Elektroschocker für die deutsche Polizei: Wie gefährlich sind Taser?

MONITOR vom 02.05.2019

Elektroschocker für die deutsche Polizei: Wie gefährlich sind Taser?

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Bericht: Lara Straatmann, Herbert Kordes

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Georg Restle: „Ein so genannter Taser im Polizeieinsatz. 50.000 Volt treffen auf einen menschlichen Körper und setzen ihn außer Gefecht. Diese Bilder kommen aus den USA. Aber ab sofort sollen aber auch Streifenpolizisten in Deutschland standardmäßig mit dieser Waffe ausgerüstet werden. Guten Abend und willkommen bei Monitor. Gut möglich also, dass Sie künftig bei einer Verkehrskontrolle auf Polizisten mit diesen Elektroschock-Waffen treffen. Rheinland-Pfalz und Hessen machen jetzt den Anfang, andere Bundesländer wollen bald schon nachziehen. Alles zum Schutz der Polizeibeamten, heißt es. Aber sind die neuen Waffen wirklich so ungefährlich, wie da behauptet wird? Lara Straatmann und Herbert Kordes.“

Mann: „Der Taser ist eben geeignet, um aus fünf Meter Entfernung jemanden außer Gefecht zu setzen …“

2. Mann: „Der Taser soll uns ermöglichen, Leben zu retten …“

3. Mann: „...auf einen Streifenwagen gehört als Ausstattung auch ein Taser …“

Bei der US-Polizei seit langem Standard - der Taser. Zwei Pfeile verlassen explosionsartig das Gehäuse, verhaken sich im Körper des Getroffenen und versetzen ihm einen Stromschlag. In Sekundenbruchteilen macht er einen Menschen handlungsunfähig. Der Taser ist keine US-Science Fiction, sondern deutsche Realität. Zum Beispiel für die Streifenpolizisten in Trier. Hier treffen wir Polizeidirektor Ralf Krämer. Vor der Einführung der Taser bei der rheinland-pfälzischen Polizei leitete er das einjährige Pilotprojekt. Für Krämer liegt der entscheidende Vorteil des Tasers darin, einen körperlich überlegenen Angreifer aus der Distanz kampfunfähig zu machen.

Ralf Krämer, Leiter Polizeidirektion Trier: „Das sind 50.000 Volt, die zwischen zwei und drei Milliampere Stromstärke übertragen werden, und das führt dann zu einer Muskelkontraktion. Und die ist sehr schmerzhaft, auch schmerzhaft für Menschen, die eigentlich schmerzunempfindlich sind. Sei es, weil sie möglicherweise Alkohol- oder Betäubungsmittelintoxikation haben, auch bei denen wirkt das.“

Der Taser, erklärt Krämer, sitzt in der Regel an der linken Körperseite, damit seine Beamten im Stress nicht aus Versehen zur Schusswaffe greifen. Rheinland-Pfalz ist zusammen mit Hessen Vorreiter in Sachen Taser, denn bis 2021 sollen alle Streifenpolizisten im Land den Taser nutzen können. Für den SPD-Innenminister Roger Lewentz in Rheinland-Pfalz ein Muss für die deutsche Streifenpolizei.

Roger Lewentz, (SPD) Innenminister Rheinland-Pfalz: „Das ist sehr sinnvoll, das hilft unseren Polizeibeamtinnen/Polizeibeamten. Und was für Rheinland-Pfalz gilt, gilt nach meiner Einschätzung überall.“

Bislang war der Gebrauch des Tasers weitgehend Spezialeinsatzkräften vorbehalten. Doch das ändert sich jetzt. In Rheinland-Pfalz und Hessen ist der Taser im Streifendienst beschlossene Sache. Im Saarland, in Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin und Brandenburg laufen Pilotprojekte oder sind in Planung. Die Begehrlichkeiten wachsen, aber auch erste Zweifel. Wir sind unterwegs in Pirmasens. Im Januar spielen sich in diesem Hochhaus dramatische Szenen ab. Mehrere Beamte von Ordnungsbehörde und Polizei wollen einen Mann in die Psychiatrie bringen - doch der wehrt sich massiv. Ein Beamter greift zum Taser, wenig später erleidet der Mann einen Herzinfarkt und stirbt. Einige Kilometer entfernt von Pirmasens lebt die Schwester des Verstorbenen. Lilo Albrecht weiß, dass ihr Bruder psychisch krank war. Trotzdem ist sie entsetzt - auch über die Behörden. Erst einen Tag nach dem Tod ihres Bruders habe sie davon erfahren, sagt sie. Und, niemand habe ihr zunächst gesagt, dass bei ihm ein Taser im Einsatz war.

Lilo Albrecht: „Ich mache den Vorwurf, dass sie tatsächlich den Taser eingesetzt hatten. Ich … meine Meinung, bei so viel ausgebildeten Männern, Beamten wär mein Bruder mit Sicherheit auf andere Weise zu überwältigen gewesen. Ich war nicht vor Ort, aber ich denke bei sieben, acht Beamten und auf so engem Raum ...“

Ob der Taser für den Tod ursächlich war, das ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Denn Studien aus den USA zeigen, der Taser-Einsatz kann lebensbedrohlich sein. Die Agentur Reuters hat über tausend Todesfälle infolge von Taser-Einsätzen untersucht und wertete mehr als 700 Obduktionsberichte aus. Laut Reuters geht aus ihnen hervor, in mehr als 20 Prozent der Fälle war der Taser todesursächlich oder hat den späteren Tod mit herbeigeführt. Der Hersteller weist diese Zahlen als „weit übertrieben“ zurück. Wir nehmen Kontakt zu dem Herzspezialisten Douglas Zipes aus Indianapolis auf. Auch Zipes hat viele Todesfälle untersucht, die nach dem Einsatz eines Tasers auftraten. Er warnt vor massiven Gefahren für bestimmte Risikogruppen.

Prof. Douglas P. Zipes, Kardiologe, Indiana University (Übersetzung Monitor): „Beispielsweise jemand, der in der Vergangenheit Herzprobleme hatte, sagen wir einen alten Herzinfarkt. So jemand hat ein größeres Risiko, einen Herzstillstand zu erleiden als ein gesunder Mensch. Oder Drogen oder Alkohol im Blut - all diese Faktoren können Menschen anfälliger für die Auswirkungen eines elektrischen Schlages machen und das Risiko für einen Herzstillstand erhöhen.“

Doch genau bei diesen Risikogruppen soll der Taser aus Sicht des rheinland-pfälzischen Innenministers zum Einsatz kommen.

Roger Lewentz (SPD), Innenminister Rheinland Pfalz: „Wir stellen häufig fest, dass Menschen, die entweder Alkohol in einem hohen Maße zu sich genommen haben oder Drogen oder die Kombination von beidem mit Pfefferspray und mit dem Schlagstock nicht aufgehalten werden können. Dann wäre nur die Dienstwaffe zu ziehen und da ist der Taser natürlich ein sehr geeignetes Instrument, um jemanden kurzfristig außer Gefecht zu setzen.“

Das UN Komitee gegen Folter warnt vor dem flächendeckenden Gebrauch von Tasern bei der Streifenpolizei. Dessen Vorsitzender Jens Modvig fürchtet, dass der Taser im Streifendienst exzessiv eingesetzt werden könnte, auch wenn es gar nicht nötig ist.

Jens Modvig, UN-Ausschuss gegen Folter (Übersetzung Monitor): Taser sollten nur eingesetzt werden, wenn ein Leben auf dem Spiel steht oder schwere Verletzungen drohen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es schwierig ist, den Einsatz von Tasern auf diese Situationen zu beschränken. Was oft passiert ist, dass sie auch in weniger ernsten Situationen genutzt werden und dann ist es höchst besorgniserregend, denn für eine solche Nutzung gibt es keine Berechtigung mehr.”

Modvigs Sorgen scheinen nicht unberechtigt: Beispiel Niederlande. Dort startete 2017 ein Pilotprojekt zum Einsatz des Tasers im Streifendienst. Das UN-Komitee gegen Folter ermahnte die Niederlande. Im Pilotprojekt sei der Taser auch in Situationen eingesetzt worden, in denen keine reale oder unmittelbare Lebensgefahr bestanden habe oder die Betroffenen bereits in Polizeihaft gewesen seien. Der Kriminologe Rafael Behr fürchtet, dass mit zunehmender Verbreitung des Tasers die Hemmschwelle sinkt, die Waffe zu benutzen.

Prof. Rafael Behr, Akademie der Polizei Hamburg: „Wenn ich Mittel habe, um gegen Menschen vorzugehen, werde ich die auch einsetzen. Das Fingerspitzengefühl, soziale Situationen, auch Gewaltsituationen möglicherweise kommunikativ zu deeskalieren, das schwindet, wenn ich ein Arsenal von Einsatzmöglichkeiten hat, habe mit denen es schneller geht beispielsweise.“

Hinterbliebene wie Lilo Albrecht fühlen sich ohnmächtig. Hätte der Tod ihres Bruders verhindert werden können? War der Taser daran schuld? Und falls ja, würde das irgendjemanden zum Nachdenken bringen?

Georg Restle: „Eben doch nicht so ungefährlich.“

Stand: 02.05.2019, 22:15

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10 Kommentare

  • 10 Bruno Schillinger-Safob 13.05.2019, 12:04 Uhr

    es geht schon los: Verdacht auf Körperverletzung mit Todesfolge Mann stirbt nach Taser-Einsatz der Polizei (SpiegelOnline 13.05.2019) ...Der Mann sei Diabetiker und stark übergewichtig gewesen, er habe unter einer psychischen Erkrankung gelitten. Die Polizisten seien am 30. April von einem Notarzt in die Wohnung des Mannes in Frankfurt am Main gerufen worden. Der 49-Jährige habe sich aggressiv gegen die Einnahme dringend benötigter Medikamente gewehrt. Deshalb hätten die Beamten ihn mit der Elektroschock-Pistole ruhigstellen wollen... [Link entfernt, Anm. der Redaktion. Bitte beachten Sie die Netiquette.] Wurde der Taser nur "aus Spaß" eingesetzt? Hätten die sonst final geschossen? Wieso so viel Zeitdruck und Gewalt wegen Einnahme von Medikamenten - hätte man die nicht später geben können oder war das Minutenkontingent des Arztes ausgeschöpft? Haben nun alle Taserpolizisten Medizin studiert, inkl. Aura/Ferndiagnose ohne die Person zu kennen?

    • Bruno Schillinger-Safob 13.05.2019, 18:49 Uhr

      Inzwischen kursiert der Artikel weiter - deshalb Nachtrag: ...Die Polizisten seien am 30. April von einem Notarzt in die Wohnung des Mannes in Frankfurt am Main gerufen worden. Er habe sich aggressiv gegen die Einnahme dringend nötiger Medikamente gewehrt – also hätten die Beamten ihn mit einem sogenannten Taser ruhig stellen wollen..... (T-Online) Ruhig stellen wollen - wie bitte? Was für eine irre Vorstellung haben die Polizisten eigentlich, bzw. welche Kenntnisse von Physik? 50.000 Volt sollen beruhigen, klaro und ein Zitronenfalter faltet Zitronen und wenn man jemanden einschläfert, wacht die Person wieder auf. Offensichtlich haben die KEINE Physikkenntnisse und NIE einen Taser am eigenen Leib erfahren. Was natürlich bei Beamten ein großes Risiko wäre, aber sicher die Pensionszahlen sinken lassen würde. Frage: Hat der Mann etwa "Widerstand" geleistet, weil er den polizeilichen Befehlen "Medikamente nehmen" nicht folgte?

  • 9 Rudolf Wolff+ 11.05.2019, 14:48 Uhr

    als Bundesbürger fühle ich mich gegenüber der Polizei in vielen fällen Hilflos Ausgeliefert, dddpolizeibeamte schlagen Zivilpersonen ohne grund mit der Faust und der flachen Hand ins Gesicht ( gesehen im Internetvidio ) diese Erniedrigung sah ich im Gesicht von dem geschlagenen und was macht die Politik, sie begünstigt das auch noch wie das ist doch allen klar ( einstellung von Verfahren in über 90% deshalb bin ich davon überzeugt das der gebrauch von Tasern zur Regel wird und Tote in kauf genommen werden. r.wolff

  • 8 Anonym 05.05.2019, 08:10 Uhr

    Eure Seite vor allem der Player ist mega dämlich. Bedienungsunfreundlich für mobile Geräte. Das geht besser in 2019!

  • 7 Micha G. Wald 04.05.2019, 18:24 Uhr

    Gewaltaufruf! köstlich.... Solidarität mit mir u.dem Taser. "Bild" lässt grüßen:)

  • 6 Micha 04.05.2019, 08:43 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er zu Gewalt aufruft. (die Redaktion)

  • 5 Jörg Walter 03.05.2019, 09:28 Uhr

    Eine Ergänzung meines gestrigen Beitrags. "Artikel 1 Grundgesetz - die Würde des Menschen ist unantastbar" Alleine die Vorstellung, daß der Taser "nur" bei Widerstand bereits genutzt wird, anstatt Muskelkraft / Kampftechniken einzusetzen, läßt mich erschaudern.. Beim Taser handelt es sich um eine abscheuliche, menschenverachtende Waffe Das hat mit einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun..

    • Bruno Schillinger-Safob 03.05.2019, 21:37 Uhr

      Der zweite Satz ist wichtiger und wird leider gerne vergessen/übersehen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung ALLER staatlichen Gewalt. - Wie definiert man "Widerstand" eigentlich? Denn inzwischen ist bereits die Weigerung den Anweisungen der Polizei zu folgen "Widerstand" - da hilft die Berufung auf Gesetz, gar Grundgesetz, Menschenrechte schon heute nichts mehr. Oder um einen stellv. Jobcenter Geschäftsführer zu zitieren "hier gilt nur SGB II", dabei sein ausgemaltes SGB II auf den Tisch knallend, unter Gelächter der Mitarbeiter. Analog dazu die Weigerung der lokalen Polizei Strafanzeigen zur Niederschrift aufzunehmen "DIE (Anm. Staatsanwaltschaft) stellt alles AUTOMATISCH ein" (inkl. SIEG HEIL Geschrei Anzeige, usw.) was nach unserer Laienrechnung mindestens fünf Straftaten im Amt sind. Da kann sich jeder vorstellen, wie die Akten "erstellt" werden, wenn mal einer einen Teaser "probieren" und einen "zappeln" lassen wollte.

  • 4 Goodcars 03.05.2019, 00:01 Uhr

    Was ist besser, der Schusswaffengebrauch oder der Taser? Er ist kein Spielzeug, er ist eine Kampfwaffe. Ich erinnere noch an die Zeit der RAF, wo man unversehens in eine Kontrolle kommen konnte und wg. einer Stopplinienüberschreitung in seinem Wagen erschossen werden konnte. (Ist ja auch geschehen) Solange die Polizisten sich der grundsätzlichen Gefährdung bewußt sind, dürfte der versehentlich erzeugte Schaden geringer sein. Aber man kann wohl jetzt behaupten, MONITOR wirbt für die Verwendung von Schußwaffen, KamikazeEinsätze der Polizei (gar keine Waffen) oder Anarchie (Abschaffung der Ordnungskräfte). Bitte einmal mit dem DLRG unterhalten, warum auch Knochenbrechende Rettungsgriffe gegen Ertrinkende gelehrt werden ....

  • 3 Ironman 02.05.2019, 22:14 Uhr

    Natürlich müssen die Beamten nach einer Weile sicherlich ab und an daran erinnert werden Ihre Hemmschwelle für den Taser-Einsatz nicht zu verlieren. Aber deutsche Polizisten sind ja auch nicht für ihre cowboyartige Mentalität bekannt. Hoffentlich schreckt es die Menschen ab sich daneben zu benehmen weil es nun ein zwischenmittel zur Schusswaffe gibt. Und wenn dadurch das Leben der Beamten beispielsweise bei einem Angreifer mit Messer oder ähnlichem geschützt werden kann, dann sollten sich die Leute lieber freuen, dass nun nicht mehr zwangsläufig eine Schusswaffe eingesetzt werden muss! Und der beste Rat zum Schluss: Sich einfach mal nicht asozial verhalten! Dann wird man auch nicht angeschossen...mit keiner Waffe...

  • 2 Kurt Errenst 02.05.2019, 22:12 Uhr

    Wie wäre es, wenn die Innenminister, die Taser befürworten, einen Selbsttest durchführen? Sind ja ungefährlich. Bin gespannt. Das ist Irrsinn. Genau wie die neuen Polizeigesetze.

    • Thomas Schreiber 02.05.2019, 22:43 Uhr

      Wie währe es, wenn die jenigen, die unserer Polizei eine wirksame, nicht tötliche Distanzwaffe untersagen wollen, die Zugriffe auf wild um sich schlagende und gefärdende Personen selber durchführen.

  • 1 Jörg Walter 02.05.2019, 21:55 Uhr

    Den Taser halte ich für menschenverachtend und für ein Folterinstrument. Das Gerät wird, wenn vorhanden, auch unverhältnismäßig eingesetzt. Da bin ich mir sicher. Soetwas hat unser Rechtsstaat nicht verdient.