29. Juli 1890 - Freie Volksbühne in Berlin gegründet

Stand: 29.07.2020, 00:00 Uhr

Der Name des Hauses ist von Anfang an Programm: Freie Volksbühne. In Berlin sollen alle ein Theater besuchen können, ohne von hohen Eintrittspreisen abgehalten zu werden. Das ist im Deutschen Kaiserreich keineswegs selbstverständlich.

"Ich habe erfahren, dass meine Waschfrau im Lessing-Theater gesessen hat, und musste es ablehnen, am Abend einen Platz einzunehmen, den am Nachmittag vielleicht einer meiner Dienstboten benützt", empört sich zum Beispiel ein Leser der preußischen "Kreuz-Zeitung". Theaterplätze sollen nur standesgemäß genutzt werden.

Freie Volksbühne Berlin gegründet (am 29.07.1890) WDR 2 Stichtag 29.07.2020 04:14 Min. Verfügbar bis 27.07.2030 WDR 2

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Arbeitergroschen erhoben

Der Prediger und Journalist Bruno Wille will das ändern. Er gründet am 29. Juli 1890 den Verein "Freie Volksbühne Berlin". Zur Gründungsversammlung kommen fast 2.000 Interessierte. Sie eint das Ziel: Bildung und Kultur auch für Benachteiligte. Sie sollen ermäßigte Theaterkarten erhalten.

Die Resonanz ist groß: Der Verein wird schnell zu einer Massenorganisation. Zunächst wird an gepachteten Theatern gespielt, doch der Verein will ein eigenes Haus bauen. Dafür erhebt er auf jede Karte einen Aufschlag von zehn Pfennig - den sogenannten Arbeitergroschen.

Zensur umgangen

Eine eigene Spielstätte hat den Vorteil, selbst über den Spielplan entscheiden zu können. Allerdings gibt es einen Haken: Gesellschaftskritische Stücke wie Gerhart Hauptmanns "Die Weber" und Maxim Gorkis "Nachtasyl" fallen unter die preußische Zensur und dürfen nicht öffentlich gespielt werden.

Doch Bruno Wille findet eine Lösung: Im preußischen Kulturgesetz steht, dass Stücke, die auf dem Index stehen, dennoch im privaten Kreis gezeigt werden dürfen - also auch in einem Verein.

Eigenes Haus ab 1914

Argwohn schlägt der Volksbühne auch von unerwarteter Seite entgegen: Prominente Sozialdemokraten wie Franz Mehring und August Bebel sind skeptisch. "Steht der Freien Volksbühne die Theaterspielerei über allem anderen", schreibt Mehring 1900, "so mag sie ehrlich erklären", dass sie "gar keine literarische Organisation der Arbeiterklasse sein" wolle.

Dennoch: Am 30. Dezember 1914 - der Erste Weltkrieg hat schon begonnen - wird das geplante Haus eröffnet. Zunächst bleiben Erfolge aus. Sie kommen erst, als Erwin Piscator bereits erfolgreiche Inszenierungen aufführen lässt, wie etwa Bert Brechts Dreigroschenoper.

Die Nazis nutzen das Haus zunächst für Propaganda, 1943 wird es durch eine Splitterbombe zerstört. Die Überreste dienen als Munitionslager. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Volksbühne im Originalgrundriss wiederaufgebaut.

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