Allein geflüchtet, allein gelassen: Minimalbetreuung für minderjährige Flüchtlinge

MONITOR vom 08.09.2016

Allein geflüchtet, allein gelassen: Minimalbetreuung für minderjährige Flüchtlinge

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Bericht: Naima El Moussaoui, Max Ostendorf

Allein geflüchtet, allein gelassen: Minimalbetreuung für minderjährige Flüchtlinge Monitor 08.09.2016 06:18 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste

Georg Restle: „Wir schaffen das! Vor einem Jahr hat Angela Merkel dieses Satz zum ersten Mal gesagt - seit letztem Sonntag wird sie dafür schärfer kritisiert denn je. Nicht nur von der AfD, sondern zunehmend auch aus den eigenen Reihen. Dabei stellt sich die Frage, wen meint die Kanzlerin eigentlich mit „wir“? Offenbar nicht ihre eigene Bundesregierung, denn die plant zurzeit ein Gesetz, mit dem die Integration junger Flüchtlinge geradezu verhindert wird. Dabei hatte die zuständige Familienministerin noch im letzten Jahr betont, wie wichtig ihr die Betreuung jugendlicher Flüchtlinge ist.“

Manuela Schwesig: „Die Bundesregierung steht zu den Familien, Kindern und Jugendlichen in unserem Land. Egal ob hier geboren oder zu uns gekommen. Es gibt nicht Kinder erster, zweiter Klasse. Sie uns alle etwas wert.“

Georg Restle: „Klingt gut. Was daraus geworden ist, zeigen Ihnen jetzt Naima El Moussaoui und Max Ostendorf.“

Sie haben einen langen Weg hinter sich. Einige waren Monate, manche sogar Jahre unterwegs. Ganz allein, ohne ihre Eltern. Aus Ländern wie Afghanistan, Irak oder Syrien. Jetzt erst kommen sie zur Ruhe, hier in einer sogenannten Inobhutnahme-Einrichtung in Neuss.

Reporterin: „Hasib, was gefällt dir hier?“

Hasib: „So, als Beispiel haben wir Lehrer und sehr charmante Betreuer und Betreuerin. Echt cool. So, ich hab ein Lehrer so, ich mag den immer, der Max, war sehr cool und sehr nett.“

Hasib und Naeimullah kommen aus Afghanistan. Seit etwa einem halben Jahr sind sie in Deutschland - in Sicherheit. Aber Gewalt und Krieg bleiben in ihren Köpfen. Hasib hat erlebt, wie die Taliban seine Familie bedrohten und schließlich ihr Haus angriffen.

Hasib: „Meine Schwester gestorben, ja und meine … so der Mann von meiner Schwester ist auch gestorben. Und mein Vater hat auch kein einen Fuß. Ja so, mein Vater sagt so, musst du gehen. Hab ich gesagt wohin? Bis Iran und dann kannst du nach Europa.“

Reporterin: „Zu deinem Vater hast du gerade keinen Kontakt?“

Hasib: „Nein. Zu meinem Vater und Mutter, meine Eltern …“

Reporterin: „Hier ist auch rund um die Uhr jemand, auch nachts, warum ist das notwendig?“

Michael Karrenberg, Sozialpädagoge: „Genau, gerade nachts ist auch deswegen notwendig, weil da häufig Angstzustände eintreten. Gerade bei den Jungen, die auch traumatisierende Erfahrungen gemacht haben. Da kommen die Bilder nachts hoch. Wir erleben dann hier Situationen von Selbstverletzungen, wo Jungen ankündigen, sich umbringen zu wollen. Und da ist es natürlich ganz wichtig und erforderlich, dass wir genau in diesen Momenten für die Jungen da sind.“

Doch mit dieser Art der Betreuung könnte bald Schluss sein. Das zeigen Reformpläne aus dem Familienministerium von Manuela Schwesig. Es geht um die Kinder- und Jugendhilfe, geregelt im Sozialgesetzbuch VIII. Monitor liegt der interne Arbeitsentwurf vor. Geplant ist eine neue Betreuungsform für Jugendliche. In der Begründung dazu heißt es:

Zitat: „Für „unbegleitete minderjährige“ Flüchtlinge kann die sozialpädagogische Begleitung von „ausgesprochen niedriger Intensität“ sein.“

Wie genau ist das zu verstehen? Professor Reinhard Wiesner war 25 Jahre lang Leiter des Fachreferats Kinder- und Jugendhilfe im Familienministerium, und gilt als Gründungsvater des Gesetzes. Er sieht die Gefahr einer Jugendhilfe zweiter Klasse - ausgerechnet für junge Flüchtlinge.

Prof. Reinhard Wiesner, Freie Universität Berlin: „Dahinter seh ich die Intention, diesen Personenkreis pauschal, unabhängig vom konkreten, inhaltlichen, individuellen Bedarf eben ja … pädagogisch schlechter zu behandeln als andere junge Menschen. Also den Bedarf, den sie konkret im Einzelfall haben, dann gar nicht zu decken, um auf diese Weise Kosten zu sparen.

Holger Hofmann, Deutsches Kinderhilfswerk: „Das Signal, dass ich hier sehe, ist eines der Diskriminierung. Eines, das jemanden herabsetzt, das jemandem sagt, du bist uns nicht so viel wert, und das dazu führt, dass natürlich auch dann am Ende des Tages eine Integration auf der Strecke bleibt. Und wenn diese Integration nicht stattfindet, dann hat sie natürlich Folgewirkungen. Dann dauert der Prozess viel länger. Dann entstehen andere Kosten. Das ist doch wirtschaftlich in keiner Weise sinnvoll.“

Minimale Betreuung für junge Flüchtlinge. Hasibs Betreuer sieht darin noch ganz andere Gefahren.

Michael Karrenberg, Sozialpädagoge: „Die müssen ja irgendwie gucken, wie sie sich selbst dann zurechtfinden. Und das in einem fremden Land, ohne sich äußern zu können. Das wird mit Sicherheit, glaube ich, große Schwierigkeiten mit sich bringen. Dass die halt dann auffällig werden. Damit meine ich jetzt noch nicht mal, dass dann die Öffentlichkeit, dass dann alle in Sorge und Angst leben müssen. Aber diese jungen Menschen werden mit Sicherheit irgendwie … sie müssen ja irgendwo ihren Gefühlen auch Ausdruck verleihen. Und wenn dann keiner an denen dran ist, kann denen auch keiner helfen.“

Geringere Standards aber fordern die Länder schon seit Monaten. Allen voran Bayern. Weil sie dafür die Kosten tragen müssen. Die Begründung ist bemerkenswert. Wer schon Krieg und Flucht alleine überstanden hat, der brauche nicht mehr so viel Hilfe. In einem internen Papier der Länder, heißt es, geflüchtete Jugendliche seien bereits „sehr selbstständig“ - sodass eine „geringere Betreuungsintensität“ ausreicht.“

Holger Hofmann, Deutsches Kinderhilfswerk: „Es ist ja so, dass diese Jugendlichen teilweise auf der Flucht ihre Geschwister verloren haben, von ihren Familien nichts wissen. Und in so einer Situation zu sagen, okay, nun sind wir aber nicht bereit, ihnen dann auch diese Betreuung zur Verfügung zu stellen, und zu sagen, ihr könnt eigentlich alleine für euch sein, das ist schon bitter, ist fast zynisch.“

Hasib hatte Glück. Er wurde auf das Leben in Deutschland gut vorbereitet. Dank der Betreuer, wie er sagt. Künftig müssen Jugendliche wie er wohl zusehen, wie sie alleine klarkommen. Mit welchen Folgen auch immer.

Stand: 06.09.2016, 17:05

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28 Kommentare

  • 28 Kurt 11.09.2016, 18:42 Uhr

    Wenn man diese jugendlichen nicht unterstützt, bekommen wir vielleicht das gleiche Gefährdungspotenzial wie in Frankreich! Ein Punkt noch zur Integration: unsere Politiker reden immer nur von Integration! Es gibt aber keine ´Statements, wie sich die nue hinzugekommenen Millionen Muslime integrieren werden!. Das haben wir doch seiot den Anfang 60er Jahre mit den Türken; die leben doch bisher nur in ihrerem eigenen Umfeld; Kontakte mit Nachbarn, Arbeitskollegen, vereinen, gibt es nicht; Frauen dürfen nicht aus dem Haus und auch keine Kontakte zu anderen pflegen. Sogar von den jungen Mädchen und Frauen, dier hier geboren wurden , kommt der Kommentar: ein Christ als Freund kommt nicht in Frage. Mit ungläubigen darf man keine Freundschaften schließen! In den Familien werden sie ja auch so erzogen und eingeschworen. So werden weiter neue Ghettos entsthen, wo die verschiedenen Volksgruppen unter sich bleiben; man braucht sich ja auch nur im Ausland umsehen. Dies wird aber von ...

  • 27 Don.Corleone 10.09.2016, 15:09 Uhr

    @-Nikla : Merke: Zuerst kommt das Deutsche Prekariat ! Das sind um d. 28 Mio ! Leider kümmert sich da Keiner drum, weil zu teuer ? Wichtig f.d. Humanklatscher : Jeder jugendliche Migranten-Touri kostet dem Deutschen Malocher ca. 5000 - 6000 Euronen u. z. im Monat ! Dafür wird ER dann auch rund um d. Uhr gepampert. WER soll dafür schuften , um dann als Rentner H-4 zu bekommen ? Wie blöd muß man sein ? Wie doof u. dumm ? Und d. täglichen Werbesendungen (vor d. Wahlen massiert) finde auch ich zum Kotzen , Das Dt. Staats-TV zu einer lfd. Werbeveranstaltung f. Migranten-touris verkommen, die dan uns a.d. Tasche liegen u.das 50 o. 60 jahre ! Eisschleckend vom Freibad kommend , herrlich dieses Deutschland ! Aber nur f. Ausländer ! Keine sanktionen , NICHTS . Der Dt. H-4 wird ausgepresst bis er alles bisher Erworbene an d. Staat abliefern mußte, damit dieser d. Kohle f.d. Fl. verteilen kann . Herrlich , dieses system f. d. Migranten-touris, u. so gepflegt u. gestylt u. kna ...

  • 26 Don.Corleone 10.09.2016, 14:36 Uhr

    Alles Kriegs-Migranten : SFORT nach Hause per schnell-Express , denn, diese Typen sind keine Flüchtlinge, merke: Kriege sind kein Fluchtgrund ! Wir müssen auch generell unterscheiden zwischen Fahnenflüchtlinge u. zugereisten Wirtschafts-Touris ! Mit dieser Trennung bleiben nur noch =,00003 % als wirkliche Asylanten übrig. Leider wird d. Deutsche Volk verdummt d.d. katasstrophale Politik von merkel u. Co. ! Die mind. 50 mrd jed.Jahr, d.d. Dt.St-Zahler u.Malocher abdrücken darf, wird auf unabsehbare Zeit d. Dt.Staat zu einem Entwicklungsland degradieren . Meine Kinder sagen jetzt schon : "Danke merkel!"

  • 25 Arthur 10.09.2016, 14:02 Uhr

    Hallo, hab ich immer noch eine Frage undzwar, warum wollen alle Flüchtlinge nach Deutschland? Wir habe selber viele Menschen die Hilfe brauchen aber da tuts sich nichts!!! Sehr Schade! Danke.

  • 24 Toll 09.09.2016, 22:30 Uhr

    Habe früher gern Monitor geschaut. Kann das Flüchtlings -Werbefernsehen jetzt aber nicht mehr ertragen. Sehe das jetzt fast jeden Tag LIVE! Wir arbeiten für wenig Geld in der sengenden Sonne auf Baustellen und eure armen" Flüchtlinge" kommen mit Eis in der Hand aus dem Schwimmbad ! Anhand der mitfühlenden Kommentare kann man aber erkennen wer diese Sendung jetzt noch schaut. Es sollte zukünftig auf der Lohnsteuerkarte vermerkt werden wer für oder gegen "Flüchtlinge" ist. Frei wählbar wie bei der Religionszugehörigkeit. Wer dafür ist ,sollte mit einer "Refugee- Sonderabgabe" belastet werden!Denke das 25 oder 30% angemessen sind.(Wir sind ein reiches Land).Eurer Spruch nicht meiner. Das diesen armen Menschen ein unbeschwertes Leben ermöglicht wird! Da ja angeblich die Mehrheit dafür ist sollte ja dann genug Geld für Wir schaffen das !vorhanden sein.

  • 23 arthur 09.09.2016, 20:41 Uhr

    Hallo, ich habe nur eine Frage? Warum wollen alle Flüchtlinge nur nich nach Deutschland, es gibt doch soviele europäischen Ländern? Irgendwann " schaffen wir es nicht" Danke.

  • 22 Rolf 09.09.2016, 11:15 Uhr

    Bezeichnet man die massenhaft illegal die Grenze Deutschlands übertretenden Personen als "Flüchtlinge" kommt man aus der Hypermoral nicht mehr raus. Die sogenannten Flüchtlinge haben meist einen Weg von mehreren Tausenden Kilometern hinter sich, durchquerten dabei viele Staaten, bevor sie dann a u s den EU-Staaten Griechenland und Italien ü b e r und a u s den EU-Staaten Ungarn und Östereich endlich i n s sichere Deutschland f l o h e n. So die Darstellung eines Teils unserer Medien. Da liegt wohl kognitive Dissonanz vor, mindestens. Zeit, sich von der wogenden und mittreissenden Flüchtlingsrhetorik zu trennen und sich zu ernüchtern

  • 21 Kerstin 09.09.2016, 11:00 Uhr

    Je besser diese Jugendlichen betreut und integriert werden, desto besser ist es für uns. Wir bekommen dann junge Menschen, die hier arbeiten und Steuern zahlen (auch unsere Renten). Lassen wir sie allein, schaffen es manche trotzdem, aber andere werden letzendlich zu Drogenabhängigen oder Kriminellen. Jeder Euro ist hier gut angelegt und eine Investition auch in unsere Zukunft. Und ja, in der Vergangenheit gab es diese Unterstützung nicht, auch für Deutsche nach dem Krieg. Aber wie gut, dass wir dazugelernt haben und jetzt die Chance haben es diesmal besser zu machen. Und für alle, die mich jetzt als naiv sehen. Ich habe und hatte ehrenamtlich mit vielen dieser Jugendlichen zu tun, ich kenne sowohl die Chancen als auch die Probleme sehr gut.

  • 20 Andrea Tews 09.09.2016, 08:26 Uhr

    zumindest in Ö wird denüber 15 Jährigen eines der wichtigsten Dinge - nämlich Bildung - verwehrt, und bei der Integration werden Prügel zwischen die Füsse geschmissen.

  • 19 Martin Schauerte 09.09.2016, 08:17 Uhr

    Der Kommentar von Frau Herker zeigt wieder deutlich, dass sie sich mit der Lage dieser Jugendlichen überhaupt nicht beschäftigt hat. Ich habe zwei afghanische Pflegesöhne, die mehr mitgemacht haben, als sich jemand in dieser Wohlstandsrepublik überhaupt vorstellen kann. Und wir versuchen alles, um diese Jungen in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihnen eine Ausbildung zukommen zu lassen, damit sie unserer Wohlstandsgesellschaft nicht zur Last fallen. Wäre ja fatal, wenn man sich aufgrund der geleisteten, humanitären Hilfe das neue IPhone nicht mehr leisten könnte...

  • 18 Deli 09.09.2016, 00:36 Uhr

    Und wer zeigt Ihnen dann noch, wie man einen Asylantrag stellt, erklärt Ihnen wo sie sich für eine Schule anmelden, erklärt ihnen die deutschen Werte, bringt ihnen Pünktlichkeit (die nunmal nur in Europa wichtig ist ) bei, erklärt ihnen was sie für einen Ausbildungsbeginn erreichen müssen, warum sie neben einem Flughafen ihre Fingerabdrücke zum 2. Mal abgeben müssen, wie man kocht und haushaltet uvm? Von der emotionalen Nachversorgung ganz zu Schweigen Mit 15 Jahren hätte ich es nicht alles gekonnt um selbstständig wohnen zu können. wenn dann noch die Sprachbarriere und z.T. traumatische Erfahrungen hinzukommen erst recht nicht.