Russlanddeutsche in Waldbröl: Warum wählen hier so viele die AfD?

Stand: 11.12.2022, 13:28 Uhr

Um die 3 Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion kamen als Aussiedler nach Deutschland – in Waldbröl leben besonders viele Russlanddeutsche. Gleichzeitig wird hier viel AfD gewählt, die Wahlbeteiligung ist niedrig. Eine Spurensuche.

Von Niklas Schenk und Arne Hell

Jürgen Köppe, 1. Vorsitzender der CDU Waldbröl, steht auf dem Parkplatz vor dem Mixmarkt. Einem Supermarkt, in dem es viele osteuropäische Produkte gibt. Er will mit Russlanddeutschen ins Gespräch kommen. Viele gehen Köppe aus dem Weg - da kommt er mit einer Frau namens Anja, geschätzt um die 30, doch noch ins Gespräch.

Jürgen Koeppe CDU mit Aussiedlerin Anja | Bildquelle: WDR

"Wir sind ja auch aus Kirgistan, Russland, die Ecke“, erzählt Anja. "Mein Bruder sagt, die AfD ganz klar. Meine Mutter inzwischen auch. Den Grund hab ich eigentlich nie hinterfragt. Ich gehe gar nicht wählen.“ Anja ist zwar nur ein Beispiel, aber ein ziemlich exemplarisches für Waldbröl.

Auffanglager und Heimat von Horst Waffenschmidt

Ein Viertel bis zu ein Drittel der Waldbröler Gesamtbevölkerung sind nach Schätzungen Russlanddeutsche. Also um die 5000 Menschen.

Fest steht: Als die Sowjetunion Ende der 80er Jahre zerbrach, kamen mindestens 3000 Aussiedler und Aussiedlerinnen nach Waldbröl, damals die Außenstelle des Auffanglagers Unna-Maassen und die Heimat von Horst Waffenschmidt, dem ersten Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung.

Auffällig viele AfD-Wähler in russlanddeutschen Stadtteilen

Was auffällig ist: In Waldbröl wählen viele Menschen die AfD – und ganz besonders viele Wähler kommen aus den Stadtvierteln, in denen viele Russlanddeutsche leben. Bei der Landtagswahl 2022 erreichte die AfD in Waldbröl knapp 14 Prozent, fast drei Mal so viel wie im NRW-Schnitt. Im Ortsteil Maibuche kam die Partei auf fast 60 Prozent – ja, das lag auch an der Wahlbeteiligung von gerade einmal gut 20 Prozent.

Runder Tisch: Waldbröler Parteien agieren gemeinsam

Anne Pampus SPD | Bildquelle: WDR

"Ich sehe aus meiner heutigen Sicht, dass die Zeit nicht genutzt worden ist, um mit den Menschen stärker ins Gespräch zu kommen und auch im Kontakt zu bleiben“, sagt Jürgen Köppe von der CDU. Anne Pampus von der SPD wundert sich, dass ausgerechnet im multikulturellen Waldbröl mit mehr als 70 Nationen und vielen Freikirchen die AfD so stark ist. „Wir könnten eigentlich nach außen eine Weltoffenheit ausstrahlen, aber intern gibt es halt doch Spannungen.“

In multikulturellen Städten wählen noch mehr die AfD

Jannis Panagiotidis Historiker | Bildquelle: WDR

Jannis Panagiotidis forscht an der Uni Wien zu Russlanddeutschen und ihrem Wahlverhalten. "Was man sagen kann, ist, dass Russlanddeutsche öfter die AfD wählen als die Gesamtbevölkerung“, sagt Panagiotidis. Vor allem in multikulturellen Stadtteilen. "Das läuft entgegen einer sonst existenten These der Wahlforschung, dass Kontakt zwischen Bevölkerungsgruppen Vorurteile abbaut.“

"Viele kamen mit dem Anspruch her, als Deutsche unter Deutschen zu leben, sind aber selten als solche akzeptiert worden“, sagt der Historiker. Ein Teil der Frustration äußere sich nun darin, "dass sie eine besonders deutsche Partei wählen. Also die AfD, die sich oben drein sich als besonders zuwanderungsfeindlich positioniert.“ So könnten sie sich auch von anderen Einwanderern abgrenzen.

Als Deutsche gefühlt, aber als Russen beschimpft

Katharina Weil und Tochter Lilly Lerche kamen 1989 nach Waldbröl, als die Sowjetunion zusammenbrach. Vorher, in Kirgisistan, sprachen sie Zuhause Plattdeutsch.

"Für mich gab es nur Deutsche und Kirgisen. Hier wurden wir erstmal als Russen, ich sage mal, beschimpft. Weil man hat uns angesehen, dass wir gerade gekommen waren“ Lilly Lerche
Waldbrölerin
Aussiedlerinnen Weil und Lerche | Bildquelle: WDR

Man sei gut angekommen, sagt Mutter Katharina Weil. "Andere bleiben eher unter sich. Die wollen auch gar nicht ankommen“, sagt sie. Ihre Kinder durften in Deutschland nur Deutsch sprechen, viele andere Aussiedler sprechen weiter russisch.

Mennoniten-Gemeinde: Viele Nichtwähler, gegen Homo-Ehe

Paul Woelk Mennoniten Gemeinde | Bildquelle: WDR

Paul Wölk ist der Gemeindeälteste der Mennoniten-Gemeinde. Es sei nur eingeschränkt gelungen, die Kulturen zusammenzubringen, sagt er. Viele in der russlanddeutschen Gemeinde würden sich der Politik entziehen. "Man sagt: Ich weiß nicht, wen ich wählen darf, aber ich will mein Gewissen nicht belasten und deshalb lasse ich es aus.“

In Waldbröl lag die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl 2022 weit unter 50 Prozent. Vor allem in den russlanddeutschen Vierteln wählten wenige - und wenn mal Nichtwähler mobilisiert werden, dann meist von der AfD.

Besonders bitter ist das für die CDU. Sie wurde von den Aussiedlern früher - fast schon traditionell - gewählt. Dass die Vormachtstellung der CDU bei den Russlanddeutschen schwand, könnte an der Homo-Ehe liegen, sagt Pfarrer Paul Wölk: "Wir verstehen die Bibel so, dass die Homo-Ehe nicht gottgewollt ist.“

Früher wählten fast alle die CDU, heute immer mehr die AfD

Forscher Jannis Panagiotidis spricht von einem "quasi-hegemonialen“ Status der CDU früher bei den Russlanddeutschen. "Das hatte die Konsequenz, dass die CDU diese Wählerstimmen als gegeben voraussetzte und sich nicht so sehr um die Stimmen bemühte und die anderen Parteien auch nicht, weil die ja quasi abgeschrieben waren.“

AfD Vertreter Rummler und Vincentz beim Interview | Bildquelle: WDR

Die AfD hat das Potential erkannt. Zwar wählen viele Russlanddeutsche auch die Linken, aber im konservativen Spektrum fand ein Rechtsruck statt. "Manche witzeln ja: Wir sind die CDU der 80er Jahre. Die CDU der 80er Jahre war bei den Aussiedlern sehr erfolgreich mit ihrem Programm“, so Martin Vincentz, der NRW-Vorsitzende der AfD.

AfD hat das Potential erkannt - und will mehr

"Gerade dieses Wertkonservative ist etwas, das für Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion mit deutschem Hintergrund, sehr interessant ist, eben die Familienpolitik, ein gesunder Patriotismus, das was man bei anderen vermisst, gerade wegen der Geschichte, gerade weil man das Deutschsein in der Sowjetunion unterdrückt hat", sagt Vincentz.

Nun will die AfD mehr. Während die anderen Parteien noch nach ihrem Weg suchen, um mit den Russlanddeutschen wieder ins Gespräch zu kommen, hat die AfD schon angekündigt, bei der Kommunalwahl 2024 in Waldbröl erstmals eigene Kandidaten ins Rennen um den Stadtrat zu schicken.

Über das Thema berichtet auch die Sendung Westpol am 11.12.22 um 19:30 Uhr.