Gefahr aus dem Knast: radikalisierte Islamisten

MONITOR Nr. 671 vom 15.01.2015

Gefahr aus dem Knast: radikalisierte Islamisten

Bericht: Andreas Maus, Marion Schmickler, Andreas Spinrath, Marie Delhaes

Georg Restle: „Die politischen Reaktionen auf die Anschläge von Paris. Sie klingen wie die immer gleichen Rituale. Sicherheitspolitische Reflexe, die auch die Hilflosigkeit verbergen angesichts der Entschlossenheit fanatischer Mörder. Junge Männer, die zu allem bereit sind. Die einen fanatischen Islamismus als Heilsversprechen begreifen und brutale Morde als Märtyrertum. Dabei gäbe es Möglichkeiten, genau diese Entschlossenheit, diesen Fanatismus zu bekämpfen. Es würde nicht einmal viel Geld kosten - und auch nicht unsere Freiheit. Es wäre ein leiserer Weg, der dorthin führt, wo viele junge Menschen sich radikalisieren. In den Gefängnissen.“

Früher putschte er sich mit Musik. Cherif Kouachie, einer der Attentäter von Paris. Ein Rapper, ein Jugendlicher mit unerfüllten Träumen, wie es Tausende gibt. In denen sich Hass anstaut und Wut. Doch Kouachie wurde zum Mörder. Wie Amedy Coulibaly, der im jüdischen Supermarkt Geiseln nahm und mordete. Terroristen einer neuen Generation. Aufgewachsen in den trostlosen Betonburgen einer Pariser Vorstadt. Und noch etwas haben sie gemeinsam, sie waren beide im Gefängnis und sollen sich dort weiter radikalisiert haben in ihrem Glauben oder in dem, was sie dafür hielten. Die islamistische Radikalisierung in Gefängnissen - der Extremismusforscher Peter Neumann hat das Phänomen in fünfzehn Ländern untersucht. Er hält es für weit unterschätzt.

Peter Neumann, Extremismusexperte, Kings College London: „Es ist ganz klar so, dass für extremistische und terroristische Gruppen wie Al-Qaida Gefängnisse eine Brutstätte sind, in der auch versucht wird, zu radikalisieren. Und das hat damit zu tun, dass man in Gefängnissen eine Bevölkerung findet oder Leute findet, die eben eine Einstellung haben, die sie offen macht gegenüber der Ansprache von Radikalisierern und Extremisten.“

Und dann bei vielen nach Syrien oder in den Irak führt. 550 deutsche Islamisten sollen dorthin in den Dschihad gezogen sein. In Deutschland zählt der Verfassungsschutz rund 7.000 Salafisten, darunter 600 gewaltbereite. Und die Zahl derer, die sich auch hierzulande radikalisieren, wächst - auch in Gefängnissen. Drei Beispiele: Marco G. aus Oldenburg. Er wurde wegen Drogendelikten und Raub zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, da war er 19. Erst im Gefängnis entdeckte er den Islam. Heute ist er angeklagt, vor zwei Jahren die Bombe auf dem Bonner Hauptbahnhof platziert und einen Mordanschlag auf einen rechten Politiker geplant zu haben. Emrah E. aus Wuppertal. Als Kleinkrimineller ging er in den Knast, als Gotteskrieger verließ er ihn. 2011 wurde er mit dem Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Kenia in Verbindung gebracht. Für weitere islamistische Straftaten wurde er 2012 in Deutschland verurteilt. Der Solinger Christian E. Britische Ermittler entdeckten auf seiner Festplatte Propagandamaterial von Al-Qaida. In England saß er dafür acht Monate in Haft. Danach kehrte er für kurze Zeit nach Deutschland zurück. Heute kämpft er im Irak für den sogenannten Islamischen Staat und droht.

Christian Emde: „Ob ich zurückkehre nach Deutschland, das weiß ich nicht, das weiß nur Allah. Aber wir werden definitiv zurückkehren. Ja, und das wird nicht mit Freundlichkeiten sein oder sonst irgendwas. Sondern das wird mit der Waffe sein.“

Ihre Biografien zeigen, das Gefängnis spielt oft eine wichtige Rolle auf dem Weg in den Terrorismus.

Peter Neumann, Extremismusexperte, Kings College London: „Es sind junge Männer mit kriminellem Hintergrund. Es sind Leute, die sich existentielle Fragen stellen, die nicht wissen, wo sie mit ihrem Leben hin sollen; gerade jetzt, da sie im Gefängnis gelandet sind. Und es sind Leute, die keine Netzwerke haben. Das heißt, sie sind abgeschnitten von der Familie und sie sind auch wahrscheinlich in vielen Fällen sehr wütend auf den Staat und auf die Gesellschaft. Also genau die Zielgruppe, die eigentlich Salafisten und Dschihadisten ansprechen wollen.“

Wie aber funktioniert diese Radikalisierung? Schließlich gelten Gefängnisse als der vom Staat am besten überwachte Raum. Wie sich radikale Ideologien auch hinter Gittern ausbreiten - der Gefängnisimam Husamuddin Meyer kann darüber einiges berichten. Er arbeitet in hessischen Gefängnissen als Seelsorger für muslimische Gefangene.

Imam Husamuddin Meyer: „Die Politik unterschätzt, dass eben in der ... im Gefängnis sehr viel geredet wird. Dass Ideologien und besonders, wenn es radikalisierte Ideologien sind, dass die sich sehr schnell ausbreiten, dass die einfach von einem Gefangenen auf den anderen übergehen können, wenn man dem nichts entgegensetzt. Dann geht ein ideologisierter, fanatisierter Mensch rein und fünf kommen raus.“

Die Gefahr geht also oft von inhaftierten Radikalen aus, die ihre Ideologie im Knast weiter verbreiten. Und die - wie unsere Recherchen zeigen - von außen unterstützt werden. Ansarul Aseer beispielsweise gibt sich als wohltätige Gefangenenhilfe. Ansarul Aseer, das bedeutet „Unterstützer der Kriegsgefangenen“. Zu den Initiatoren gehören auch mit Haftbefehl gesuchte deutsche Radikale wie der Ex-Rapper Denis Cuspert. Er kämpft heute in Syrien für den Islamischen Staat. Andere selbsternannte Soldaten Allahs warten auch vor den Gefängnistoren, wie dieses Video zeigt. Hier filmen sie, wie sie einen Inhaftierten direkt nach seiner Entlassung ansprechen. Thomas Mücke kennt die Strategien der Islamisten. Mit Präventions- und Deradikalisierungsprojekten kümmert sich seine Organisation in Gefängnissen um gefährdete Jugendliche.

Thomas Mücke, Violence Prevention Network e. V.: „Es geht ja um junge Menschen, und die sind ja noch erreichbar. Wir müssen gucken, dass wir diese Möglichkeiten finden, mit diesen jungen Menschen zu arbeiten, mit ihnen in Kontakt zu treten. Wenn wir es nicht tun, überlassen wir diese Menschen den Extremisten. Und das darf nicht passieren.“

Die Arbeit war bisher erfolgreich. Vor anderthalb Jahren drehte MONITOR in der Justizvollzugsanstalt Hameln. Die meisten hier sind Muslime. Sie machen nicht nur ein Antigewalttraining. In dieser Tätergruppe müssen sie sich auch mit ihrem Glauben auseinandersetzen, mit religiösem Fanatismus. Und lernen so, sich zu schützen vor islamistischen Einflüsterern. Auch ihn trafen wir vor anderthalb Jahren im Knast. Seit ein paar Wochen ist er raus und erzählt uns, wie ihm das Projekt geholfen hat.

Ex-Häftling JVA Hameln (Stimme nachgesprochen): „Der Kurs hat mir die Augen geöffnet. Hat mir viel geholfen. Hat mich aufgeweckt, Und mir ist klar geworden, worauf es im Leben ankommt. Was muss ich machen? Wie kann ich anders reagieren? Es muss ja nicht alles so ablaufen. Wer weiß, wo ich jetzt wäre, wie weit ich noch gegangen wäre?“

Mehr als 700 extremistisch gefährdete Straftäter wurden bundesweit bislang betreut. Abschied von Hass und Gewalt - ein Erfolgsprojekt. Und doch soll damit jetzt Schluss sein. Die Finanzierung ist in vielen Bundesländern ausgelaufen. Und die Politik? Die hatte was anderes versprochen. Im Sommer 2013 beschlossen die Justizminister der Länder, dass gerade solche Programme gegen Radikalisierung dauerhaft und flächendeckend finanziert werden sollen. Aber bislang sind den Worten kaum Taten gefolgt.

Peter Neumann, Extremismusexperte, Kings College London: „Wir bräuchten in Deutschland eine richtig durchdachte Strategie, wo man sagt, das sind Projekte, die funktionieren, die finanzieren wir weiter, das ist es, was wir erreichen wollen und das gibt es momentan nicht. Deswegen, wir reden immer über Prävention, aber was tatsächlich existiert, ist mehr oder weniger Kraut und Rüben.“

Husamuddin Meyer, Gefängnis-Imam: „Mein dringender Appell schon seit Jahren eigentlich, aber jetzt umso dringender, reagieren Sie jetzt!“

Das Gefängnis als Brutstätte für Terror. Wer einen Anschlag in Deutschland verhindern will, müsste hier entschieden ansetzen.

Georg Restle: „Die Bundesjugendministerin hat diese Wochen angekündigt, mehr Geld in solche Präventionsprojekte stecken zu wollen. Hoffen wir, dass den Ankündigungen dieses Mal auch Taten folgen.“

Stand: 13.01.2015, 15:26

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2 Kommentare

  • 2 Günter Dürr 15.01.2015, 22:34 Uhr

    Liebes Monitor, um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass diese Anschläge noch mit religiösem Fanatismus zu tun haben, und das macht die Sache extrem gefährlich. Es ist ein Kampf Arm gegen Reich. Und diese Gefahr wurde unterschätzt, obwohl ATTAC schon vor Jahren darauf hingewiesen hat. Es ist eine neue Form des Fatalismus, der so in Religionen nicht existiert. Traurig, sehr sogar, und die Politik schwafelt weiter, oberpeinlich. Lösungsmöglichkeiten gäbe es ja, zumindest ansatzweise. ma ja, es ist eine verrückte Welt, die gab es schon immer, aber eigentlich sollten wir uns jetzt mal drum kümmern, dass die Probleme dieser Welt gelöst werden. Es ist feige, sich unter dem Namen einer Religion zu verstecken, um Kamikaze zu spielen. Andererseits bieten Religionen per se ein hohes Gewaltpotential. Unterm Strich bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Welt zum Positiven verändert, indem mehr Verteilungsgerechtigkeit entsteht. Schöne und freundliche Grüsse, Günter Dürr

  • 1 Radunski 15.01.2015, 22:15 Uhr

    Gefahr aus dem Knast ist der falsche Titel.Besser sollte es heißen hilfe für menschen. Es wäre besser allen die es wollen Arbeit zu existenzsicherdem Einkommmen zu ermöglichen in Deutschland so das viele nicht in den Knast kommen müssten. Aber die Regierenden haben immer geld für Bankenrettung,Kriegswaffen für Afganistan oder andere Staaten,für U-Boote aber5 kein Geld für Bildung,Arbeitsplätze. Der Knast ist immer nur die Wirkung.Die Ursache liegt in der Politik des systems