Pfarrer im Visier der Justiz: Ende des Kirchenasyls?

MONITOR vom 14.03.2019

Pfarrer im Visier der Justiz: Ende des Kirchenasyls?

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Bericht: Lara Straatmann, Shafagh Laghai

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Georg Restle: „Es ist ein bisher einmaliger Vorgang: Hausdurchsuchungen in vier Kirchengemeinden im Hunsrück. Polizisten dringen in Privat- und Kirchenräume vor, beschlagnahmt werden hochsensible Daten auch aus dem seelsorgerischen Bereich. Der Staat macht mobil gegen Kirchen. Guten Abend und willkommen bei MONITOR. Es ist ein beispielloser Angriff auf das sogenannte Kirchenasyl, der zeigt, mit welcher Härte der Staat mittlerweile selbst gegen Kirchen vorgeht, wenn es nur darum geht, Flüchtlinge aus dem Land zu schaffen. Schon im letzten August wurden die Regeln für das Kirchenasyl verschärft, seitdem ist die Zahl der Fälle deutlich zurückgegangen. Und jetzt greift auch die Justiz durch - aufgrund von Anzeigen, die ausgerechnet ein Landrat gestellt hat, dessen Partei das Christentum im Namen trägt. Lara Straatmann und Shafagh Laghai.“

Rheinböllen im Hunsrück, ein 4.000-Seelen-Dorf. Mitten im Dorf nahe dem Marktplatz steht die evangelische Kirche. Wolfgang Jöst ist hier seit fünf Jahren Pfarrer. Probleme mit der Polizei hatte er bisher nie. Doch Ende Januar stehen morgens plötzlich fünf Beamte von Polizei und Staatsanwaltschaft vor seiner Tür - mit einem offiziellen Durchsuchungsbeschluss. Die Staatsanwaltschaft fordert Ordner und Dateien mit höchst vertraulichen Dokumenten.

Pfarrer Wolfgang Jöst, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Rheinböllen: „Im ersten Moment habe ich gedacht, was ist jetzt? Werde ich gleich festgenommen? Also ich hatte schon das Gefühl, dass ich einer kriminellen Vereinigung angehöre. Das war ja eine Razzia, zeitgleich, so als ob wir Drogen vertickt hätten.“

Und nicht nur bei Pfarrer Jöst wird durchsucht. Zeitgleich finden auch bei drei weiteren evangelischen Gemeinden im Hunsrück Hausdurchsuchungen statt. Die Beamten beschlagnahmen aus kirchlichen und privaten Räumen ein Handy, Dokumente, sogar seelsorgerische Daten.

Pfarrer Wolfgang Jöst, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Rheinböllen: „Problematisch war in der Tat, dass sie von unserem PC ganze Dateiensammlungen gezogen haben, Also, da waren auch seelsorgerisch vertrauliche Dinge dabei. Das ist sicherlich ein Eingriff gewesen.“

Was war passiert? Im März vergangenen Jahres lernte Pfarrer Jöst Magdi kennen - ein Christ aus dem Sudan. Magdi war über Italien nach Deutschland gekommen, deshalb sollte er dorthin zurück. Das wäre lebensgefährlich gewesen, meint Jöst, denn damals war Magdi schwer krank, sagt er.

Pfarrer Wolfgang Jöst, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Rheinböllen: „Es hätte keine medizinische Versorgung gegeben. Er hatte Magenbluten, das war ziemlich dramatisch in den ersten 14 Tagen hier im Kirchenasyl. Und der wäre wahrscheinlich auf der Straße verblutet.“

Für den Pfarrer ein Härtefall. Ein ärztliches Attest lag vor, für die Behörden kein Grund, die Rückführung zu stoppen. Was mit Flüchtlingen passiert, die nach Italien zurückgeführt werden, haben Hunsrücker Gemeindemitglieder selber dokumentiert. Die Menschen landen auf der Straße. Immer wieder würden italienische Beamte Zeltlager räumen, das Hab und Gut der Menschen verbrennen. Davor wollte Pfarrer Jöst Magdi bewahren, mit Hilfe des Kirchenasyls. Für ihn sei das eine Gewissensentscheidung. Nie zuvor hatte er so etwas gemacht. Das Kirchenasyl ist kein festgeschriebenes Recht. Eher eine Art Abmachung zwischen Staat und Kirchen. Bisher respektierte der Staat diese besondere Regelung mit den Kirchen. Doch damit ist jetzt offenbar Schluss. Gegen fünf Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Hunsrück ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Ihnen wird vorgeworfen, aufenthaltsbeendende Maßnahmen behindert zu haben. Außerdem hätten sie angeforderte Unterlagen nicht eingereicht. Die Pfarrer widersprechen. Sie hätten sich an alle Regeln gehalten. Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft - für sie völlig unverhältnismäßig.

Christian Hartung, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Kirchberg-Kappel:„Unserer Überzeugung nach haben wir nichts Strafbares gemacht, denn das, was wir getan haben, ist ja immerhin auch von staatlicher Seite mit den Kirchen gemeinsam geregelt worden. Es gibt Vereinbarungen, an die haben wir uns punktgenau gehalten.“

Pfarrer Wolfgang Jöst, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Rheinböllen:„Man will das Kirchenasyl beenden, das soll es möglichst nicht mehr geben. Also unser Landrat hat ja auch deutlich gesagt, das gehört ins Mittelalter.“

Der Landrat hatte die Pfarrer angezeigt und damit die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Der Christdemokrat lehnt das Kirchenasyl ab - grundsätzlich.

Marlon Bröhr (CDU), Landrat Rhein-Hunsrück-Kreis: „Ein Kirchenasyl ist sogar deutlich aus einer Zeit vor dem Mittelalter. Es ist auf jeden Fall sehr weit vor der Zeit, wo wir in Deutschland das Glück haben, in einem Rechtstaat leben. Und ich glaube, dass das Instrument als solches in der heutigen Zeit nicht benötigt wird.“

Angriff aufs Kirchenasyl: Schon letztes Jahr hatten die Innenminister die Regeln deutlich verschärft. Seitdem gilt: Lehnt das BAMF den Härtefall ab, gelten Menschen im Kirchenasyl als flüchtig, also unauffindbar. Absurd, finden die Pfarrer.

Christian Hartung, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Kirchberg-Kappel:„Das Skurrilste war für uns, dass die Flüchtlinge hier in der Verbandsgemeinde angemeldet wurden, dass sie Müllgebührenbescheide bekamen, dass sie Bescheide bekamen für Rundfunk- und Fernsehgebühren, dass sie also ganz offiziell als hier angemeldete, ja, wie als Mieter eigentlich behandelt wurden.“

Die Folge der Verschärfung: Die Zahl der Kirchenasyle ging letztes Jahr rapide zurück. Von 1.180 Anträgen im ersten Halbjahr auf 341 nach August. Die Politik feiert das als Erfolg. Präses Manfred Rekowski von der Evangelischen Kirche im Rheinland kann die Aufregung nicht verstehen. Schon vor der Verschärfung seien die Zahlen gering gewesen.

Manfred Rekowski, Präses der evangelischen Kirche im Rheinland: „Kirchenasyl ist für uns deswegen wichtig, weil es um humanitäre Einzelfälle geht, aber es ist nicht ein Massenphänomen, was den Rechtsstaat gefährdet oder unsere Gesellschaft in irgendeiner Weise bedrohen könnte. Und ich finde, ich sage das auch mal sehr deutlich, wir sollten in unseren politischen Debatten, auch in der Debatte um Kirchenasyl, nicht dem Agenda-Setting von radikalen, politischen Parteien folgen.“

Auch für die Gemeinden und ihre Pfarrer ist der Umgang mit dem Kirchenasyl Ausdruck für eine getriebene Politik.

Wolfgang Jöst, Pfarrer, Evangelische Kirchengemeinde Rheinböllen: „Man braucht Abschiebezahlen, man gibt der Stimmung nach, die von rechter Seite ziemlich geschürt wird, und versucht die Leute, die Hilfe leisten, einzuschüchtern, natürlich. Aber ich denke, das lassen wir nicht - uns einschüchtern.“

Stand: 15.03.2019, 13:30

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26 Kommentare

  • 26 Squareman 24.03.2019, 13:07 Uhr

    Wo ist das Problem? Die Kirchen stehen nicht über dem Gesetz. Es ist überfällig das die Privilegien der Kirchen gestrichen werden. Im Grundgesetz steht was von Trennung von Kirche und Staat, die Realität sieht aber anders aus. Also, wieso setzt man sich hier derart vehement für eine kirchliche Paralleljustiz ein?

  • 25 Janett Harnack 21.03.2019, 16:40 Uhr

    Ich arbeite auch in einer Kirchengemeinde und wir leben seit 2015 friedlich mit Geflüchteten zusammen, begleiten sie und Ehrenamtliche geben durchweg in der Kirche und der Flüchtlingseinrichtung Deutschunterricht seit 3 Jahren. Ja, wir leben in einem Rechtsstaat. Leider stellen wir zunehmend fest, dass Geflüchteten zunehmend diese Rechte beschnitten werden und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Die Eine im Amt findet Flüchtlinge in Deutschland nicht gut, ist aber für sie zuständig. Der Andere will sich nicht über Gebühr zu Erkennen geben, ist aber in politischer Verantwortung. Es sind viele Facetten verantwortungslosen Handelns, das politisch gedeckt wird. Wir haben meiner Meinung nach kein Flüchtlingsproblem, können aber eins bekommen. Dieser Umgang macht etwas mit den Menschen, egal ob sie schon immer hier lebten oder warum auch immer, hier eine neue Heimat notgedrungen erhoffen! Leider vermisse ich entschiedene Worte der EKD! Wir sind verantwortungsvolle Mitarbeiter!

  • 24 Ausweisverlust, Asylrecht 21.03.2019, 11:11 Uhr

    Man sollte endlich die Definitionen „Flüchtlinge“ und „Asyl“ überdenken. Meiner Meinung nach gibt es „Flüchtlinge“ bewirkt durch Kriegswirkungen, so z.B. Afghanistan, Syrien, Ostukraine usw., (denkwürdigerweise fast alles Länder gegen die die USA Krieg führt). Es gibt sicherlich auch Armutsflüchtlinge welche bei uns Asyl suchen. Doch kleine Kinder und Jugendliche, welche in ihren Heimatländern mit Sicherheit nicht politisch aktiv sind, welche es jedoch doch schafften mit dem Troß der Völkerwanderung zu uns zu gelangen sind wahrscheinlich keine „Flüchtlinge“. Sie wurden wahrscheinlich vorgeschickt um im Zuge des Familiennachzuges in unser Land in Massen einzuwandern. Glaubensgemeinschaften sollten kein Recht haben sich als ein vom Staat unabhänger Kleinstaat zu verstehen in dem unser Staat Deutschland kein Hoheitsrecht hat. Ansonsten könnte auch jeder Bürger in seinem Haus und Grundstück Menschen Asyl gewähren ohne dass der Staat ein Zugriffsrecht hat. Das ist Unrecht.

  • 23 Andre 21.03.2019, 06:43 Uhr

    Es gibt gar kein Kirchenasyl. Darum auch kein Ende.

  • 22 Frank 21.03.2019, 00:04 Uhr

    Rheinland-Pfalz wird ja schlimmer als Bayern, schieben ja auch Pflegefachkräfte und Azubis ab.

  • 21 Marina56 aus NDS 16.03.2019, 17:20 Uhr

    Hallo Herr Ralf Henske ...... Ich bin Ihrem Link aus dem Kommentar gefolgt. Ich habe auf Google recherchiert. Ergebnis: Ralf Henske -Blindenverein- und Ralf Henske -Grüne-. Ralf Henske - Austritt-. ___ Um Ihre Meinung einordnen zu können ... Eine Nachfrage meinerseits. Kann ich diese Artikel ein und derselben Person zu ordnen? Oder ist nur eine Namensgleichheit entstanden? Wenn ja? Was war der Grund für Ihren Austritt? ___ Mit Gruß, Marina.

  • 20 Miriam S 16.03.2019, 14:13 Uhr

    Mir fällt auf, dass die Staatsmacht sich gegenüber der katholischen Kirche in diesem Fall mal wieder sehr " zurückhält ". Dort steht also wieder das Recht der Kirche über dem Recht de Staates und das erfordert dringend , dass der deutsche Staat endlich die Verträge mit Rom aufkündigt, auch wenn des denn einiges kosten könnte vor allem für den Staat, weniger für Rom , dass sich seine Pfründe längst gesichert hat.

  • 19 Ralf Henske 16.03.2019, 09:34 Uhr

    Für den MONITOR-Beitrag vom 16.08.2018 Angriff aufs Kirchenasyl: "mit Schützenhilfe der Grünen" - https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/kirchenasyl-116.html kommentierte ich unter anderem: "Ach ja - liebe C-Union, wenn die christliche Union Hand an das Kirchenasyl legen will, dann sollte die CDSU ihre christlichen Werte vernünftigerweiser in die Tonne hauen und sich auf das besinnen, auf das Axel von Dressler hinweist: . So - jetzt aber, Tonne her, Deckel auf, christliche Werte rein und schnell wieder den Deckel drauf.

  • 18 Marina56 aus NDS 16.03.2019, 03:46 Uhr

    Naja ... mit solchen Gesetzen lässt sich am rechten Rand fischen. Frau Annegret Kramp-Karrenbauer setzt es fort ( am politischen Aschermittwoch). Obwohl schon Herr Dobrindt und Söder zuvor durch Framing Wähler vergrault haben, die Bürger der sog. Mitte. Bündnis90/Die Grünen sagen: Danke schön. Rechte Menschen haben es nicht sooo mit den Menschenrechten.

  • 17 Gundermann 15.03.2019, 17:13 Uhr

    Ich bin kein Christ und auch nicht religiös. Bin auch kein Befürworter der Kirchen. Diese Tat ist unter ethischen Gesichtspunkten in jedem Fall zu rechtfertigen. Es sollte in solchen Fällen tatsächlich einen zivilen Widerstand geben. Ohne Kirchenasyl.

  • 16 Wolfgang aus Greifswald 15.03.2019, 07:30 Uhr

    Es hilft nur noch ziviler Ungehorsam gegen die offensichtlichen Finten und boshaften Gemeinheiten gegen Menschen, die Krieg und Gewalt entronnen sind. Das wird nun in einem "christlich-demokratisch" regierten Land immer gefährlicher. Auch mir ist es in Zusammenarbeit mit vielen Gleichgesinnten gelungen, einem lieben Menschen die Abschiebung zu ersparen. Und ich würde es immer wieder tun. Wer wirklich Dreck am Stecken hat soll und muß dafür bezahlen. Aber die Gesamtheit der Geflüchteten unter Generalverdacht zu stellen ist Unrecht, bleibt Unrecht und wird auch weiterhin auf unseren Widerstand treffen.