Talkshows: Bühne frei für Populisten

MONITOR vom 19.01.2017

Talkshows: Bühne frei für Populisten

Kommentieren

Bericht: Georg Restle, Naima El Moussaoui, Andreas Maus

Talkshows: Bühne frei für Populisten Monitor 19.01.2017 08:09 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste

Georg Restle: „Hauptsache laut, Hauptsache provokativ, Hauptsache Schlagzeile. Mit diesem Konzept wurde Donald Trump Präsident der USA. Mit genau dem gleichen Konzept will auch die AfD in Deutschland Erfolg haben - bei der Bundestagswahl im Herbst. Dabei erhofft sich die Partei vor allem eins: Medienpräsenz. Im letzten Jahr ist ihr das ganz gut gelungen, als sie mit ihren Themen auch die politischen Talkshows dominierte. Sicher nicht nur die - aber Kritiker behaupten, die Talkshows trügen in besonderer Weise dazu bei, Ängste und Hysterie zu verstärken, und politischen Provokateuren von Rechtsaußen eine Bühne zu bieten. Und das vor einem Millionenpublikum.“

Sie sind laut, sie sind fremdenfeindlich, sie hassen das System. Es ist zwar nur eine Minderheit, aber sie schaffen es immer wieder, mit ihren Themen die politische Agenda zu bestimmen. In allen Medien. Vor einem Millionenpublikum. Auch in den politischen Talkshows.

Collage aus den Talkshows: „Montag Abend im Ersten!“ - „Unser Thema: „Neues Deutschland, bringt Härte gegen Zuwanderer mehr Sicherheit?“ - „Angst vor Flüchtlingen, Ablehnen, Ausgrenzen, Abschieben? Was sagt das, wenn sich Menschen in diesem Land durch die Polizei und den Staat nicht mehr geschützt fühlen?“ - „Misstrauen, Ängste, Verbote. Kippt die Stimmung gegen Flüchtlinge?“

Worüber wurde in den größten deutschen Politik-Talkshows im letzten Jahr gesprochen? Wir haben alle Sendungen des letzten Jahres von ARD und ZDF ausgewertet, insgesamt 141 Sendungen. Davon ging es in 40 Talkshows um das Thema Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik, 15-mal wurde über das Thema Islam, Gewalt und Terrorismus gesprochen. 21-mal über Populismus, vor allem Rechtspopulismus. Insgesamt machten diese Themen 54 Prozent aller Talkshows aus.

Prof. Claus Leggewie, Politikwissenschaftler: „Ich glaube, es gibt erheblich interessantere Themen in der politischen Öffentlichkeit, die durch diese vermeintlich aktuellen und dramatischen Themen immer wieder in den Hintergrund gerückt werden. Dadurch fokussiert sich Politik auf die Themen der Rechtspopulisten. Das sind nämlich ihre Themen, der Islam, die Flüchtlinge, der Terror.“

Andere Themen hatten keine Chance: Über Energie-Themen, wie die Zukunft der Kohle oder den Atomausstieg wurde nicht gesprochen. Auch das Thema Bildungspolitik war kein Thema. Und selbst der viel diskutierte Abgasskandal war keiner der Talkshows eine Sendung wert. Klar, die Flüchtlingspolitik war das Megathema des letzten Jahres. Aber stimmt das Verhältnis noch?

Rainald Becker, ARD-Chefredakteur: „Das sind die Gesprächsthemen. Wir haben zwei Bereiche: Wir haben die Flüchtlinge, die Flüchtlingspolitik und das Thema Integration. Und wir haben in der Folge dieser Entwicklung ein Erstarken der rechtspopulistischen Parteien - in Europa, in Deutschland. Und natürlich reden die Menschen darüber - sie wählen sie ja auch - und wir haben die Aufgabe, diese gesellschaftliche Stimmung, diese Haltung aufzugreifen, zu hinterfragen in Talksendungen.“

Abbilden, worüber viele Menschen sprechen, auch wenn es vielleicht wichtigere Themen gibt? Ein klassisches Dilemma der Talkshows, das auch die Redaktionen sehen. Aber es geht nicht nur um das Was, es geht auch um das Wie. Schüren Talkshows Ängste, verstärken sie Hysterie?

Die Titel jedenfalls sind markig. „Angst vor Flüchtlingen“, Angst vor dem Islam“, „Angst vor Parallelgesellschaft“.

Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident: „Die Talkshows sind ein wesentlicher Teil der hysterischer gewordenen politischen Kommunikation in Deutschland. Das Setzen nicht nur auf Aktualität, was richtig und verständlich ist, sondern die Zuspitzung schon im Titel und in der Moderation - Angst, negative Erwartungen, Beunruhigung. Das befördert und lindert nicht Beunruhigung und Ängste, das befördert und bekämpft nicht Populismus und die Vereinfacher und die Sehnsucht nach der Vereinfachung, nach der Erlösung.“

Parallelwelt Talkshow? So ängstlich wie es viele behaupten, sind die Deutschen dann doch nicht. Nach einer ARD-Umfrage fühlen sich immerhin 73 Prozent der Deutschen trotz der Terroranschläge „eher sicher“. Einzige Ausnahme, die Anhänger der AfD. Hier sagen 66 Prozent, sie fühlten sich „eher unsicher“. Vielleicht ja auch ein Argument dafür, dass die meisten Zuschauer viel mündiger sind, als einige glauben. Was sagen die Macher und Macherinnen der Talkshows? Können sie die Kritik nachvollziehen? Juliane von Schwerin ist die verantwortliche NDR-Redakteurin bei Anne Will.

Juliane von Schwerin, verantwortl. NDR-Redakteurin „Anne Will“: „Ja, das kann ich nachvollziehen. Das geht mir auch, wenn ich in das Talkportal gucke und die ganzen Titel aller Talksendungen sehe, bin ich auch manchmal überrascht. Wir versuchen das nüchtern zu halten. Wir versuchen es möglichst unalarmistisch zu machen. Trotzdem muss man natürlich eine gewisse Spannung kreieren, damit die Menschen auch Lust haben, diese Sendungen zu sehen.“

Lust auf Talkshows haben auch die Vertreter und Vertreterinnen der AfD. Immer wieder wurden sie im letzten Jahr eingeladen. Vor allem zu ihren Themen.

Collage aus Talkshows, AfD-Vertreter: „Die Angst ist da. Und wir haben diesen Menschen eine Stimme gegeben.” - „Zwei Drittel der Muslime sind offenbar der Meinung, dass religiöse Regeln und Gesetze wichtiger sind als die Gesetze des Landes.“ - „Ich glaube, dass tatsächlich die Situation, die wir im Moment erleben, die schwerste Krise der Bundesrepublik ist, die wir seit dem Krieg hatten.“

Die AfD beherrscht die Regeln des Formats wie kaum eine andere Partei. Und das mit einer ganz klaren Strategie. In einem Papier des Bundesvorstands heißt es:

Zitat: „Die AfD muss (...) ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein, zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken.“

Wie so etwas geht, zeigte AfD-Vorstand Alexander Gauland letztes Jahr beispielhaft. Mit der gezielten Beleidigung des Fußballnationalspielers Jerome Boateng, den die Leute angeblich nicht als Nachbar wollten. Damit schaffte es Gauland in gleich zwei Talkshows das Thema zu setzen. Erst bei Maischberger, dann bei Anne Will.

Ankündigung Anne Will: „Live aus Berlin, das Thema bei Anne Will: Guter Nachbar, schlechter Nachbar.“

Prof. Kai Hafez, Medienwissenschaftler: „Rechtspopulisten sind sehr begabt darin, Politik zu skandalisieren. Und diese Skandalisierung ist gerade für Talkshows natürlich eine attraktive Angelegenheit, weil sie Gegenstand eines Streits sein kann. Hier sind Personen, die beleidigende Statements in die Welt setzen, pauschale Behauptungen und dergleichen. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen einer Talkshow, die gerne Streitthemen polarisiert auch in einer gewissen Weise. Und diese Form der Polarisierung gehört zu den Öffentlichkeitsstrategien von Rechtspopulisten.“

Die Talkshows als Bühne für Provokateure von Rechtsaußen - selbst wenn es gelingt, Falschbehauptungen richtig zu stellen. Die Macher der Talkshows sind sich des Problems bewusst. Aber was wären die Konsequenzen?

Juliane von Schwerin, verantwortl. NDR-Redakteurin „Anne Will“: „Rückblickend ist glaube ich zu viel über Populismus geredet worden. Und vielleicht ist auch viel von Populisten Agenda diktiert worden. Nicht unbedingt in unserer Sendung, aber ich hab das zu oft gesehen in Talks dieses Jahr. Und würde mir wünschen, dass im nächsten Jahr zumindest bei uns auch wieder Sachthemen im Vordergrund stehen. Dass wir uns mit den Problemen der Menschen, die sie im Alltag haben, wieder auseinandersetzen und die kontrovers diskutieren. Und wenn es passt auch mit der Teilnahme von Vertretern der AfD.“

Im September findet die Bundestagswahl statt. Es wird ein spannendes Jahr werden. Auch für die Talkshows.

Georg Restle: „Wie also umgehen mit den gezielten Provokationen von Rechtsaußen? Eine Frage, die sich gerade in diesem Wahljahr nicht nur die Talkshows, sondern alle Journalisten stellen müssen. Ganz sicher auch wir bei Monitor.“

Stand: 20.01.2017, 17:24

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

Unsere Netiquette

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Noch keine Kommentare