Stichtag

23. Juli 1970 - Qabus bin Said putscht im Sultanat Oman

"Mein Volk! Ich werde mich sofort daran machen, euch zum Wohlstand und in eine leuchtende Zukunft zu führen", verkündet der neue Sultan von Oman, Qabus bin Said, am 23. Juli 1970 nach der Entmachtung seines Vaters Said bin Taimur. Diesen hat er mit Unterstützung britischer Offiziere zur Abdankung gezwungen und ins Exil nach England geschickt. "Gestern noch herrschte Dunkelheit, aber mit Gottes Hilfe wird morgen über Oman und all seinen Menschen ein neuer Tag hereinbrechen", verspricht Qabus.

Geboren wird Qabus bin Said am 18. November 1940 im Küstenort Salalah, in Omans südlicher Provinz Dhofar. Die Hauptstadt Maskat ist rund 1.000 Kilometer entfernt. Der Hofstaat hält sich meistens in Salalah auf, weil das Klima erträglicher ist als im schwülen Maskat. Der Prinz darf das Gelände des Palastes nicht verlassen. Nach dem Privatunterricht reitet er oder übt den traditionellen omanischen Schwerttanz. 1958 schickt der Vater den 17-jährigen Thronfolger an eine Privatschule in England. Zwei Jahre später besucht Qabus die Königliche Militärakademie Sandhurst. Anschließend dient er in einem schottischen Regiment bei der britischen Rheinarmee im westfälischen Minden.

Erdölförderung ermöglicht Investitionen

1964 kehrt Qabus nach Oman zurück, wo ihn sein Vater im Palast von Salalah isoliert. Seine Mutter versorgt ihren Sohn jedoch mit internationalen Zeitungen und Informationen aus dem eigenen Land. Der alte, als tyrannisch und strenggläubig geschilderte Sultan sperrt sich gegen jede Veränderung. So sind nicht nur Sonnenbrillen verboten. Auch das Land ist noch unerschlossen: Nur wenige Straßenkilometer sind asphaltiert, zum Hinterland gibt es keine Verbindung, wegen fehlender öffentlicher Schulen ist die Analphabetenquote extrem hoch. Als in Dhofar kommunistische Rebellen die Monarchie bedrängen, handelt Qabus und setzt seinen Vater ab. Der neue Herrscher fliegt sofort nach Maskat und betritt zum ersten Mal die Hauptstadt. Qabus kennt auch die dicht besiedelte Küstenebene am Golf von Oman und die Oasenstädte im Landesinneren nicht. Er besucht Stammesoberhäupter und hört sich die Anliegen einfacher Leute an. Später wiederholt er jährlich die oft mehrere Wochen dauernde Sultansreise.

Mithilfe von Truppen aus Iran und Jordanien sowie britischen Söldnern gelingt es der osmanischen Armee, den kommunistischen Aufstand Ende 1975 niederzuschlagen. Sultan Qabus bringt nun die Modernisierung des Landes voran. Die Einnahmen aus der steigenden Erdölförderung ermöglichen Investitionen. Auch deutsche Firmen profitieren: Hochtief baut Häfen und Straßen, Siemens erstellt Kraftwerke und Anlagen für die Wasserversorgung. Es entstehen Krankenhäuser, Schulen, Wohn- und Verwaltungsgebäude, später auch Museen, Universitäten und ein Opernhaus.

Ausländische Fachkräfte bauen Infrastruktur aus

In den 1970er und 1980er Jahren werden für den Aufbau Omans viele Fachkräfte aus dem Ausland geholt: Lehrer aus Libanon, Ärzte aus Pakistan, Ingenieure aus Deutschland, Militär- und Regierungsberater aus England. Sultan Qabus sieht darin allerdings nur eine Übergangsphase: "Wir müssen uns anstrengen, ausländische Arbeitskräfte durch Omanis zu ersetzen, in der Regierung und im privaten Sektor, aber nicht auf Kosten von Qualität und Leistung." Da die Öl-Reserven Omans viel kleiner sind als in Saudi-Arabien und den Emiraten, fördert Qabus neben der Landwirtschaft auch eine bescheidene Industrialisierung. Seit den 1990er Jahren setzt er ebenfalls auf einen kontrollierten Tourismus.

Als 2011 der Arabische Frühling auch Oman erreicht, kommt es zu Demonstrationen. Viele junge Leute sind unzufrieden - gut ausgebildet, aber arbeitslos. Der Sultan schafft für sie 50.000 Stellen in der Verwaltung. Dennoch gibt es weiterhin Kritik. Oman ist eine absolute Monarchie, Qabus regiert autokratisch. Der Demokratisierungsprozess, den er einleitet, kommt nur langsam voran. Meinungsfreiheit fehlt noch immer, politische Häftlinge gibt es nach wie vor. Im Sommer 2014 sorgt ein Klinikaufenthalt des Herrschers für zusätzliche Unsicherheit. Qabus lässt sich in Deutschland behandeln und kehrt erst nach acht Monaten im März 2015 nach Oman zurück - angeblich vollständig genesen. Über die Erkrankung werden keine Angaben gemacht. Der Klinikaufenthalt sorgt für Spekulationen über die politische Zukunft des Landes: Qabus hat weder Kinder noch Brüder, die seine Position einnehmen könnten. Auch einen Thronfolger hat er nicht benannt.

Stand: 23.07.2015

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