Stichtag

11. August 1965 - Erster bundesdeutscher Botschafter in Israel

Viele Holocaust-Überlebende gehen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel. Von Deutschland wollen sie nichts mehr wissen. Darum ist Aufregung groß, als Israel und die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen aufnehmen - und der erste Botschafter in Israel ankommt.

Er ist ehemaliger Wehrmachtsmajor und Ritterkreuzträger - und erster bundesdeutscher Botschafter in Israel. Rolf Pauls landet am 11. August 1965 auf dem Flughafen Lod, knapp 20 Kilometer außerhalb von Tel Aviv. "Von den etwa 60 Demonstranten am Flugplatz schrie nur eine Hausfrau 'Nazi!', die anderen trugen schweigend Spruchtafeln, die in Anlehnung an die NS-Parole vom 'judenreinen Deutschland' in englischer Sprache forderten: 'We want a germanfree Israel" - ein von Deutschen freies Israel", schreibt der "Spiegel" über die Ankunft des 49-jährigen Diplomaten, der vor seiner Abreise noch eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen hat.

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten ist am 12. Mai 1965 vereinbart worden. Bis dahin haben Israel und die Bundesrepublik dies mehrfach abgelehnt. Nach dem Holocaust ist das Verhältnis Israels zu den Ländern, die aus dem Deutschen Reich hervorgegangen sind, kompliziert. Während die DDR und Österreich Israel keine Hilfe anbieten, ist Bundeskanzler Adenauer (CDU) dazu schon 1951 bereit: "Im Namen des deutschen Volkes sind unsagbare Verbrechen begangen worden." Die Bundesrepublik hilft Israel dabei, eine halbe Million jüdischer Flüchtlinge einzugliedern. Israel bekommt Waren im Wert von drei Milliarden Mark.

Deutsche Waffen für Israel

Hinzu kommt ein nicht ganz uneigennütziges Geheimabkommen: Die Bundesrepublik rüstet die israelische Armee auf. Im Gegenzug erhält die Bundeswehr israelische Maschinenpistolen - und Uniformen. "Die wurden in Fabriken in Israel von Frauen genäht, die zum Teil bereits während des Krieges in den Lagern Monturen für die Wehrmacht nähen mussten", so der mittlerweile verstorbene Diplomat Niels Hansen. Als die bundesdeutschen Waffenlieferungen an Israel bekannt werden, ist Ägypten verärgert über die Bundesregierung und lädt als Reaktion den DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht zu einem Besuch ein. Damit geraten die Bundesdeutschen unter Zugzwang: Nach der Hallsteindoktrin von 1955 unterhalten sie nur zu solchen Staaten diplomatische Beziehungen, die keine offiziellen Kontakte zur DDR haben.

In dieser Situation muss sich Bundeskanzler Ludwig Erhard zwischen den verfeindeten Arabern und Israelis entscheiden. Seine Wahl fällt auf Israel, obwohl dort 1965 die Stimmung besonders aufgeheizt ist. Denn in der Bundesrepublik wird debattiert, ob die Verjährungsfrist für Mord verlängert werden soll. Ansonsten könnten Nazi-Täter nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Die Frist wird zwar verlängert, aber erst Jahre später ganz aufgehoben.

Steine, Knüppel, Flaschen

Als Botschafter Pauls am 19. August 1965 in Jerusalem dem israelischen Staatspräsidenten Salman Schasar sein Beglaubigungsschreiben überreicht, kommt es zu Tumulten während der Zeremonie. Zunächst stimmt die Polizeikapelle die israelische Hymne an, dann folgt das Deutschlandlied. Das ist für einige Überlebende des Nazi-Terrors zu viel. Sie werfen mit Steinen, Knüppeln und Flaschen. Ihr Anführer ist der spätere Ministerpräsident Menachim Begin. Er ruft dem Botschafter entgegen: "Sie sind nicht willkommen!" Diplomat Hansen, der später selbst Botschafter in Israel wird, erinnert sich an Begins Protest: "Er hat dann zum Beispiel gerufen, als die Polizei Tränengas eingesetzte: 'Das ist deutsches Gas!'"

Als Israels Botschafter Asher Ben-Natan im Austausch für Pauls 1965 nach Bonn kommt, trifft er auf einen erbosten Bundespräsidenten: "Lübke kam auf mich zu und fuhr mich an: 'Warum haben Sie unseren Botschafter so beschimpft?!" Die Wende kommt zwei Jahre später. Israel steht während des Sechs-Tages-Kriegs allein gegen die arabische Welt. "Da gab es Sympathiekundgebungen in Deutschland", erinnert sich Ben-Natan. "Leute wollten zum israelischen Militär gehen, Blut spenden, Geld spenden."

Klavierspieler intoniert Deutschlandlied

Die eindeutige Haltung in der Bundesrepublik sorgt in Israel für einen Stimmungsumschwung. Botschafter Pauls braucht keine Sicherheitsleute mehr. "In diesen Tagen ging ich in Jaffa in ein Restaurant", erinnert er sich später. "Und wie ich reinkam, unterbrach der Klavierspieler die Musik und intonierte die ersten Takte des Deutschlandliedes - und das Publikum applaudierte dazu." Pauls wird in Israel zum Botschafter, der mit Steinen empfangen wurde und später mit Rosen verabschiedet wird.

Stand: 11.08.2015

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