MONITOR vom 26.07.2018

Abgeschoben aus Europa: das Schicksal der „Rückkehrer“

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Bericht: Shafagh Laghai

Abgeschoben aus Europa: das Schicksal der „Rückkehrer“

Monitor 26.07.2018 08:41 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste

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Georg Restle: „Was mit den Menschen geschieht, die aus Deutschland oder Europa abgeschoben werden, interessiert kaum jemanden in diesem Land. Hauptsache weg - aus den Augen, aus dem Sinn. Mitgefühl mit Abgeschobenen gibt es immer seltener - als würde es sich dabei um beschädigte Ware handeln, die wir nicht bestellt haben. Aber es geht um Menschen, und für die hört die Not nicht auf, nur weil wir sie nicht mehr sehen oder nicht mehr sehen wollen. Dabei erwartet die meisten Flüchtlinge ein schlimmes Schicksal. Denn wer die Flucht nicht geschafft hat, gilt in seinem Herkunftsland oft als Versager und wird von seinen Familien verstoßen. So ist das auch in Mali, einem der ärmsten Länder der Welt und einem sehr gefährlichen zugleich. Das wissen auch die Soldaten der Bundeswehr, die dort seit sechs Jahren stationiert sind. Der Einsatz gilt als der riskanteste deutsche Auslandseinsatz. Gebracht hat er bisher wenig. Die Sicherheitslage hat sich zuletzt deutlich verschlechtert, das Land droht in weiten Teilen im Chaos zu versinken. Shafagh Laghai hat in Mali einen so genannten Rückkehrer begleitet, für den sein Herkunftsland zum Niemandsland geworden ist.“

Seit sechs Monaten ist Aly wieder zurück in seiner Heimat - in Mali. Er war nach Frankreich geflohen und wurde abgeschoben.

Aly (Übersetzung Monitor): „Dieses Zimmer teile ich mir mit sieben anderen Personen. Ich wurde aus Europa zurückgeschickt und habe nichts, also schlafe ich hier und versuche zurechtzukommen.“

In diesem Koffer ist alles, was ihm geblieben ist. Aly kann nicht zurück nach Hause in sein Dorf. Rückkehrer, Abgeschobene, die mit leeren Händen zurückkommen, gelten in Mali als Versager, als Enttäuschung. So ist es auch bei Aly. Seine Familie hat ihn verstoßen. Er vermisse sie, sagt er, vor allem seine beiden Töchter.

Aly (Übersetzung Monitor): „Meine Mutter denkt, dass ich gescheitert bin. Sie sagt, ich brauche gar nicht erst nach Hause kommen. Ich hab sie um Verzeihung gebeten. Aber nur wenn ich Geld verdiene, akzeptiert sie meine Rückkehr.“

Doch das mit dem Geldverdienen ist nicht einfach. Sie, die Abgeschobenen, landen oft ganz unten in der Gesellschaft. Aly versorgt die Kühe eines Bauern - für umgerechnet 80 Cent am Tag. Seine Familie hatte selber Kühe. Die haben sie alle verkauft, ihr ganzes Hab und Gut, um Alys Flucht zu bezahlen. All ihre Hoffnung in ihn gesetzt, und alles verloren. Der Druck auf die Rückkehrer ist enorm. Die, die es nach Europa geschafft haben, sind die Vorbilder, sagt der Migrationsforscher Shaban Touré. Schätzungsweise acht Prozent des malischen Bruttoinlandprodukts kommen aus Überweisungen von Maliern, die im Ausland leben.

Shaban Touré, Migrationsforscher (Übersetzung Monitor): “Man kann heute sagen, dass Migranten mehr in die Entwicklung von Dörfern, von Infrastruktur investieren als der Staat. Die Gelder, die sie nach Hause schicken, werden oft auch effektiver eingesetzt, als Gelder aus der Entwicklungshilfe.“

Entwicklungshilfe? Die gibt es in Mali. Doch was bringt sie? Wir sind unterwegs in den Süden Malis, zu einem der Vorzeigeprojekte der EU-Entwicklungshilfe. Ein Projekt, das Fluchtursachen bekämpfen soll, und Arbeit schaffen, eine Cashew-Fabrik. In der Region gibt es schon seit Jahrzehnten Cashews. Aber die Bauern hatten keine Möglichkeiten, ihre Nüsse im großen Stil zu verarbeiten und zu vermarkten. Also hat die staatliche, spanische Entwicklungsorganisation diese Fabrik gebaut - finanziert auch mit Geldern aus der EU. Sie alle arbeiten gerne hier, sagen sie uns und hoffen, dass sie hier ein bisschen Lohn zum Überleben verdienen. Auch Abdoulaye Traoré. Eigentlich hat Abdoulaye einen Studienplatz in der Hauptstadt, im Fach Jura. Doch er kann sich das Studium nicht leisten. Er ist der älteste Sohn seiner Familie. Es sei seine Pflicht, seine Eltern und Geschwister zu versorgen, sagt er. Seine Mutter dränge ihn immer wieder, nach Europa zu gehen. Aber er will eigentlich lieber hierbleiben.

Abdoulaye Traoré (Übersetzung Monitor): „Ich mag diese Arbeit. Ich glaube, dass es mir für meine Zukunft nutzen kann, mich in diesem Bereich auszukennen. Aber der Lohn reicht weder für mich noch für meine Familie.“

Daouda Doumbia ist der Vorarbeiter der Fabrik und er macht sich nicht nur Sorgen um den Lohn, erzählt er uns. Das ganze Projekt drohe zu scheitern.

Dauda Doumbia (Übersetzung Monitor): „Das Problem ist, die Spanier haben dieses Gebäude gebaut, sie haben uns die Geräte gegeben und sie haben uns ein paar Monate an den Geräten geschult. Dann sind sie einfach gegangen.“

Dabei fehlte es an fast allem, was die Fabrik zum Überleben braucht: an Fahrzeugen, um die Nüsse zu transportieren, an einer Vertriebsstruktur, an Großkunden. Eine Fabrik allein reicht eben nicht. Ein typisches Beispiel dafür, warum solche Projekte oft scheitern, sagen Experten. Am Engagement der Menschen hier liegt es jedenfalls nicht. Nachdem die Fabrik stillgelegt werden musste, haben sie hier Geld gesammelt, um die Produktion wieder ins Laufen zu bringen. Sie wollen nicht aufgeben. Auch wenn die Fabrik zurzeit kaum Gewinn macht.

Arbeiterin (Übersetzung Monitor): „Ich glaube, wenn die Fabrik richtig laufen würde, dann würden die jungen Menschen hierbleiben. Aber aus unserer Region fliehen viele ins Ausland, weil sie keine andere Arbeit finden.“

Die Dorfgemeinschaft beunruhigt das. Sie erzählen uns, dass es kaum noch junge Männer im Ort gibt. Sie haben einen Brief vorbereitet, den wir der deutschen Regierung geben sollen. Darin bitten sie um Unterstützung für ihre Cashew-Fabrik - für ein paar Fahrzeuge, Ersatzteile und eine Verpackungsmaschine. Ihre Angst, noch mehr junge Menschen zu verlieren, scheint berechtigt.

Abdoulaye Traoré (Übersetzung Monitor): „Ich werde wohl nach Europa gehen. Wenn die Arbeitsbedingungen besser wären, es mehr Lohn gäbe, dann würde ich lieber hierbleiben, um meiner Mutter und meinem Vater zu helfen.“

Nein, ein Traum sei Europa nicht für ihn, sagt er uns noch. Aber sein einziger Ausweg. So geht es Tausenden in Mali. Sie können nicht von ihrer Arbeit leben, wenn sie überhaupt eine haben. Jeder Zweite lebt von weniger als einem Euro am Tag. Dabei ist Mali reich an Rohstoffen, das Land ist der drittgrößte Goldproduzent Afrikas. Aber von den Rohstoffen profitieren vor allem multinationale Konzerne und eine korrupte Elite. Und auch die EU profitiert. Mit Wirtschaftsabkommen, wie den so genannten EPAs. Diese verpflichten afrikanische Länder dazu, auf drei Viertel der Produkte, die aus der EU kommen, keine Zölle zu erheben. Und so würden ganze afrikanische Märkte zerstört.

Shaban Touré, Migrationsforscher (Übersetzung Monitor): „Sie machen Afrika arm. Europa profitiert von unseren Ressourcen. Aber was passiert ist, sie öffnen ihre Märkte für Waren, profitieren von unseren Rohstoffen, aber für die afrikanischen Menschen schließen sie ihre Grenzen. Das geht doch nicht.“

Flüchtlinge aufnehmen, quasi als Gegenleistung? Damit so Geld nach Mali zurückfließen kann, das Europa ihnen genommen hat? Viele Menschen denken hier so, und würden doch viel lieber hierbleiben. Auch Aly würde gerne in Mali bleiben. Hier in seiner Heimat sein Leben wieder aufbauen. Doch als Rückkehrer geht es ihm noch schlechter als zuvor, sagt er.

Aly (Übersetzung Monitor): „Mein Traum war es, einen modernen Bauernhof zu haben, mit Wasserleitungen und Strom. Aber mir fehlten einfach die Mittel dafür. Ich würde für dieses Ziel noch mal versuchen, nach Europa zu gehen.“

Noch einmal aufbrechen nach Europa. Auch wenn er weiß, dass er dort kaum eine Chance hat. Aber die hat er hier auch nicht, sagt er.

Stand: 27.07.2018, 11:17 Uhr

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