Stichtag

13. Mai 2010 - Vor 300 Jahren: Berliner Charité gegründet

In die Berliner Charité kommen die Menschen, um zu sterben. Am 13. Mai 1710 entsteht auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich I. Deutschlands berühmtestes Krankenhaus als Quarantänelazarett. Es ist die Zeit der Pest, die vor den Toren der wachsenden Metropole steht. Das Gebäude außerhalb soll die Erkrankten von den gesunden Bewohnern fernhalten. "Der Gedanke von Behandlung und Betreuung", sagt der Medizinhistoriker Volker Hess, "war damit noch gar nicht verbunden."

Vom Armenhaus zur Musteranstalt

Aber die Berliner haben Glück: Die Pest schafft es nur bis zur Uckermark. Damit aber fehlt dem zweistöckigen, gefängnisartigen Gebäude die Funktion. Kurzerhand erklärt Friedrich I. eine Hälfte zum Militärlazarett, die andere zum Armenhaus. Weil Französisch bei Hofe en vogue ist, gibt er dem Haus den Namen Charité, "Barmherzigkeit". Gerade unter den aufgenommenen Frauen finden sich viele mit Geschlechtskrankheiten: Nach Bordell- und Straßenkontrollen bringt die Polizei sie in die Charité, wo sie in einem großen Bettensaal aufgenommen werden. Zu dieser Zeit ist die Versorgung der Patienten Quacksalbern überlassen: Wem Gott nicht barmherzig ist, der verlässt das Haus Richtung Friedhof. Bei jedem dritten Patienten ist das damals der Fall.


Erst im 19. Jahrhundert wandelt sich die Charité zum Vorzeigehospital. Rudolf Virchow begründet hier die Zellularpathologie, Emil von Behring besiegt die Diphtherie, Robert Koch entdeckt den Tuberkulose-Erreger. Koryphäen wie Paul Ehrlich oder Ferdinand Sauerbruch sind hier tätig. Grund für den Erfolg ist, dass sich Krankenhaus und Universität zusammentun. Der Höhenflug endet erst, als sich Ärzte nach den Vorgaben der "Rassehygiene" vor den Karren des Nationalsozialismus spannen lassen. 1945 wird die Charité, im Ostteil der Stadt gelegen, zur medizinischen Musteranstalt der DDR mit modernster Technik aufgebaut. Materialknappheit herrscht anderswo.

Almosen für das Krankenhaus

Heute ist die Charité Europas größte Universitätsklinik und Deutschlands größtes Hospital. 7.300 Studenten werden hier ausgebildet, rund eineinhalb Millionen Patienten jährlich behandelt. Barmherzigkeit fordern Angestellte inzwischen auch für das Krankenhaus selbst, denn das Geld ist chronisch knapp. Spötter haben sogar vorgeschlagen, man solle die Klinik doch ins englische "Charity" ("Almosen") umbenennen.

Stand: 13.05.10