WDR 3 Werkbetrachtung: Beethovens "Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op.73"

In England trägt das Konzert den Beinamen "Emperor", also "Kaiser" oder "Herrscher". Der Pianist Lars Vogt sieht darin die "Befreiung des Individuums": Kühn und wild kann sich der Solist am Klavier Freiheit erkämpfen. Freies Fantasieren bestimmt auch die lyrischen Teile.

Als junger Virtuose wird Ludwig van Beethoven vor allem für sein brillantes Klavierspiel und seine phantasievollen Improvisationen gefeiert. Aus einfachsten Tönen kann er aus dem Stegreif heraus immer neue Melodien entwickeln. In den Noten schreibt er für sich selbst oft nur einzelne Motive auf - als Erinnerungsstützen. Seine fertigen Werke spielt er aus dem Gedächtnis oder erfindet sie beim Spielen einfach neu.

WDR 3 Werkbetrachtung: Beethovens 5. Klavierkonzert Es-Dur WDR 3 Werkbetrachtungen 08.07.2017 19:35 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 3

Genau so beginnt sein 5. Klavierkonzert in Es-Dur op. 73: wie eine freie Fantasie, eine Solo-Kadenz mit rauschenden Passagen. Allerdings ist hier jede Note aufgeschrieben, denn 1809, mit knapp vierzig Jahren, ist Beethoven fast vollständig taub. Er kann sein op. 73 nicht mehr selbst aufführen und traut das auch keinem anderen mehr zu. Jede Kleinigkeit wird exakt in den Noten festgehalten.

Trotzdem: von Schicksal oder Depression kann hier nicht die Rede sein. Feierlich und glorreich wird gekämpft: für die Freiheit und gegen jede Unterdrückung. Während der Komposition stehen die französischen Truppen Napoleons vor Wien und bombardieren die Stadt. Beethoven schimpft über die Belagerung, die schlechte Versorgung und das wüste Leben um ihn herum: "Nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art!"

Daneben finden sich vor allem im langsamen Satz ungemein zarte, lyrische und suchende Momente. "Ausblicke in die Ewigkeit" nennt Lars Vogt sie. Die weit ausschweifenden Cantilenen lassen den romantischen Klavierstil Frédéric Chopins vorausahnen. Auch zu Franz Liszt ist es nicht mehr weit. Entfernte Tonarten, rhythmisch herausfordernde Motive und dynamische Extreme bestimmen die musikalische Entwicklung. Unerwartet entpuppt sich ein absichtslos aufgefächerter Es-Dur-Dreiklang als triumphales Rondo-Thema des dritten Satzes. Die aufsteigende Bewegung überschlägt sich geradezu vor Freude.

Porträt des Dirigenten Lars Vogt | Bildquelle: Pressefoto / Giorgia Bertazzi

Der in Düren geborene Lars Vogt ist seit 2015 music director der Royal Northern Sinfonia im nordenglischen Gateshead / Newcastle. Ihr gemeinsamer Zyklus aller Beethoven-Konzerte erscheint seit Mai 2017 auf CD. Lars Vogt dirigiert das britische Kammerorchester dabei vom Klavier aus. Er dreht seinen Flügel in das Orchester hinein, um in Blickkontakt mit den Musikern zu sein und kammermusikalische Momente zu gestalten. Mal wird das Klavier zu einem Teil des Ensembles, dann wieder übernimmt es kraftvoll die Führung.

Als Pianist und Dirigent in einer Person erläutert Lars Vogt die musikalischen Themen in Beethovens 5. Klavierkonzert und leitet uns durch die immer neuen Variationen, Kombinationen und Kontraste, die hier so konzentriert aufeinander folgen.

Eine Collage von Antonia Ronnewinkel

Redaktion: Eva Küllmer

CD-Tipp

CD-Cover: Klavierkonzerte mit Lars Vogt und Royal Northern Sinfonia | Bildquelle: Ondine ODE 1292-2

Beethoven: Piano Concertos 1 & 5
Royal Northern Sinfonia
Lars Vogt, Klavier und Leitung
Label: Ondine
Bestellnummer: ODE 1292-2