8. November 1997 – China baut Drei-Schluchten-Staudamm

Der chinesische Drei-Schluchten-Staudamm ist 185 Meter hoch, zwei Kilometer lang und staut den Jangtse-Fluss auf einer Länge von gigantischen 600 Kilometern. Doch den Preis, den Mensch und Natur für das Prestigeprojekt bezahlen, ist hoch.

Am 8. November 1997 schaufeln Bagger dicke Felsbrocken und Geröll in das Flussbett des Jangtse, um den bisherigen Wasserlauf abzuschneiden. Es ist der Baustart für den größten Stausee und das größte Wasserkraftwerk der Erde. Es ist auch einer der umstrittensten Eingriffe des Menschen in die Natur.

Der Drei-Schluchten-Staudamm, von dem bereits Mao Zedong in den fünfziger Jahren geträumt haben soll, wird 1992 gegen den Willen von rund einem Drittel der Abgeordneten durch den chinesischen Volkskongress gebracht.

Chinas Drei-Schluchten-Staudamm (Baubeginn, 08.11.1997) WDR ZeitZeichen 08.11.2022 14:38 Min. Verfügbar bis 08.11.2099 WDR 5

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Ein Staudamm so bedeutend wie die Chinesische Mauer

"Es war ein Projekt von Deng Xiaoping, der China in die Moderne schieben wollte", erzählt der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer. Dazu wählte Xiaoping einen gewaltigen Vergleich: Der Staudamm sei genauso bedeutend wie die 2000 Jahre alte "Große Chinesische Mauer".

Der Drei-Schluchten-Staudamm ist nicht nur eine Botschaft an den Rest der Welt, sondern auch an die eigene Bevölkerung: Die Parteiführung übernimmt Fürsorge und schützt sie vor den Überschwemmungen im Jangtse-Gebiet, die regelmäßig Menschenleben kosten und wüste Zerstörungen zurücklassen.

Den wilden Fluss zähmen

"Den wilden Fluss zu zähmen" ist ein alter Traum jedes chinesischen Herrschers. Versuche, Pläne und Ansätze gab es viele, doch Mitte der 1980er Jahre werden die Pläne konkret: Ein zwei Kilometer langer und 185 Meter hoher Staudamm soll den Jangtse in drei Schluchten zu einem 600 Kilometer langen See aufstauen.

Größtes Wasserkraftwerk der Welt entsteht | Bildquelle: WDR / Julia Schäfer

Der Pegel des neuen Sees wird 170 Meter höher sein als der bisherige Wasserspiegel des Jangtse. Häuser, Tempel, Fabriken – ganze Städte und jahrhundertealte Kulturgüter müssen im Wasser verschwinden, damit ein gigantisches Kraftwerk Strom erzeugen kann. Und weit über eine Million Chinesinnen und Chinesen müssen umgesiedelt werden.

Weltweite Proteste gegen den Staudamm

Das sorgt von Beginn an für viele Diskussionen, sogar innerhalb des ansonsten wenig kritischen Partei- und Staatsapparates. Während heimische Gegner wie die Journalistin Dai Quing weggesperrt werden, protestieren Naturschützer und Umweltaktivisten weltweit. Sie fürchten große ökologische Schäden für Mensch und Natur.

Die Proteste sind vergeblich. Chinas Ministerpräsident Li Peng setzt sich über alle Bedenken hinweg. Als am 8. November 1997 die Bauarbeiten offiziell beginnen, applaudiert die Staats- und Parteiführung von der eigens aufgebauten Besuchertribüne am Rand des Jangtse. Sie feiern den Bau auch als ein Symbol für die Überlegenheit des Sozialismus und lassen Reporter aus der ganzen Welt berichten.

Größte energieerzeugende Anlage der Welt

Der Damm ist fertig | Bildquelle: dpa

Ab 2003 wird das Wasserkraftwerk mit seinen insgesamt 32 Turbinen in mehreren Stufen in Betrieb genommen. Gemessen an der installierten Leistung von 22,5 Gigawatt ist es bis heute eine der größten energieerzeugenden Anlage der Welt. Sie ersetzt die Leistung von 20 bis 25 Kernkraftwerken.

Allerdings ist der Preis hoch: Rund 1,3 Millionen Menschen haben ihre Heimat verloren und schon nach wenigen Jahren treten die befürchteten Schäden auf: Trockenheit, niedrige Flusspegelstände, Erdrutsche und Verlust der Artenvielfalt sind nur einige.

Autor des Hörfunkbeitrags: Kay Bandermann
Redaktion: David Rother

Programmtipps:

ZeitZeichen auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 8. November 2022 an den Drei-Schluchten-Staudamm. Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast.

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