Die neuen „Staatsfeinde“ der Türkei: Wer sind die Anhänger Gülens? Monitor 11.08.2016 03:29 Min. UT Verfügbar bis 11.08.2099 Das Erste

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MONITOR vom 11.08.2016

Die neuen „Staatsfeinde“ der Türkei: Wer sind die Anhänger Gülens?

Bericht: Christin Gottler

Georg Restle: „Was also, wenn es eine ganz andere Version der Putschnacht gibt, und ganz andere dafür verantwortlich sind? Vielen Anhängern der Gülen-Bewegung, die auch hier in Deutschland leben, dürfte das ziemlich wenig helfen. Auch hier greift längst schon das Denunziantentum um sich. Und plötzlich geraten selbst einfache Familienväter unter Terrorismusverdacht oder gelten als Unterstützer der Putschisten. Christin Gottler hat eine Familie besucht, die bitter erfahren musste, was es bedeutet, von einer Gemeinschaft verstoßen zu werden und über Nacht als Aussätzige zu gelten.“

Mehmet Acar* aus Schwerte ist plötzlich Teil der Hetzjagd. Der Putsch - tausende Kilometer entfernt. Trotzdem bricht in dieser Nacht auch seine Welt in Deutschland zusammen. Denn Mehmet sympathisiert mit den Ideen Gülens. Vergangene Woche wurde er deswegen aus der Moschee geschmissen.

Mehmet: „Man ist in so einer Leere, man meint, was habe ich bis jetzt in meinem Leben falsch gemacht? Ja, hab keiner Fliege was getan, ich hab noch nicht einmal ein Feuerzeug in der Tasche, und dann werden Sie so abgestempelt.“

Von dem Rauswurf gibt es ein Video, ein Bekannter hat es gefilmt.

Mehmet: „In dem Moment hat derjenige offen zu mir gezeigt. Und er hat gesagt, ihr seid hier unerwünscht, ihr dürft hier nicht beten. Geht zu euren Freunden in die Kirche. Betet da oder geht zu den anderen Moscheen. Ihr habt hier nichts zu suchen. Das war richtig traurig, ja, das was richtig schlimm.“

Und dann wird sogar mit Mord gedroht: „Brüll‘ mich nicht an!“ schreit einer der Männer, „ich werde dich töten!“ Morddrohungen während des wichtigsten islamischen Gebets? Auch der zwölf Jahre alte Sohn Talhal war bei dem Rauswurf dabei. Der Hass der Erdogan-Anhänger trifft jetzt die ganze Familie. Dabei spielte Politik bei ihnen nie eine Rolle. Der Vater versucht, die Familie zu beruhigen.

Mehmet: „Du weißt ja, wie ich politisch eingestellt bin. Ich habe politisch eigentlich nichts zu tun. Wir arbeiten, wir arbeiten, wir sind eine ganz normale Familie, ja. Mit all den schönen Sachen, Talhal. Und da brauchst du also dir jetzt keine Sorgen oder Angst machen, oder so.“

Auch Freund Engin wurde aus der Moschee geschmissen. Er leitet eine Werbeagentur. Die beiden werden seit dem Putsch beschimpft, ignoriert und bedroht. Sie zeigen uns Whatsapp-Chats und Facebook-Posts, in denen sie denunziert werden:

Zitat: „Ich werde Dich anklagen, Mehmet“, schreibt einer. Und auf Facebook: „Drohst du mir?“ fragt Mehmet. „Nö, das ist keine Drohung. … Ich habe dich nämlich dem türkischen Konsulat gemeldet.“

Engin: „Dass man auf einmal jetzt nicht mehr grüßt, einfach lustig über uns macht. Oder einfach so uns als Landesverräter abgestempelt wird, und dann diese bösen Blicke usw. Das macht uns schon traurig.“

Als Teenager haben Mehmet und Engin das erste Mal von Gülen gehört, seitdem finden sie die Ideen des Predigers gut. Nicht mehr und nicht weniger, sagen sie. Das gemeinschaftliche Freitagsgebet in der Moschee ist ihr wichtigstes Gebet, seit 30 Jahren.

Mehmet: „Ich hätte nicht gedacht, dass wir erstmal von einer Moschee ausgeschlossen werden. Und dass niemand etwas gesagt hat. Die sind alle an uns vorbeigegangen. Wie so ein Abschaum. Die kennen meinen Vater, die kennen unsere gesamte Familie. Und ich fand das nicht okay.“

*Name geändert

Kommentare zum Thema

  • Heinz 13.08.2016, 18:21 Uhr

    Wenn man sich mal genauer mit dem auseinandersetzt was Erdogan und Gülen antreibt, kommt man zu dem Ergebnis, dass beide von ihrer Religion aufgefordert werden zu tun, was sie tun. Wenn man hinter das Politische Treiben beider verfeindeten Lager schaut, wird man sehr schnell feststellen, dass beide Lager so agieren, wie es vom Islam gegenüber seinen Feinden vorgeschrieben wird. Erdogan und Gülen unterscheiden sich in ihrer Ideologie nicht im geringsten. Beide sind vom Weltherrschaftsanspruch des Islams getriebene Despoten. Der einzige Unterschied ist, dass es einer von beiden es geschafft hat, sich ihm ein ganzes Land unterworfen hat. Deswegen ist der eine, aber nicht weniger gefährlich und vertrauenswürdiger als der andere.

  • Ahmet Tüfekci 12.08.2016, 16:13 Uhr

    Ich habe sehr andere whatsup mit Kommunikationen mit diesem werbe Agentur betreiber engin.. Schwarz auf weiß kündigt er darin was er von Demokratie und Wahlen hält und ebenso kündigte er diesen Putsch an und die weiterer Unterwanderung des staates...eben so von seinem grossen Ziel wie gülen seine Anhänger die Erde missionieren wollen...Wenn sie wirklich auf der suche nach Wahrheit sind so rufen sie mich an bitte..Ich bin ende nächste Woche aus meinem Urlaub zurück...

  • Gerda S. 11.08.2016, 22:23 Uhr

    Die Bürger, die nichts von Erdogans Methoden halten, sollten auf die Straße gehen und protestieren. Damit die Anhänger von Erdogan sehen , dass sie nicht allein die türkischen Bürger vertreten. Die Polizei wird die Meinungsfreiheit der Bürger schützen , auch gegen türkische Randalierer.