Mobiles Bürgerbüro spart Geld

Stempel auf Rädern

Stand: 20.09.2010, 02:00 Uhr

Sparen und den Bürgerservice erweitern - was paradox klingt, funktioniert in Bergisch Gladbach seit 2007. Die Mitarbeiterinnen des mobilen Bürgerbüros besuchen sechs Stadtteile. Was sie für ihre Arbeit brauchen, haben sie in einem Koffer dabei.

Kommentieren

Wenn Marvin die Sparkassen-Filiale im Bergisch Gladbacher Stadtteil Refrath betritt, dann will er kein Geld abheben oder ein Konto eröffnen. Der 16-Jährige hat bald Geburtstag und möchte mit 17 Auto fahren. Dafür muss er im Bürgerbüro Bergisch Gladbach den Antrag für das "Begleitete Fahren" stellen. Und das "Mobile Bürgerbüro" befindet sich seit April 2007 in der Sparkassenfiliale. Damals schaffte die Stadt ihre beiden festen Bürgerbüro-Außenstellen ab. Dafür besucht das mobile Bürgerbüro jetzt ein- bis dreimal die Woche Standorte in sechs Stadtteilen.

Warten wie auf dem richtigen Amt

Marvin läuft an den Schaltern vorbei und folgt dem eher unscheinbaren Schild mit der Aufschrift "Mobiles Bürgerbüro Bergisch Gladbach - Heute hier!" Drei Besucher warten schon, Marvin muss sich also etwas gedulden. "Wenigstens muss ich nicht nach Bergisch Gladbach fahren", sagt der junge Refrather. Die sechs Kilometer wären ihm lästig. "Für meinen Antrag zum Fahren ab 17 war ich schon einmal hier", erklärt er. "Da fehlte noch etwas. Ich finde es gut, dass ich jetzt wieder schnell vorbei kommen kann."

Im Alu-Koffer ist ein ganzes Büro

Bürgerbüro-Mitarbeiterin Ursula Schneider an ihrem Schreibtisch und berät einen älteren Herrn, der wegen einer Auslandsreise kurzfristig seinen Pass verlängern muss. "Das Passbild ist nicht biometrisch. Da müssen Sie leider morgen wiederkommen", erfährt der Mann. "Aber morgen sind wir auch wieder hier", sagt Schneider, die seit dreieinhalb Jahren eigentlich keinen richtigen Büroplatz mehr hat. "Mir macht es Spaß, an unterschiedlichen Orten mit den Bürgern in Kontakt zu kommen." In Refrath ist sie dienstags, mittwochs und freitags. Jeweils rund zweieinhalb Stunden ist das mobile Bürgerbüro geöffnet. Ursula Schneiders Arbeitsplatz passt in einen großen Aluminium-Koffer. Laptop, Drucker, Scanner und Stempel hat sie dabei - und eine kleine Kasse, da für Anmeldungen oder Passanträge Gebühren fällig sind.

Idee aus Berlin abgeschaut

Die Idee für das Projekt, bei dem das Amt zum Bürger kommt, stammt aus Berlin. Die Bergisch Gladbacher Bürgerbüro-Chefs Hans-Georg Wolf und Herbert Werheit waren nach einem Besuch in der Hauptstadt schnell von der Idee überzeugt. Denn die beiden festen Außenstellen in den Ortsteilen Refrath und Bensberg waren der Stadt zu teuer. Der Service wurde zu wenig genutzt, die Schließung stand fest. Jetzt ergänzt das mobile Bürgerbüro das Angebot der Hauptstelle im Zentrum von Bergisch Gladbach.

Rund 150.000 pro Jahr gespart

Die Banken mit ins Boot zu nehmen, das war die Idee der beiden Bergisch Gladbacher Projektmacher. "Die Banken stellen uns die Räume kostenlos zur Verfügung", erklärt Hans-Georg Wolf. Nur durch den Wegfall der Miet- und Raumnutzungskosten kann sich der mobile Bürgerservice tatsächlich rechnen. "Wir haben etwas geschafft, was eigentlich unmöglich erscheint. Wir haben Geld eingespart und trotzdem den Bürgerservice erweitert." Hans-Georg Wolf rechnet vor: "Wir haben drei Stellen eingespart, das bedeutet in Euro, dass wir etwa 110.000 bis 120.000 Euro pro Jahr weniger ausgeben." Außerdem sind jährliche Mietkosten von 15.000 Euro für das frühere Bürgerbüro in Refrath weggefallen. Investiert wurden 10.000 Euro für die Koffer und der laufende Betrieb kostet nur 2.500 Euro pro Jahr. Und die Stadt darf die Datenleitungen der Banken nutzen. Damit soll die Datensicherung der Kunden gewahrt bleiben.

Konzept überzeugt auch andere

In NRW gibt es inzwischen einen Nachahmer: Die Stadtverwaltung von Eschweiler war vor allem von der Synergie mit den Banken überzeugt und führte das Bürgerbüro auf Rädern vor zwei Jahren ein. Auch Arbeitnehmervertreter haben nichts einzuwenden: Die drei Mitarbeiter, deren Stellen im zentralen Bürgerbüro eingespart wurden, haben andere Jobs in der Stadtverwaltung. "Das Projekt war politisch gewollt", erklärt der Bergisch Gladbacher Personalratvorsitzende Bernd Golimowski, der auch der Gewerkschaft Verdi angehört. "Wir haben dann dafür gesorgt, dass die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiterinnen stimmten." Vor allem die Datensicherheit war ein Thema. Nach einer erfolgreichen Testphase gab es keine Beanstandungen. "Die Stadt musste handeln und hat unserer Ansicht nach an der richtigen Stelle Geld gespart."

Jetzt noch den Führerschein bestehen

Marvins Unterlagen für den Antrag zum "Begleiteten Fahren ab 17" waren diesmal vollständig. Jetzt muss er nur noch die Fahrprüfung bestehen. Abholen muss er das Dokument allerdings in der Hauptstelle des Bürgerbüros. Denn die Fahrerlaubnis ist nicht mobil zu haben.

Kommentare zum Thema