Maskierter Mann in Uniform an der kroatisch-bosnischen Grenze

Pressemeldung vom 26.10. 2022

Deutscher Menschenrechts-Filmpreis 2022 für MONITOR

In der Begründung der Jury heißt es: "Es gibt Filmbeiträge, die es schaffen, uns wieder wachzurütteln und zu empören: durch packende Bilder, kluge Dramaturgie und tiefgründige Recherche. All´ das zeichnet den Beitrag 'Europas Schattenarmee: Pushbacks an der kroatischen-bosnischen Grenze' aus."

Die Jurybegründung:

"Das Thema Flucht ist fast grausamer Alltag geworden in der Fernsehberichterstattung: Menschen kentern und ertrinken im Mittelmeer, vegetieren in unmenschlichen Lagern auf griechischen Inseln oder bleiben an spanischen Grenzzäunen hängen. Es droht ein Abstumpfungseffekt bei manchen Zuschauern, die es nicht mehr ertragen, aber auch bei einigen Programmentscheidern, die es uns vielleicht nicht mehr zumuten wollen. Und doch, es gibt Filmbeiträge, die es schaffen, uns wieder wachzurütteln und zu empören: durch packende Bilder, kluge Dramaturgie und tiefgründige Recherche. All das zeichnet den Beitrag 'Europas Schattenarmee: Pushbacks an der kroatischen-bosnischen Grenze' aus. 

Die WDR-Redaktion MONITOR hat diesem 14-minütigen Beitrag fast die Hälfte ihrer auf 30 Minuten zusammengestutzten, kostbaren Sendezeit eingeräumt - 14 Minuten, die es in sich haben: Heimlich gedrehte Aufnahmen zeigen, wie Flüchtende mit Schlagstöcken aus der EU hinausgeprügelt werden, damit sie in Kroatien keinen Asylantrag stellen können. Illegale Zurückweisungen, sogenannte Pushbacks, gewaltsam und staatlich organisiert, wie der investigative Beitrag nachweist. Also systematische Menschenrechtsverletzungen an der kroatischen Grenze zu Bosnien. Behördenintern bürokratisch kalt als „Operation Korridor“ bezeichnet.Das bei vielen als Urlaubsland beliebte Kroatien wird dabei seit Jahren von der EU und auch Deutschland mit Geld und Ausrüstung für ihre Grenzsicherung unterstützt.

Diese aufwändige und herausragende journalistische Recherche wurde, und konnte vielleicht nur, durch einen europäischen Rechercheverbund gestemmt werden, an dem neben MONITOR „Lighthouse Reports“, SRF Fernsehen, ARD Radio Wien, Der SPIEGEL, Pointier, Novosti und RTL Kroatien beteiligt waren. Sie alle sind dem gerecht geworden, was unser Bundesverfassungsgericht einmal als Kritik- und Kontrollfunktion der Massenmedien in einer demokratischen Gesellschaft definiert hat. Dafür dankt die Jury den Macher*innen und verleiht den Deutschen Menschenrechtsfilmpreis 2022 in der Kategorie Magazin an: Shafagh Laghai, Nicole Vögele, Klaas van Dijken, Jack Saproch, Srdjan Govedarica, Andrea Beer, Jerko Bakotin, Phevos Simeonidis, Bashar Deeb, Steffen Lüdke, Els van Driel, Andrei Popoviciu, Lamia Šabić, Danka Derifa, Redaktionsleitung: Georg Restle."

Gewaltsame Pushbacks in Kroatien

Synopsis

"Filmaufnahmen eines europäischen Rechercheverbundes, an dem neben MONITOR 'Lighthouse Reports', SRF Fernsehen, ARD Radio Wien, Der Spiegel, Pointer, Novosti und RTL Kroatien beteiligt waren, belegen schwere und systematische Menschenrechtsverletzungen durch maskierte Uniformierte an der kroatischen Grenze zu Bosnien. Die Bilder zeigen unter anderem, wie Flüchtende mit Schlagstöcken über die Grenze aus der EU hinausgeprügelt werden, so dass sie in Kroatien keinen Asylantrag stellen können. Weitere Aufnahmen belegen, dass Flüchtende von Kleintransportern aufgegriffen und illegal über die Grenze zurück nach Bosnien gebracht werden. Bei den Maskierten handelt es sich nach den Recherchen um Mitarbeiter der kroatischen Polizei. Berichte über illegale Zurückweisungen, so genannte Pushbacks, an der kroatisch-bosnischen Grenze gibt es schon seit Jahren. Bislang haben kroatische Behörden allerdings bestritten, dass sie von staatlichen Polizeibeamten durchgeführt werden. Die gemeinsamen Recherchen des Rechercheverbundes zeigen nun, dass die illegalen Zurückweisungen systematisch und staatlich organisiert sind und auch gewaltsam erfolgen. Allein zwischen Mai und September 2021 filmte das Rechercheteam elf solcher illegalen Pushbacks an fünf verschiedenen Orten an der kroatisch-bosnischen Grenze. Insgesamt sind 38 Polizisten zu sehen und 148 Menschen, die zum Teil unter Einsatz erheblicher Gewalt über die grüne Grenze zurückgetrieben werden. Anhand der Uniformen und der Ausrüstung lassen sich die Männer als Mitglieder der kroatischen Interventionspolizei identifizieren, die dem Innenministerium untersteht. Sechs kroatische Beamte bestätigten nach Durchsicht der Bilder, dass es sich um die kroatische Interventionspolizei handele. Weitere Beamte, darunter ein Mitglied der Interventionspolizei, berichteten anonym von den Pushbacks. Intern werde die Operation demnach 'Korridor' genannt. Die EU und auch Deutschland unterstützen Kroatien seit Jahren bei der Grenzsicherung mit Geld und Ausrüstung.

Eine Recherche von Shafagh Laghai, Nicole Vögele, Klaas van Dijken, Jack Saproch, Srdjan Govedarica, Andrea Beer, Jerko Bakotin, Phevos Simeonidis, Bashar Deeb, Steffen Lüdke, Els van Driel, Andrei Popoviciu, Lamia Šabić, Danka Derifa

Redaktionsleitung: Georg Restle"

Stand: 11.11.2022, 14:37 Uhr