Der Fall Oury Jalloh – Geschichte eines Justizskandals

Redaktion MONITOR am 17.11.2017

Der Fall Oury Jalloh – Geschichte eines Justizskandals

Von Redaktion MONITOR

Ein Staatsanwalt, der 12 Jahre lang vom Gegenteil überzeugt schien, kommt zu dem Schluss, dass der Asylbewerber Oury Jalloh 2005 mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet wurde. Vielleicht sogar ermordet! So steht es in den Ermittlungsakten. Und kurz danach wird ihm und seiner Behörde der Fall entzogen - damit eine andere Staatsanwaltschaft übernimmt, die die Ermittlungen nach kurzer Zeit einstellt. Obwohl die zuletzt hinzu gezogenen Gutachter und der bis dahin zuständige Staatsanwalt zu dem Schluss kommen, dass die bisher verfolgte Tathypothese, nach der Oury Jalloh das Feuer selbst entfacht habe, praktisch nicht mehr zu halten ist.

Ein Bild von Oury Jalloh, daneben Kerzen und Blumen, ähnlich einem Grab

Oury Jalloh

Das ist kein Fall mehr für den Generalstaatsanwalt, auch kein Fall für die zuständige Justizministerin - sondern das schreit nach einem unabhängigen Ermittler, der eben nicht aus Sachsen-Anhalt kommt. Damit jemand die Ermittlungen übernimmt, dem man die notwendige Unabhängigkeit und den Willen zur Aufklärung zutraut. Die Liste der bisherigen Pannen, Ermittlungsfehler und Ungereimtheiten ist lang: An Händen und Füßen gefesselt soll der Asylbewerber aus Sierra Leone eine schwer entflammbare Matratze selbst in Brand gesetzt haben – das alleine klingt schon abstrus. Dass das vermeintliche Tat-Feuerzeug erst Tage später auftauchte (ohne DNA von Oury Jalloh aber mit Tierhaaren daran); dass sich die beteiligten Polizeibeamten in Widersprüche verstrickten; dass im Umfeld des gleichen Polizeireviers und sogar in derselben Zelle schon vorher andere mysteriöse Todesfälle auftauchten – all das wurde von den Ermittlungsbehörden über Jahre nahezu ignoriert.

Erst unter öffentlichem Druck und angesichts eines von einer privaten Initiative angefertigten Gutachtens wurden dann überhaupt ernsthafte Untersuchungen vorgenommen, wie es zu dem Brand gekommen sein konnte. Was dann passierte, ist genau genommen gar keine spektakuläre Wende im Fall Oury Jalloh: Experten und der langjährige Ermittler haben lediglich die bisher plausibelste Erklärung für seinen Tod untermauert. Das Feuer wurde wahrscheinlich durch Dritte gelegt. Doch immer noch wird in Sachsen-Anhalt viel dafür getan, um genau das nicht zu erkennen.

Die Staatsanwaltschaft Halle teilt nun mit, dass es keine neuen Erkenntnisse zu dem Fall gebe. Sie sollte jedoch vor allem begründen, wie sie zu einem Ergebnis kommt, das die Einschätzungen des über Jahre zuständigen Ermittlers und mehrerer Experten offenbar ignoriert. Denn dadurch wird der 12 Jahre alte Fall endgültig zu einem Justizskandal.

Stand: 17.11.2017, 21:00

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Regeln fürs Kommentieren

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Wie lautet der Vorname von Ralph Caspers?

Warum stellt das Erste diese Fragen?

9 Kommentare

Neuester Kommentar von "Elke Berster", 09.12.2017, 09:43 Uhr:

Es scheint schon lange eine gängige Praxis in Deutschland zu sein auch schwere Straftaten, die offensichtlich von Polizeibeamten verübt wurden, zu vertuschen. Beispiele gibt es mehr als genug. Weitere Behörden und auch Staatsanwälte spielen mitunter mit. Nach meinen Erkenntnissen hat sich da eine "ausufernde Mafia" etabliert, die ungeniert nach (Mord-) Lust und (Erpresser-) Laune agiert. Mutige werden grundsätzlich kaltgestellt. Armes Deutschland!

Kommentar von "Realo Ost", 05.12.2017, 18:38 Uhr:

Und ewig grüßt das Murmeltier... Absurdistan live! Es kommt ein mehrfach wegen Straftaten aufgefallener Drogensüchtiger in Gewahrsam und verbrennt in der Zelle. Es wird den Polizisten(!) unterstellt, sie hätten nachgeholfen, ja den Auszunüchternden sogar angezündet! Und es gründet sich ein regelrechter Gedenkverein. Man stelle sich sowas in Afrika vor - absurd, bis unmöglich! Dort ist es keinesfalls ungewöhnlich, sich oder andere Menschen mit dem Feuertod zu strafen. Die haben ein völlig anderes Verhältnis zu Feuer. Beispielsweise strafen die mehr als genug Fehlverhalten, indem sie den Beschuldigten die Hände zusammen binden, ihnen einen Reifen um den Hals legen und anzünden. Wir erschrecken uns schon bei dem Gedanken beinah zu Tode, während die das leider viel zu oft machen!

Kommentar von "Sabine", 30.11.2017, 22:38 Uhr:

Seit seinem furchtbaren Tod verfolge ich die Berichterstattung und war von Anfang an davon überzeugt, dass ein zuvor von der Polizei durchsuchter, an beiden Händen und Füßen gefesselter Mensch sich nicht allein anzünden konnte. Und selbst wenn – der zuständige Beamte hätte auf keinen Fall mehrmals den Feueralarm ignorieren bzw. wegdrücken dürfen! Es sind zuviele Ungereimtheiten passiert, offenbar auch mögliche Beweismittel verschwunden. Die Polizisten verpfeifen sich nicht gegenseitig, denn mindestens zwei davon hatten an dem Abend sicher Dienst. Was mich auch noch umtreibt, ist der Umstand, dass es vielleicht einen indirekten Zusammenhang mit dem Tod der jungen Chinesin Yangjie Li gibt. Auch dabei gab es Ermittlungspannen, Mutter und Stiefvater des Mörders waren bzw. sind Polizeibeamte in Dessau, sein richtiger Vater soll in Halle einen höheren Polizeiposten haben. Nachdem bekannt wurde, dass seine eigene Mutter Zeugen befragte, wurde der Fall nach Halle abgegeben....

Kommentar von "Maria Schmalzl", 30.11.2017, 22:16 Uhr:

Ich finde eure Arbeit toll!!!!! Ob Dessau oder Halle ist egal. In der Justiz hackt keine Krähe der andern ein Auge aus. Lasst nicht locker, deckt weiter auf, denn nur so werden die zuständigen Behörden gezwungen endlich die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Toi toi toi!!!!!!

Kommentar von "Carl-Stefan", 30.11.2017, 18:02 Uhr:

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es wohl mehr als"offensichtliche Ungereimtheiten" in den Aussagen von beteilgten Polizisten vor Gericht gibt. Möge ein falsch verstandenes Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Polizeikolleg/en/-innen endlich der Wahrheit weichen. Ein Mensch ist in Gewahrsam gestorben. Hier sollte jeder Beteiligte mit seinem Gewissen ins Gespräch kommen und seine Handlungsweise und Aussagen vor Gericht überprüfen. Die Verantwortlichen in den Justizbehörden sollten ebenfalls ihre Entscheidung überdenken. Umkehr und Einsicht sind keine Schande! Im Gegenteil, menschliche Größe offenbart sich besonders im Eingeständnis eines (möglichen) Fehlverhaltens!

Kommentar von "sigrid", 24.11.2017, 10:25 Uhr:

Anhand der Gutachten habe sich nicht endgültig ausschließen lassen,dass Jalloh sich selbst in Brand gesetzt haben könnte.Zumindest die rechtsmedizinischen Gutachten gingen davon aus,dass Jalloh bei Brandausbruch noch gelebt und seine Handlungfähigkeit nicht ausgeschlossen werden könne!(Oberstaatsanwältin Halle SZ 16.11)Die vorliegenden Indizen u. Gutachten sind nicht eindeutig(GBA).Auch haben die Gutachter nicht die gleichen alten verschließenen Matraten der Dienststelle verwendet die porös und voller Risse waren.Diese wurden hunderte Male abgewischt,weil sich die Leute in der Zelle eingemacht haben.Das ist ein großer Unterschied.Der Bezug war aus Kunstleder der bei großer Hitze schmiltzt und gut brennt!Kunstleder besteht hauptsachlich aus PVC welcher aus Öl hergestellt wird.Die Matratze lässt sich deft.in weniger als eine Min.mit einem Feuerzeug anzünden!Auch brennt die Kleidung sofort!Die Fixierung war nicht besonders eng!Der Fall läßt sich nicht mehr aufklären!

Kommentar von "heiko", 22.11.2017, 14:26 Uhr:

Wie immer sagt Monitor nur die halbe Wahrheit?Die Matratze war nicht schwer entflammbar ,sondern nur der Bezug der Matratze und dieser hält nicht lange stand.Was aber sehr leicht brennt ist die Kleidung welche dann auch nach einiger Zeit die Matratze in Brand setzt.(schmord sich durch den Bezug).Das in Brand setzen von Matratzen ist bei Häftlingen gar nicht so selten.Was Monitor auch verschweigt ist, dass die Sachverständigen eine Selbstanzündung ausdrücklich nicht ausschließen.Die vorliegenden Indizien und Gutachten sind nicht eindeutig.(Sprecherin Generalbundesanwalt 16.11.17)Auch verschweigt Monitor warum Oury überhaupt in der Zelle war!Man bekommt nicht 3 Jahre Knast für nichts?Frau Closkey solange keiner rechtkräftig verurteilt wurde ist ihre Behauptung Verleumdung.Sie sind bestimmt kein Richter?Eine Selbstanzündung ist laut Gutachter nicht auszuschließen also sehr wohl möglich.Sie finden wohl jemanden der Frauen belästigt und mit Drogen handelt toll?

Kommentar von "Carmen Mc Closkey", 19.11.2017, 15:00 Uhr:

Auf dem rechten Auge blind?! Wie kann ein Mensch - der in Polizeigewahrsam genommen wurde, der seine Utensilien der Polizei abgeben musste, der anschließend von der Polizei in einer Zelle auf einer feuerfesten Matratze fixiert wurde - sich selbst mit einem Feuerzeug und Brandbeschleuniger anzünden und verbrennen, ohne dass es die Polizei bemerkt? Derartiges ist nicht möglich! Und da dies nicht möglich ist, muss eine oder mehrere andere polizeiliche Person(en) diese Untat begangen haben! Diese Untat lautet – es war MORD!

Kommentar von "Carmen Mc Closkey", 17.11.2017, 23:54 Uhr:

Auf dem rechten Auge blind?! Wie kann ein Mensch, der in Polizeigewahrsam genommen wurde, und der seine Utensilien abgeben musste, und der anschließend in einer Zelle auf einer feuerfesten Matratze fixiert wurde, sich selbst mit einem Feuerzeug und Brandbeschleuniger anzünden? Derartiges ist nicht möglich! Und da dies nicht möglich ist, muss eine oder mehrere andere Person(en) diese Untat begangen haben! Diese Untat lautet – es war MORD!