Europas Politik - Afrikas Elend

MONITOR vom 05.07.2018

Europas Politik - Afrikas Elend

Bericht: Shafagh Laghai

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Georg Restle: „Sinkende Flüchtlingszahlen in Deutschland, zurückgehende Flüchtlingszahlen auf dem Mittelmeer. Der Grund dafür: Europa hat seine Grenzen längst dicht gemacht. Nicht nur an seiner Außengrenze, sondern auch weit vorgelagert in Afrika. Quer durch die Sahelzone zieht sich Europas neuer Abwehrriegel, von Eritrea im Osten bis nach Mauretanien im Westen. Mittendrin liegt Niger, wo auch die deutsche Bundesregierung die Sicherheitskräfte massiv aufrüstet, damit auf den Fluchtrouten niemand mehr durchkommt. Und das hat tödliche Folgen. Shafagh Laghai war in Agadez. Ein Ort mitten in der Wüste Nigers, wo täglich Menschen sterben, ohne dass es hier irgendjemand mitbekommt.“

Agadez - die Wüstenstadt in Niger. Hier gibt es schon das, worüber in Europa diskutiert wird - „Transitzentren“. Unterstützt und finanziert wird das Lager von der EU, auch von Deutschland. Es ist ein Lager der Gestrandeten. Flüchtlinge aus ganz Westafrika, die nach Europa wollten - und aufgegriffen wurden. Hier werden sie registriert, erfasst für immer. Knapp 600 Menschen sind hier untergebracht. So wie Bobby. Er hatte es bis nach Libyen geschafft. Dort endete seine Flucht in einem Folterkeller, erzählt er uns.

Bobby Kennedy (Übersetzung Monitor): „Ich wurde geschlagen, meine Freunde wurden gefoltert, einige sind dabei gestorben. Und selbst wenn sie dich nicht geschlagen und gefoltert haben, hat der Mangel an Essen und Trinken Menschen getötet.“

Die Internationale Organisation für Migration hat in diesem Jahr rund 8.000 Menschen wie Bobby aus Libyen rausgeholt. Viele werden hierher gebracht, nach Niger, und von hier zurück in ihre Heimatländer geschickt. Ein großer Erfolg, sagt die IOM. Aber nicht für Bobby. Er hat keine Familie mehr, sagt er, hatte alles verkauft, um die Reise zu finanzieren. Zu Hause sei ihm nichts geblieben.

Bobby Kennedy (Übersetzung Monitor): „Wo soll ich da hin? Was soll ich essen? Wo schlafen?“

Aber aus dem Transitzentrum in Agadez gibt es keinen Weg nach vorn, nur zurück. Früher ging es von hier in die andere Richtung: Agadez war für Flüchtlinge aus Westafrika der Dreh- und Angelpunkt auf ihrem Weg nach Europa, erzählt der Menschenrechtsaktivist Rachid Kollo. Ganz legal war das. Doch die Regierung von Niger hat auf Druck der EU vor eineinhalb Jahren den Transport von Migranten verboten. Wer sich nicht an das Gesetz hält, wird mit Gefängnis oder umgerechnet 4.500 Euro bestraft - ein Vermögen. Die Wege Richtung Libyen und Europa werden von lokalen Sicherheitskräften streng bewacht. Kein Migrant soll hier mehr durch.

Rachid Kollo, Menschenrechtsaktivist (Übersetzung Monitor): „Agadez ist jetzt die erste Außengrenze Europas. Und es ist nicht nur das Gesetz. Europa gibt unseren Sicherheitskräften Ausrüstung und Ausbildung. Und unsere eigene Regierung befolgt alles, um der Politik der EU zu gefallen.“

Europas Politik habe verheerende Konsequenzen, sagt Rachid Kollo. Weil die alten Fluchtrouten dicht seien, würden die Fahrer jetzt andere, noch gefährlichere Wege nehmen. Die Wüste sei zu einem riesigen Friedhof geworden. Auch wenn niemand genau weiß, wie viele Menschen dort den Tod finden. Kamerateams kommen dort nicht hin.

Rachid Kollo, Menschenrechtsaktivist (Übersetzung Monitor): „Es gibt viele Tote. Der Unterschied ist, früher haben die Behörden jeden registriert, der die Straßensperren in der Wüste durchquert hat. Also hatte man einen Überblick. Aber jetzt nehmen die Fahrer andere Routen. Deshalb weiß keiner mehr, wie viele Menschen sterben, wie viele die Wüste durchqueren.“

In der Wüste droht der Tod. Und trotzdem - selbst hier im Transitzentrum wollen viele ihren Traum von Europa nicht aufgeben.

Bobby Kennedy (Übersetzung Monitor): „Ich habe zu Hause Rechnungswesen studiert. Aber unsere Universitäten sind schlecht, unsere Lehrer korrupt. Ich musste die Uni verlassen, weil ich keinen Job hatte, um alles zu bezahlen. Mein Traum war es, in Europa zu studieren. Aber ich bin gescheitert. Vielleicht kann ich es noch mal versuchen. Vielleicht diesmal legal.“

Legal. Mit einem Studentenvisum sind im vergangenen Jahr genau zwei Menschen aus Niger nach Europa eingereist. Für alle anderen bleibt der Weg durch die Wüste die einzige Option. Ein Weg, der durch die Politik der EU noch tödlicher geworden ist. Von der Außenwelt quasi unbemerkt.

Georg Restle: „Aus den Augen, aus dem Sinn. Das scheint die zynische Logik einer Politik zu sein, die das Flüchtlingsproblem weit hinaus geschoben hat in die Wüste Afrikas.“

Stand: 03.07.2018, 13:57

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5 Kommentare

  • 5 Marina Heckmann 20.07.2018, 02:05 Uhr

    .......... solange Wirtschaftsmächte, nicht nur Europa, nicht aufhören mit der Ausbeutung Afrikas, solange werden Menschen in der Wüste sterben. Auch wir Deutschen tragen mit Schuld daran. Ausbeutung von Ressourcen in Minen - für Handys etc. -Überflutung unserer Fleischreste, Altkleider - 1 Kleidungsstück wird nur ca. 4x getragen - , Kinderarbeit - z.B. auf Kaffee/Baumwolle - und Schnittblumenplantagen -, Elektromüll - Verbrennung/Trennung mit giftigen Gasen auf Mülldeponien - etc. etc. etc. --- An der Westküste könnten 300.000 Arbeitsplätze für Fischer sein, aber ... dort fahren die großen Fischfangflotten. Fa. Nestle betreibt z.B. eine "Wasserquelle", die Arbeiter/Sklaven selbst haben keinen Zugang zum Trinkwasser.

  • 4 afrikanische christen ja und nochmals ja 14.07.2018, 09:01 Uhr

    christen werden von den nordafrikaner gefoltert aber das islampack aus schwarzafrika wird durchgelassen kranke eu

  • 3 EU Bashing ohne eigene Lösungen 06.07.2018, 12:12 Uhr

    EU Bashing wegen der Abschottungspolitik der Europäer. Humanität, alles schön und gut aber kann mir mal einer der Monitorredakteure erklären wie das alles funktionieren soll wenn wir die Grenzen aufmachen wie es die links-grünen Menschen oder eure Redakteure gerne hätten? Mal angenommen nur 10% der jetzigen Afrikaner wollen wegen Krieg und Armut nach Europa, primär nach Deutschland, das wären rund 100 Millionen Menschen. Wo sollen die hin? Wir bräuchten sehr viele Wohnungen, einfache Jobs, Schulen, Kindergärten und vieles mehr? Von den kulturellen Auswirkungen auf unsere Länder will ich erst gar nicht sprechen. Und bis 2050 soll Afrika 2,5 Milliarden Menschen haben, also noch mehr Flüchtlinge und 10% ist meiner Meinung nach niedrig gerechnet. Und die berühmte Hilfe vor Ort um Afrika zu stabilisieren ist doch nur leeres Geschwätz und kaum umsetzbar. Also Monitor, wie sollte denn die Lösung eurer Meinung nach aussehen?

  • 2 Anonym 05.07.2018, 23:38 Uhr

    Stimmt! Wann hören wir auf diesen Ländern ihre Rohstoffe zu nehmen( um Ihnen zu helfen), die sie selbst aber auch brauchen, und darüber die Menschen die dort leben zu vergessen? Diese haben meist nichts mehr davon, ausser vielleicht einen harten, schlecht bezahlten Job!

  • 1 Klaus Keller 04.07.2018, 11:54 Uhr

    Die Suche nach einem besseren Leben ist keine Flucht und wer dann versucht "Europa unter erhöhten Risiken zu erreichen" ist dann auch kein Flüchtling. Man kann sich die Reiseroute ja mal auf dem Globus ansehen. Dann ist auch der die Bezeichnung "Bekämpfung der Fluchtursachen" falsch. Richtiger wäre, die "Gründe für Auswanderung" zu bekämpfen. Aber egal welches Etikett wir verwenden, dieser Ansatz wäre wirklich richtig. Ich kann mich dunkel an einen Kurswechsel bei der Entwicklungshilfe erinnern, was so etwa eine Privatisierung der Entwicklungshilfe gleichkommt. Frage: was hat sich geändert? Man hört wirklich nichts mehr davon, weder gut noch schlecht. Tatsächlich würde es schon viel helfen, wenn wir nicht mit "Freihandel" die Entwicklungen in Afrika zerstören würden. Das sind wir bei Themen wie Leerfischen der Küsten oder Afrika mit subventionierten EU-Hühnern überschwemmen als Beispiele.