Das große Artensterben: Wie die Agrarpolitik Julia Klöckners die Artenvielfalt bedroht

MONITOR vom 02.05.2019

Das große Artensterben: Wie die Agrarpolitik Julia Klöckners die Artenvielfalt bedroht

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Bericht: Elke Brandstätter, Shafagh Laghai, Achim Pollmeier

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Georg Restle: „Es sind dramatische Appelle rund um die große Artenschutz-Konferenz der Vereinten Nationen, die gerade in Paris stattfindet. Die Artenvielfalt sei weltweit so stark bedroht wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Über eine Million Pflanzen- und Tierarten drohen für immer zu verschwinden. Arten, wie wir sie in Deutschland auf solchen Blumenwiesen finden, von denen es aber kaum noch welche gibt. Stattdessen oft solche Flächen: Intensiv genutzt von der Landwirtschaft, ohne Schutz und Nahrung für Insekten, Vögel oder Kleintiere. Eine Agrarwende fordern Wissenschaftler jetzt immer dringlicher, um zu retten, was noch zu retten ist. Aber damit beißen sie sich an einer Ministerin die Zähne aus, die oft nicht mal auf den Rat ihrer eigenen Berater hören will. Elke Brandstätter, Achim Pollmeier und Shafagh Laghai.“

Ein sonniger Morgen im Rheinland. Wir sind mit dem Biologen Christian Chmela von der Biologischen Station Bonn/Rhein-Erft auf der Suche nach dem Vogel des Jahres. Die Feldlerche, früher ein Allerwelts-Vogel, heute eine gefährdete Art.

Christian Chmela, Biologische Station Bonn/Rhein-Erft: „Sie findet immer weniger Nahrung und das hängt mit dem Verschwinden von Strukturen zusammen. Das hängt mit immer effizienterer Landwirtschaft zusammen und sie braucht diese Strukturen, blütenreiche Säume und so weiter, um ein Insektenangebot für die Jungenaufzucht zu haben.“

Ein typisches Beispiel wie intensive Landwirtschaft in Deutschland viele Arten bedroht. Am Feldrand nur schmale Grasstreifen, auch im Feld keine Blüte, kein Kraut,  stattdessen immer größere Felder, Monokulturen. Vielen Tieren geht so die Lebensgrundlage verloren. Das Artensterben in Deutschland ist in vollem Gange. Fast die Hälfte aller Wildbienenarten ist gefährdet, auf der roten Liste stehen auch der Feldhamster und viele Vogelarten wie das Braunkehlchen, der Kiebitz, das Rebhuhn. Seit Montag berät in Paris der Welt-Biodiversitätsrat der Vereinten Nationen. Weltweit könnten eine Million Arten verloren gehen. In Deutschland sei dafür maßgeblich die Landwirtschaft verantwortlich, sagt Josef Settele, einer der Autoren des Berichts, der hier beraten wird.

Prof. Josef Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: „Wir können uns das eigentlich nicht leisten, die Arten zu verlieren, da sie für uns ein wesentliches Versicherungselement für die Zukunft sind. Also, Insekten als Beispiel haben ganz viele Funktionen, ganz viele Leistungen, die wir selbstverständlich in Anspruch nehmen. Schädlingsbekämpfung ist einer davon, Bestäubung das andere. (...) Und wenn wir über Veränderungen eben dann keine Art mehr haben, die einspringen können, wenn andere ausfallen, dann haben wir uns zu stark ins Risiko begeben.“

Mehr Artenschutz in der Landwirtschaft - das verspricht auch Ministerin Julia Klöckner seit ihrem Amtsantritt. Und beteuert:

Zitat: „Bei Entscheidungen sind für mich wissenschaftliche Daten und Fakten ausschlaggebend, nicht das Bauchgefühl oder Stimmungen.“

Wirklich? Selbst eigene Berater der Ministerin beklagen ganz offen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse einfach ignoriert würden. Bei den Agrarsubventionen, bei Pestiziden oder bei der Düngung.

Prof. Friedhelm Taube, Agrarwissenschaftler, Uni Kiel: „In diesem Bereich passiert nichts. Ganz einfach deshalb, weil der Einfluss der Lobbyverbände so stark ist, dass die Umsetzung in vernünftige, wissenschaftsbasierte Politiken nicht stattfindet.“

Das Problem mit der Düngung. Zu viel Gülle wird auf Wiesen und Äckern entsorgt. Das belastet das Grundwasser, es entsteht Feinstaub - und auch für die Artenvielfalt ist das ein großes Problem. Ministerin Klöckner spielt auf Zeit, will strengere Vorgaben der EU noch wegverhandeln, verweist auf die vor zwei Jahren geänderte Düngemittelverordnung. Doch die würde nur wenig ändern, warnen Experten. Friedhelm Taube ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Agrarministeriums. Seit Jahren überschreitet Deutschland die Grenzwerte, seit Jahren fordern Taube und seine Kollegen politisches Handeln. Vergeblich, sagt er.

Prof. Friedhelm Taube, Agrarwissenschaftler, Uni Kiel: „Wenn wir die EU nicht hätten und die EU-Kommission nicht hätten, die Deutschland auf die Finger schaut, dann wäre jetzt ja auch in Bezug auf die Düngeverordnung gar nichts passiert. Dann hätte man so weiter gewurschtelt, um es mal vereinfacht auszudrücken.“

Beispiel Pestizide. Experten fordern, den Einsatz drastisch zu reduzieren. Die Landwirtschaftsministerin will das auch, sagt sie. Vor allem, wenn es um ein Insekt geht.

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft: „Bienen sind systemrelevant. Und was der Biene schadet, muss vom Markt.” „Und ich sage auch immer, das was dann der Biene schadet, das muss dann weg vom Markt, denn die Biene ist systemrelvant.“ „Wenn die Biene - und was nachgewiesen ist - systemrelevant ist, müssen wir an die Ursache rangehen.“

Julia Klöckner, die Freundin der Biene. Bei der Reduzierung der Pestizide verspricht sie Erfolge. Seltsam, bereits 2017 hat ihr Ministerium an die EU-Kommission gemeldet, das Risiko etwa für Wasserorganismen durch den Einsatz von Pestiziden sei deutlich gesunken. Professor Mathias Liess kann das nicht nachvollziehen. Er ist ausgewiesener Experte für Auswirkungen von Pestiziden auf Wasserorganismen - und wissenschaftlicher Berater des Landwirtschaftsministeriums. Schon damals hatte er der Einschätzung des Ministeriums widersprochen.

Prof. Matthias Liess, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: „Mit gewissen Schwankungen gibt es eine Zunahme des Risikos, des Pestizidrisikos über die Jahrzehnte hinweg. Es ist also meiner Ansicht nach überhaupt nicht nachzuvollziehen, dass es dort eine Abnahme gibt.“

Und es geht nicht nur um Gewässer: Unabhängige Berechnungen zeigen: Die Giftbelastung auf deutschen Ackerflächen nimmt seit Jahren zu, nicht ab. Mit verheerenden Folgen für die  Artenvielfalt. Darauf müsse die Politik schnell reagieren, fordern Berater des Ministeriums nahezu einhellig.

Prof. Matthias Liess, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: „Das heißt also, wir müssen versuchen, Zulassungen zu verbessern und nicht nur die Zulassung zu verbessern, sondern auch die Bewirtschaftung zu verändern.“

Immer mehr Gift und Gülle auf den Äckern, die Artenvielfalt bedroht. Und kaum solche Flächen: Christian Chmela untersucht ein Feld, das ein Landwirt eigens für den Artenschutz angelegt hat. Viele verschiedene Blühpflanzen - und damit auch Insekten.

Christian Chmela, Biologische Station Bonn/Rhein-Erft: „Wir treffen auf sehr viel positives Wollen und arbeiten mit viel Landwirten sehr, sehr gut zusammen und versuchen das jetzt sozusagen von unten aufwachsen zu lassen, aber einen echten Schwenk, eine echte Kehrtwende im Verlust der Artenvielfalt werden wir erst erreichen, wenn sozusagen auch von oben eine grundlegende Änderung in der Agrarpolitik eingeleitet wird.“

Es geht um die Agrarsubventionen. Ministerin Klöckner will die Subventionen künftig stärker an Umwelt- und Klimavorschriften binden, sagt sie. Bisher hat sie ihre Möglichkeiten dazu allerdings nicht ausgeschöpft. Weiterhin sollen die Subventionen nach Ansicht der Ministerin vor allem die Einkommen der Landwirte verbessern - auch dabei ignoriert sie den Rat ihrer Experten.

Prof. Friedhelm Taube, Agrarwissenschaftler, Uni Kiel: „Also sämtliche wissenschaftlichen Organisationen, die sich mit der Gemeinsamen Agrarpolitik beschäftigen, haben seit vielen, vielen Jahren empfohlen, das jetzige System abzuschaffen und das zu ersetzen durch ein System mit zum Beispiel Gemeinwohlprämien. Das bedeutet, dass Landwirte dann wirklich über Ökopunkte dokumentieren. Ich habe die und die und die Leistung für die Gesellschaft zusätzlich erbracht, vollgemerkt zusätzlich, für die ich bezahlt werde.“

Das Landwirtschaftsministerium teilt uns schriftlich mit, es sei wichtig, unterschiedliche Expertisen anzuhören. Trotzdem könne man nicht immer einer Meinung sein.

Georg Restle: „Na ja, vielleicht würde es ja schon reichen, mehr auf die Meinung der Wissenschaftler zu geben, die eindeutig unabhängig sind.“

Stand: 02.05.2019, 22:15

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24 Kommentare

  • 24 Uwe Schulze 20.05.2019, 07:32 Uhr

    Wenn der Blick von Politikern nur auf aufs Geld fällt. Ein ähnliches Problem haben wir bei den Seehunden, denn dort steht das Wort eines Seehundjägers ohne tierärztliche Ausbildung über dem Wort eines Tierarztes, der feststellen kann ob ein Tier krank ist oder nicht. Und somit wird geschossen bis der Lauf glüht. Das zu Meinungen von Fachleuten. Wir schaffen es schon unseren Planeten unbewohnbar zu machen, dazu bedarf es nur käuflicher Politiker*innen, Lobbyisten und ignorante Bürger*innen. Und am Ende kommt die berühmte Frage:“Wie könnte das nur passieren?“ Viele scheinen stumpf zu ignorieren das es hier nur um Geld geht. Das Leben als solche, die Gesundheit und den Erhalt von Menschheit und Planet sehen diese Leute nicht, denn hier zählt nur Provit. Das Leben insgesamt hat einen zu geringen Stellenwert erhalten.

  • 23 Micha 11.05.2019, 12:45 Uhr

    Eine Art ist schon fast ausgestorben.......die der guten Journalisten.

  • 22 Peter 08.05.2019, 19:44 Uhr

    Was sollen wir von dieser Regierung halten? Die Ministerin Swenja Schulze nimmt an Umweltkonferenzen teil, währenddessen die Ministerin des Landwirtschaftsministerium Julia Klöckner eine Liste von Pestiziten genehmigt. Im Ausland werden Lebensmittel erfolgreich mit einer Ampel gekennzeichnet. Der Zuckergehalt vieler Lebensmittel wurde reduziert. Aber die Ministerin des Landwirtschaftsministerium schafft noch nicht einmal das. Sie sollte sich einmal mit ihren europäischen Kollegen unterhalten.

  • 21 Arne Paulsson 07.05.2019, 23:37 Uhr

    wie kann ein mensch so dahmlich grinsen während sie die zukunft der kommenden generationen wohlwissend zerstört. unbelievebale

  • 20 Sherlock 04.05.2019, 11:04 Uhr

    Vor- und nach ihrer offiziellen Hochzeit tanzt Frau Klöckner auf allen sich bietenden Hochzeiten...

  • 19 Han Ulrich Otto 03.05.2019, 21:22 Uhr

    Man weiß gar nicht mehr, wie diese Klöckner tickt: Ist sie zu blöd, zu merken, was sie anrichtet, oder hat sie sich so tief im Lobbysumpf vergraben, dass sie gar nicht mehr anders kann ? Ich hoffe nur, dass ihr bald ihre haarsträubende Politik um die Ohren fliegt. Es fängt bei Glyphosat an und hört bei der abgelehnten Lebensmittelampel auf. Hatte die keinen Amtseid zu leisten, wer schaut ihr auf die Finger... wo ist die SPD ? Diese Frau ist untragbar, sie muß dort weg... tut endlich was.

  • 18 Hans Gresshöner 03.05.2019, 18:03 Uhr

    Wenn wir immer mehr Gifte aufem Acker hätten,wäre unser Essen belastet. Wir aber leben immer länger,müssen immer weniger körperlich arbeiten und haben Zeit,unsere negativen Emotionen in Foren zu posten.

  • 17 Joel Suile 03.05.2019, 12:36 Uhr

    Merkmal Zahl der Betriebe in 1 000 Deutschland 1) 1999 2010 2016 Betriebe insgesamt 461,9 301,1 276,1 Anm.: Ergebnisse der Landwirtschaftszählungen 1999 und 2010 sowie der Agrarstrukturerhebung 2016 (jeweils repräsentativ). 1) Einschließlich Stadtstaaten. Q u e l l e: Statistisches Bundesamt, BMEL (723). Jeder der einigermaßen rechen kann, sollte erkennen, dass die bäuerliche Landwirtschaft selbst auf der Roten Liste steht. Immer neue und aufwändiger zu händelnde Gesetzgebung lässt es nicht zu, dass sich der Familienbetrieb behaupten kann. Jegliches Bemühen unserer redlichen Betriebe wird mit Pauschalaussagen und Güllefassbildern im Keim erstickt. Fördern sie nur weiter die Agrarindustrie mit ihren Aufklärungskampangen gegen "die Landwirtschaft". Fakt ist, dass ein enormer Generationswechsel in der Landwirtschaft ansteht und wir keine jungen Menschen mehr haben die sich als Sündenböcke für eine ganze Nation anbieten.

  • 16 Ralf Henske 03.05.2019, 09:14 Uhr

    Ich finde, wenn man Schweine züchtet um ihr Fleisch nach China oder sonst wo zu exportieren, sollte man auch die anfallende Gülle gleich mit exportieren. Es kann doch nicht sein, das man im Ausland sich die Schmitzel und andere Schweinefleischprodukte schmecken läßt, während wir hier in Deutschland immer aufwendiger und vielleicht bald auch kostenintensiver, unser Trinkwasser von Nitrat reinigen müssen. Daher finde ich, dass die Chinesen ihr Schweinefleisch selber produtzieren sollten. Das ist aus meiner Sicht, der beste Schutz von Gülleüberschüssen in der deutschen Landwirtschaft.

    • Hans Gresshöner 03.05.2019, 17:55 Uhr

      Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 15 Antonietta 03.05.2019, 08:13 Uhr

    160 Millionen Kubikmeter Gülle: In Deutschland verdreckt die Massentierhaltung das Grundwasser.

    • Anonym 03.05.2019, 17:57 Uhr

      fake news!

  • 14 Pfisterer 03.05.2019, 07:38 Uhr

    Die Arbeitsweise mancher Journalisten ist schon recht einseitig und nicht sehr kompetent. Wir sprechen hier über öffentlich rechtliches Fernsehen.Jounalisten sollten mal die ganzen Fakten auf den Tisch legen und seriös arbeiten. Denn nur die Hälfte der Fläche der Brd ist Landwirtschaftlich genutzt. Die anderen 50% sind Städte ,Siedlungen Verkehsflächen Wasser Wald etc. Aber der Bauer ist zu 100% am Artensterben schuld? Die Bauern säen schon seit mehreren Jahren Blumenwiesen aus , Pflegen Biotope etc. Was macht der Rest der Gesellschaft? Reisen,Fahren,Konsum und Steingärten anlegen. Von der ARD hätte ich einen anderen Journalismus erwartet. Wenn wir Bauern so arbeiten würden wäre Deutschland schon längst verhungert. Sauber gearbeitet .