Der Krieg gegen den "Islamischen Staat": Gute Kurden, schlechte Kurden

MONITOR Nr. 674 vom 09.04.2015

Der Krieg gegen den "Islamischen Staat": Gute Kurden, schlechte Kurden

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Bericht: Georg Heil, Cesur Milusoy und Volkmar Kabisch

Der Krieg gegen den "Islamischen Staat": Gute Kurden, schlechte Kurden Monitor 09.04.2015 08:34 Min. Verfügbar bis 09.04.2099 Das Erste

Georg Restle: „Und jetzt - wie angekündigt - zum Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat. Das Bild, das wir von diesem Krieg vermittelt bekommen, ist ja von seltener Schlichtheit. Hier die guten Kurden, Peschmerga-Milizen, die von Deutschland aus mit Waffen unterstützt werden. Da die bösen Kurden, PKK-Kämpfer, deren Organisation in Deutschland immer noch verboten ist. Vielleicht erinnern Sie sich ja an diese Bilder: Jesidische Flüchtlinge im Nordirak, die das Massaker des IS an ihren Familien überlebt haben. Auch um solche Massaker an Jesiden zu verhindern, hat Bundesverteidigungsministerin von der Leyen die kurdischen Peschmerga- Kämpfer mit deutschen Waffen ausrüsten lassen. Kämpfer, die für die Bundesregierung das einzig verlässliche Bollwerk gegen den IS bilden. Aber ganz so schlicht ist die Wahrheit dann doch nicht. Die Bilder, die unsere Kollegen von ihrer Recherchereise aus dem Nordirak mitgebracht haben, zeigen jedenfalls eine ganz andere Wirklichkeit. Es war eine gefährliche und keine ganz unproblematische Reise. Nicht unproblematisch, weil man mitten im Krieg eben immer auch auf den Schutz einer Kriegspartei angewiesen ist. Georg Heil und Volkmar Kabisch mit ihren Beobachtungen von der Frontlinie eines äußerst unübersichtlichen Krieges.“

Sindschar-City im Nordirak. Hier kämpft die in Deutschland verbotene Kurdenpartei PKK gegen einen schier übermächtigen Feind, den selbsternannten „Islamischen Staat“.

PKK-Kämpfer (Übersetzung MONITOR): „Die schießen von dieser Seite, sie wollen hierher kommen. Und auch von der Seite wird geschossen, deshalb können wir auch nicht dahin gehen!“

Dreiviertel der Stadt hält der IS, den Rest kontrollieren die Kurden - neben den offiziellen irakischen Peschmerga vor allem PKK-Einheiten. Wir können uns hier nur in ständiger Begleitung von PKK-Kämpfern bewegen. Seit Monaten tobt in Sindschar ein erbitterter Häuserkampf.

PKK-Kämpfer: „Das hier ist die Frontlinie, die dem IS am nächsten ist. Hier haben unsere Kameraden einen Spiegel aufgehängt, damit wir die Feinde sehen können.“

Wir beobachten bei den PKK-Einheiten hier nur leichte Waffen, vor allem sind es alte Gewehre russischer Bauart, angeblich vom Schwarzmarkt. Die Stellungen des IS liegen gerade einmal 20 bis 50 Meter entfernt. Kommandeur Seyitxan ist seit sechzehn Jahren bei der PKK und seither permanent im Krieg. Er gibt sich selbstbewusst.

PKK-Kommandeur Seyitxan (Übersetzung MONITOR): „der Islamische Staat ist im Häuserkampf nicht besonders gut. Aber sie sind mit Bomben gut. Sie sind auch gut mit dem Einsatz von Selbstmordattentätern, aber im Nahkampf gegen uns haben sie keine Chance.“

Elf Selbstmordattentäter habe der IS bereits geschickt. Unabhängig prüfen lässt sich das nicht. Erst rund 2 Kilometer hinter der Front entdecken wir die ersten Peschmerga-Einheiten. Filmen lassen wollen sie sich nicht, aber es gelingen uns Bilder ihrer Ausrüstung. Darunter ein Bundeswehr-Jeep vom Typ Wolf, ein gepanzertes Fahrzeug vom Typ Dingo, und auch über das deutsche Sturmgewehr G36 verfügen die Peschmerga offensichtlich. Ihre Aufgabe besteht hier offenbar eher in der Sicherung und Koordinierung. Aus sicherer Entfernung beobachten sie einen Luftangriff. Die PKK ist derweil vorne an der Front. Das Militärgerät hatten die Peshmerga von Deutschland erhalten, gerade auch, um die Minderheit der Jesiden in der Region vor einem Genozid zu schützen. In der Vergangenheit seien sie dieser Verantwortung nicht nachgekommen, sagt Zerdest Singali. Er ist Anführer einer jesidischen Miliz in Sindschar. Wir treffen ihn durch Zufall am Rande eines PKK-Feldlagers. Zögerlich stimmt er einem Interview zu. In die offiziellen Peshmerga-Truppen hat er kein Vertrauen, weil sie die Jesiden im Stich ließen, sagt er.

Zerlest Singali, General Jesiden-Miliz (Übersetzung MONITOR): „Die ersten, die uns Jesiden geholfen haben und uns vor dem Genozid gerettet haben, waren die PKK-Leute.“

Den Peschmerga-Kämpfern macht der jesidische Anführer hingegen schwere Vorwürfe.

Zerlest Singali, General Jesiden-Miliz (Übersetzung MONITOR): „Wir Jesiden hatten immer schon leichte Waffen, aber hier hatte die Peschmerga die Kontrolle. Die haben uns gesagt, wir sind die bewaffnete Kraft hier, und wir werden euch beschützen. Manche von den Jesiden wollten ihre Waffen aber nicht abgeben und haben Widerstand geleistet. Die Peschmerga haben sie dann beschossen und auch Leute getötet. 20 bis 30 Jesiden wurden verletzt oder starben. Die Jesiden hätten sich eigentlich gegen den IS schützen können, aber wegen der Peschmerga konnten sie sich nicht mehr verteidigen.“

Ein schwerer Vorwurf. Auf Anfrage von MONITOR teilt das Bundesverteidigungsministerium mit, man habe dazu keine eigenen Erkenntnisse. Als Sicherheitskräfte in der Region unterstütze man die Peschmerga nach Kräften. Wir fahren weiter in eine andere Frontregion unweit von Kirkuk. Wir wollen wissen, ob unsere Beobachtungen, dass dort, wo die PKK kämpfe, die Peschmerga nur sichere, auch hier zutreffen. Wir können ein Dorf besichtigen, das noch vor kurzem in „IS“- Hand war. Am 16. März stürmten hier PKK-Truppen den Ort, unterstützt von schweren Waffen der Peshmerga und Luftangriffen der internationalen Koalition. Heute ist die Frontlinie mehrere Kilometer entfernt. Im Hinterland der Front treffen wir wieder auf Peschmerga. Stolz präsentieren sie ihre deutschen Gewehre. Eines, Typ G36, offensichtlich aus Bundeswehrbeständen - genau wie ein G3.

Peschmerga-Kämpfer (Übersetzung MONITOR): „Die ist effektiv. Das ist eine wirklich gute Waffe.“

Doch an der vordersten Frontlinie sind in diesem Abschnitt wieder nur PKK-Einheiten stationiert - mit alten russischen Waffen. Nur einige hundert Meter offenes Feld trennen sie von den Dschihadisten des IS. Im benachbarten Kirkuk treffen wir den Provinzgouverneur. Von ihm wollen wir wissen, was er über die PKK-Truppen in seiner Region denkt. Najmadin Karim ist demokratisch gewählt. Der Neurochirurg mit US-Pass ist unabhängig von der PKK.

Najmadin Karim, Gouverneur Kirkuk (Übersetzung MONITOR): „Sie arbeiten mit den Peschmerga zusammen. Sie verteidigen die Bevölkerung und die Freiheit - und ich denke, die deutsche Regierung und die EU sollten sich sehr ernsthaft anschauen, wer den Feind bekämpft, unser aller Feind, nämlich den Islamischen Staat und ähnliche Gruppen und ich denke, sie sollten ihre Politik überdenken. Schauen Sie, die Deutschen können doch nicht türkischer als die Türken sein. Die Türkei verhandelt bereits mit der PKK.“

Wer mit der PKK-Führung sprechen will, muss ins irakische Kandil-Gebirge reisen. An diesem Checkpoint beginnt PKK-Land. Hier treffen wir den Vertreter des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan, langjähriger Staatsfeind Nr. 1 in der Türkei. Im Interview mit WDR und NDR gibt er sich friedvoll. Deutsche Waffenlieferungen für seine Kämpfer fordert er explizit nicht, statt dessen eine Neubewertung seiner Organisation.

Cemil Bayik, stellv. PKK-Vorsitzender (Übersetzung MONITOR): „Die PKK ist nicht die PKK von früher. Bei der PKK haben tiefgreifende Veränderungen stattgefunden. Wir wollen mit der Türkei nicht mehr kämpfen. Wir sagen: Es reicht mit dem Kampf. Es gibt nichts mehr, was man durch Kämpfen erreichen kann. Wir und auch der türkische Staat haben genug gekämpft. Weder der türkische Staat noch wir haben durch den Krieg unsere Ziele erreicht.“

Ein überraschend deutliches Statement einer in Deutschland immer noch verbotenen Organisation. Wir verlassen das Kandil-Gebirge und auch die Front im Nordirak. Die Front eines Krieges, der mit den alten Feindbildern nur wenig zu tun zu haben scheint.

Georg Restle: „Nein, wir beanspruchen ganz sicher nicht, Ihnen jetzt die ganze Wahrheit über diesen Krieg gezeigt zu haben. Im Gegenteil: Wir wollten Ihnen zeigen, dass es eben keine eindeutigen Wahrheiten gibt. Kein eindeutiges Schwarz und Weiß, kein eindeutiges Gut und Böse. Und dass wir aufhören sollten, unser Gewissen damit zu beruhigen, indem wir irgendeiner Kriegspartei Waffen liefern.“

Stand: 07.04.2015, 13:39

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