Bescheidene Kirche? Der Reichtum der deutschen Bistümer

MONITOR Nr. 674 vom 09.04.2015

Bescheidene Kirche? Der Reichtum der deutschen Bistümer

Bericht: Achim Pollmeier, Georg Wellmann, Frank Konopatzki, Gregor Landwehr

Georg Restle: „Kämpfende Kurden im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat; exklusive Bilder unserer Reporter direkt von der Front im Nordirak. Auch mit deutschen Waffen wird dort gekämpft. Aber wer kämpft da eigentlich gegen wen?

Gut möglich, dass Sie diesen Krieg gleich mit ganz anderen Augen sehen. Willkommen bei MONITOR. Zunächst aber zu einer österlichen Tugend, die der Papst in Rom auch bei seiner diesjährigen Osterbotschaft predigte - Bescheidenheit. Ein großes Wort, das vor allem den deutschen Bischöfen in den Ohren klingeln dürfte. Die hiesigen Bistümer gehören nämlich zu den reichsten der Welt. Wie reich, dieses Geheimnis hüten die Bischöfe so gut wie ihre Kirchenschätze - bis jetzt. Denn es sollte ja alles anders werden, nachdem der Limburger Bischof Tebartz-van Elst wegen seiner Luxusresidenz in die Schlagzeilen geriet und die deutschen Bischöfe versprachen, ihr Kirchenvermögen endlich offen zu legen. Die ersten Berichte liegen jetzt vor. Wir haben reingeschaut und nachgerechnet.“

Der Reichtum der katholischen Kirche. Er gehört zu ihren größten Mysterien. Sie kassiert Milliarden an Kirchensteuer, ihr Vermögen aber kennt niemand. Doch es gab einen Skandal. Vor zwei Jahren stürzte der frühere Bischof von Limburg die katholische Kirche in eine ihrer größten Krisen. Und dann gab es ein Versprechen.

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: „Das Vermögen muss durchsichtig und transparent und nachvollziehbar sein. Und das war es in der Vergangenheit nicht hundertprozentig.“

Durchsichtig und nachvollziehbar. So verspricht es auch der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki. Sein Bistum ist das größte in Deutschland, eines der reichsten auf der Welt. Und kürzlich hat es zum ersten Mal einen detaillierten Finanzbericht vorgelegt. Es ist ein umfangreiches Zahlenwerk, erstellt nach den Regeln des Handelsgesetzbuchs. Für die Kirche ein beachtlicher Schritt. 3,35 Milliarden Euro, so hoch beziffert das Erzbistum Köln selbst sein Vermögen. Eine gewaltige Summe. Doch ist es wirklich alles? Da gibt es zum Beispiel die Aachener Siedlungsund Wohnungsgesellschaft, scheinbar nicht sehr groß. Nur wenige Millionen weist das Erzbistum Köln für seine Anteile am Unternehmen aus. Der Hauptsitz liegt in Sichtweite des Kölner Doms, und der wahre Wert ist weitaus größer. Die Aachener Siedlungsgesellschaft ist ein richtiger Konzern, mit etlichen Tochtergesellschaften aus der Immobilienbranche. Insgesamt besitzt sie 17.000 Wohnungen im Wert von mehreren hundert Millionen Euro. Dazu kommen Fondsgesellschaften und vieles mehr. Eigentümer sind außer dem Erzbistum Köln noch die Bischöflichen Stühle in Paderborn, Trier, Aachen, Münster und das Bistum Essen. Vermögen, das die Kirche für ihre Arbeit braucht, heißt es.

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: „Das Vermögen ist nicht dazu da, dass es in einer Generation verbraucht wird, sondern dass die Erträge des Vermögens für viele Generationen diesen Zwecken dienen können.“

Bisher dienen die Erträge aber offenbar einem anderen Zweck - noch mehr Vermögen bilden. Die Aachener Siedlungsgesellschaft erwirtschaftet gute Gewinne, aber die werden kaum ausgeschüttet, sondern verbleiben größtenteils im Konzern. So wächst das Vermögen im Verborgenen. Die Bistümer weisen in ihren Bilanzen insgesamt nur 37 Millionen für das Unternehmen aus. Ihr Eigenkapital in der Gesellschaft ist inzwischen aber 12-mal so groß, 450 Millionen Euro. Vermögen, das in den Finanzberichten der Bistümer nicht auftaucht. Das Handelsgesetzbuch macht es möglich.

Carsten Frerk, Publizist: „Diese Richtlinien des Handelsgesetzbuches sind nicht dafür gedacht, Transparenz zu schaffen, sondern eine Vermögensbeschreibung zu erstellen, die das Vermögen möglichst klein rechnet, nach Geringstwertprinzip. Das heißt, das Erzbistum Köln rechnet sich auf juristisch korrekter Grundlage arm, ja.“

Arm rechnen anstatt das Vermögen nachvollziehbar auszuweisen. Die Aachener Siedlungsgesellschaft ist nur eins von etlichen Beispielen, die zeigen, wie die deutschen Bistümer ihr Vermögen systematisch klein rechnen. Bei Unternehmensbeteiligungen, Finanzanlagen und vielem mehr. Wir haben alle 27 Bistümer in Deutschland angefragt. Zehn haben bereits einen Finanzbericht vorgelegt, hier grün. Das gelbe sind die Bistümer, die dieses Jahr nachlegen wollen. Zehn brauchen noch länger oder legen sich nicht fest. Aber bis auf eines wollen alle nach dem Handelsgesetzbuch bilanzieren, ihr Vermögen also möglichst klein rechnen.

Prof. Thomas Schüller, Kirchenrechtler, Universität Münster: „Nicht all das, was rechtlich korrekt ist, ist auch ethisch schon gut. Und die Kirche hat so einen tiefen Fall in ihrer Glaubwürdigkeit erlebt beim Umgang mit dem Vermögen, dass es glaube ich im Moment unabdingbar ist, offensiver und transparenter zu informieren, als sie es rechtlich müsste.“

Doch es gibt noch viel größere Kirchenvermögen. Zum Beispiel in der Kölner Innenstadt, beste Lage. Kirche und Kommerz, hier gehört das ganz eng zusammen. Denn viele Kathedralen des Konsums haben hier einen besonderen Eigentümer. Mediamarkt, C & A und andere sind nur die Mieter. Über eigene Fonds besitzt die Kirche unter anderem milliardenschwere Kaufhausimmobilien. Aktueller Gesamtwert aller Fonds: 5,6 Milliarden Euro. Welchen kirchlichen Institutionen das Geld gehört, wird nicht veröffentlicht.

Prof. Thomas Schüller, Kirchenrechtler, Universität Münster: „Die Kirche ist ein großer wirtschaftlicher Player in Deutschland und man will natürlich sich nicht so sehr in die Karten schauen lassen, weil es natürlich auch bedeuten würde, Rechenschaft darüber abzugeben, was man mit dem Vermögen anstellt.“

Besonders verschwiegen ist das Erzbistum Paderborn. Es hat zwar einen Finanzbericht angekündigt, aber der Erzbischöfliche Stuhl soll darin nicht enthalten sein. Dazu sei man nicht verpflichtet, heißt es, der Stuhl von Erzbischof Becker werde ja nicht aus Kirchensteuern finanziert. Dabei entstand die große Vertrauenskrise der katholischen Kirche ausgerechnet an einem Bischöflichen Stuhl, beim Limburger Bischof Tebartz-van Elst. Die Finanzierung seines Prunkbaus, die enormen Kostensteigerungen, die Herkunft des Geldes, all das wurde lange im Bischöflichen Stuhl versteckt. In Paderborn aber bleibt es dabei, das Vermögen des Stuhls ist geheim. Nur eines finden wir heraus, vom Eigenkapital der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft gehören dem Bischöflichen Stuhl zu Paderborn immerhin 73 Millionen Euro. Das größte Geheimnis um das Kirchenvermögen in Deutschland aber liegt hier - oder hier, oder hier. Über 11.000 katholische Kirchengemeinden gibt es in Deutschland. Experten halten ihr Vermögen insgesamt für mindestens so groß wie das der Bistümer. In deren Finanzberichten aber wird es komplett ausgeklammert. Das gehe nicht, sagen sie, denn die Gemeinden seien eigenständige Rechtsträger. Kirchenrechtler halten das für vorgeschoben.

Prof. Thomas Schüller, Kirchenrechtler, Universität Münster: „Es ist kein Problem, die Vermögenslage der Kirchengemeinden offen zu legen, weil sowohl die Kirchengemeinden als aber auch das Bistum sehr genau über den aktuellen Vermögensstand Bescheid wissen. Es ist eine Frage des politischen Willens, ob der Bischof die einzelnen Kirchengemeinden verpflichtet, darüber die Öffentlichkeit zu informieren.“

Das Vermögen der katholischen Kirche, es bleibt ein Mysterium. Experten glauben, es betrage mehrere hundert Milliarden Euro. Das kann nur eine Schätzung sein, denn mit Transparenz tut sich die Kirche weiterhin schwer.

Georg Restle: „Zur Erinnerung, über fünf Milliarden Euro Kirchensteuer erhält allein die katholische Kirche jährlich. Dazu Milliarden an Steuersubventionen. Dass deutsche Steuerzahler wissen wollen, wofür dieses Geld ausgegeben wird, ist eben nicht nur eine Frage der religiösen Ethik. Es ist ihr gutes Recht.“

Stand: 07.04.2015, 13:30

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