Stichtag

17. März 1911 - Gesetz zum Opium-Rauchverbot in China in Kraft

Britische Politik ist im 18. und 19. Jahrhundert von einer eklatanten Doppelmoral geprägt: Während im Königreich der Opiumkonsum gesetzlich verboten ist, treibt Großbritannien gleichzeitig Millionen Chinesen vorsätzlich in die Opiumsucht - aus reiner Macht- und Profitgier. Ganz China wird dadurch über einen Zeitraum von rund 150 Jahren wirtschaftlich und politisch geschwächt. "Es gibt kein großes britisches Handelshaus, das nicht durch Opium reich geworden ist", sagt Mechthild Leutner, Professorin für Sinologie an der FU Berlin.

Die Geschichte des Opiumhandels beginnt mit der aufblühenden Teekultur in Großbritannien. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts importiert das Königreich Tee - zunächst ausschließlich aus China. Auch Seidenstoffe und Porzellan sind bei den Briten beliebt. Kaiser Qianlong lässt sich seine Exportschlager ausschließlich in Silber bezahlen. 1796 antwortet er auf den Vorschlag von König George III., beim Tausch auch britische Produkte zu akzeptieren: "Ich habe keine Verwendung für die Waren ihres Landes!" Dabei hat Großbritannien sogar Wälder auf den Fidschi-Inseln gerodet, um edles Holz als alternatives Zahlungsmittel anzubieten.

Britischer Opiumanbau in Indien

Als die Silbervorräte des Empires immer mehr schrumpfen, empfiehlt die britische Ostindien-Gesellschaft dem Parlament, ins Drogengeschäft einzusteigen: "Es ist ersichtlich, dass die Chinesen ohne den Gebrauch von Opium nicht leben können. Wenn wir ihren nötigen Bedarf nicht decken, werden es andere tun!" Opium wurde seit dem achten Jahrhundert zwar als Medikament und Schmerzmittel verwendet, war aber nicht weit verbreitet. Die Ostindien-Gesellschaft sichert sich nun in ihrer Kolonie Bengalen das Monopol für Opiumanbau und -handel. In weiten Teilen Nord- und Zentralindiens wächst bald Mohn. 1781 schickt die Ostindien-Gesellschaft ihre erste große Ladung reinen, indischen Opiums in einen chinesischen Hafen - obwohl bereits seit 1729 der Verkauf von Opium in China verboten ist. Nach einer britischen Parlamentsentscheidung wird die illegale Einfuhr nicht von der Kompanie selbst, sondern von privaten Händlern durchgeführt.

Bis zu 25 Prozent Süchtige

Chinesische Beamte werden bestochen und das Opium mit Dschunken auf dem Wasserweg in ganz China verteilt. 1790 sind es rund 4.000 Kisten. Bis 1840 verzehnfacht sich die Menge auf 40.000 Kisten im Jahr. In die Gegenrichtung fließt Silber nach Großbritannien. Die Ostindiengesellschaft verdient nicht nur am Verkauf der Droge, sondern kassiert auch noch Lizenzgebühren von den am Geschäft beteiligten Bauern und Händler. In China sind zunehmend Staatsbeamte, Polizei und Militär in den Handel verstrickt. In den südlichen Regionen werden bis zu 25 Prozent der Menschen durch das Rauchen von Opium süchtig. Die Rauchverbote des Kaisers werden ignoriert, selbst bei Androhung der Todesstrafe. Auch Appelle an Queen Victoria bleiben wirkungslos. Daraufhin lässt der kaiserliche Sonderbevollmächtigte Lin Zexu 20.000 Kisten des importierten Opiums beschlagnahmen und öffentlich vernichten.

Opiumkriege sichern britischen Einfluss

Die britische Regierung ist empört. Im November 1839 sendet sie 16 Kriegsschiffe mit 4.000 Mann Besatzung nach China. Die britische Marine ist waffentechnisch überlegen. Im ersten sogenannten Opiumkrieg fallen 20.000 Chinesen und 500 Briten. Dem unterlegenen Kaiserhof wird mit dem Vertrag von Nanking der erste der "ungleichen Verträge" aufgezwungen. China muss Hongkong an Großbritannien abtreten und weitere Häfen für ausländische Händler öffnen. Der Einfuhrzoll auf ausländische Waren darf von da an maximal fünf Prozent betragen. Das Kaiserreich ähnelt nun einer europäischen Kolonie.

Da der Profit den Briten noch zu gering ist, führen sie von 1858 bis 1860 den zweiten Opiumkrieg. "Da ist China im Vertrag aufgezwungen worden, dass Opium ein legales Produkt ist", sagt Sinologin Leutner. 1880 sind bereits 20 Millionen Chinesen süchtig. Internationale Anti-Opium-Bewegungen verurteilen den erzwungenen Opiumimport als unmoralisch. Eine königliche Kommission kommt in ihrem Bericht 1895 zum Ergebnis, dass sich Großbritannien "unmoralischer Praktiken schuldig gemacht" habe.

Erst in den 1950er Jahren gebannt

Auf öffentlichen Druck beteiligt sich England 1906 an einem Edikt des Kaisers - ein auf zehn Jahre angelegter Plan, der Opiumhandel und -konsum stufenweise eindämmen soll. Dem folgt das im März 1911 erlassene Rauchverbot in der südwestlichen Provinz Jünnan. Der Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Dann steigt die Zahl der Süchtigen erneut, obwohl ab 1926 kein britisches Opium mehr importiert wird. Das Problem hat sich in China längst verselbstständigt. Erst in den 1950er schafft es die kommunistische Partei, das Opium aus dem Reich der Mitte zu verbannen.

Stand: 17.03.2011

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