Staatliches Versagen: Warum Behörden Homeoffice verweigern

MONITOR vom 28.01.2021

Staatliches Versagen: Warum Behörden Homeoffice verweigern

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Bericht: Nikolaus Steiner, René Bucken, Lara Straatmann, Véronique Gantenberg

Staatliches Versagen: Warum Behörden Homeoffice verweigern Monitor 28.01.2021 07:29 Min. UT Verfügbar bis 28.01.2099 Das Erste Von Nikolaus Steiner, René Bucken, Lara Straatmann, Véronique Gantenberg

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Georg Restle: „Ein Jahr Corona. Am 27. Januar 2020 wurde Covid-Patient 1 hier in dieser Klinik im Münchener Stadtteil Schwabing behandelt – mit leichten Symptomen. Für viele andere galt das leider nicht. Bis heute sind laut Robert-Koch-Institut 54.913 Menschen mit Bezug zu Covid-19 gestorben. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt wie Görlitz oder Passau. Und viele dieser Todesfälle wären wohl vermeidbar gewesen. Ein Jahr Corona – das heißt nämlich auch, immer wieder Maßnahmen, die nie wirklich durchgesetzt wurden. Das Homeoffice ist ein gutes Beispiel dafür. Da wird eine Verordnung erlassen, die erstmal jede Menge Ausnahmen zulässt – und oft genug hält sich dann nicht mal der Staat selber dran. Nikolaus Steiner und Rene Bucken haben bundesweit bei Ämtern und Behörden nachgefragt, wie sie es eigentlich so halten mit dem Homeoffice.“

Deutschland im Shutdown – doch noch immer pendeln Millionen Menschen täglich zur Arbeit. Millionen Menschen in Büros, von denen viele eigentlich von zu Hause arbeiten könnten. Die Politik reagiert: Per Rechtsverordnung werden Arbeitgeber jetzt aufgefordert, Homeoffice – wo es geht – zu ermöglichen.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern: „Natürlich brauchen wir mehr Homeoffice.”

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin: „Überall dort, wo es möglich ist.”

Hubertus Heil (SPD), Bundesarbeitsminister: „In der öffentlichen Verwaltung.”

Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister Berlin: „Dort, wo es noch Möglichkeiten gibt, gemeinsam gegen dieses Virus vorzugehen, wollen und werden wir auch diese Möglichkeiten nutzen.”

Sagt Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller. Aber wie sieht es eigentlich bei der Berliner Verwaltung aus? Immerhin eine der größten in Deutschland. Von den rund 126.000 Beschäftigten der Stadt Berlin könnten etwa 84.000 aufgrund ihrer Tätigkeit von zu Hause arbeiten, teilt uns die Stadt mit. Theoretisch. Aktuell sind davon aber nur „40 %“ homeofficefähig. Wenn sie denn dürfen. Peter Bachmann, so nennen wir ihn, ist in einem Berliner Bezirksamt tätig. Er selbst – und fast alle seiner Kolleginnen und Kollegen – könnten sofort ins Homeoffice wechseln, die Technik sei da, sagt er. Aber die Amtsleitung verhindere das.

Beschäftigter Bezirksamt: „Der Wille ist da, die Möglichkeit ist da, die Kolleg*innen würden auch ihre eigene Hardware zu Hause benutzen. Man sieht es auch in den Gesichtern, dass viele sich fragen, warum bin ich heute hier, ich könnte doch auch zu Hause arbeiten? Manchmal hört man auch so ein, na, das grenzt schon an fahrlässiger Körperverletzung. Ich würde sagen, wir sind kein Einzelfall. In der Bezirksverwaltung ist das tatsächlich so, dass überwiegend im Präsenzbetrieb gearbeitet wird.”

Präsenzbetrieb – heißt für tausende Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in Berlin, dass sie ins Büro müssen. Die Personalrätin Daniela Ortmann macht dafür die mangelnde technische Infrastruktur verantwortlich – aber auch das Misstrauen von Führungskräften.

Daniela Ortmann, Vorsitzende Hauptpersonalrat Berlin: „Und wir hören halt immer wieder so K.O.-Argumente, warum Homeoffice nicht geht. Also, die Leute arbeiten nicht richtig zu Hause, ist so eins. Das ist dann also eine Führungskraft-Problematik. Und die politischen Verantwortlichen und auch die Dienststellenleitungen wollen sich doch nicht in drei Monaten die Frage stellen, ob sie tatsächlich das zu verantworten haben, dass Leute jetzt schwer erkranken oder gar sterben, nur weil sie nicht alles versucht haben, um die Leute jetzt zu Hause zu lassen.”

Die Senatsverwaltung Berlin erklärt dazu, dass ihr Fälle einer sogenannten „Misstrauenskultur” nicht bekannt sei. Klar ist, der Staat als Arbeitgeber sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Aber das passiert vielerorts nicht. Gesundheitsschutz, Kontaktreduzierung. Viele Städte und Gemeinden tun sich offenbar schwer mit dem Homeoffice. Das geht auch aus einer Umfrage von mehr als 600 Kommunen durch den Deutschen Städte- und Gemeindebund und Bitkom hervor, die im Dezember veröffentlicht wurde. Demnach schließen es 50 Prozent aller Kommunen „kategorisch“ aus, Homeoffice anzubieten. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, sagt, dass das vor allem an der mangelnden Digitalisierung liege.

Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer Deutscher Städte- und Gemeindebund:„Natürlich hat der öffentliche Dienst eine Vorbildfunktion, aber wir können nicht zaubern. Wenn Sie eine Verwaltung umstellen wollen und müssen bestellen, europaweit ausschreiben, das dauert. Ich erinnere mal an die Gesundheitsämter, wo teilweise noch heute gefaxt wird. Das wird nach der Pandemie besser sein und die Digitalisierung müssen wir beschleunigen.”

Aber liegt es wirklich nur an Defiziten bei der Digitalisierung? Laut der Umfrage unter den Kommunen geben zwar 40 % an, dass ihnen „Technik fehle”. 24 % sagen, es liege an „fehlenden Finanzmitteln”, aber immerhin 21 % geben an, dass sie schlechtere Arbeitsergebnisse befürchten. Nur acht Prozent sagen, dass die Präsenz der Mitarbeiter erforderlich sei.

Prof. Gerhard Hammerschmid, Verwaltungswissenschaftler Hertie School: „Ich kann absolut bestätigen, dass wir in der Verwaltung auf allen Verwaltungsebenen noch eine ausgeprägte Präsenzkultur haben, dass die Akzeptanz zum Homeoffice sehr gering ausgeprägt ist, dass da gewisse Zweifel sind. Das ist eben einer der Hauptgründe auch, warum wir uns schleppend nur in Richtung Homeoffice bewegen in der Verwaltung.”

Und das offenbar auch auf Bundesebene. Beispiel Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Auch beim Inlandsgeheimdienst gibt es durchaus Möglichkeiten für Homeoffice. Beschäftigte wenden sich an MONITOR. Wir bekommen Einblick in interne Dokumente. Demnach hieß es im Dezember, dass nur noch „ca. 30 %“ der Beschäftigten im Büro präsent sein sollten. Doch Anfang Januar die Kehrtwende. Am „11.01“ kam plötzlich die Anweisung, dass die Mehrheit der Beschäftigten wieder ins Büro soll. Kann das sein? Das Bundesamt schreibt dazu allgemein:

Zitat: „Soweit mit den internen Betriebsabläufen und dem Geheimschutz vereinbar, wird den Mitarbeiter/innen eine Arbeit (…) zu Hause ermöglicht.”

Wir telefonieren mit einer Behörden-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte. Sie widerspricht.

Anonyme Behördenmitarbeiterin: „Ab Mitte Dezember waren 70 % der Belegschaft im Homeoffice, im wöchentlichen oder täglichen Wechsel. Das hat gut funktioniert. Seit dem 11. Januar bin ich wieder dauerhaft im Büro. Ich teile mir das mit einem Kollegen. Ich verstehe einfach nicht, warum ich jetzt wieder ins Büro muss.”

Homeoffice in Behörden: Nach einem Aufruf von MONITOR in den sozialen Medien erreichten uns dutzende Kommentare und E-Mails von Behördenmitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der gesamten Bundesrepublik. Eine Auswahl:

Zitat: „Ich arbeite in einem Call-Center der Bundesagentur für Arbeit. Wir könnten alle sofort von zu Hause arbeiten, aber mindestens zehn Kolleg*Innen telefonieren jeden Tag alle gemeinsam in einem einzigen Büro. Ohne Maske. Ohne Trennwände.”

Die Bundesagentur für Arbeit erklärt, man halte sich an alle Hygiene- und Arbeitsschutzregeln. Und man habe vielen Beschäftigten das Arbeiten von zu Hause ermöglicht.

Zitat: „Ich arbeite beim Beschaffungsamt der Bundeswehr. Wir haben keine Laptops für Heimarbeit. Und im Herbst hieß es, es kommen keine und wir sollten auch keine mehr beantragen. Also kein Homeoffice für uns.”

Die Behörde teilt dazu mit, dass Beschäftigte ihre privaten Computer nutzen dürften, sofern es sich nicht um vertrauliche Vorgänge handele. Für die Berliner Personalrätin Daniela Ortmann ist klar, der Staat muss wesentlich mehr tun.

Daniela Ortmann, Vorsitzende Hauptpersonalrat Berlin: „Der öffentliche Dienst ist der größte Arbeitgeber und hat natürlich eine Vorbildfunktion und muss dann auch seinerseits darlegen, dass er nichts unversucht lässt, eben Kontakte zu vermeiden und die Leute zu Hause arbeiten zu lassen, sonst kann er nicht den Betrieben und den Fabriken dasselbe abverlangen, das ist so.“

Fehlende Technik, mangelndes Vertrauen. Viele Behörden hinken beim Homeoffice offenbar hinterher. Und stellen damit auch die Glaubwürdigkeit der Corona-Politik in Frage.

Stand: 29.01.2021, 15:00

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31 Kommentare

  • 31 Land Niedersachsen 29.04.2021, 16:52 Uhr

    Behörde des Landes Niedersachsen. Ca. 700 Mitarbeiter. Im November bestellte Technik ist z. T. bis heute nicht da. Behördenleitung stellt sich quer und legt das Infektionsschutzgesetz den eigenen Vorstellungen entsprechend aus.

  • 30 Rein 19.04.2021, 12:29 Uhr

    In unserer Behörde in Bayern sieht es nicht anders aus. Der Leiter meint, dass Abstände und Maske ja reichen, egal wie hoch die Inzidenz ist, obwohl alle Kollegen locker auch im Heimbüro arbeiten könnten, zumindest mal 2 Tage. Gibt es denn keine höhere Stelle, bei der man sich anonym beschweren kann?

  • 29 Rosa 07.04.2021, 12:58 Uhr

    JC Leipzig: mindestens 2 Tage in der Woche Präsenzpflicht vom Team-Chef angeordnet, damit man im Büro mal persönlich gesehen wird vom Chef und von den anwesenden Kollegen und mal in die Hauspost schauen kann. Ältere Kollegen scheuen sich vor dem Home Office--treffen sich lieber weiter im Büro zum Morgenklatsch und diese verbreiten dann jedoch Unfrieden im Kollegenkreis und machen die Home Office arbeitenden schlecht, weil Sie die einzig Anwesenden/Arbeitenden zu sein scheinen. Seine HomeOfficetage muss man sich erkämpfen.

  • 28 Armin Wolff 16.02.2021, 16:48 Uhr

    Kommerz-Fußballtrainer sind Job rigoros los, wenn keine „Erfolge“,nur reihenweise Fehler.Wieso werden in Staatsführung genauso unfähige Personen gehalten,die dem deutschen Volk aber fortwährend echt dramatische Schäden bescheren?Kompletter Rücktritt die noch humanste Lösung.Statt dessen läßt sich Volk aus unerfindlichen Gründen weiter dranglasieren. Aus Häme und Hetze gegen die bürgerrechtliche Opposition formierte sich schon die Hatz mittels Unterwanderung, Beobachtung der politischen Polizei.Aus angedrohten Verboten erwächst sehr schnell Ächtung und Jagdfieber, wie es in kapitalistischer Manier seit ewigen Zeiten Usus ist.Populismus toppopulär: Rotlichtmilieu, Porno-und Gewaltszene in der Gesellschaft ist legalisiert und toleriert, aber scheinheilig Kinder- und Jugendschutz und Erziehung propagiert. Bewegungsradius der Bevölkerung eingeschränkt und kontrolliert aber Elitespezies reisen wohin es sie treibt. Die Wahlen 2021 sollten und müssen endlich die Spreu vom Weizen trennen.

  • 27 BA Berlin Pankow 11.02.2021, 20:24 Uhr

    kein Homeoffice

  • 26 Wahlen 2021 11.02.2021, 13:20 Uhr

    Leyen macht im Impf-Desaster der EU keine gute Figur. Jetzt greift sie offenbar zu einem alten Mittel: eigene Fehler auf andere abwälzen. Denn an ihrem jüngsten Fauxpas sollen nur andere Schuld tragen. Die deutsche Bürgerrechtsbewegung muß 2021 handeln.

  • 25 Emil Landsberger 11.02.2021, 13:03 Uhr

    Homeoffice hat alle Optionen, angesichts der schädlichen Staatslenkung die fortschrittlichen Kräfte unseres Landes zu bündeln. Die Ausländerschwemme seit 2015 und der lasche Umgang mit der Seuche-Corona, die Ausgangsreglementierung für das einfache deutsche Volk müssen den sofortigen Rücktritt der Machtelite zur Folge haben. Merkels Personenkult ist längst unerträglich. Die Alternative für Deutschland ist gefordert, dem Unheil ein Ende zu bereiten.

  • 23 discovery learning 04.02.2021, 23:09 Uhr

    Deutschland und die Coronaseuche. Und sonst? Welche staatlich sanktionierte Ideologie verzeichnet denn bis heute die meisten Kriege, Konflikte, Not und Elend auf unserem Planeten? Der freiheitliche Kapitalismus oder der abgeschmierte Sozialismus? Letzterer soll ja äußerst unmenschlich, diktatorisch gewesen sein - sagen welche. All die Fragen darf man wohl noch stellen ? Meinungsfreiheit contra Nettiquette? Deutschland hat die Muh-Tante. Und einige Wahlen in diesem Jahr !

  • 22 Ichweißwasach 04.02.2021, 14:01 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 21 Woodbrock 31.01.2021, 20:24 Uhr

    Bin selbst Betroffene, arbeite bei der BA. Gibt mehrere Fälle von Erkrankten in unserer Behörde, aber 70 Prozent sind präsent u. 30 Prozent im Homeoffice.

  • 20 M. Seebach 29.01.2021, 09:06 Uhr

    Ich weiß nicht, was man an Home Office schön reden kann, und wie man es skandalös finden kann, wenn Home Office schwer gemacht wird. Fakt ist, dass man zu Hause nie so eine gute und sichere IT-Technik hat wie in der Firma. Fakt ist, dass kaum jemand zu Hause einen ergonomischen Bildschirmarbeitsplatz hat, zumal nicht zwei, wenn beide Ehepartner zu Hause arbeiten. Die Folge sind Augen- und Rückenprobleme. Wohnzimmertisch oder Küchentisch sind ständig belegt. Die Kommunikation unter den Kollegen/Kolleginnen leidet. Innerbetriebliche Strukturen wie Betriebsrat und Verwaltung sind kaum noch wahrnehmbar. Telefonisch erreicht man kaum jemanden. Auf E-Mails wird Stunden später reagiert, oder gar nicht. Verbindliche Sprech- und Öffnungszeiten gibt es nicht mehr. Eheprobleme nehmen zu. Die Isolation nimmt zu. Und machen wir uns nichts vor, nicht wenige nutzen es auch aus für persönliche Interessen. Und wozu das alles? Im Arbeitsleben wird man kaum infiziert. Alle Covid-19-Positiven, die ich ken

    • Paul K 29.01.2021, 20:12 Uhr

      Stimmt, alle Infizierten, die ich kenne, haben es sich im Privatbereich zugezogen, Besuche bei/von Freunden, Verwandten und sowas, nicht auf der Arbeit, wo alle Regeln eingehalten werden.

    • Md 31.01.2021, 00:59 Uhr

      Das ist nicht wahr. Wer im Büro ein Schluri ist der ist das zu Hause auch. Ein Büro mit ordentlichem Stuhl und Schreibtisch kann man auch zu Hause haben (Zuschuss vom AG gab es auch). Bei uns (öffentliche Verwaltung nicht in D) ist die Produktivität in diesem Coronajahr nach fast 12 Monaten Dauerhomeoffice effektiv gestiegen.

    • Md 01.02.2021, 09:08 Uhr

      Ach die Mär der sicheren IT nur im Office. Wenn dir IT zu Hause nicht so sicher ist wie im Büro, liegt es zu 99% daran weil an der Sicherheit gespart wurde. Natürlich ist die IT nicht 100% sicher. Das ist sie aber, Überraschung, auch im Büro nicht. Solange Daten über das www transportiert werden solange sind Daten ohne hinreichenden Schutz eben auch nicht hinreichend geschützt. Man kann, wenn die Firma will, die Daten zu Hause ebenso sichern wie in der Firma. Kostet eben Know-how und Geld. DAS wird der eigentliche Grund sein weshalb man das nicht will.