MONITOR vom 28.07.2022

Wintershall Dea: Ein deutsches Gas-Unternehmen als Agent Putins?

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Bericht: Jan Schmitt, Herbert Kordes, Petra Blum, Frank Konopatzki

Wintershall Dea: Ein deutsches Gas-Unternehmen als Agent Putins?

Monitor 28.07.2022 07:39 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Jan Schmitt, Herbert Kordes, Petra Blum, Frank Konopatzki


Georg Restle: "Das Leiden und Sterben der ukrainischen Zivilbevölkerung wurde nicht nur in Deutschland längst von anderen Sorgen verdrängt. Die Sorge vor einem kalten Winter vor allem. Dreht Putin den Gashahn völlig zu? Drohen die Gasspeicher halbleer zu bleiben? Werden die Energiepreise durch die Decke gehen? Berechtigte Fragen – klar. Dabei dürfte mittlerweile jeder im Land wissen, dass diese Gas‑Krise hochgradig selbstverschuldet ist. Nicht nur von der deutschen Politik, sondern ganz maßgeblich auch von einem deutschen Unternehmen, das mit Gas aus Russland gerade jetzt glänzende Geschäfte macht. Millionengewinne im Windschatten des Ukraine‑Krieges – und das ausgerechnet mit dem knappen russischen Gas, das wir gerade alle so teuer bezahlen müssen. Jan Schmitt, Herbert Kordes und Petra Blum über das Unternehmen Wintershall Dea – und Geschäft und Moral in Zeiten des Krieges."

Nowy Urengoj, Westsibirien. Hier fördert ein deutsches Energieunternehmen derzeit, gemeinsam mit dem russischen Staatskonzern Gazprom, Gas im großen Stil: Wintershall Dea, der größte unabhängige Energieproduzent Europas. Welchen Anteil das Russlandgeschäft gerade jetzt am Gewinn hat, zeigen die Zahlen, die vor zwei Tagen bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben wurden: 

Paul Smith, Finanzvorstand Wintershall Dea: "Unser bereinigtes Nettoergebnis: 130 Milliarden Euro für das erste Halbjahr - davon 850 Millionen aus Russland.“

Der größte Ertrag der Firmengeschichte, vor allem mit russischem Gas. 

Louis Wilson, Global Witness: "Diese Zahlen sind verabscheuungswürdig. Und die Führungsetage von Wintershall sollte sich dafür schämen. Sie profitieren von einem brutalen, völkerrechtswidrigen Krieg und gleichzeitig werden Millionen Europäer durch diese Wucherpreise in Energiearmut getrieben." 

Riesengewinne mit Gas für einem deutschen Energiekonzern. Und das, während Putin die Gaslieferungen nach Deutschland immer weiter reduziert. Die Menschen werden von der Bundesregierung auf einen harten Winter eingeschworen. Die bange Frage: Wie lange reicht das Gas? Und auch die Industrie schlägt Alarm, allem voran BASF.  

Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender BASF, 29.04.2022: "Wenn über Nacht die Erdgaslieferung aus Russland wegfallen, würde das zu einer irreversiblen Schädigung der Volkswirtschaft führe. Im Extremfall müssten wir die Produktion in Ludwigshafen einstellen." 

 Alle blicken auf ihn: Den größten deutschen Gasspeicher in Rehden. Die Rückversicherung in Zeiten knapper Energie. Aber: Er ist nicht so voll, wie er es vor dem Herbst eigentlich sein müsste.  Ein Grund: Er wurde vor Jahren verkauft. Ausgerechnet an den russischen Staatskonzern Gazprom, der ihn im Vorfeld des Ukraine-Krieges nur unzureichend befüllte. 

Und verkauft hat ihn: ausgerechnet BASF, der Mutterkonzern von Wintershall, das mit Gazprom in Russland seit Jahren lukrative Geschäfte betreibt. Der Deal sah so aus: Wintershall bekam von Gazprom Anteile an Gasfeldern in Sibirien. Und Gazprom dagegen von Wintershall unter anderem den Speicher im deutschen Rehden. Ein Tauschgeschäft in Richtung Abhängigkeit. 

MichaelThumann, DIE ZEIT, Leiter des Moskauer Büros: "Ich war damals, ich bin heute noch empört. Wie konnten wir damals unsere Rückversicherung gegen den unzuverlässigen Gaslieferanten Russland mit Putin an der Spitze in die Hände von Gazprom legen?"

Unterstützt hat das Ganze: Sigmar Gabriel, der damalige Bundeswirtschaftsminister. 2013 hatte er das Geschäft genehmigt. Doch zunächst verzögerte sich der Verkauf. Denn 2014  annektierte Russland völkerrechtswidrig die Krim. Und die EU verhängte Sanktionen.  Trotzdem wollte der damalige BASF-Chef Kurt Bock den Deal unbedingt schnell durchziehen. Er schrieb direkt an Gabriel und drängte darauf, das Geschäft auch ohne neue Genehmigung zu erlauben.  Und Gabriel folgte. Handschriftlich vermerkte er: "Ich unterstütze den Antrag", und erteilte dazu noch eine milliardenschwere Bürgschaft für den Deal. Der Speicher ging an Gazprom. BASF teilt uns mit, der Verkauf folgte "rein wirtschaftlichen Überlegungen". Von Sigmar Gabriel erhielten wir keine Antwort auf unsere Anfragen.

Louis Wilson, Global Witness: "Die Entscheidungen, die die deutsche Regierung und Vertreter von Konzernen wie Wintershall in der Energieversorgung getroffen haben, haben Deutschland für Jahrzehnte in die völlige Abhängigkeit eines autokratischen Staates geführt."

Ganz im Sinne Putins. Welche Bedeutung Wintershall für die politischen und wirtschaftlichen Interessen Russlands und Gazproms hat, zeigen bislang unveröffentlichte interne Dokumente, die Monitor vorliegen. 

Aus der Sicht Gazproms heißt es:

Zitat: "Wintershall ist unser größter Befürworter in Europa".

Und:

Zitat: Wintershall "schützt die Interessen von Gazprom". 

Von der Zusammenarbeit versprechen sich Gazprom und Putin demnach "eine stärkere Lobby" in Deutschland und für Russland einen "besseren Schutz vor Sanktionen". 

 MichaelThumann, DIE ZEIT, Leiter des Moskauer Büros: "Wenn man sich anschaut, auf welche Art und Weise sich die BASF und Wintershall über die vergangenen 20, 30 Jahre verflochten haben mit Gazprom und damit mit einem politisch gelenkten Konzern, dann muss man sagen, dass sie sich haben instrumentalisieren lassen."

Wintershall weist Vorwürfe, in die Gazprom-Medienstrategie involviert zu sein, zurück. Seltsam. Denn 2017 lässt der Wintershall-Chef Mario Mehren an russische Journalisten schreiben: 

Zitat: "Energielieferungen aus Russland sind ein integraler Bestandteil der Europäischen Energie-Architektur und jeder Versuch, das zu ändern, bedeutet eine Bedrohung der Energiesicherheit für den gesamten Kontinent."

Louis Wilson, Global Witness: "Wintershall hat der Öffentlichkeit Geschichten erzählt, von denen sie dachten, dass sie den Interessen des Unternehmens dienten. Eines dieser Narrative ist, dass Russland ein verlässlicher Partner für Deutschland ist und, dass Russland sogar der einzige Partner für Deutschland ist. Und das war schlichtweg eine Täuschung." 

In der Ukraine hatte man das schon lange mit Sorge beobachtet. Wir treffen die Energieexpertin Olena Osmolovska in Brüssel. 

Aliona Osmolovska, Energieministerium Ukraine: "Ohne die Hilfe von Wintershall wäre Gazprom nicht in der Lage gewesen, diese starke Marktstellung in Deutschland zu erreichen. Wir haben versucht, die Bundesregierung zu warnen, dass dies eine sehr gefährliche Abhängigkeit ist. Denn wir wissen von unserer langen Beziehung zu Russland und Gazprom, wenn man von ihnen abhängig ist, schlagen sie dann zu, wenn man am verwundbarsten ist.2

So wie jetzt, wo Putin den Gashahn immer weiter zudreht. Ein Grund für Wintershall, seine Geschäfte mit Gazprom zu beenden? Wir fragen nach …

O-Ton: "Wollen Sie darauf antworten?"

Mario Mehren Vorstandsvorsitzender Wintershall Dea: "Sich aus Russland zurückzuziehen hieße, der Russischen Regierung ein großes, großes Geschenk zu machen. Und dafür sehe ich keinen Grund."

Das Geschenk wären die eigenen wertvollen Gasfelder, mit denen Wintershall und BASF gerade Rekordgewinne einfahren. Mitten im Krieg.

Georg Restle: "Wirtschaftliche Interessen sind die eine Seite dieses Krieges – Ideologien die andere."

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Stand: 29.07.2022, 14:46 Uhr

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17 Kommentare

  • 17 Cassandra 29.07.2022, 11:56 Uhr

    Wer dieses Buch las, der ahnte das 2022 Eintreffende. Høvsgaard, Jens: Gier, Gas und Geld Wie Deutschland mit Nord Stream Europas Zukunft riskiert Gyldendal, Copenhagen, 2017 Deutschsprachige Ausgabe: Europa-Verlag, Berlin-Zürich-Wien, 2019

  • 16 Jens Sander 29.07.2022, 00:14 Uhr

    Der Kapitalismus ist von Ausbeutung und Raubbau abhängig und frisst sich durch, wie eine nimmersatte Raupe bis sie platzt. Ob mit oder ohne Klimawandel, Corona, Putin, Krieg, Inflation, Krise, Monitor, eines ist und bleibt sicher: die Akkumulation und Monopolisierung von Kapital. Wir haben ja keine Wahl. Denn der demokratische Sozialismus würde uns in den Gulag führen.

  • 14 Michael1 28.07.2022, 22:45 Uhr

    Bei aller Kritik wird übersehen, dass Russland stets ein zuverlässiger Partner war. Sie erwähnten mit keinem Wort, dass nach der Privatisierung durch EU-Regel die Gasfirmen ihr vertragsgemäß billiges Gas statt zu speichern, wie früher immer vorgesehen, zu einem mindestens 3x höheren Preis weiterverkauft haben. Dazu aber kein neues Gas bestellt haben, weil sie auf günstigeres Gas auf dem Markt hofften. Ja, sie haben sogar russisches Gas aus deutschen Speichern in umgekehrter Richtung nach Polen verkauft, das seine Speicher jetzt zu 90$ voll hat. --- Alles nicht die Schuld Russlands.

  • 13 Aga Bellwald 28.07.2022, 22:26 Uhr

    Ist Kapitalismus. War ja so gewollt. Was wundert's Euch? Diesen Deal werdet ihr noch lange wie einen schweren Klotz hinter euch herziehen. Doch auch die CH, die 47% russisches Gas auch via D bezieht. Davor hat man jahrelang die EE vernachlässigt, weil damit angeblich nicht so viel verdient werden kann, wie mit fossilen Brennstoffen. Aus dieser Falle ist nur noch schwer herauszukommen.

  • 9 Lady Franziska 28.07.2022, 20:33 Uhr

    Durch Jahrzehntelange deutsche Interessen mit BASF Tochter Wintershall, ein Konzern der zu Russland hält, bricht DE den Energie-Hals. Bei uns steigen unbezahlbar die Energiepreise bei wenig Gas, die Politik macht selbst dabei noch Riesengewinne? Nicht nur bei dem Ukrainekrieg ist die EU und DE selbst mitschuld, sie trägt noch eine größere Schuld daran, durch die Politik der Merkeljahre zu Russland. Man hat zu RUS gebuckelt, sich Vorteile geschaffen, viele wussten das kann bald nicht mehr gut gehen. Menschenunwürdige Nachteile hat die EU/ DE Politik geschaffen durch ihr unüberlegtes Sanktionspaket zu Putin, dass sogar die hungernde global Welt mitreißt. Schuld sind immer die anderen, dass kennt man von Deutschlands Politiker. Wann wird die Politik in DE endlich mal erwachsen? Wer jetzt ständig nur Hass sät Richtung RUS, der hat selbst keine Moral mehr bei ihrem politischen Tun. Moral zu Ukraine lässt sich nicht erkaufen, wenn Politik die Solidarität zur eigenen Bevölkerung wegnimmt.

  • 8 J. N. 27.07.2022, 22:44 Uhr

    Der Krieg in der Ukraine ist kein Naturgesetz, er ist von Menschen willentlich gemacht. Somit ist der Krieg abschaltbar. Die ukrainische sowie derer Obermacht, die USA müssen bewegt werden den Krieg über Verhandlungen für einen Waffenstillstand bis hin zu Friedensverhandlungen zu beenden, ehe der Krieg in der Ukraine zugleich auch unser Deutschland zerstört. Eine Weiterführung des Krieges, auch wenn er Verteidigungskrieg heißt ist absolut unmenschlich. Jeder Tag Verlängerung kostet Leben und Zerstörung. Wenn die jetzige Regierung nicht willig ist einen Frieden auf Verhandlungsbasis zu beenden sollte es eine andere Regierung tun. Wir alle brauchen Frieden in der Ukraine, keine Weiterführung des Krieges. Das Warten auf Wunderwaffen aus der USA, die von der ukrainischen Regierung ausgerufenen Durchhalteparolen erinnern mich geschichtlich an die letzten Kriegsmonate der Naziregierung. Eine Rückeroberung der besetzten Gebiete bringt den Ukrainern den Krieg zurück in die Ostukraine.