Stets verfügbar: Wie Digitalisierung krank macht

MONITOR vom 02.11.2017

Stets verfügbar: Wie Digitalisierung krank macht

Bericht: Jan Schmitt, Frank Konopatzki

Georg Restle: „Während die einen ihren Job verlieren, haben andere immer mehr zu tun. Auch das eine Folge der Digitalisierung. Arbeitsverdichtung nennt sich das. Jederzeit einsatzfähig, überall erreichbar, immer weniger Privatleben. Eine Veränderung, die immer mehr Menschen ernsthaft psychisch krank macht. Neue Studien zeigen jetzt: 23 % aller Beschäftigten leiden mittlerweile unter sogenannten Burnout-Syndromen. Pro Jahr summieren sich die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen auf sage und schreibe 87 Millionen Arbeitstage, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Das sind erschreckende Zahlen, die eben auch eine ganze Menge mit Digitalisierung zu tun haben. Jan Schmitt und Frank Konopatzki.“

Peter Kron: „Ich bin im Bett gelegen und habe nicht mehr gewusst, wie ich, wie ich, wie ich den Anforderungen gewachsen sein soll. Ich habe eine Stunde geschlafen, dann war ich wach. Und dann bin ich in meinen Firmenthemen gewesen und das ist, das ist wochenlang so gegangen und, und im Prinzip ist das eine Spirale, die, die mich immer mehr nach unten gezogen hat.“

Der 61-jährige, nennen wir ihn Peter Kron, war Abteilungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen. Irgendwann sei seine Arbeit zu einem riesigen Berg geworden, den er nur noch vor sich hergeschoben hat. Nach einem Zusammenbruch lässt er sich derzeit in einer psychosomatischen Klinik von Prof. Hillert behandeln. Für ihn ein typischer Fall.

Prof. Andreas Hillert, Psychiater, Klinik Roseneck: „60 bis 80 Prozent der Patienten, die mit einer Depression zur Aufnahme kommen, sagen: Meine berufliche Situation hat maßgeblich dazu beigetragen.“

Stressfaktoren für seine Patienten sind vor allem die rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt.

Prof. Andreas Hillert, Psychiater, Klinik Roseneck: „In den letzten 20 Jahren sind Krankschreibungen und Frühberentung aufgrund von letztlich auch Stressbelastung im Beruf kontinuierlich gestiegen, und da hat sicher die Digitalisierung einen ganz entscheidenden Anteil daran.“

Auch bei Peter Kron hat die Digitalisierung immer stärker den Takt vorgegeben und er ist immer weiter hinterhergelaufen.

Peter Kron: „Ich komme nicht mehr, ich komme nicht mehr ganz mit, mit diesen, diesen IT-Themen. Es ist ne erhebliche Arbeitsverdichtung. Diese ganze Flut von Mails, die da kommt, nicht mehr, das ist nicht mehr abarbeitbar.“

Die Digitalisierung - das Dogma der modernen Arbeitswelt. Aber während immer mehr einfache Arbeit von Computern übernommen wird, bleibt die komplexe Arbeit oft beim Menschen.

Prof. Renate Rau, Arbeitspsychologin, Universität Halle: „Die Gefahr ist, dass sich die Arbeit noch mehr verdichtet, weil diese einfachen Arbeiten uns Möglichkeiten gegeben haben, auch mal abzuschalten in der Arbeit und nicht mehr konzentriert an dem einen zu arbeiten, sondern sich auch ein bisschen zu erholen.“, sagt Prof. Renate Rau, die an der Universität Halle die Zusammenhänge zwischen Arbeitswelt und psychischen Erkrankungen erforscht.

Digitalisierung kann erleichtern. Aber: Mit ihr geht auch eine schnellere Taktung einher, mehr und komplexere Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt. Das zeigt deutlich auch eine Umfrage des DGB: Danach gaben nur 9% der Befragten an, ihre Arbeitsbelastung sei durch die Digitalisierung geringer geworden, aber für 46% wurde die Belastung höher. Und von Arbeitnehmern, die mit digitalen Mitteln arbeiten, sagen 75%, sie müssten häufig oder oft gehetzt arbeiten.

Auch Manfred Peppel wäre unter seiner zunehmenden Arbeitslast beinahe zerbrochen.

Manfred Peppel: „Am Samstagmorgen, das werde ich niemals vergessen, hatte ich das erste Mal das, was man glaube ich so Nervenzusammenbruch nennt. Ich stand morgens in der Küche, ich hatte den Kaffee aufgegossen und gab dann Milch ran, und diese Milch flockte aus. Und dann habe ich 20 Minuten in der Küche gestanden und vor mich hingeweint. Ich fühlte mich eigentlich nur noch traurig. Ich mochte abends nicht ins Bett gehen, weil der nächste Tag kam, am nächsten Tag nicht aufstehen, weil der Tag da war.“

Seine Arbeit als Abteilungsleiter eines international tätigen Konzerns hat sich durch die Digitalisierung maßgeblich verändert.

Manfred Peppel: „Um das Volumen noch erledigen zu können, habe ich dann halt auch mal samstags oder sonntags mal gearbeitet, um das überhaupt noch zu schaffen, weil man, weil ich das innerhalb der Arbeitszeit einfach nicht so geschafft habe.“

Immer verfügbar, selbst im Krankenbett oder an freien Tagen. Zwischen 1995 und 2015 hat die Wochenendarbeit um 47% zugenommen, die Sonn- und Feiertagsarbeit um 71% und die Abendarbeit um 75% (Quelle: Deutscher Bundestag).

Hans-Jürgen Urban, Vorstand IG Metall: „Wenn die Freizeit keine Erholzeit mehr ist, weil die Menschen nicht mehr abschalten können von den Anforderungen, die die Arbeitswelt an sie stellt, sind, so drastisch muss man es sagen, Erkrankungen, chronische Erkrankungen programmiert.“

Viele Unternehmen stellen sich neu auf, mithilfe immer modernerer Technologien und Digitalisierung. Die häufige Folge: Arbeitsverdichtung und Arbeitsplatzabbau. Reguläre Arbeitsplätze werden verdrängt, stattdessen gibt es mehr Freiberufler, die oft von zuhause arbeiten und quasi gar keinen Arbeitsschutz genießen. Und mehr befristet Beschäftigte, Zeit- und Leiharbeiter, die sehr viel häufiger unter Burnout und Depressionen leiden.

Prof. Renate Rau, Arbeitspsychologin, Universität Halle: „Dort, wo Arbeit billig wird, wird sie versucht zu bringen. Was hier passiert bei Digitalisierung, da wir keine Regelung haben, läuft das zur Zeit völlig ungesteuert, wir können das also auch sagen, wir haben eine Form von Raubkapitalismus, den wir längst glaubten überwunden zu haben. Und das ist eine Form von Arbeit, die extreme Unsicherheit erzeugt. Und vermittelt über diese Unsicherheit und über diesen Kontrollverlust natürlich anfällig wird für Erkrankungsrisiken.“

Manfred Peppel hat fast die Kontrolle über sein Leben verloren. -  Er verzweifelte.

Manfred Peppel: „Wo ich hier gesessen habe und mir so eine Selbstmordliste zusammengebastelt habe. Und Gott sei Dank habe ich das selber dann auch erkannt und habe dann auch sofort um professionelle Hilfe mich da gekümmert und bin dann in diesen Linus Schlosskliniken gelandet.“

Hier lässt er sich behandeln - und findet schließlich zurück ins Leben. Manfred Peppel arbeitet nun wieder Vollzeit in seiner Firma - nicht mehr als Führungskraft, sondern als Sachbearbeiter. Für ihn ein Erfolg.

Stand: 31.10.2017, 13:46

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3 Kommentare

Neuester Kommentar von "Trauriger Kerl", 03.11.2017, 08:16 Uhr:

Hallo zusammen, sehr guter Bericht.... aber wie geht's weiter? Ich war 9 Monate und 2 Tage krank (depr. Erkrankung), habe erst nach 5 Monaten einen Platz bei einem Psychologen ergattern können (25 km entfernt) und habe einen Job angenommen obwohl ich von Anfang an wusste/spürte, dass ich noch nicht stabil bin. Vermutlich war der Druck von außen - Kommentare: du bist Mitte 40, du mußt doch mal wieder arbeiten gehen... - der Grund warum ich wieder einen Job angetreten habe. Nach knapp 2 Monaten der komplette Zusammenbruch mit Heulkrämpfen, massiven Angstattacken usw. Ich streite mich mit meiner BU Versicherung um die 9 Monate Leistungsanspruch - das belastet mich zusätzlich und der finanzielle Druck steigt massiv an. Ich lasse mich nun anwaltlich beraten; mein Ziel ist eine vollständige Anerkenntnis BU um mir einen "leichteren", weniger belastenden Job in Vollzeit zu suchen. Ich ahne nur, dass das kein einfacher Weg ist. @Monitor: ich würde gerne ausführlicher berichten, bei Int. Antwort

Kommentar von "Mike", 02.11.2017, 22:23 Uhr:

Gut gemachter Beitrag, der m.E. aber nicht weit genug geht. Es ist nicht alleine die Digitalisierung und die damit verbundene Arbeitsverdichtung, die uns krank macht. Es ist vor allem die mangelnde Wertschätzung von Führungskräften, die in einem selbst den Druck erhöht. Zudem lassen unklare Konzepte und Entscheidungen die Mitarbeiter unnötig schnell im Hamsterrad rotieren. Übrigens: das ist kein Phänomen der Wirtschaft. Es findet sich auch im öffentlichen Dienst und - wie bei mir selbst - in öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen. Nur darüber berichten wir leider nicht.

Kommentar von "Sich.-Ing. Jörg Hensel", 02.11.2017, 18:43 Uhr:

Solche Reportagen sind diesbezüglich immer gleich. Man zeigt das Schadensbild und gibt sich empört. Doch über den gesetzlichen Schutz vor solchen Gefährdungen in der Arbeitswelt wird kaum berichtet. So verschont man die Verantwortlichen, die dafür Sorge tragen müssten, dass solche Zustände erst gar nicht erst auftreten. Ein klassischer Fall von Lückenpresse ? Die Frage nach dem Arbeitsschutzgesetz, nach dem Grundgesetz, nach dem ICESCR, nach der EU Sozialcharta, nach der Charta der Grundrechte der EU und nach sonstigen internationalen Arbeitsschutznormen wird konsequent ausgelassen (das brauchen die Bürger wohl nicht zu wissen). Diesbezüglich wichtige Erfahrungen anderer werden ebenso konsequent unterdrückt. Genau so wird desinformiert: Durch bewusstes Weglassen ! Bezug des Arbeitsschutzes zum Grundgesetz – Vgl. Amtliche Begründung Drucksache Bundestag 13/3540 - Seite 11 - Ziff. 2 - 3. Spiegelstrich. Quelle: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/035/130354 ...