Stichtag

22. Januar 2006 - Ekseption-Keyborder Rick van der Linden stirbt

Ihren Namen findet die niederländische Gruppe um Trompeter Rein van den Broek durch einen Blick ins Englisch-Lexikon. "Exception" - im Deutschen etwa Ausnahme oder Sonderfall - gefällt ihnen, nur die Schreibweise passen sie dem Niederländischen an. Aus einer Schülerband entstanden, entwickelt sich Ekseption tatsächlich zu einer Ausnahme-Band, als van den Broek 1967 den Keyborder und Arrangeur Rick van der Linden ins Boot holt.

Der junge Mann mit blondem Vollbart und Löwenmähne übernimmt die Leitung und kombiniert die jazzig-rockigen Elemente von Ekseption mit klassischer Musik. Heraus kommt ein unverwechselbarer, von Keyboards, Bläsern und Rock-Schlagzeug geprägter Sound. Gleich die erste Single, van der Lindens Bearbeitung von Beethovens 5. Sinfonie, macht Ekseption 1969 neben The Nice mit Keyboarder Keith Emerson zum bekanntesten Vertreter des Symphonic Rock.

Mit fünf Alben in den Top 50

Die klassische Musik beherrscht Rick van der Linden aus dem Effeff. Mehrere Jahre hat der 1946 geborene Musiker am Konservatorium in Den Haag Klavier, Orgel, Harmonie und die Kompositionstechnik Kontrapunkt studiert. Am stärksten prägen ihn Bach, Vivaldi und Telemann. Doch die Klassiker allein empfindet van der Linden als kreatives Korsett; um moderne Musikstile kennenzulernen, spielt er auch in Jazzbars und Rockkneipen. "Nur für Spaß, um lernen zu können, wie man das spielt und wie das rüberkommt", erklärt er in einem Interview.

Seine Arrangements und Kompositionen sind kompliziert, entsprechend lange arbeitet die Band im Studio. Der furiose Fusion-Mix verlangt von allen Musikern ein hohes Maß an Virtuosität, das der Mastermind van der Linden einfordert, bis jede Phrase sitzt. Der Lohn der Mühe: Die ersten fünf Ekseption-Alben stehen gleichzeitig in den Top 50 der LP-Verkaufscharts. Überall in Europa spielt die Band ihre wilde Mischung aus Klassik und Jazzrock in ausverkauften Häusern. Ihre Tourneen führen sie bis nach Japan. Nicht wenige Fans hören bei Ekseption zum ersten Mal die großen "Chartstürmer" der klassischen Musik.

Vor die Tür gesetzt

Bei Katschaturians Säbeltanz oder Mozarts Türkischem Marsch fliegen van der Lindens Finger nur so über das um ihn aufgetürmte Klaviaturgebirge. Der Keyboard-Derwisch spielt Klavier, Kirchen- und Hammondorgel, Mellotron und Clavinet, Spinett, Synthesizer und weitere Tasten. Es sehe aus wie in einem Cockpit, findet van der Linden. "Hat die rechte Hand zwei Takte Pause, spiele ich links weiter und stelle den Synthesizer um. Dann spiele ich rechts auf Keyboard vier weiter, stelle links das nächste Instrument ein und so weiter." Von seiner Tastenburg aus beherrscht der Perfektionist allein den Sound und die Konzertauftritte von Ekseption. Nach vier Jahren haben die Bandkollegen das dominante und zunehmend egomane Auftreten van der Lindens satt und rebellieren. 1973 fordert Rein van den Broek den Keyborder auf, sich eine andere Gruppe zu suchen.

Die Zeit des großen Erfolgs ist damit für beide passé. Ekseption löst sich zwei Jahre nach dem Abgang ihres kreativen Kopfes auf. Einige Revival-Versuche, von 1978 bis 1981 noch einmal mit van der Linden, können nicht an die Hits der Vergangenheit anschließen. Rick van der Linden gründet zunächst das Trio Trace, mit dem er weiter an der Verbindung von Symphonic und Progressive Rock feilt. Er schreibt Filmmusiken und wird von Kollegen wie Deep Purple, Vangelis oder Phil Collins als Gast engagiert. 48 Alben bringt van der Linden in seiner Karriere heraus, die sich rund sechs Millionen Mal verkaufen. Im Herbst 2005 erleidet der 59-Jährige mehrere Schlaganfälle, von denen er sich nicht mehr erholt. Am 22. Januar 2006 stirbt Rick van der Linden in Groningen.

Stand: 22.01.2016

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