Abzug aus dem Mittelmeer: Bundeswehr stoppt Seenotrettung

MONITOR vom 21.02.2019

Abzug aus dem Mittelmeer: Bundeswehr stoppt Seenotrettung

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Bericht: Shafagh Laghai

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Georg Restle: „Fast vier Jahre lang rettete die Bundeswehr Flüchtlinge, die im Mittelmeer in Seenot gerieten. Doch damit ist es jetzt erstmal vorbei. Am Freitag lief das letzte deutsche Schiff der europäischen Mission Sophia in seinem Heimathafen in Wilhelmshaven ein. Wie wichtig die Bundeswehr für die Rettung von Menschenleben war, zeigt sich aber nicht nur in der Zahl der Geretteten, sondern auch in den Aussagen von Bundeswehrsoldaten, die jetzt in erstaunlicher Offenheit in einem Bundeswehrmagazin nachzulesen sind. Aussagen, die zeigen, dass es einen großen Unterschied macht, ob man die Lage im Mittelmeer vom sicheren Sofa aus oder unmittelbar vor Ort erlebt. Shafagh Laghai.“

Die „Augsburg“ kehrt zurück. Das letzte deutsche Marineschiff, das im Rahmen der Operation Sophia im Mittelmeer unterwegs war. Nach knapp vier Jahren schickt die Bundeswehr kein Schiff mehr für den Einsatz. Eigentlich war die Aufgabe der deutschen Soldaten vor allem eins: Schleuser aufspüren und bekämpfen. Die Praxis aber sah anders aus. Etwa 22.500 Flüchtlinge haben deutsche Soldaten nach Angaben der Bundeswehr in den letzten vier Jahren vor dem Ertrinken gerettet. In einem Bundeswehrmagazin bekommt man jetzt einen seltenen Einblick: Eindrücke von deutschen Soldaten, wie von Oberbootsmann Jan Hodam, die bei Rettungseinsätzen dabei waren.

Jan Hodam: „Das waren kriegsähnliche Szenen. Da waren Leute nackt im Wasser, die um ihr Leben kämpften, schrien, weil ihr Boot im Begriff war, zu sinken.“      

Sie hätten viel Leid gesehen. Aber auch viel Dankbarkeit erlebt.

Jan Hodam: „Als Operateur wusste ich, dass es primär darum ging, Schleusernetzwerke aufzuklären und zu stören. Dass die Hauptaufgabe faktisch dann darin bestand, Menschen zu retten, war für die Besatzung positiv, weil man das Gefühl bekam, etwas Gutes zu tun.“

Menschen, die ertrinken, nicht zu retten. Einfach vorbeizufahren, um andere von der Flucht abzuschrecken, sei für sie keine Option gewesen.

Jan Heckstein: „In der Marine sind wir nicht nur Soldaten, sondern auch Seefahrer. Und ein Seefahrer lässt niemanden im Wasser liegen, ganz gleich, woher er kommt. Da gab es keine Diskussion.“

Doch das, was viele Soldaten als sinnvoll und richtig empfanden - damit ist jetzt Schluss. Deutschland zieht sein Schiff aus der Operation Sophia ab. Warum? Schuld daran sei er: Italiens rechtspopulistischer Innenminister Salvini. Italien hat das Oberkommando über alle Schiffe der Operation Sophia und die Seenotrettung quasi lahmgelegt.

Ursula von der Leyen, Verteidigungsministerin, 23.01.2019: „Wir sind seit etwa einem dreiviertel Jahr vom italienischen Kommando in die entlegenste Ecke des Mittelmeers geschickt worden, wo es überhaupt keine Schmuggelrouten gibt, und wo es auch keine Flüchtlingswege gibt. Das heißt, die Soldatinnen und Soldaten, unsere Schiffe sind ohne eine sinnvolle Aufgabe seit Monaten.“

Italien blockiert die Seenotrettung der Bundeswehr und die Bundesregierung kann nichts dagegen tun?

Ruben Neugebauer, Rettungsorganisation „Sea Watch“: „Die Verteidigungsministerin macht es sich zu einfach, wenn sie sagt, na ja, Italien hat uns da irgendwie in entlegene Gebiete des Mittelmeers geschickt. Die Bundesregierung könnte mit einem Mandat des Bundestags völlig problemlos ein Schiff dorthin schicken für den Zweck, wo es dort gebraucht wird, nämlich die Rettung von Menschen aus Seenot.“

Eine eigene Seenotrettungsmission aber lehnt die Bundesregierung klar ab. Uns so geht das Sterben im Mittelmeer weiter. Zwar kommen mittlerweile weniger Flüchtlinge in Europa an, aber nach Angaben der UN war die Todesrate im Mittelmeer noch nie so hoch wie 2018. Für einige Bundeswehrsoldaten hat der Einsatz viel verändert. Ihr Bild von den Flüchtlingen - und von der politischen Verantwortung.

Jan Hodam: „Für mich ist das Bild, das wir in Deutschland von Flüchtlingen haben, falsch. Die Menschen, die wir gerettet haben, waren in einer akuten Notsituation. Wie sind sie da reingeraten? Dafür sind auch wir mit der europäischen Wirtschaftspolitik mitverantwortlich.“

Ein politischer Appell eines Bundeswehrsoldaten. Ein Appell, die Not der Flüchtlinge zu sehen - und dafür Verantwortung zu übernehmen.        

Georg Restle: „Schade nur, dass das Verteidigungsministerium den Soldaten keine Genehmigung zum Interview erteilte. Dabei gibt’s hier doch wirklich nichts zu verbergen.“

Stand: 22.02.2019, 15:00

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21 Kommentare

  • 21 Spötter 11.04.2019, 10:59 Uhr

    Menschenretten ist ein europäischer Wert ? Kein afrikanischer ? Das ist ja schon rassistisch.

  • 20 Marina56 aus NDS 05.04.2019, 18:02 Uhr

    Surfer Carlo Drechsel reiste 2Jahre lang allein in einem alten Jeep durch Westafrika : Ich möchte positive Bilder von Afrika nach Europa bringen ... Zwei Seiten einer Volkspartei: 1989 für offene Grenzen, für Demokratie, für freie Presse. 2018 gegen offene Grenzen, gegen Demokratie, gegen freie Presse ... Zwei Seiten einer Volkspartei: Wogegen die CSU/CDU am vehementesten ankämpft? gegen die Rettung von Menschen, die auf der Flucht sind und eine Bleibe suchen. Und wofür steht das "C" in der CSU/CDU? ...für... die Geschichte von Menschen, die auf der Flucht sind und eine Bleibe suchen. Ich werde der CSU/CDU ein Buch spenden "Die Hungrigen und die Satten". Ein Buch über Ursachenforschung. Warum machen sich Menschen auf einen langen Weg?

  • 19 Godau Peter Michelstadt 17.03.2019, 22:07 Uhr

    Es wird Zeit das man die Verteidigunsministerin aus ihrem Amt entlässt. Es klappt nicht mit der BW, es klappt nicht mit der Gorch Fock und nun noch mit den Rettungsmassnahmen im Mittelmeer. Ich bin der Meinung jetzt reicht es. Ein Arbeitnehmer wäre schön bei dieser Unfähigkeit 10x entlassen. Mal sehen wann was geschieht.

  • 18 Godau Peter 64720 Michels 17.03.2019, 22:01 Uhr

    Dieser Kommentar wurde mehrfach abgegeben und daher an dieser Stelle gesperrt. (die Redaktion)

  • 17 Reinhard Loeff/ Cottbus 23.02.2019, 17:38 Uhr

    Komisch, das Verteidigungsministerium musste auf mehrmalige Anfragen der LINKEN im Bundestag einräumen, dass nicht ein/e einzige/r Geflüchtete/r aus eigener Initiative von der Bundesmarine im Mittelmeer aus dem Wasser gezogen wurde. Es wurde dann immer nur auf dringende Bitte anderer durch private Spenden finanzierte Hilfsorganisationen gehandelt. Dazu kommt, dass Deutschland den in Spanien, Malta und Italien juristisch belangten privaten Seenotretter_innen überhaupt nicht beisteht. Tut mir leid, aber hier glaube ich eher den Antworten im Bundestag.

  • 16 Helmut Strenger 22.02.2019, 19:19 Uhr

    "22.500 Flüchtlinge haben deutsche Soldaten nach Angaben der Bundeswehr in den letzten vier Jahren vor dem Ertrinken gerettet" Wir können stolz auf unsere Seenotretter sein. Absaufen lassen ist eine unmenschliche Strategie die an die Zeiten des Kolonialismus erinnern. Wenn in der CDU das C noch für den Humanisten Jesus steht muss sie die Rettung weiter ermöglichen. Gleichzeitig müssen wird den Ländern helfen, die unter dem Fluch des Reichtums an Rohstoffen. dem Export aus den Industrieländern und dem Landraub leiden. Die Flüchtlinge die hier ausgebildet werden können dabei helfen. Wir gehören alle zur der Gemeinschaft der sterblichen.

    • Micha 23.02.2019, 14:02 Uhr

      Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er beleidigend ist. (die Redaktion)

  • 15 Horst 22.02.2019, 17:28 Uhr

    Es ist vollkommen richtig die Mittelmeerroute zu schließen. Weder nutzt die Aufnahme der Wirtschaftsmigranten der EU noch nutzt sie Afrika. Die grundlegenden Probleme ändern sich auch dann nicht wenn wir weiterhin Millionen Migranten aufnehmen. Probleme werden lediglich verlagert und vergrößert. Die Personenanzahl die wir seit 2015 aufgenommen haben wird alleine in Afrika innerhalb von 18 Tagen geboren. Wenn wir diese Zuwanderung weiterhin zulassen, müssen wir auch mit den Konsequenzen leben: weitere gesellschaftliche Spaltung, Kollaps der Sozialsysteme und kommende rechte Bewegungen gegen die die AfD ein Kindergeburtstag ist. Wir könnten aber auch einen anderen Weg einschlagen: Änderung des Asylrechts, konsequente Abschiebungen, mehr Hilfe vor Ort und Aufnahme nur aufgrund von Qualifikation. Die Rettungsmissionen haben dazu geführt, dass mehr Menschen ertrinken. Die Anzahl der Rettungsschiffe steht in einem direkten Zusammenhang mit der Anzahl Ertrunkener: Mehr Schiffe = mehr Tote.

    • Florian 22.02.2019, 22:09 Uhr

      Du bist die hoffentlich bewusst, dass Afrika ein Kontinent ist.

  • 14 Jakob 22.02.2019, 15:38 Uhr

    Tatsache ist, die Verantwortung für die Lebensverhältnisse souveräner Staaten diesen zu nehmen und den europäischen Ländern zuzuschreiben ist schlicht falsch. Europa hat wenig mit den Korrupten Politikern der Länder zu tun, die ihr Leid in Eigenregie kreieren. Die Flüchtlinge wären besser beraten für ein lebenswertes Morgen in Ihren Heimatländern zu kämpfen anstatt nach Europa zu kommen um Aufwendungen zu genießen, die für Kitaplätze und Lebenswerte Renten nie vergeben würden. Wenn wir uns alleine die Klimapolitik der EU ansehen, die weitestgehend of oriert wo der Großteil der Umweltverschmutzung stattfindet, gleichzeitig der eigenen Bevölkerung vorgaukelt, dass unter hoher finanzieller Beaufschlagung der Bürger anstatt Sanktion der zuständigen Konzerne und Länder, auch nur irgendwas ausgerichtet werden Könne... Eine Farce, dass die Europäische Union nicht die zuständigen Nationen zur Rechenschaft zieht in Konsequenzen für ihre Globalpolitik daraus zieht.

  • 13 Michael Schulze 22.02.2019, 14:21 Uhr

    Schön, dass diejenigen, die vor Ort waren, den Einsatz gern weitergeführt hätten - und dass sich dennoch Leute finden, die vom Sofa aus wettern, man habe doch der "libyschen Küstenwache" das Kommando überlassen sollen. Und Schlepper bekämpfen. Man kann aber nicht gleichzeitig den Schleppern das Kommando überlassen und sie bekämpfen. Einmal abgesehen davon ist der einzige Grund, dass Europa diese Menschen dort sterben lässt, doch völlig klar: wenn man sie bis nach Europa ließe, müsste man ihre Rechte respektieren. Und ihnen Asyl gewähren.

  • 12 Whatever 22.02.2019, 13:47 Uhr

    Was soll man zu solchen Kommentargestalten hier sagen, denen die Menschen absolut egal sind. Weniger Rettung bedeutet nicht weniger fliehende Menschen, sondern mehr Tote. Wenn Sie alle hier von "Shuttle-Service" sprechen, spreche ich Ihnen allen Empathie und das Menschsein ab. Die Debatte wird emotional geführt? Wieso auch nicht, wenn Menschen ertrinken, sollte das niemanden kalt lassen! Niemand flieht freiwillig, niemand! Schaut euch gern mal die Oscar-nominierte Doku "Lifeboat" an. (Zivile) Seenotrettung ist absolut notwendig, wenn die europäische Regierungen versagen, diese Aufgabe zu übernehmen.

    • Horst 22.02.2019, 18:01 Uhr

      falsch! Je mehr Schiffe zur Rettung eingesetzt wurden, desto mehr Menschen sind ertrunken. Das ist eine Tasache die sich auch mit moralisierenden Argumentationen nicht ändern lässt. Seenotrettung bedeutet auch nicht, dass man Personen nach Europa bringen muss. Sinnvoll wäre diese Personen zu retten und dann zum nächsten Hafen zu bringen. Wer Leben retten will, muss sich für eine konsequente Rückführung einsetzen. Wenn es nicht mehr attraktiv ist ein Boot zu besteigen, stirbt auch niemand mehr auf dem Meer. Theoretische Moralkonzepte haben in der Realität nicht selten das Gegenteil des erhofften Effekts zur Folge.

  • 11 Enrico 22.02.2019, 13:47 Uhr

    Es ist einfach unverantwortlich, die Seenotrettung nicht fortzuführen. Ich schäme mich für diese Entscheidung.