zu Felde; zuhause regiert er als Patriarch, der seine talentierte Frau Dora Koch-Stetter von der Malstaffelei weg an Kind und Küche bindet. Nach dem Erfolg seines Bilderbuchdebüts "Die Häschenschule" versucht er mit "Alle meine Häschen" (1928) und "Waldi" (1930) an diese Popularität anzuknüpfen, was aber nicht gelingt.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 zieht sich Koch-Gotha mit seiner Familie in den Sommersitz in Niehagen an der Ostsee zurück, wo er sich, immer wieder sehnsüchtig auf das pulsierende Leben seiner Berliner Jahre zurückblickend, vor allem Naturstudien widmet. Er stirbt am 16. Juni 1956 in Rostock. Seine "Häschenschule" wird bis heute immer wieder aufgelegt und ist eines der bekanntesten deutschen Bilderbücher.

Stand: 16.06.2011

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