Facebook-Professur: Gekaufte Wissenschaft?

MONITOR vom 30.01.2020

Facebook-Professur: Gekaufte Wissenschaft?

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Bericht: Lutz Polanz

Facebook-Professur: Gekaufte Wissenschaft? Monitor 30.01.2020 06:17 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Lutz Polanz

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Georg Restle: „Ja, genau darum geht es. Rechtliche und damit auch ethische Standards zu formulieren, um verbindlich festzulegen, was noch erlaubt sein sollte und was eben nicht. Gerade beim Thema künstliche Intelligenz kommt der Wissenschaft dabei eine ganz entscheidende Rolle zu – umso wichtiger, dass sie unabhängig ist und frei von den Interessen großer Konzerne, die damit Geld verdienen. An der Technischen Universität München gibt es jetzt ein neues Institut, das sich mit genau solchen ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz befasst. Das klingt ganz gut, bis man erfährt, von wem dieses Institut finanziert wird. Lutz Polanz.“

Die TU München, geballte Kompetenz in Sachen Technik. Und der Internetgigant Facebook, eines der wertvollsten Unternehmen weltweit.

Mark Zuckerberg (Übersetzung Monitor): „Meine Freundin und Mit-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg.”

Im Januar 2019 macht sich Sheryl Sandberg – Nummer 2 bei Facebook hinter Mark Zuckerberg – auf den Weg nach Bayern. Und verkündet dort ein außergewöhnliches Engagement.

Sheryl Sandberg, Co-Geschäftsführerin Facebook (20.01.2019) (Übersetzung Monitor): „Wir glauben, dass Forschung von unabhängigen akademischen Instituten vorgenommen werden soll. Wir geben deshalb 7,5 Millionen US-Dollar für fünf Jahre an die Technische Universität München für das neue, europaweit einzige Institut für Ethik in der künstlichen Intelligenz.”

Siebeneinhalb Millionen Dollar, fast sieben Millionen Euro spendiert Facebook der TU München. Details des Vertrages gibt die Hochschule kaum bekannt, aber: Facebook gebe das Geld ohne Bedingungen, sagte der Leiter des neuen Ethikinstituts vor einem Jahr.

Prof. Christoph Lütge, Technische Universität München (20.01.2019): „Es gibt überhaupt keine Vorgaben und keine Auflagen seitens Facebook, sondern wir bekommen dieses Geld um unabhängige Forschung zu finanzieren, sonst würde ich es auch nicht machen.”

Im Oktober 2019 fällt der Startschuss für das neue „Ethik-Institut in der Künstlichen Intelligenz”. Mit dabei auch die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär. Es geht um zentrale Fragen: Wie dient Technik dem Menschen und nicht umgekehrt? Wie sollten Computer-Programme in Grenzsituationen entscheiden, etwa in selbstfahrenden Autos? Welche Regeln muss es für künstliche Intelligenz geben, um sie besser zu kontrollieren? Klingt gut, und doch findet er das Ganze hoch problematisch. Professor Christian Kreiß beschäftigt sich seit Jahren mit dem wachsenden Einfluss von Konzernen auf die Forschung in deutschen Hochschulen.

Prof. Christian Kreiß, Experte für Wirtschaftslobbyismus: „Für mich als Forscher ist das doch klar. In dem Moment, wo ich eine schlechte Aussage, eine unangenehme Aussage mache, sind die Gelder weg. Es steht in dem Vertrag ja drin, wir können vollkommen willkürlich, ohne Nennung von Gründen die Mittel stoppen. Das heißt, wenn ihr nicht Ergebnisse bringt, die uns gefallen, dann ist das Geld weg.”

Die TU München weist solche Vorwürfe zurück. Tatsache ist aber, die Facebook-Millionen an die Hochschule fließen doch nicht ganz ohne Vorbehalt. Der vertrauliche Vertrag liegt Monitor vor. Demnach zahlt Facebook seine Millionen nur in jährlichen Raten. Und räumt sich dabei eine Art Kündigungsrecht mit ein. So heißt es dort:

Zitat: „Facebook behält sich vor, seine Zusage und die finanzielle Unterstützung für das folgende Jahr jeweils zum 30. November schriftlich zu verlängern oder zu beenden.“

Und auch beim Personal hat Facebook klare Vorstellungen. Als Gründungsdirektor des Instituts nennt Facebook Professor Christoph Lütge. Und stellt auch gleich klar: Änderungen ...

Zitat: „… bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung von Facebook.”

Prof. Thomas Metzinger, Expertenkommission der EU für Künstl. Intelligenz: „Die Einflussnahme auf das Personal und die Form der Finanzierung widerspricht natürlich den Prinzipien der Freiheit von Forschung und Lehre. Das, was an der TU München in diesem Bereich stattfindet, ist nicht wirklich unabhängig.“

Eine harte Kritik, die auch an ihn geht: Gründungsdirektor Lütge ist ein einflussreicher Wissenschaftler und Berater der Bundesregierung. Er gilt als Verfechter freien Wettbewerbs, der gerne mal gegen den seiner Meinung nach deutschen Regulierungswahn wettert. Eher unwahrscheinlich, dass gerade er Facebook in die Schranken weisen will. Wir möchten mit Professor Lütge und der TU München sprechen. Ein Interview bekommen wir nicht – Terminprobleme. Auch Facebook gibt uns kein Interview, schreibt aber, das neue Institut werde

Zitat: „von der Vorreiterrolle Deutschlands in der Diskussion über ethische Rahmenbedingungen für Künstliche Intelligenz (…) profitieren.”

Professor Thomas Metzinger ist Sprecher der Europäischen Hochschulen in der höchsten Expertenkommission der EU für Künstliche Intelligenz, arbeitet an den Ethikrichtlinien der Union mit. Er sieht das Facebook-Engagement äußerst kritisch.

Thomas Metzinger, Expertenkommission der EU für Künstl. Intelligenz: „Die versuchen, Prestige zu erkaufen, sie versuchen zu erscheinen als jemand, der tatsächlich ernsthaft an Ethik und ethischen Debatten interessiert ist. Das sind sie nicht. Das reale Verhalten dieser amerikanischen Großkonzerne zeigt ja, dass sie selbst aus ihrem eigenen Geschäftsmodell nicht raus können und dass zu diesem Geschäftsmodell eben nicht der Schutz von Menschenrechten, der Schutz von Grundrechten gehört.”

Warum also die Millionen für ein Ethik-Institut an einer deutschen Exzellenz-Hochschule? Seit Jahren streitet sich Facebook mit deutschen Datenschützern und Wettbewerbshütern, etwa wegen des Messenger-Dienstes WhatsApp. Als Facebook 2014 das Unternehmen kaufte, versprach es, die Plattformen blieben unabhängig. Es werde keinen Datenaustausch geben. Aber Facebook hielt sich nicht dran. Jetzt liegt das Unternehmen im Clinch mit dem Bundeskartellamt. Ein Rechtsstreit, der weltweit aufmerksam verfolgt wird. Engagements wie das an der TU München verfolgten deshalb vor allem einen Zweck, sagt Thomas Metzinger.

Prof. Thomas Metzinger, Expertenkommission der EU für Künstl. Intelligenz: „Es geht ihnen hauptsächlich darum, Regulierung zu verhindern und den Eindruck zu erzeugen, die Wirtschaft könnte sich in dem Bereich erfolgreich selbst regulieren, wir bräuchten keine durchsetzbaren Gesetze. Das ist das eigentliche Ziel dahinter. Und die Frage ist, ob sich eine von öffentlichen Geldern geförderte Institution in Deutschland da zum Komplizen machen darf.”

Sowohl Facebook als auch die TU München sehen das ganz anders. Die Forschung an dem neuen Ethik-Institut erfolge frei und unabhängig.

Georg Restle: „So frei, wie man eben ist, wenn einem der Geldhahn jederzeit wieder abgedreht werden kann.“

Stand: 31.01.2020, 15:00

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2 Kommentare

  • 2 Max Schmitt 07.02.2020, 02:18 Uhr

    Ich habe 5 Jahre lang an einer Uni im Bereich der KI geforscht. Aus dieser Erfahrung weiß ich, dass die Akquise von Drittmitteln immer wichtiger wird, da der reguläre Haushalt immer kleiner wird. Da sind neben den öffentlichen Quellen (DFG, BMBF, EU) u.U. auch Mittel aus der Industrie sinnvoll, wenn es darum geht, technische Entwicklungen voranzubringen. Diese Mittel kommen nämlich auch meist mit einem großen Overhead, der relativ flexibel verwendet werden kann, z.B. für die Anschaffung größerer Hardware. Wenn es jedoch um Forschung zu ethischen Fragen oder Technikfolgeabschätzung geht, dann sind m.E. Industriegelder abzulehnen, da der Druck da in der Tat zu hoch ist, Nachfolgeprojekte durch kritische Ergebnisse nicht zu gefährden. Dies ist insbesondere im angesprochenen Fall so, da die Zahlungen jeweils nur für ein Jahr garantiert sind. Ansonsten hat Herr Prof. Metzinger Recht, dass sich gerade bei Facebook der Eindruck aufdrängen muss, dass es nur um Imagepflege gehe.

  • 1 Rudi Buchholz 02.02.2020, 20:48 Uhr

    Wissenschaftler sind keine besseren Menschen, wie das die Anhänger der Klimahysterie offensichtlich glauben. Es gibt Betrug und Selbstbetrug, es gibt Korruption, das Streben nach Geld und Ruhm aber auch den ganz banalen Irrtum. Bei den meisten Wissenschaftlern glaube ich schon, dass man dagegen ankämpft. Wenn es um Facebook, Google oder auch zum Beispiel um Glyphosat geht, bin ich da erheblich misstrauischer um es mal vorsichtig zu sagen. Für den Arbeitsplatz in der Wissenschaft braucht man Forschungsgelder und zusätzliches Geld kann von der Industrie kommen, man muss es nur Transparent machen. Sollte die TU München Forschungsergebnisse oder eine Studie präsentieren die dem Geschäftsmodell von Facebook nützt, müssen Medien auf die Finanzierung hinweisen und mehr oder überhaupt mal Distanz zu einer Nachricht halten. Mangelnde Distanz von Journalisten ist einer der Hauptgründe, warum das mit der Einordnung von Nachrichten oft schief läuft; auch Journalisten sind keine besseren Menschen.

studioM