Fünf Jahre nach dem Crash: Geldregen für Deutschlands Banker

Monitor Nr. 655 vom 05.12.2013

Fünf Jahre nach dem Crash: Geldregen für Deutschlands Banker

Bericht: Kim Otto, Frank Konopatzki, Monika Wagener

Fünf Jahre nach dem Crash: Geldregen für Deutschlands Banker Monitor 05.12.2013 06:18 Min. Verfügbar bis 30.12.2999 Das Erste

Moderation Georg Restle: „Hallo und guten Abend, willkommen zu einer vorweihnachtlichen Ausgabe von MONITOR. Fröhliche Weihnachten, das gilt in diesem Jahr vor allem für die Branche, die Europa in den finanziellen Abgrund geführt hat. Laut einer neuen Studie gehören Europas Top-Banker in diesem Jahr zu den großen Gewinnern der Finanzkrise. Ausgerechnet die Berufsgruppe, die wegen Zinsmanipulationen in den letzten Tagen noch mal richtig fett in die Schlagzeilen kam. Scham scheint in den Chefetagen der Finanzinstitute ein Fremdwort, die Zahl der Einkommensmillionäre boomt jedenfalls wieder, besonders unter deutschen Bankern. Dabei sollte doch alles ganz anders werden. Monika Wagener, Kim Otto und Frank Konopatzki über eine Branche, die es offenbar ziemlich kalt lässt, was sie uns da in den letzten Jahren eingebrockt hat.“

Es war das Versprechen in der Finanzkrise: In der Bankenwelt sollte Schluss sein mit Luxus, Gier, und Größenwahn.

Peer Steinbrück: „Die Finanzmarktakteure weltweit sollten wissen, dass es keine Rückkehr mehr gibt zu dem Geschäft, wie es vor dieser Finanzmarktkrise ausgeübt worden ist.“

Wolfgang Schäuble: „Deswegen ist eine Korrektur bei den Vergütungs- und Anreizsystemen eine der notwendigen Konsequenzen.“

Angela Merkel: „Es müssen Regelungen sein, die wirklich das Übel auch an der Wurzel packen.“

Regelungen, die wirklich das Übel an der Wurzel packen? Fünf Jahre später ist davon nicht mehr viel übrig. Die Gewinne der tausend weltweit größten Banken sind nach einem kurzem Einbruch längst wieder so hoch wie vor der Finanzkrise. Für die Finanzmarktakteure offenbar Grund genug, sich wieder kräftig selbst zu bedienen. Die Frankfurter Headhunting-Agentur Michael Page ist spezialisiert auf die Vermittlung von Topkräften in der Finanzbranche. Hier registriert man mit Freude, dass vor allem Investmentbanker wieder richtig gut im Geschäft sind.

Goran Baric, Geschäftsführer Headhunting Agentur: „Die Investmentbanker, eine kleine, aber feine Zielgruppe, wichtige Zielgruppe für die Branche hier, verdienen wieder sehr gut, ja.“

Ein Trend, der sich auch schon in harten Zahlen niederschlägt. Die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA hat vergangene Woche festgestellt, dass die Zahl der Einkommensmillionäre unter den Bankern wieder kräftig steigt. 3.529 sind es in Europa, in Deutschland verdienen schon wieder 212 Banker mehr als eine Million Euro im Jahr - und ihre Zahl steigt. Viele sind Investmentbanker und die erhalten immer noch den allergrößten Teil ihrer Einkünfte aus Bonuszahlungen. Boni, das sind jene umstrittenen Erfolgszulagen, denen eine große Mitschuld an der Finanzkrise gegeben wird.

Prof. Thomas Hartmann-Wendels, Uni Köln, Lehrstuhl für Bankenbetriebslehre: „Bonuszahlungen haben ja den Effekt dass man sehr viel Geld verdienen kann, wenn man Erfolg hat. Dass man aber schlimmstenfalls keine Bonuszahlung bekommt. Man verliert im Prinzip nichts. Und das motiviert dazu, sehr riskante Entscheidungen zu treffen.“

Den Bonusanteil hätte man also schon längst drastisch begrenzen müssen, doch Merkel und Schäuble entschieden sich für einen anderen Weg. Sie schufen 2010 eine so genannte „Vergütungsverordnung“. Mit ihr wurde jedoch lediglich ein Teil der Boni gestreckt und an den nachhaltigen Erfolg gekoppelt. Zur Höhe der Boni heißt es hingegen nur, es müsse ein „angemessenes Verhältnis“ zwischen Fixgehalt und Bonus geben. Wer über die Angemessenheit entscheidet, steht auch in der Verordnung.

Zitat: „Das Institut hat eine angemessene Obergrenze für das Verhältnis zwischen fixer und variabler Vergütung festzulegen.“

Anders ausgedrückt: Was angemessen ist, entscheiden die Banken selbst.

Gerhard Schick (B'90/Die Grünen), Finanzpolitischer Fraktionssprecher: „Wir können immer noch sehen, dass im Bankbereich wesentlich mehr verdient wird als bei entsprechenden Beschäftigungen im realwirtschaftlichen Bereich. Da ist also immer noch eine Schieflage. Und wir können sehen, dass immer noch riskantes Verhalten viel zu stark belohnt wird und die Finanzmärkte deswegen immer noch viel zu gefährlich sind.“

Und daran wird auch eine neue EU-Verordnung wenig ändern. Boni werden zwar künftig gedeckelt, doch aus Rücksicht auf die Banken und den Finanzplatz London haben auch die Deutschen an einer Begrenzung mitgewirkt, die den Namen nicht verdient. Bis zu 100 Prozent Aufschlag auf das Festgehalt dürfen erfolgsabhängig gezahlt werden. Sogar bis zu 200 Prozent, wenn die Hauptversammlung zustimmt. Das heißt, das Fixgehalt kann durch Boni immer noch verdreifacht werden.

Prof. Thomas Hartmann-Wendels, Uni Köln, Lehrstuhl für Bankenbetriebslehre: „100 Prozent oder vielleicht sogar 200 Prozent des Fixgehaltes ist immer noch ein sehr hoher Anteil der Bonuszahlungen. In keiner anderen Branche werden so hohe Bonuszahlungen geleistet. Es gibt keinen Grund, dass es im Bankenbereich anders ist.“

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Niederlande. Hier hat die neue sozial-liberale Koalition ganz klar vereinbart: Man wird die Banker-Boni im eigenen Land auf maximal 20 % begrenzen, weit unter dem EU-Beschluss. Der finanzpolitische Sprecher der Sozialdemokraten, Henk Nijboer, hält das für überfällig.

Henk Nijboer, Finanzpolitischer Sprecher der Sozialdemokraten NL (Übersetzung MONITOR): „Wir brauchen eine neue Generation von Bankern. Banken sind sehr wichtig für die Wirtschaft. Sie sollen der Wirtschaft dienen und nicht ihre eigenen Interessen verfolgen.“

Deutschland will keine schärferen Grenzwerte, die Branche freut das, denn die EU-Regelung schreckt sie nicht.

Goran Baric, Geschäftsführer Headhunting Agentur: „Ähnlich wie Flüssigkeit wird sich die Branche irgendwo ihren Weg suchen. Ein Modell, eine Lösung, die diskutiert wird ist ein Fixgehalt, was nicht mehr pro Jahr ausgesprochen wird, sondern pro Monat, und entsprechend kurzfristig angepasst werden kann. Der Rolle entsprechend ein Fixgehalt pro Monat, der Erfolg des Unternehmens spielt natürlich auch irgendwo eine Rolle, und dann kann man relativ flexibel das Gehalt anpassen und somit bleibt man wettbewerbsfähig eben mit diesen angesprochenen anderen Finanzplätzen.“

Reporter: „Und damit wird die Bonusregelung dann umgangen?“

Goran Baric, Geschäftsführer Headhunting Agentur: „Und die Bonusregelung wird ein Stück weit umgangen damit. Richtig, korrekt, ja.“

Die Kanzlerin umgarnt offenbar lieber die Finanzbranche. Auch die Commerzbank, die noch immer vom Steuerzahler gestützt werden muss. Die Regierung Merkel sorgte dafür, dass das Gehalt des Vorstandschefs Martin Blessing trotz des abstürzenden Aktienkurses von 500.000,- Euro wieder auf 1,3 Millionen steigen konnte, weil die Bank ja die Hälfte der Staatseinlagen zurückgezahlt hatte. Union und FDP hatten dies durch eine Gesetzesänderung möglich gemacht.

Gerhard Schick (B'90/Die Grünen), Finanzpolitischer Fraktionssprecher: „Eine solche spezielle Regelung für ein Institut können Sie nur dadurch erklären, dass es eine enge Verbindung zwischen dem Bankvorstand und den politischen Entscheidungsträgern in Berlin in der Koalition CDU/CSU und FDP gegeben hat.“

Die Banker müssen übrigens auch die neue Regierung nicht fürchten. Zwar sollen die Aktionäre künftig über Boni und Gehälter mitentscheiden, von einer drastischen Begrenzung ist aber im Koalitionsvertrag an keiner Stelle die Rede.

Stand: 05.12.2013, 18:00