Neue Billiglöhne bei „Real“: Abstieg auf Raten

MONITOR vom 06.09.2018

Neue Billiglöhne bei „Real“: Abstieg auf Raten

Bericht: Achim Pollmeier

Kommentare zum Thema, weiterführende Links und der Beitragstext als PDF

Georg Restle: „Dabei gibt es dafür ganz andere Gründe. Wie kann es sein, fragen sich viele, dass so viele Menschen im Land sozial immer weiter abgehängt werden, obwohl es dem Land wirtschaftlich angeblich doch so gut geht wie selten zuvor? Eine Frage, die sich gerade auch Tausende Kassiererinnen und Verkäuferinnen beim Einzelhandelsriesen real stellen. Angestellte, die dem Konzern offenbar zu teuer geworden sind, obwohl sie heute schon wenig verdienen. Und die eiskalt abgehängt werden von einem Wirtschaftsboom, von dem andere profitieren. Achim Pollmeier über die Ursachen einer Wut, die auch ins politische Extrem umschlagen kann.“

Deutschland 2018: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Doch bei Renate H. war die Angst vor dem Morgen selten so groß wie heute. 58 Jahre, geschieden, Kassiererin in Teilzeit in Düsseldorf. Doch ihr Zeitvertrag wird entweder gar nicht verlängert oder nur für deutlich weniger Geld.

Renate H.: „Ich bin schon mal neun Monate, bevor ich bei real hier angefangen hab, arbeitslos gewesen. Das ist ein … ja, Hilflosigkeit, man ist deprimiert.“

Gut 1.400 Euro brutto hat Renate jetzt. Damit kommt sie gerade so über die Runden. Über Altersvorsorge denkt sie gar nicht erst nach. Renate würde gerne mehr arbeiten. Aber mehr als 21 Stunden pro Woche bekommt sie nicht, damit man sie möglichst flexibel einsetzen kann. Ganz normal im Einzelhandel, auch bei real. Aber jetzt will die Warenhauskette auch noch den Lohn senken. Wenn Betriebsräte wie Isolde Droefke anfangen zu rechnen, schauen sie oft in ziemlich leere Augen.

Isolde Droefke: „Du verdienst jetzt aktuell ein Brutto von 1.444 Euro. Würde man einen Anschlussarbeitsvertrag machen, dann hättest du nur noch ein Brutto von 997 Euro.“

Renate H.: „Ne.“

Isolde Droefke: „Doch, das haben die so entschieden. Das sind 400, knappe 50 Euro weniger.“

Renate H.: „Ja. Ich habe vorher zwei Jahre für gutes Geld gearbeitet und jetzt auf einmal soll ich, was war das, 450 oder wie viel war das weniger bekommen. Warum? Warum, das frage ich mich.“

Reporter: „Weil Sie zu teuer sind.“

Renate H.: „Ja, zu teuer, klar, wir sind alle zu teuer. Das kann es nicht sein …“

So viel weniger Geld für die gleiche Arbeit. Der Grund: real hat im Juni die Tarifpartnerschaft mit der Gewerkschaft ver.di aufgekündigt und zahlt bei neuen Arbeitsverträgen nach einem neuen Tarif. Real beruft sich darauf, dass immer mehr Unternehmen im Einzelhandel aus der Tarifbindung aussteigen und deutlich weniger zahlen. Der neue Tarif beginnt knapp über dem Mindestlohn. real nennt das eine

Zitat: „wettbewerbsfähige Entgeltstruktur“.

Prof. Stefan Sell, Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung, Hochschule Koblenz: „Real vergisst dabei aber zu erwähnen, dass es noch eine ganze Reihe an anderen Unternehmen gibt, die sich noch an die Tarifbindung halten, die ihre Leute ordentlich bezahlen, sogar ein bisschen über Tarif bezahlen. Und wenn real erfolgreich ist mit dieser sehr kurzsichtigen Strategie, dann setzt sie die verbliebenen Unternehmen massiv unter Druck, letztendlich diese Position auch zu räumen und sich der Entwicklung nach unten anzuschließen.“

Dieser „Entwicklung nach unten“ konnten Beschäftigte wie Manuela Justi förmlich zusehen. Bis zum Jahr 2000 war der Tarif im Einzelhandel allgemeinverbindlich, jeder musste ihn zahlen. Ein Konsens, den die Arbeitgeber aufkündigten. Manche zahlen heute nur noch den Mindestlohn. Wenn jetzt auch ein Handelsriese wie real aussteigt, wäre das ein Dammbruch, glaubt sie.

Manuela Justi: „Ich denke ganz einfach, dass dann andere Händler nachziehen werden, weil wenn es dafür ne Sonderregelung gibt, warum sollen andere dann noch Tarif bezahlen?“

Bei real spaltet das jetzt die Belegschaft. Alte Arbeitsverträge haben Bestandsschutz, darauf müssen die Beschäftigten erstmal vertrauen - wie Manuela Justi und ihre Betriebsrätin Manu Awiszus in Groß-Gerau. Aber bei Neueinstellungen und über 4.000 Kolleginnen mit befristeten Verträgen schlägt die Absenkung voll zu.

Manuela Awiszus: „Wir haben also Kassierer, die haben mir gesagt, ja, was soll ich denn machen? Die haben vorher bei uns gearbeitet für mehr Geld und nach einer Vertragsverlängerung jetzt gibt’s weniger Geld.“

Reporter: „Die gleichen Leute?“

Manuela Awiszus: „Die gleichen Leute.“

Eine Frage: Wie kommt man damit klar, wenn man die gleiche Arbeit für deutlich weniger Geld erledigen soll? Wir treffen - nennen wir sie - Marianne. Auch sie sitzt in der Teilzeit-Falle - immer einsetzbar für wenig Geld. Seit Jahren bittet sie um mehr Stunden. Denn 1.200 Euro netto für sie und ihren Sohn, das reicht nicht. Also geht sie kellnern, drei- bis viermal die Woche. Wenn jetzt noch der Tarif abgesenkt wird, wird das Einkommen zum Almosen.

Marianne: „Ich habe Existenzangst. Also massiv. Und eigentlich würde ich besser fahren, also, … wenn man mich entlässt und ich Arbeitslosengeld beziehe. Da gings mir wesentlich besser. Aber das möchte ich nicht. Ich möchte ja der Wirtschaft nicht auf der Tasche liegen und, ja.“

Früher hatte Marianne das Gefühl, sie gehöre noch zur Mittelschicht. Inzwischen ist sie da längst nach unten rausgerutscht. Und wenn sich etwas ändert, dann wird es allenfalls schlechter, glaubt sie. Und das bedeutet was, auch politisch.

Marianne: „Im Moment resigniere ich, ich nehme es hin. Ich fühle mich auch von der … von der Regierung irgendwo auch … allein gelassen, ja.“

Dabei könnte die Bundesregierung durchaus etwas tun, sagen Kritiker. Zum Beispiel könnte sie es gesetzlich erleichtern, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären, um Lohndumping zu unterbinden. Auf Anfrage teilt das Arbeitsministerium uns mit, darüber werde „zu gegebener Zeit“ entschieden. Aber wann?

Prof. Stefan Sell, Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung, Hochschule Koblenz: „Die Politik fürchtet sich davor, hier die die Situation zu verbessern. Sie könnten es über das Instrument der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen. Natürlich könnten sie es. Das geht aber nur mit einem schweren Konflikt mit der Arbeitgeberseite. Und offensichtlich wird dieser Konflikt gemieden auf Kosten einer zunehmenden Frustration von - wohlgemerkt Millionen - Beschäftigten, die da unten angehängt werden von der Lohnentwicklung und von Verbesserungsperspektiven ihrer persönlichen Situation.“

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Abstiegsangst und politischer Frustration, sogar Fremdenfeindlichkeit. In einer Studie für die Hans-Böckler-Stiftung zum Beispiel heißt es, sehr viele AfD-Wähler lebten mit dem Gefühl einer „Zurücksetzung innerhalb der Gesellschaft“. Es gehe um „persönliche Zukunftssorgen“, aber auch um einen gefühlten „Kontrollverlust des Staates“, weil er der Globalisierung und einem brutalen Wettbewerb nichts mehr entgegenzusetzen habe. Man kann das mit Studien belegen, man kann aber zum Beispiel auch nach Thüringen fahren. Die Arbeitslosigkeit ist hier niedrig, aber die Löhne sind es auch. Bei der Bundestagswahl hatte die AfD 22 Prozent. Cornelia Seupt begann vor 27 Jahren beim Vorgängerunternehmen von real in Weimar. Seither musste die Betriebsrätin zusehen, wie Tariflöhne nach und nach ihre Geltung verloren - nicht nur im Einzelhandel. Aber niemand nahm Notiz, sagt sie.

Cornelia Seupt, real-Betriebsrätin, ver.di: „Die Leute haben einfach die … das Vertrauen in die regierenden Parteien verloren, denke ich.“

Reporter: „Warum?“

Cornelia Seupt, real-Betriebsrätin, ver.di: „Weil sich nichts ändert. Man hat das Gefühl, dass Arbeit immer weniger belohnt wird. Auf der einen Seite wird der Mindestlohn angehoben, aber auf der anderen Seite kann Tarifflucht begangen werden. Und das kann nicht richtig sein.“

Gesellschaftliche Verantwortung? Real schreibt uns dazu, man habe die Verantwortung, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern - und damit die Arbeitsplätze. Doch zu welchem Preis? Wenn die Haltelinie nach unten nur noch der Mindestlohn ist, dann kriecht Angst ins Leben. Und Angst kann umschlagen.

Stand: 04.09.2018, 15:25

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Regeln fürs Kommentieren

Sie sind schlauer als Spam-Automaten. Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

Welcher Wochentag kommt nach Samstag?

Warum stellt das Erste diese Fragen?

50 Kommentare

  • 50 Puffing Billy 24.09.2018, 12:03 Uhr

    Da kann ich nur sagen: Kauft nicht mehr bei Real! Die Preise sind eh schon teurer als bei Lidl oder Kaufland. Dann muss Real das am rückläufigen Umsatz zu spüren bekommen. Ganz einfach. Oder die Hersteller weigern sich - aus Solidarität - , ihre Waren bei Real einzulisten. Lidl, Netto, Penny, Norma, und auch Aldi sind inzwischen zu guten Alternativen geworden, wobei ich Lidl eindeutig bevorzuge. Die Qualität und auch die Preise stimmen hier.

  • 49 Rainer Hohn 21.09.2018, 16:32 Uhr

    Wenn es mehr Zuwanderer gebe, gebe es mehr Menschen die von den menschenverachtenden Praktiken betroffen sind. In solidarischen Aktionen, unterstützt von Monitor, könnte man die bestehenden Verhältnisse radikal ändern und dann ginge es allen gut.

  • 48 Edgar Rauschenberger 18.09.2018, 08:47 Uhr

    Der Beitrag schildert die die vorherrschenden Einkommensverhältnisse im Einzelhandel sehr genau. Im Detail wurde leider nicht ordentlich recherchiert. Die Aussage, es gäbe Unternehmen, die sich an die Tarifbindung halten, stimmt so nicht. Grosse Handelsunternehmen ( z. B. EDEKA) sind lediglich mit ihren "rückwärtigen Diensten" (Verwaltungen etc.) tariflich gebunden. Der grosse Mitarbeiterrest arbeitet für selbstständige Unternehmer, ohne Tarifbindung.

  • 47 DerBiedermann 14.09.2018, 00:42 Uhr

    450 Euro weniger im Monat in der Geldbörse für die gleiche Arbeit? Das ist erschreckend.

  • 46 Andi 10.09.2018, 22:38 Uhr

    Es bringt doch nix den WDR zuzubomben. Wir müssen jeder einzelne eine Mail schreiben an die Real Führungskräfte und zwar jeden Tag !!

  • 45 John 08.09.2018, 21:17 Uhr

    Einerseits prangern Sendungen des ARD solche Auswüchse von Gewinnmaximierung an, andererseits unterstützt die ARD genau sowas durch Zusammenarbeit mit der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft".

  • 44 Dorothea Pfaffenberger 08.09.2018, 10:54 Uhr

    Solange die Politiker in Aufsichtsräten sitzen, werden die niemals etwas gegen den Lohndumping unternehmen

    • I.P. 08.09.2018, 16:58 Uhr

      WDR Hetze im Namen von Verdi! Dieser Beitrag ist einfach grotesk und falsch! Die Leute mit festen Verträgen können sich entscheiden ob sie den alten Vertrag behalten wollen oder nicht! Auch befristet Angestellte haben die Wahl! Neuer Vertrag, oder zurück zu den Grundstunden! Dabei übersehen die Schmierfinken der Presse, dass real nun der erste Handelskonzern ist, bei dem Bundesweit einheitlicher Lohn gezahlt wird, der weit über dem Mindestlohn liegt, den die Mitbewerber zahlen! Nur ist Verdi aus dem Unternehmen geflogen und die Aasgeiernden Betriebsräte, die alle noch zur Verdi gehören, versuchen ihre Macht zu nutzen! Schreibt und sendet endlich mal die Wahrheit!

  • 43 Theo Dankof 07.09.2018, 13:48 Uhr

    Künftig werden noch mehr Verkäuferinnen und Kassiererinnen zusätzlich Arbeitslosengeld II beantragen? Damit muss Schluss sein. Wer Hungerlöhne bezahlt, bereichert sich damit an Steuergeldern, die dringend für andere Aufgaben des Staates benötigt werden. Sauerei!

    • Simone 08.09.2018, 15:21 Uhr

      Als erstes müsste der Staat die Steuern und Sozialabgaben reduzieren. Als verh. Frau mit Lohnsteuer Klasse 5 bezahle ich fast 48 % an Abgaben an den Staat bzw. an die Krankenkassen die Millionen an Überschüsse haben. Das darf nicht sein. !!!!!!!

  • 42 Bruno Schillinger-Safob 07.09.2018, 09:43 Uhr

    Interessanter Versprecher "ich möchte der WIRTSCHAFT nicht auf der Tasche liegen" im anonymen Interview? Früher hieß es noch "dem Staat". Das Hartz IVerbrechen ist endlich in der Mitte angekommen. Gemeinsam gehen Wirtschaft und Behörden/Politik gegen die Menschen vor. Mit "Sie können ja aufstocken" drücken Arbeitgeber miserable Löhne durch und gleichzeitig pressen Jobcenter, usw. in diese Arbeitsverhältnisse - Hauptsache aus der Statistik. Und die Politik freut sich über vergessene schwarze Koffer, bzw. Anschlußverträge als Lobbyist, usw. nach Ende der politischen Versorgung. Vorschlag: Es dürfen nur noch Stellen als Arbeitsplatz bezeichnet werden, von denen ein Mensch auch leben, seine Familie versorgen kann, OHNE Aufstockung plus Vorsorge. Also mindestens 12,50 €/Std die man braucht um zumindest die Grundsicherungsrente zu erreichen und so noch etwas von der privaten Vorsorge hat. Denn es gilt: schwer erarbeitete Minirente + private Vorsorge + staatl. Aufstockung = Grundsicherung

  • 41 Sebastian 07.09.2018, 09:02 Uhr

    Habe den Bericht gestern gesehen und hab kurz überlegt, ob es Satire ist. Den Lohn um 450 Euro zu kürzen ist eine absolute Frechheit! Es soll die Kürzung gar nicht rechtfertigen, aber ich würde sie gerne in einen weiteren Kontext einordnen. Daher würde mich interessieren, wie denn die Löhne bei der Konkurrenz aussehen. Das hatte mir im Beitrag gefehlt. Kann mir dort jemand Auskunft geben? Kann das Unternehmen vielleicht sogar wirklich mit der Einführung "wettbewerbsfähiger Entgeltstrukturen" argumentieren? Vielen Dank im Voraus

    • Verkäuferin 08.09.2018, 18:16 Uhr

      nun in den tarifgebundenen firmen liegt der anfangslohn bei knapp 10 euro - steigt dann mit den jahren auf etwas über 15 euro plus spätzuschläge und kassierzulagen . leider hat real in einem recht . die privaten einzelhändler (private z.b. REWE und EDEKA märkte) bezahlen meist nur den mindestlohn , da sie nicht an die flächentarife gebunden sind . oft nicht mal feiertage . urlaub liegt bei 4 wochen im jahr - bei anderen bei 6 wochen ... desweiteren weder urlaubs - noch weihnachtsgeld . häufig gibt es nur teilzeitstellen in allen bereichen . und nun sage mir einer - ich bin selber im LEH tätig - wie man als geschiedene frau in dieser branche selbst mit 15 euro einigermassen über die runden kommen soll ;-)

  • 40 Martin Wirthensohn 07.09.2018, 08:54 Uhr

    Danke für diese Beiträge