Gekaufte Forschung – Wie Konzerne an deutschen Hochschulen forschen lassen

MONITOR vom 11.08.2016

Gekaufte Forschung – Wie Konzerne an deutschen Hochschulen forschen lassen

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Bericht: Jan Schmitt

Georg Restle: „Wenn Sie an einer seltenen Krankheit leiden, können Sie froh sein, wenn es dafür Medikamente gibt. Wenn Wissenschaftler an Universitäten darüber forschen, frei und unabhängig. Aber diese Unabhängigkeit ist längst schon in Gefahr. Denn immer mehr Großkonzerne haben sich an deutschen Universitäten eingekauft. Bestimmen darüber, worüber geforscht wird, und worüber nicht. Die Verträge dazu sind streng geheim. Niemand soll erfahren, wie weit kommerzielle Interessen die Forschung an Universitäten bestimmen. Einer dieser Verträge liegt uns jetzt vor. Ein Vertrag, den eine altehrwürdige deutsche Universität mit einem großen Pharmakonzern geschlossen hat. Jan Schmitt.

Es geht um diese Verträge. Sie regeln die bisher größte Kooperation in Deutschland zwischen einer Universität und der Stiftung eines Pharmaunternehmens - ein Millionendeal. Und es geht darum, wer Professoren beruft, was erforscht und veröffentlicht wird, und ob das Geld die Universitäten korrumpiert. Boehringer Ingelheim, ein weltweit agierendes Pharmaunternehmen mit fast 50.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von knapp 15 Mrd. Euro. Die Boehringer-Ingelheim-Stiftung finanziert mit 100 Mio. Euro ein Institut für Molekulare Biologie an der Mainzer Uni. Die Stiftung schreibt uns:

Zitat: „Es war und ist nicht Intention der Stiftung, in die Belange von Universitäten einzugreifen.“

Aber stimmt das auch? Die Verträge dazu sind eigentlich geheim. Aus Schutz von Forschung und Lehre, so heißt es, sollte die Öffentlichkeit nicht darüber informiert werden, was drin steht.

Waltraud Kreutz-Gers, Kanzlerin Universität Mainz: „Normalerweise machen wir solche Kooperationsverträge nicht öffentlich. Darin sind viele Dinge geregelt, die, glaube ich, nicht von öffentlicher Relevanz sind. Es gibt auch keine Rechtspflicht sie zu veröffentlichen.“

Prof. Christian Kreiß, Hochschule Aalen: „Es geht hier um öffentliche Hochschulen, die über Steuergelder errichtet und finanziert werden, die ganze Infrastruktur ist doch steuergeldfinanziert. Und trotzdem darf der Bürger nicht diese Verträge einsehen, kann nicht sehen, worüber da geforscht wird. Das ist ein absolutes Unding.“

Christian Kreiß klagte auf Veröffentlichung der Verträge. Er ist Professor für Volkswirtschaft in Aalen. Eine Professur in München lehnte er ab, weil sie von einem Unternehmen bezahlt werden sollte. Er will frei forschen können, ohne Vorgaben. Und er sieht die Gefahr, dass die Industrie immer mehr bestimmt, was an Hochschulen erforscht wird.

Prof. Christian Kreiß, Hochschule Aalen: „Die eigentlich zentrale Frage für mich ist, worüber wird nicht geforscht und worüber wird schon geforscht in den man mit Geldköder, goldene Hamsterräder baut, sagt forsch hier, da bekommst du ein schönes Institut und bekommst Mitarbeiter etc. Forsch doch hier, das ist industrienah und das viele Mittel, dann wird eben in diese Richtung geforscht.“

Und in andere Richtungen nicht. Aber vor allem, man weiß es nicht. Die Verträge sind meist geheim. Monitor hat alle 84 staatlichen Universitäten in Deutschland angefragt. 72 haben geantwortet. Manche Unis haben ca. 80 Verträge mit Firmen wie die Universität Hohenheim, andere 800 wie die TU Berlin oder sogar über 1.000 wie die Universität Dresden. Unzählige Verträge, aber nur an drei Unis sind sie öffentlich, alle anderen sind geheim.

Michael Hartmer, Deutscher Hochschulverband: „Das bewerte ich als problematisch. Universität ist ein vom Steuerzahler finanziertes System. Die Forschung in der Universität ist frei und eine Geheimforschung an deutschen Universitäten ist ein Widerspruch in sich.“

Geheimsache Forschung. Besonders lukrativ sind Kooperationen für Pharmaunternehmen, denn da geht’s ums ganz große Geld und auch darum, wie es sich mit Krankheiten verdienen lässt. An deutschen Hochschulen wurden in den letzten Jahren 33 Professoren von Pharmaunternehmen bezahlt und es gab mindestens sechs Kooperationen zwischen Pharmaunternehmen oder Stiftungen und Universitäten. Unter anderem eben die Boehringer Ingelheim Stiftung mit der Uni Mainz. Monitor liegen die lange geheim gehaltenen Verträge dazu vor. Und darin steht ganz Erstaunliches, zum Beispiel:

Zitat: „darf die Universität von ihrem Weisungsrecht nur Gebrauch machen, soweit die Stiftung zustimmt“.

Die Uni gibt also ihr Recht auf, Einfluss auf die Forschungsinhalte zu nehmen, selbst wenn was schief läuft. Was sagt die Kanzlerin der Uni dazu?

Waltraud Kreutz-Gers, Kanzlerin Universität Mainz: „Also, die Regelung ist mir jetzt im Moment nicht erinnerlich. Mir ist allerdings auch in den Jahren, in denen ich hier bin, kein Fall erinnerlich, dass das eine Rolle gespielt hat.“

Reporter: „Wir reden ja hier über die Verträge.“

Waltraud Kreutz-Gers, Kanzlerin Universität Mainz: „Ja, ist richtig.“

Reporter: „So steht‘s im Vertrag.“

Waltraud Kreutz-Gers, Kanzlerin Universität Mainz: „Mag sein. Hat auch keine Rolle gespielt, wäre es ein weiterer Punkt. Dinge, das war damals im Auftrag begriffen. Ich sage mal, der Fall, dass eine Stiftung bereit ist, 100 Millionen in so ein Institut zu investieren, den werden Sie in der Bundesrepublik nicht allzu häufig finden.“

Verkauft die Uni also ihr Recht für Geld? Weiter heißt es im Vertrag:

Zitat: „Presseerklärungen, Veröffentlichungen oder Mitteilungen bedürfen der vorherigen Ab- und Zustimmung der Parteien“.

Also auch der Zustimmung der Boehringer Ingelheim-Stiftung.

Waltraud Kreutz-Gers, Kanzlerin Universität Mainz: „Wissenschaftliche Veröffentlichungen zählen da nicht drunter, sind auch nie darunter gezählt worden. Das IMB ist eine hervorragende Einrichtung, die ihren Ruf dadurch hat, dass sie viel publiziert. Dazu hat es nie eine Zustimmung der Stiftung gegeben.“

Reporter: „Warum schreiben Sie es dann rein?“

Waltraud Kreutz-Gers, Kanzlerin Universität Mainz: „Also, ich kann es Ihnen nicht sagen, warum es damals reingeschrieben worden ist, aber bestimmt nicht, um dieses zu regeln.“

Nur mal eben reingeschrieben? Ein Fehler, nur in diesem Vertrag? Wir bekommen Informationen zu einem anderen Vertrag der Mainzer Uni zugespielt. Es geht um eine große Gesundheitsstudie. Millionensponsor: Boehringer Ingelheim. In der Geschäftsordnung heißt es:

Zitat: „Weiterhin ist mit dem Hauptsponsor der Studie, Boehringer Ingelheim (BI) vertraglich vereinbart, dass alle Manuskripte vor Veröffentlichung die Freigabe durch BI benötigen.“

Der Pharmakonzern sagt, das wäre so üblich und die Uni, die Veröffentlichungsfreiheit sei dadurch nicht eingeschränkt. Wir legen die Klauseln beider Verträge der Expertin für Forschungsrecht, Christine Godt, vor.

Prof. Christine Godt, Expertin für Forschungsrecht, Universität Oldenburg: „Damit wird ganz tief in die Publikationsfreiheit, die ein Bollwerk der Forschungsfreiheit ist, eingegriffen. Eine solche Passage ist verfassungswidrig.“

Die Universität will nun Änderungen am Kooperationsvertrag mit der Boehringer Ingelheim Stiftung vornehmen. Ein Vertrag, der nur durch Klagen ans Licht kam. Aber was ist mit den vielen anderen Verträgen deutscher Universitäten mit Unternehmen und Stiftungen? Was darin schlummert, bleibt geheim. Christian Kreiß warnt vor einem Weg, der letztlich unser aller Leben verändern könnte.

Prof. Christian Kreiß, Hochschule Aalen: „Wer soll denn über allgemeinmenschliche Dinge noch nachdenken, wenn nicht freie Forscher, unabhängige Forscher an unabhängigen Hochschulen? Also, wenn das immer mehr gelenkt wird und beeinflusst wird, wo kommen denn die großen Ideen für die Menschheit her?“

Große Ideen im allgemeinen Interesse. Große Ideen, die Geld brauchen. Vom Staat - und nicht von Großkonzernen.

Stand: 14.09.2016, 11:54

Kommentare zum Thema

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9 Kommentare

  • 9 Nico 20.09.2016, 13:31 Uhr

    Die tendenziöse Anmoderation ist schon zum Heulen. Da hat man ja wieder ein schönes Aufregerthema gefunden. Das Unternehmen Boehringer Ingelheim ("Großkonzerne") wird durcheinander geworfen mit der Boehringer-Ingelheim-Stiftung (um die es im Beitrag eigentlich geht), das konnte man ja schon in der früheren Presseberichterstattung bestenfalls schmunzelnd zur Kenntnis nehmen. Mal ganz abgesehen davon, dass Auftragsforschung an deutschen Hochschulen gang und gäbe und auch nichts Schlimmes ist, handelt es sich beim IMB in Mainz um nichts dergleichen. Was am IMB geforscht wird, kann jeder auf der Homepage des Instituts nachlesen und in den Publikationslisten bzw. veröffentlichten Jahresberichten. Das steht - natürlich - nicht im Vertrag! Weder der Fachhochschulprofessor Kreiß noch Journalisten oder die so genannten Informationsfreiheitsbeauftragten des Bundes und der Länder, die sich in der Vergangenheit auf das Thema "Gekaufte Forschung" stürzten, haben auch nur eine leise Ahnung da ...

  • 8 Christopher 02.09.2016, 09:50 Uhr

    Dass bei Studien zu Medikamenten zuerst mit dem Pharmaunternehmen abgeklärt werden muss, was veröffentlicht werden kann und was nicht, ist eine absolute Notwendigkeit. Die Kosten der Entwicklung eines einzigen Medikamentes betragen derzeit über zwei Milliarden (sic!) Euro. Wenn durch eine unbedachte Veröffentlichung etwas nach außen dringt und dadurch ein anderes Unternehmen sich Vorteile verschafft, kann es sein, dass das forschende Unternehmen auf den Kosten sitzen bleibt. Da muss man sich doch zweimal überlegen, ob sich Forschung überhaupt noch lohnt! Wer neue Medikamente gegen immer neue Krankheiten möchte, muss dem Unternehmen auch die Möglichkeit geben, mit dem Medikament Gewinn zu erzielen. Denn ansonsten wird die Zahl der forschenden Pharmaunternehmen zukünftig deutlich schrumpfen. Pharma-Bashing hat sich leider heutzutage etabliert, aber es sollte auch immer die Kehrseite der Medaille betrachtet werden. Differenzierung ist Teil guten Journalismus. Einseitigkeit ist es nicht.

  • 7 Johann S. 26.08.2016, 03:28 Uhr

    Ja, dieser Beitrag stützt sich nicht auf viele Informationen – aber trotzdem ist es richtig, dieses Thema anzusprechen. Wer nichts zu verbergen hat, der soll es bitte öffentlich machen, solange es Steuergelder auch nur tangiert! Für mich als junger Mensch ist es sehr wohl interessant, ob ich durch meine Immatrikulation Pharmaunternehmen, die Rüstungsindustrie oder andere Geldgeber unterstütze. Diese Entscheidung möchte ich auf ehrlicher Grundlage treffen können. Der Beitrag hat mir in dieser Hinsicht die Augen ein wenig weiter geöffnet und dafür bedanke ich mich. Drei staatliche Universitäten sind wirklich wenige…

  • 6 Danny 13.08.2016, 22:37 Uhr

    Prima ARD, WDR, ZDF und andere.... sind es aber nicht auch die öffentlich-rechtlichen Sender, in denen durch die Vorstandsmitglieder große Anteile an Berichterstattung gelenkt werden? Nicht zu vergessen die Politik - vor allem die Politik, die jene Sender völlig im Griff haben. Letztlich haben Politiker auch wirtschaftliche Eigeninteressen durch Nebenjobs in Vorständen, wo wir dann wieder bei rein wirtschaftlichen Interessen durch Lenkung der richtigen Berichterstattung sind. Ich schätze viele Beiträge, die ich vor allem durch Monitor genießen durfte - doch sorge ich mich um all die Beiträge, die mir entgangen sind, da darüber niemals berichtet werden wird. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Verwaltungsratsmitglied der ARD und ein kleiner Vorstand der Bayer AG sitzen bei einem Bier zusammen. sie reden zufällig über aktuelle Themen ... sagen wir Monsanto. Vielleicht steigt dann die Berichterstattung über diese niederträchtige Glyphosataffäre bei der EU-Zulassung ...

  • 5 Max Planck 12.08.2016, 22:19 Uhr

    Ich stimme den vorherigen Kommentaren zu, ein eher undifferenzierter Beitrag, der nicht viel Kenntnis von der Realität an Hochschulen verrät. Leider beantwortet der Beitrag auch die relevante Kernfrage nicht: Gab es denn nun "gekaufte Forschung"? Wurden Forschungsergebnisse verändert, Einfluss auf Personalentscheidungen genommen, Wissenschaftler beeinflusst? Wurde ganz konkret medizinische Forschung für die Zwecke eines Pharmaunternehmens manipuliert? Dafür werden im Beitrag keine Belege geliefert. Wenn es keine Beeinflussung von Seiten des Unternehmens gab, gilt die ganze Empörung des Beitrags wirklich zwei Sätzen eines umständlich formulierten und für die Praxis offenbar unerheblichen Vertragstextes? Dann, liebes Monitor-Team, scheint mir der Fall doch eher zur Kategorie "Sturm im Wasserglas" zu gehören.

  • 4 Patrick Millies 11.08.2016, 22:30 Uhr

    Liebes Monitor-Team, ich war erstaunt über die Naivität Ihrer Berichterstattung zum Thema "Gekaufte Forschung". Das Einwerben von Drittmitteln für Forschungszwecke ist gängige Praxis. Professorinnen und Professoren werden daran gemessen und es ist letztendlich sogar ein Kriterium bei der Einstellung dieser. Wenn wir eine wirklich unabhängige Forschung haben wollen, dann müssen wir die Universitäten finanziell so ausstatten, dass diese nicht auf Drittmittel in der Forschung angewiesen sind. Ich behaupte einfach mal, dass die erwähnten Universitäten mit den meisten Kooperationsverträgen auch zum großen Teil in der Excellence-Initiative der Bundesregierung gefördert werden (z.B. TU Dresden). Da beißt sich die Katze dann ja wirklich in den Schwanz. Die besten Unis werden zusätzlich staatlich gefördert, sind aber nur die Besten, weil sie schon jahrelang enge Kooperationen zur Wirtschaft pflegen. Diese sind dann dementsprechend auch die Interessantesten für die Studierenden. Hier muss ...

  • 3 aktiver Forscher 11.08.2016, 22:29 Uhr

    Leider mal wieder ein extrem undiffenrenzierter Beitrag zu diesem Thema. Natürlich muss es eine freie Forschung geben. Aber genau dies existiert für jeden(!) Professor in Deutschland. Jede Professur ist mit staatlichen Mitteln der Universität ausgestattet mit denen er uneingeschränkt forschen kann. Wer als keine Industriekooperationen eingehen möchte muss dies auch nicht. Insbesondere in Fachbereichen wie Biologie und Chemie gibt es aber auch extrem kostenintensive Forschung die ohne Industrieunterstützung nicht möglich wäre. Ob von staalicher Seite mehr Mittel zur Verfügung gestellt wwerden müssten um diese Forschung auch komplett eigenständig durchzuführen ist eine andere Diskussion. Und natürlich bedarf es bei der Veröffentlichung dieser Ergebnisse der Zustimmung aller Partner. Solche Klauseln existieren auch für Kooperationen zwischen staatlichen Hochschulen. Diese garantieren, dass u.a. Patentschutz gewahrt wird, was für Industriepartner aber auch Forschungseinrichtungen natü ...

  • 2 Paul Stoop 11.08.2016, 22:25 Uhr

    In der Anmoderation und von einem Gesprächspartner wird behauptet "immer mehr" würde universitäre Forschung durch Industrie-Interessen bestimmt, etwa durch Kooperationsverträge. Wo ist der Beleg für das "immer mehr" oder "immer häufiger"? In dem Beitrag wird keinerlei Beleg für diesen angeblichen Trend geliefert. Welches ist das Bezugsjahr? Wenn Sie die Verträge nicht kennen, wie können Sie dann einen Trend feststellen? Danke für einen genauen Beleg.

  • 1 OSTFRIESE 11.08.2016, 22:23 Uhr

    Dieser Beitrag ist völlig weltfremd. Überall ist die Einwerbung von industriellen Drittmitteln ein zentraler Bestandteil der Bewertung von Professoren. Die Industrie vergibt keine Mittel, wenn die Forschungsergebnisse ohne Zustimmung publiziert werden. Bei der finanziellen Unterfinanzierung der Universitäten kann es keine unabhängige Forschung geben : wer bezahlt - der bestimmt.