War es Mord? Dramatische Wende im Fall des Asylbewerbers Oury Jalloh

Pressemeldung vom 16.11.2017

War es Mord? Dramatische Wende im Fall des Asylbewerbers Oury Jalloh

Der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte Asylbewerber Oury Jalloh wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet. Das geht aus Ermittlungsakten zu dem Fall hervor, die dem ARD-Magazin MONITOR vorliegen. Die Staatsanwaltschaft Halle will die Ermittlungen dennoch einstellen.

Mehrere Sachverständige aus den Bereichen Brandschutz, Medizin und Chemie kommen laut der Unterlagen mehrheitlich zum dem Schluss, dass ein Tod durch Fremdeinwirkung wahrscheinlicher sei als die lange von den Ermittlungsbehörden verfolgte These einer Selbstanzündung durch den Mann aus Sierra Leone. Das sind die Ergebnisse der jüngsten Gutachten und Brandversuche, die sich detailliert mit der Frage nach dem Ausbruch des Feuers in der Arrestzelle beschäftigen.

Sogar der langjährige Ermittler der Staatsanwaltschaft Dessau, der leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, bislang ein Verfechter der Selbsttötungs-Theorie, geht in einem Schreiben vom April dieses Jahres daher von einem begründeten Mordverdacht aus. Er hält es demnach für wahrscheinlich, dass Oury Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet worden sei. Oberstaatsanwalt Bittmann benennt in dem Brief sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten.

„Angesichts der neuen Erkenntnisse ist die drohende Einstellung des Verfahrens ein Skandal“, so die Anwältin der Familie Jalloh, Gabriele Heinecke, gegenüber MONITOR. Die Staatsanwaltschaft Dessau hatte sich nach 12 Jahren Ermittlungen mit den neuen Erkenntnissen im April an den Generalbundesanwalt gewandt, dieser hatte die Annahme des Falles jedoch abgelehnt und ihn nach Sachsen-Anhalt zurück verwiesen. Die im Anschluss befasste Staatsanwaltschaft Halle will den Fall laut einer Erklärung vom 12. Oktober 2017 einstellen, weil sich „keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung“ ergeben hätten. Eine weitere Aufklärung sei nicht zu erwarten. Die Anwältin der Familie hat gegen die Einstellung Beschwerde eingelegt und wird angesichts der neuen Erkenntnisse Strafanzeige erstatten.

Die Experten hatten in ihren Stellungnahmen ausgeführt, dass sich der Zustand der Zelle und des Leichnams Jallohs nach dem Brand nicht ohne Einsatz geringer Mengen von Brandbeschleuniger wie etwa Leichtbenzin erklären lasse. Auch sonst deute vieles darauf hin, dass der Brand von dritter Hand gelegt worden sei. Zudem sei die Theorie der Selbstanzündung so gut wie auszuschließen: Oury Jalloh sei vermutlich bei Brandbeginn komplett handlungsunfähig oder sogar bereits tot gewesen, so dass die Annahme, er habe das Feuer selbst gelegt, nicht stichhaltig sein könne.

Bereits bei einer Anhörung des Rechtsausschusses im Magdeburger Landtag am vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass die ehemaligen Ermittler aus Dessau den Fall Jalloh mittlerweile neu bewerten, die federführenden Kollegen aus Halle aber auf Einstellung des Verfahrens beharren. Eine daraufhin von den Linken geforderte Akteneinsicht kam nicht zustande: Die Regierungskoalition aus CDU, SPD und Grünen im Magdeburger Landtag lehnte das ab. Die innenpolitische Sprecherin LINKEN im Landtag von Sachsen-Anhalt, Henriette Quade, spricht gegenüber MONITOR von „politischer Blockadehaltung“ und wiederholte ihre Forderung nach einem Sonderermittler wie etwa im Fall des NSU. „Er sollte von außerhalb von Sachsen-Anhalt kommen“, sagte sie, „denn in Magdeburg ist von Seiten des Justizministeriums kein Aufklärungswille zu erkennen.“

Die Staatsanwaltschaft Halle war am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht mehr zu erreichen.

Stand: 16.11.2017, 06:00

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75 Kommentare

Neuester Kommentar von "Ulli", 01.12.2017, 10:59 Uhr:

Ich empfehle allen, die - aus welchen Gründen auch immer - erklären wollen, dass Oury Jalloh sich doch selbst umgebracht hat, folgende Seite im Internet zu besuchen, dort ist der zwölfjährige Kampf gegen institutionellen Rassismus dokumentiert: https://initiativeouryjalloh.wordpress.com/ Noch ein Wort zu Monitor: Ich wünsche mir sehr, dass die ARD in ihrer Programmplanung mehr Sendezeit für kritische Magazine einräumt, anstatt in banalen Talkshows, AFD Politiker zu hofieren. .

Kommentar von "Egbert", 30.11.2017, 22:18 Uhr:

Ein absolutes Armutszeugnis für unseren Rechtsstaat, gut das Monitor da dran bleibt. Da wird ein Mensch in Polizeigewahrsam ermordet und alle verscuhen es tot zu schweigen bzw. behindern die Ermittlungen. Das schlimmste aber finde ich, wie arrogant sich die Justizministerin gegenüber dem Filmteam erhält. Die Frau gehört weg und die Ermittlungen an eine unabhängige Staatsanwaltschaft übertragen, die Schuldigen in Polizei und Politik gehören bestraft. Bitte macht weiter Monitor

Kommentar von "Heinz Hüser", 30.11.2017, 22:16 Uhr:

danke, Monitor, es ist gut, dass es Sie gibt.

Kommentar von "Hans-Dieter Wiesemann", 29.11.2017, 14:20 Uhr:

Danke an MONITOR sich dieses Falles anzunehmen!!! Für mich ist es nicht verständlich, dass bei dieser Fakten- und erheblichen Verdachtslage gegen Mitglieder der Polizei das Justizministerium in Magdeburg nicht weiter zur Aufklärung beitragen will. Der Staasanwaltschaft Halle kann man so nur Verstrickung in den Fal unterstellen.

Kommentar von "uwe", 22.11.2017, 19:02 Uhr:

Bis jetzt keine Stellungnahme der Staatsanwaltschaft und des GBA?Ein seriöses Magazin sieht anders aus?Habe mich ein wenig mit den Fall beschäftigt .Den ersten Gutachter den die Familie beauftragt hat ein Ire kann man total vergessen(5 Liter B. Kanister usw.)Wäre eindeutig nachweißbar.Das Oury zum Brandbeginn und sogar noch später gelebt hat ist durch mehrere Zeugen(Polizisten Sprechanlage)klar belegt(Hilferufe usw.)Auch durch Gutachten der Gerichtsmedizin!Nur der Bezug der Matratze war etwas schwer entflambar.Der Bezug war aus Kunstleder (Kunstleder schmilzt bei großer Hitze und brennt gut) Also auch der Bezug brennt gut es dauert nur etwas.Wenn man ein Feuerzeug dran hält brennt er nach ca.1 Min.Wer Kunstleder kennt was ,dass es leicht porös wird und dann Risse bekommt.Dann kann man den Bezug auch aufreißen.Das die Polizei keine Fabrik neuen Matratzen sondern alte hatte ist doch klar.Die Gutachter hatten aber nur neue getestet.Die sind natürlich feuerfester. Also ein unrealer Test!

Kommentar von "In dubio pro reo", 21.11.2017, 16:57 Uhr:

Mir scheint hier soll einer zum Märtyrer gemacht werden. Alles was ich lese sind schlichtweg Vermutungen. Nur was fehlt in der Berichterstattung ist Objektivität. Jalloh war alles andere als ein Heiliger. Er hat mit Drogen gedealt und war ein Grapscher. Deshalb wurde er Zugeführt. Aber wir brauchen ja dringend Schuldige in diesem Fall. Das man aber mit nicht bewiesenen Anschuldigungen Existenzen vernichtet scheint hier niemanden zu interessieren. Alles was für mich zählt sind Fakten und nicht hätte, wäre, könnte. In dubio pro reo sollte hier die These lauten. Der Fall ist beendet und zu den Akten gelegt, und dabei sollte es auch bleiben.

Kommentar von "Daniel", 21.11.2017, 11:34 Uhr:

Unfassbar, was hierzulande möglich ist. Während Pegida & Co vom "Linksruck" labern, ist es hier möglich, dass vielleicht sogar eine Hinrichtung durch Polizisten bis in höchste Ebenen gedeckt oder sogar vertuscht wird. Warum ist das kein Aufreger für die Bundespolitik? Und noch schlimmer: Warum nicht für die Bevölkerung. Die Entnazifizierung der Institutionen hier ist noch lange nicht abgeschlossen.

Kommentar von "Thea Tralisch", 21.11.2017, 09:00 Uhr:

Vor Herrn Jalloh gab es schon zwei mysteriöse Fälle in dieser Dessauer Polizeiinspektion. Mario Bichtemann und Hans-Jürgen Rose kamen dort ebenfalls ums Leben ohne dass dies jemals aufgeklärt wurde. Und dann gab es den Fall aus dem letzten Jahr mit dem Mord an einer Chinesin. Die Eltern des (mutmaßlichen?) Täters (Mutter/Stiefvater) sind beide Polizisten dort und an den Ermittlungen beteiligt gewesen. Bei diesem Fall kam es ebenfalls zu Merkwürdigkeiten bei den Ermittlungen. Im Unterschied zu Rosenheim und Hannover werden anscheinend die Beamten der Dessauer Polizei von höchster Stelle gedeckt.

Kommentar von "uwe", 20.11.2017, 15:02 Uhr:

Erstens. Es hat ein rechtskräftiges Urteil gegen einen Polizeibeamten wegen fahrlässiger Tötung und eine hohe Geldstrafe gegeben(10.800Euro).Kleidung ist sehr schnell und leicht zu entzünden. Eine Fixierung lässt die Bewegung der Hand in einem bestimmten Rahmen zu.Die Matratze hatte nur einen feuerabweisenden Bezug.Der aber wenn die Kleidung errst mal brennt und die brennt sowas von, nicht sehr lange wirkt.Die Matratze brannte danach wie Zunder!Alle Ihre neuen Gutachten sagen aber auch: "Die Sachverständigen können eine Selbstanzündug nicht ausschließen"(das weiß auch Monitor)und das ist letztendlich entscheidend."Die vorliegenden Indizien und Gutachten sind nicht eindeutig".(laut Sprecherin Generalbundesanwalt ) Es gibt bis jetzt keine eindeutigen Gutachten!Man will hier unbedingt einen Skandal und nennt nicht alle Fakten.Warum war er den überhaupt in der Zelle?Ich halte eine Selbstanzündung für möglich bzw. nicht auszuschließen wie alle Gutachter übereinstimmend schreiben!

Kommentar von "Elisabeth Kessler", 19.11.2017, 17:32 Uhr:

Auch dieser Fall ist wieder ein Beweis für die Rechtslastigkeit in manchen Gerichten. Man deckt offensichtlich lich lieber Mörder als aufzudecken,dass es auch im Bereich der Polizei solche gibt deren Fremdenhass bis zum Mord führt. Kein Wunder, dass viele Mitmenschen die Rechtssprechung in der heutigen Zeit nicht mehr verstehen. Sobald jemand sich durch seinen Beruf oder andere Umstände sicher fühlt, gibt er/ sie den niedrigsten Instinkten nach. Deshalb wird es wohl solange es Menschen gibt auch Folter und Mord geben.

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