Abgeschoben aus Europa: das Schicksal der „Rückkehrer“

MONITOR vom 26.07.2018

Abgeschoben aus Europa: das Schicksal der „Rückkehrer“

Bericht: Shafagh Laghai

Kommentare zum Thema, weiterführende Links und der Beitragstext als PDF

Georg Restle: „Was mit den Menschen geschieht, die aus Deutschland oder Europa abgeschoben werden, interessiert kaum jemanden in diesem Land. Hauptsache weg - aus den Augen, aus dem Sinn. Mitgefühl mit Abgeschobenen gibt es immer seltener - als würde es sich dabei um beschädigte Ware handeln, die wir nicht bestellt haben. Aber es geht um Menschen, und für die hört die Not nicht auf, nur weil wir sie nicht mehr sehen oder nicht mehr sehen wollen. Dabei erwartet die meisten Flüchtlinge ein schlimmes Schicksal. Denn wer die Flucht nicht geschafft hat, gilt in seinem Herkunftsland oft als Versager und wird von seinen Familien verstoßen. So ist das auch in Mali, einem der ärmsten Länder der Welt und einem sehr gefährlichen zugleich. Das wissen auch die Soldaten der Bundeswehr, die dort seit sechs Jahren stationiert sind. Der Einsatz gilt als der riskanteste deutsche Auslandseinsatz. Gebracht hat er bisher wenig. Die Sicherheitslage hat sich zuletzt deutlich verschlechtert, das Land droht in weiten Teilen im Chaos zu versinken. Shafagh Laghai hat in Mali einen so genannten Rückkehrer begleitet, für den sein Herkunftsland zum Niemandsland geworden ist.“

Seit sechs Monaten ist Aly wieder zurück in seiner Heimat - in Mali. Er war nach Frankreich geflohen und wurde abgeschoben.

Aly (Übersetzung Monitor): „Dieses Zimmer teile ich mir mit sieben anderen Personen. Ich wurde aus Europa zurückgeschickt und habe nichts, also schlafe ich hier und versuche zurechtzukommen.“

In diesem Koffer ist alles, was ihm geblieben ist. Aly kann nicht zurück nach Hause in sein Dorf. Rückkehrer, Abgeschobene, die mit leeren Händen zurückkommen, gelten in Mali als Versager, als Enttäuschung. So ist es auch bei Aly. Seine Familie hat ihn verstoßen. Er vermisse sie, sagt er, vor allem seine beiden Töchter.

Aly (Übersetzung Monitor): „Meine Mutter denkt, dass ich gescheitert bin. Sie sagt, ich brauche gar nicht erst nach Hause kommen. Ich hab sie um Verzeihung gebeten. Aber nur wenn ich Geld verdiene, akzeptiert sie meine Rückkehr.“

Doch das mit dem Geldverdienen ist nicht einfach. Sie, die Abgeschobenen, landen oft ganz unten in der Gesellschaft. Aly versorgt die Kühe eines Bauern - für umgerechnet 80 Cent am Tag. Seine Familie hatte selber Kühe. Die haben sie alle verkauft, ihr ganzes Hab und Gut, um Alys Flucht zu bezahlen. All ihre Hoffnung in ihn gesetzt, und alles verloren. Der Druck auf die Rückkehrer ist enorm. Die, die es nach Europa geschafft haben, sind die Vorbilder, sagt der Migrationsforscher Shaban Touré. Schätzungsweise acht Prozent des malischen Bruttoinlandprodukts kommen aus Überweisungen von Maliern, die im Ausland leben.

Shaban Touré, Migrationsforscher (Übersetzung Monitor): “Man kann heute sagen, dass Migranten mehr in die Entwicklung von Dörfern, von Infrastruktur investieren als der Staat. Die Gelder, die sie nach Hause schicken, werden oft auch effektiver eingesetzt, als Gelder aus der Entwicklungshilfe.“

Entwicklungshilfe? Die gibt es in Mali. Doch was bringt sie? Wir sind unterwegs in den Süden Malis, zu einem der Vorzeigeprojekte der EU-Entwicklungshilfe. Ein Projekt, das Fluchtursachen bekämpfen soll, und Arbeit schaffen, eine Cashew-Fabrik. In der Region gibt es schon seit Jahrzehnten Cashews. Aber die Bauern hatten keine Möglichkeiten, ihre Nüsse im großen Stil zu verarbeiten und zu vermarkten. Also hat die staatliche, spanische Entwicklungsorganisation diese Fabrik gebaut - finanziert auch mit Geldern aus der EU. Sie alle arbeiten gerne hier, sagen sie uns und hoffen, dass sie hier ein bisschen Lohn zum Überleben verdienen. Auch Abdoulaye Traoré. Eigentlich hat Abdoulaye einen Studienplatz in der Hauptstadt, im Fach Jura. Doch er kann sich das Studium nicht leisten. Er ist der älteste Sohn seiner Familie. Es sei seine Pflicht, seine Eltern und Geschwister zu versorgen, sagt er. Seine Mutter dränge ihn immer wieder, nach Europa zu gehen. Aber er will eigentlich lieber hierbleiben.

Abdoulaye Traoré (Übersetzung Monitor): „Ich mag diese Arbeit. Ich glaube, dass es mir für meine Zukunft nutzen kann, mich in diesem Bereich auszukennen. Aber der Lohn reicht weder für mich noch für meine Familie.“

Daouda Doumbia ist der Vorarbeiter der Fabrik und er macht sich nicht nur Sorgen um den Lohn, erzählt er uns. Das ganze Projekt drohe zu scheitern.

Dauda Doumbia (Übersetzung Monitor): „Das Problem ist, die Spanier haben dieses Gebäude gebaut, sie haben uns die Geräte gegeben und sie haben uns ein paar Monate an den Geräten geschult. Dann sind sie einfach gegangen.“

Dabei fehlte es an fast allem, was die Fabrik zum Überleben braucht: an Fahrzeugen, um die Nüsse zu transportieren, an einer Vertriebsstruktur, an Großkunden. Eine Fabrik allein reicht eben nicht. Ein typisches Beispiel dafür, warum solche Projekte oft scheitern, sagen Experten. Am Engagement der Menschen hier liegt es jedenfalls nicht. Nachdem die Fabrik stillgelegt werden musste, haben sie hier Geld gesammelt, um die Produktion wieder ins Laufen zu bringen. Sie wollen nicht aufgeben. Auch wenn die Fabrik zurzeit kaum Gewinn macht.

Arbeiterin (Übersetzung Monitor): „Ich glaube, wenn die Fabrik richtig laufen würde, dann würden die jungen Menschen hierbleiben. Aber aus unserer Region fliehen viele ins Ausland, weil sie keine andere Arbeit finden.“

Die Dorfgemeinschaft beunruhigt das. Sie erzählen uns, dass es kaum noch junge Männer im Ort gibt. Sie haben einen Brief vorbereitet, den wir der deutschen Regierung geben sollen. Darin bitten sie um Unterstützung für ihre Cashew-Fabrik - für ein paar Fahrzeuge, Ersatzteile und eine Verpackungsmaschine. Ihre Angst, noch mehr junge Menschen zu verlieren, scheint berechtigt.

Abdoulaye Traoré (Übersetzung Monitor): „Ich werde wohl nach Europa gehen. Wenn die Arbeitsbedingungen besser wären, es mehr Lohn gäbe, dann würde ich lieber hierbleiben, um meiner Mutter und meinem Vater zu helfen.“

Nein, ein Traum sei Europa nicht für ihn, sagt er uns noch. Aber sein einziger Ausweg. So geht es Tausenden in Mali. Sie können nicht von ihrer Arbeit leben, wenn sie überhaupt eine haben. Jeder Zweite lebt von weniger als einem Euro am Tag. Dabei ist Mali reich an Rohstoffen, das Land ist der drittgrößte Goldproduzent Afrikas. Aber von den Rohstoffen profitieren vor allem multinationale Konzerne und eine korrupte Elite. Und auch die EU profitiert. Mit Wirtschaftsabkommen, wie den so genannten EPAs. Diese verpflichten afrikanische Länder dazu, auf drei Viertel der Produkte, die aus der EU kommen, keine Zölle zu erheben. Und so würden ganze afrikanische Märkte zerstört.

Shaban Touré, Migrationsforscher (Übersetzung Monitor): „Sie machen Afrika arm. Europa profitiert von unseren Ressourcen. Aber was passiert ist, sie öffnen ihre Märkte für Waren, profitieren von unseren Rohstoffen, aber für die afrikanischen Menschen schließen sie ihre Grenzen. Das geht doch nicht.“

Flüchtlinge aufnehmen, quasi als Gegenleistung? Damit so Geld nach Mali zurückfließen kann, das Europa ihnen genommen hat? Viele Menschen denken hier so, und würden doch viel lieber hierbleiben. Auch Aly würde gerne in Mali bleiben. Hier in seiner Heimat sein Leben wieder aufbauen. Doch als Rückkehrer geht es ihm noch schlechter als zuvor, sagt er.

Aly (Übersetzung Monitor): „Mein Traum war es, einen modernen Bauernhof zu haben, mit Wasserleitungen und Strom. Aber mir fehlten einfach die Mittel dafür. Ich würde für dieses Ziel noch mal versuchen, nach Europa zu gehen.“

Noch einmal aufbrechen nach Europa. Auch wenn er weiß, dass er dort kaum eine Chance hat. Aber die hat er hier auch nicht, sagt er.

Stand: 27.07.2018, 11:17

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17 Kommentare

  • 17 Schröder, Harald 07.08.2018, 13:42 Uhr

    dann sollten wir mal dafür sorgen, dass diese Menschen sich garnicht erst auf den Weg machen. "Bleibt dort, wo Ihr seid, in Europa habt Ihr keine Zukunft, wir wollen Euch nicht." So, oder so ähnlich. Ich hatte schon oft gehört, dass Menschen die zurückgeschickt werden, in ihrem Land als versager gelten. Nun zum ersten Mal von einem Betroffenen. So sitzen diese Menschen dann zwischen allen Stühlen! Verlierer der Menschenwürde!

  • 16 Meine Eltern waren auch Flüchtlinge, mussten vor „Befreier“ der Alliierten fliehen 04.08.2018, 12:02 Uhr

    Das was derzeitig als „Flucht“ und „Flüchtlinge“ bezeichnet wird ist wenig mit einer wahren Flucht und mit wahre Flüchtlinge zu vergleichen. Meiner Meinung nach sind Flüchtlinge, welche kriegsbedingt des Überlebens wegen aus ihrer Heimat fliehen mussten. Wie zum Beispiel viele Flüchtlinge aus den Staaten in denen auch NATO-Länder Krieg führen (Entschuldigung, bei den Politikern der NATO-Staaten heißt es sprachlich „Befreiung“). Auch sind Flüchtlinge welche um die Zeit des 2. Weltkrieges aus ihrer Heimat vertrieben und um ihres Lebens wegen fliehen mussten (auf diese Flüchtlinge wurde durch die damaligen „Befreier“ sogar noch durch Tiefflieger mit Maschinengewehren geschossen). Heute fahren Menschen nur aus einem Grund mit Menschen überfüllt und ohne Ausrüstung aufs Mittelmeer: Sie wissen dass sie durch eine Seenotrettung gerettet werden. Man stelle sich einen Wolkenkratzer vor. Von dessen Dach würde nur jemand springen wenn er weiß dass er unten in ein Rettungstuch fallen würde.

  • 15 Michael 31.07.2018, 20:38 Uhr

    Der Hochmut u. die Arroganz einiger Sozialromantiker sind "grenzenlos"...... . Der gesunde Menschenverstand, ist nicht mehr vorhanden. "Die bösen Rassisten sind doch zu blöd......!" Realitätsverweigerer sind nicht blöd, nur geistig verirrt u. brandgefährlich für ihre Umgebung. P.s. Wer Rechtschreibfehler findet, kann sie behalten!!!

  • 14 Horst 30.07.2018, 09:19 Uhr

    Die Bevölkerung von Mali hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt. Einfach bei Google "mali bevölkerung" eingeben und selber sehen. Mali ist in den Top 4 der Ländern mit der höchsten Geburtenrate.

  • 13 Anton 27.07.2018, 14:36 Uhr

    Solche Beitrag, die zeigen wie es da aussieht, wo die Menschen herkommen, wie sie denken und warum sie kommen, finde ich aktuell besonders wichtig - auch wenn man da trotzdem weiterhin vor einer Mauer fremdenfeindlicher Stereotypen steht. Wir reden permant über sie, wir machen unsere Verbesserungsvorschläge. Doch wir sollten uns mehr für sie interessieren.

    • Klaus Keller 27.07.2018, 21:48 Uhr

      Da kann ich nur zustimmen, dass wir uns für die Menschen in Afrika interessieren sollten. Die Beiträge von Shafagh Laghai waren und werden sicherlich informativ. Wir sollten aber mal nachzählen, wie viele dieser Menschen in Afrika leben und wie sich die Bevölkerungsanzahl noch entwickelt. Umsiedlung nach Europa kann nur eine extrem begrenzte Antwort sein und wenn, sollten wir die Auswahl nicht den Schleppern überlassen; es kommen zu viele auf dem Meeresgrund oder auf dem Sklavenmarkt an. Nebenbei wird durch den massenhaften Missbrauch auch noch das im Ursprung richtige Asylrecht ruiniert. Das ist das wirklich Fatale, wenn man solche Informationen unter der Überschrift "Flucht" präsentiert.

  • 12 Lydia Schröder 27.07.2018, 09:02 Uhr

    Sehr geehrte Thommi Tulpe. Kennen sie mich? Sie haben Recht der Sender von Monitor ist volksverdummende Sender das ist nicht nur Monitor. Von 2015 wird ins unsere Gehirn was rein gesät was kann man nicht mehr ertragen. Erst die Welt zerstören dann die Flüchtlingen retten auf kosten eigenes Volkes. Wer hat ihnen das Recht gegeben die Welt zu verändern auf eure Art wie es euch passt? Was weist du schon von mir und meine Kinder und Enkel? Erste sie sind nicht bei Bundeswehr und zweites wir sind auch keine Schmarozen welche leben auf fremden kosten. Und mein Rechtschreibung geht dir überhabt nicht an.

    • sixtus 27.07.2018, 14:14 Uhr

      au weh, das ist schon besorgniserregend krank - da bekommt man ja schon vom Lesen dieses Elaborats Augenkrebs ... man, man, man, Madame, die Deutsche Sprache ist doch keine open source - da kann Frau nicht einfach machen, was sie will... wenn Goethe das wüsste...

  • 11 Ralf 27.07.2018, 06:25 Uhr

    Der Beitrag hat mich dazu bewegt, nachzufragen, ob über eine persönliche "Patenschaft" hier Hilfe möglich ist. Bedeutet, über kontinuierliche monetäre Hilfe, einen Neustart im eigenen Land zu gewärleisten. Kontakt, Kontaktadressen oder ähnliches, zu einem betreffenden Menschen wäre dazu notwendig. Kann hierzu von MONITOR vermittelt werden? Über diesen Weg soll von meiner Seite versucht werden, ein eigenständiges Leben im eigenen Land zu unterstützen, ohne dass ein neuer, ggf. tödlicher Versuch das Land in Richtung Europa zu verlassen, unternommen wird. Eine Antwort wäre gut, denn was wären derartige Beiträge wert, wenn eine mögliche Lösung, auch auf privater Ebene, und sind diese noch so klein, unmöglich wären.

  • 10 Karo 27.07.2018, 01:21 Uhr

    Danke. Es hat sich leider nichts geändert. Einige wenige profitieren und der Rest soll sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Mehr von solchen Beiträgen, bitte!

  • 9 I.B. 26.07.2018, 23:15 Uhr

    Ich habe das unglaubliche Glück zufällig hier in Deutschland geboren zu sein und hier leben zu können. Daraus leite ich jedoch nicht ab, dass dieses Land / Glück / Recht nur mir zusteht!). Unser Wohlstand führt zu dieser Schieflage in anderen Ländern...

  • 8 Anonym 26.07.2018, 22:51 Uhr

    Schön einseitig Ihre Berichterstattung. Von wegen die Spanier haben sich nach gewisser Zeit aus der Cashew Fabrik zurück gezogen ... Es gibt doch sicherlich auch in Mali engagierte junge Leute, die das erfolgreich weiter führen können. An finanziellen Mitteln fehlt es doch nicht, bei der Menge an Entwicklungshilfe, die allein Deutschland leistet ! Oder soll Deutschland ganz Afrika unterstützen ???????

  • 7 Uwe 26.07.2018, 22:40 Uhr

    In der Sendung herrscht eine sehr eigene Sicht der Dinge! Ich fasse mal zusammen. Wir sind verantwortlich, wenn der Abgeschobene keine Anerkennung findet, weil wir ihn abgeschoben haben. Na, da ist die Lösung doch ganz einfach. All die die diese Sendung gut finden, bürgen einfach mal und schon können alle bleiben. Warum nur passiert das nicht? Die Feuerwehr findet keine Freiwilligen mehr, die Vereine stellen fest, dass das gesellschaftliche Engagement nachlässt, vor allem junge Menschen fehlen. Die fehlen aber nicht bei Demos gegen rechts oder irgendwelche Themen die hipp sind. Ich lese auch dauernd von Universitäten, an denen die Studenten "Refuges Welcome" machen. Das ist ja prima. Da können diese Studenten, sobald sie Führungskräfte sind, doch am neuen Arbeitsplatz, auch mal ein paar "Underdogs" einstellen und integrieren, selbst wenn es nicht so gut läuft mit denen. Das machen die aber nicht, weil sie dann Nachteile hätten. Dann ist Schluss mit Welcome!