MONITOR vom 15.09.2022

Tödliche Polizeischüsse: Polizisten außer Kontrolle?

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Bericht: Lara Straatmann

Tödliche Polizeischüsse: Polizisten außer Kontrolle?

Monitor 15.09.2022 09:55 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Lara Straatmann

Georg Restle: "Was genau geschah hinter den Zäunen dieser Dortmunder Jugendhilfeeinrichtung, als ein 16-jähriger Teenager von vier Kugeln einer Maschinenpistole getroffen und getötet wurde? Abgefeuert von einem Polizeibeamten, der behauptet, aus Notwehr gehandelt zu haben. Wieder so ein Fall, den viele Innenminister gerne als Einzelfall abtun. Wieder ein Fall, bei dem es einen jungen Flüchtling traf. Wieder ein Fall, bei dem alle Bodycams der Polizeibeamten ausgeschaltet waren. Und wieder ein Fall, bei dem sich ein Innenminister sofort schützend vor seine Polizeibeamten stellte. Doch etwas ist dieses Mal anders, es sind Beweismittel aufgetaucht, die die Notwehr-Version der Polizeibeamten schwer in Zweifel ziehen. Jetzt ermittelt sogar die Staatsanwalt in Dortmund gegen fünf Polizeibeamte – und ein Innenminister gerät in Erklärungsnot. Lara Straatmann."

Mouhamed Lamine Dramé, geflohen aus dem Senegal. Erst vier Monate war er in Deutschland. Nun ist Mouhamed tot. Er wurde 16 Jahre alt. Erschossen von einem deutschen Polizisten – mit vier Schüssen aus einer Maschinenpistole. Hier ist es passiert, im Hinterhof einer katholischen Jugendhilfeeinrichtung in Dortmund. Was genau geschah, ist bis heute unklar. Sicher ist nur, der Junge drohte, sich selbst zu verletzen und sollte von der Polizei in eine psychiatrische Klinik gebracht werden. Für die Einrichtung kein unüblicher Vorgang. Doch mit einem Großaufgebot von zwölf Polizisten rückt die Polizei an – für einen Jugendlichen. Die Polizei erklärt, der Junge sei mit gezücktem Messer auf sie losgegangen, ein Beamter sei gezwungen gewesen, zu schießen. So sagte es auch NRW-Innenminister Reul kurz nach dem Einsatz.

Herbert Reul (CDU), Innenminister NRW, 18.08.2022: "Ich auf jeden Fall beneide die Polizisten nicht, die diese Entscheidung treffen müssen. Aber sie müssen sie treffen, um den jungen Mann zu schützen. Das war ja die Absicht."

Den jungen Senegalesen schützen wollen? Und ihn dann erschießen? Öffentlich machte sich der Innenminister die Version der Polizei zu eigen.

Herbert Reul, Innenminister (CDU) NRW, 18.08.2022: "Dieser psychiatrisch offensichtlich kranke Mensch stürmt auf die Polizisten mit dem Messer und dann – so ist meine heutige Informationslage – schießt der, der dafür vorgesehen ist, und rettet den Polizisten. Und in der Situation ging es um die Frage, sticht der zu oder schießt die Polizei?"

Also Notwehr? Heute – einen Monat später – stellt sich vieles anders dar. Ein neues Beweismittel ist aufgetaucht, die Aufzeichnung eines Telefonats zwischen einem Sozialarbeiter und der Notrufzentrale der Polizei. Quasi ein Tonmitschnitt des gesamten Einsatzes – bis zu den tödlichen Schüssen. Inzwischen widerspricht die Staatsanwaltschaft der ersten Version von Polizei und Innenministerium vehement und ermittelt jetzt gegen fünf der Beamten. Gegen den Schützen prüft die Behörde Ermittlungen wegen Totschlags.

Carsten Dombert, Staatsanwaltschaft Dortmund: "Wir gehen davon aus, dass der Einsatz, so wie er abgelaufen ist, und zwar von Beginn an – nicht verhältnismäßig gewesen ist. Es muss eine Zweck-Mittel-Relation hergestellt werden, und die sehen wir hier nicht gegeben."

Laut Staatsanwaltschaft stellt sich die Situation so dar: Mouhamed hockte alleine im Hof, hielt sich das Messer an den Bauch. Die Polizei sprach ihn an, sprühte dann mit Pfefferspray, so viel, dass ihm die Flüssigkeit über den Kopf lief. Laut Staatsanwaltschaft ist der Junge danach aber offenbar nicht auf die Polizisten zugestürmt, wie zunächst behauptet. Auf MONITOR-Anfrage erklärt die Staatsanwaltschaft:

Zitat: "Als dem Jugendlichen die aufgesprühte Flüssigkeit über den Kopf lief, stand er auf, wischte sich mit einer Hand über den Kopf und wendete sich mit einem Schritt nach rechts."

Also doch kein Angriff? Dennoch reagieren die Beamten laut Staatsanwaltschaft sofort und hart.

Zitat: "Unmittelbar danach setzten eine Polizeibeamtin und ein Polizeibeamter die Distanzelektroimpulsgeräte ein."

Gemeint sind zwei Elektroschocker, sogenannte Taser. Einer davon trifft den Jungen. Doch entgegen der ersten Version der Polizei scheint ein Angriff des Jungen auch danach mehr als fraglich, denn die Staatsanwaltschaft erklärt auf MONITOR-Anfrage ein zentrales neues Detail.

Zitat: "Sehr zeitnah – gegebenenfalls sogar zeitgleich zu dem Einsatz des zweiten Geräts – gab ein Polizeibeamter sechs Schüsse aus der mitgeführten Maschinenpistole ab."

Der Polizist schießt also unmittelbar. Wann soll Mouhamed überhaupt auf die Polizisten losgestürmt sein? Widersprüche aufgrund derer auch Innenminister Reul den Fall heute anders bewertet. Die von ihm verbreitete Version der Polizei – offenbar widerlegt.

Reporterin: "Haben Sie das zu früh das als gegeben hingenommen?"

Herbert Reul, Innenminister NRW: "Ich habe schlicht und einfach damals die Informationen, die die Polizei gegeben hat, auch öffentlich zugänglich gemacht. Und nicht mehr, und nicht weniger."

Reporterin: "Braucht es denn nicht auch als Innenminister eine kritische Distanz zu subjektiven Polizeiinformationen?"

Herbert Reul, Innenminister NRW: "Es braucht kritische Distanz des Innenministers zu allen Informationen, die er bekommt. Von Medien, von Menschen, von Polizisten, von … Immer kritische Distanz ist angesagt, aber das waren die Informationen nicht von einem Polizisten, sondern es war der offizielle Bericht der Polizei. Und das ist ein Unterschied."

Ein Minister, der sich verfrüht hinter die Darstellung von Polizeibeamten stellt – ein typisches Muster, erklärt Rafael Behr. Der Professor lehrt seit Jahren an der Akademie der Polizei.

Prof. Rafael Behr, Polizeiwissenschaftler, Akademie der Polizei Hamburg:"Üblicherweise eignen sich die politisch Verantwortlichen, also hier Minister, die Version der Polizei an, werfen sich entschuldigend vor die Beamten und lassen wenig Fragen offen, dass die Polizeibeamt:innen in Notwehr gehandelt haben. Das tun sie so lange, bis sie nicht mehr anders können, weil es objektive Beweismittel gibt, die sie zwingen, von ihrer Position abzurücken."

Dass es in dem Fall überhaupt objektive Beweismittel gibt, ist eher Zufall. Dabei hätten die Beamten per Knopfdruck ihren Einsatz zweifelsfrei dokumentieren können. Sie waren mit Kameras – sogenannten Bodycams – ausgestattet. Doch ausgerechnet bei diesem Einsatz blieben alle Kameras aus. Aus Stress, so heißt es später, hätten alle Beamten vergessen, sie einzuschalten. Clemens Arzt ist Professor für Polizeirecht in Berlin und unterrichtet seit Jahren Polizisten. Er kennt ihr Misstrauen gegenüber der Bodycam.

Prof. Clemens Arzt, Polizeirechtler, Hochschule für Wissenschaft und Recht Berlin: "Ich glaube, Polizistinnen und Polizisten haben uns in weiten Teilen bei weitem nicht alle, aber in weiten Teilen eine Vorstellung, dass sie ein Recht auf Anonymität im Dienst haben und die Bodycam und die alleinige Verfügung über die Bodycam unterstützt ein Stück weit diese dieses Herrschafts-, diese Herrschaftsposition."

Man könnte meinen, dass die Bodycams auch polizeiliches Handeln dokumentieren und für mehr Transparenz sorgen sollten. Doch die Kontrolle von Polizeieinsätzen war und ist explizit nicht ihr Zweck. So heißt es beispielweise im Polizeigesetz in NRW: Ein Polizist kann die Bodycam "zur Gefahrenabwehr" und auch "zur Verfolgung von Straftaten" einsetzen. Ob die Kamera in einer Situation eingeschaltet wird, "... entscheidet die das Aufnahmegerät tragende Polizeivollzugsbeamtin oder der … Polizeivollzugsbeamte…"

Aufnahmen also nur dann, wenn es dem Polizisten bei seinen Einsätzen hilft.

Prof. Rafael Behr, Polizeiwissenschaftler, Akademie der Polizei Hamburg:"Das war sozusagen das Ticket, unter dem die Bodycam überhaupt in die Polizei hineingekommen ist, nämlich den Polizisten zu versprechen, ihr braucht nichts zu befürchten, es wird nicht gegen euch gerichtet. Ihr könnt mit dem Ding eigentlich machen, was ihr wollt."

Und in sehr vielen Fällen, in denen die Polizei selbst ein zweifelhaftes Maß an Gewalt anwendet, ist die Kamera eben nicht eingeschaltet. Mannheim, im Mai diesen Jahres. Passanten filmen zufällig, wie ein hilfsbedürftiger Mann von der Polizei überwältigt wird. Die Beamten schlagen mehrfach zu. Er verliert das Bewusstsein und stirbt. Die Kameras der Polizisten bleiben aus. Kriminologen fordern seit langem strengere gesetzliche Vorgaben für die Polizisten.

Prof. Tobias Singelnstein, Rechtswissenschaftler, Universität Frankfurt am Main: "Es wäre einfach möglich, unterschiedliche Zielrichtungen ins Gesetz zu schreiben, also sowohl den Schutz der Polizeibeamtinnen/Beamten als auch eine Kontrolle polizeilichen Handelns. Und man könnte den Beamt*innen auch konkrete Richtlinien an die Hand geben, wann sie die Bodycams anschalten müssen und das nicht völlig in ihr Belieben stellen."

Bremen und Berlin haben es vorgemacht: Hier sind Polizisten inzwischen angehalten, die Kameras beim Einsatz von Zwangsmitteln einzuschalten. Immerhin: Auch NRW-Innenminister Reul will nun eine Trage- und Einschaltpflicht prüfen. Vielleicht eine Lehre aus dem Einsatz in Dortmund, denn zunehmend wird klar: Die Polizei hat offenbar überreagiert. Mouhameds Tod war die Folge. Der 16-jährige Flüchtling wollte unbedingt hier in Dortmund leben. Er war glühender BVB-Fan. Sieben Tage nach seinem Umzug nach Dortmund war er tot.

Georg Restle: "Immer wieder berichten wir bei MONITOR über solche Fälle – und immer wieder gibt es wütende Zuschauerreaktionen, weil wir damit die Polizei insgesamt in ein schlechtes Licht rücken würden – tun wir nicht. Erstens, weil wir wissen, dass es sehr viele gewissenhafte Polizeibeamte in diesem Land gibt. Und zweitens, weil es zu unserem journalistischen Selbstverständnis gehört, gerade bei denen sehr genau hinzuschauen, die das staatliche Gewaltmonopol mit Waffengewalt durchsetzen."

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Stand: 15.09.2022, 22:15 Uhr

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17 Kommentare

  • 17 Wolfgang Pauli 16.09.2022, 13:07 Uhr

    Wieso „aus dem Senegal geflohen“? „Senegal zeichnet sich durch rechtsstaatliche und demokratische Strukturen aus. Grundlegende Freiheitsrechte, insbesondere Religions-, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, sind gewährleistet.“ Das wäre schnell bei Wikipedia zu finden, würde man sich für die ganze Wahrheit interessieren. Wieso ist die Version der Polizei „nicht haltbar“? Der Taser hat nicht richtig getroffen. Wirkung ist unklar aber es spielt keine keine Rolle, ob er hasserfüllt den Polizisten töten wollte, ob das Abwehr oder Erschrecken sein sollte oder ob er mit dem Messer in der Hand bei halber Taser-Wirkung unbeabsichtigt auf den Polizisten zu taumelte. In jedem dieser Fälle bleibt nur Schusswaffengebrauch zur Eigensicherung. Ob der Einsatz verhältnismäßig war oder nicht, Reul will mehr Schulung bei Selbstmordgefährdung; ist nicht falsch aber Polizisten können nicht überall Fachleute sein. Um zu Schlussfolgerungen wie im Beitrag zu kommen braucht man eine Menge Vorurteile.

    • Don.Corleone 16.09.2022, 14:53 Uhr

      Es handelte sich bei dem Senegalesen um 1 Wirtschafts-Asylanten, sovil steht fest, Wirtschafts-Asylanten fallen nicht unter d. Deutsche Asylgesetz . Warum der nicht bereits abgeschoben wurde, entzieht sich meiner Kenntnis ! ER hätte längst in Senegal sein müssen ! Wieder TOTALES Versagen der Dt.Staatsgewalt ! Wie in Hunderttausenden Fällen ablesbar.

  • 16 MDN-Rck 16.09.2022, 12:23 Uhr

    Oh, gibts wieder Feuerlöscherexperten und bezahlte „Zeugen“ die so lange bearbeitet werden, bis das Ergebnis stimmt. Ich bin schon so aufgeregt. ;)

  • 15 Polizeigewaltbetroffen 16.09.2022, 11:05 Uhr

    Danke Monitor für diesen wichtigen Beitrag!

  • 14 Hubert 16.09.2022, 10:35 Uhr

    Ich habe das Gefühl das die Polizeigewalt stetig zunimmt. Das stimmt mich sehr traurig. Besonders gegenüber Menschen die ohnehin schon traumatisierte genug sind.

  • 13 Michael 16.09.2022, 09:51 Uhr

    Schlimmer Fall. Vielleicht Totschlag, aber wer will hier schon in der Haut der Polizei stecken? Wenn ein junger Mann, der aus dem Senegal floh (wovor eigentlich?), der kein Deutsch kann und ein Messer in der Hand hat, irgendwohin gebracht werden soll, wie viele Polizisten sollen das machen? 12 sind zu viel. Reichen 2? Oder 4? Wie soll man mit ihm kommunizieren, wenn man die Sprache nicht spricht? Wie lange muss man denn einen Angriff abwarten, bevor man schießt? Eine Maschinenpistole (was hier immer so betont wird), verschießt die gleiche Munition, wie eine Pistole. Nur schneller. Der Bericht ist wenig aussagekräftig, denn ohne eine Aufzeichnung wird man kaum feststellen, ob nach dem Tasereinsatz ein unmittelbarer Angriff erfolgte oder nicht. Man sollte sich online mal ein paar Einsatzvideos anschauen. Das kann schnell ins Auge gehen, Sekundenbruchteile sind entscheidend. Das einzige, was mich persönlich bisher sehr stutzig macht ist, dass die Bodycams ausgeschaltet waren

    • Don.Corleone 16.09.2022, 14:55 Uhr

      Die Bodycams waren BEWU?T ausgeschaltet ........! Wofür dann die Teuren Dinger ? Das ist mir schleierhaft. Warum NICHT zur Pflicht gemacht ? Versagen der Dt. Justiz/IM Reuel/cdu !

  • 11 Moritz 16.09.2022, 08:12 Uhr

    Danke für diesen sachlichen Beitrag zur Polizeigewalt. Lasst Euch von den rechten Onlinetrollen hier nicht irritieren!

  • 10 Kamuran meral 16.09.2022, 05:51 Uhr

    Juristisch gesehen ist das für mich ein Mord Wenn die Polizei anders behauptet, da habe ich mein bedenken Punkt.

  • 9 Justice for all 16.09.2022, 00:16 Uhr

    Ich war nicht dabei , und - die einen sagen so, die anderen so. Trotzdem erinnere man sich an die 2 kürzlich erschossenen jungen Polizisten 👮‍♂️ 👮🏻‍♀️‼️‼️👎🇩🇪 Hat da einer nachgefragt ❓Die hatten auch Familien ‼️ Und, diese Polizisten dienen dem Staat, und schützen die Bürger- und man muss Ihnen auch SELBSTSCHUTZ einräumen für Ihre eigene Person und ihre Angehörigen und Familie ❗️nemA

  • 8 Aga Bellwald 15.09.2022, 22:50 Uhr

    Höchste Zeit, solche Polizisten zu versetzen. Können ja den Verkehr regeln und nicht Menschen abknallen. Ob da eventuell auch Rassismus mitgespielt hat? No🤔 Nur so 'ne Frage. Bleibt bitte an diesem Thema oder an ähnlichen dran. Solche Staatsgewaltigen sind eine ernstzunehmende Gefahr für eine freie Gesellschaft.

  • 7 Michael Rademacker 15.09.2022, 22:44 Uhr

    Obwohl mit journalistischer Pflicht begründet, liefert Herr Restle einen sehr ausgeschmückten Beitrag (Jugendlicher war Fan von BVB etc.) Dieser hatte aus meiner Sicht nur ein Ziel: Vorverurteilung der Polizei. Daher fehlte auch der Versuch die Situation der Einsatzkräfte etwas auszuleuchten. Schade. Chance vertan

  • 6 Stephan PIel 15.09.2022, 22:24 Uhr

    Wer als Team vollständig seine BodyCam vergisst einzuschalten vor einem solchen Einsatz darf sich nicht wundern wenn ich die Verhältnismäßigkeit dieser tödlichen Schüsse in Frage stelle. Und der Telefon-Mittschnitt spricht stark für eine nur erfundene lebensbedrohliche Gefährdung der Polizisten.