Stichtag

11. Oktober 1915 - Jean-Henri Fabre stirbt in Sérignan-du-Comtat

Er schüttelt Sträucher, liegt stundenlang vor Erdlöchern und wühlt im Mist: Von seinen Nachbarn wird der französische Insektenforscher Jean-Henri Fabre der Hexerei bezichtigt, Charles Darwin nennt ihn hingegen einen "unübertroffenen Beobachter". Fabre gilt als Wegbereiter der Verhaltensforschung. Sein Lebenswerk heißt "Souvenirs Entomologiques" ("Erinnerungen eines Insektenforschers"). Auf rund 4.000 Seiten berichtet er von seinen jahrzehntelangen Beobachtungen und Experimenten. Darüber hinaus macht er sich Gedanken über Natur und Kultur, Instinkt und Moral, Gemeinschaft und Individualität - und über sein eigenes Leben.

Geboren wird Jean-Henri Fabre am 21. Dezember 1823 im südfranzösischen Saint-Léons. Er wächst auf einem Hof im Zentralmassiv auf. "Meine Mutter, gänzlich ungebildet, hat an Erziehung nichts anderes gekannt als die bittere Erfahrung eines mühsamen Lebens", erinnert sich Fabre später, der seine ersten Jahre bei den Großeltern verbringt. Mit sieben Jahre kommt Jean-Henri in die Schule: "Etwas besseres konnte mir nicht passieren. Der Lehrer ist mein Pate." Schon früh interessiert sich der Junge für Käfer, Bienen und Schmetterlinge.

Lehrer und Buchautor

Fabre wird Lehrer für Chemie und Physik. Bei seinem ersten Job auf Korsika kann er in seiner Freizeit Muscheln und Pflanzen bestimmen. Er freundet sich mit einem dichtenden Botaniker an, der ihm das Sezieren beibringt. Nach vier Jahren muss er die Insel verlassen, weil er nach Avignon versetzt wird. Mit seinem spärlichen Gehalt kann Fabre seine wachsende Familie allerdings kaum ernähren. Als Autor von Schul- und Lehrbüchern gelingt es ihm, ein zweites Standbein aufzubauen. Ob Landwirtschaft, Biologie oder Mathematik - er versteht es, komplizierte Themen anschaulich und unterhaltsam zu vermitteln.

Fabre beteiligt sich zudem an einem Bildungprogramm, das konservative Kreise ablehnen: Er unterrichtet Mädchen. Als der Pädagoge eines Tages mit ihnen über die Bestäubung von Pflanzen spricht, verliert er Job und Wohnung. Doch glücklicherweise hat er in seinen Abendkursen den Philosophen John Stuart Mill kennengelernt. Mit dessen Hilfe erwirbt der 56-Jährige in der Provence ein Landhaus mit verwildertem Garten. Sein Anwesen nennt er "Harmas" ("Brachland" auf Provencal). In Sérignan-du-Comtat, in der Nähe von Orange, verbringt der Forscher die schönste Zeit seines Lebens. Er beschäftigt sich mit Insekten, verfasst seine Memoiren und veröffentlicht sie in zehn Bänden von 1879 bis 1907. Dafür wird er 1912 für den Literaturnobelpreis nominiert.

Lehnt Evolutionstheorie ab

Während die einen seine poetische Erzählweise loben, werfen ihm andere mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. "Ihr weidet das Tier aus und ich studiere es lebend", entgegnet Fabre seinen Kritikern. "Ihr erforscht den Tod, ich erforsche das Leben." Statt Skalpell und Mikroskop nutzt er seine Beobachtungsgabe. "Nie wurden die Lebensgewohnheiten der Insekten eindringlicher beschrieben", notiert Charles Darwin 1880 in einem Brief, nachdem er Fabres ersten Band gelesen hat. In Darwins Auftrag führt der Insektenforscher ein paar Experimente durch, doch mit dessen Evolutionstheorie kann Fabres nichts anfangen. Das bedauert Darwin: "Es tut mir leid, dass Sie sich so strikt gegen die Abstammungslehre sträuben."

Am 11. Oktober 1915 stirbt Jean-Henri Fabre im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in der Provence. "Es war ein wunderschöner Herbsttag, als Fabre seinen Harmas verließ, um sich auf dem kleinen, von Ölbäumen umringten Friedhof schlafen zu legen", schreibt seine Frau über die Beerdigung, an der Politiker, Pädagogen und Nachbarn teilnehmen, mit denen Fabre Zeit seines Lebens wenig zu tun hatte. "Auf den Friedhof kamen zahlreiche Heuschrecken und ließen sich auf seinem Sarg nieder, auch eine Schnecke kroch an ihm hoch."

Stand: 11.10.2015

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