Corona: Das vermeidbare Sterben in den Pflegeheimen

MONITOR vom 18.11.2021

Corona: Das vermeidbare Sterben in den Pflegeheimen

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Bericht: Achim Pollmeier

Corona: Das vermeidbare Sterben in den Pflegeheimen Monitor 18.11.2021 06:52 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Achim Pollmeier

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Georg Restle: "Immer wieder die gleichen Fehler. Das Versagen der deutschen Corona-Politik trifft vor allem diejenigen hart, die besonders gefährdet sind. Auch das konnten wir in den letzten Wochen beobachten, erneute Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, wo der Impfschutz bei den Bewohnern und Bewohnerinnen mittlerweile deutlich nachgelassen hat. Warum hier nicht schon im Sommer flächendeckend nachgeimpft wurde, warum ausgerechnet der Schutz der Menschen vernachlässigt wurde, die am verletzbarsten sind, all das ist nur äußerst schwer zu begreifen. Vor allem für die Menschen, die dem Virus dort wehrlos ausgeliefert sind und deren Angehörigen. Achim Pollmeier hat ein Heim in Rheinland Pfalz besucht, in dem die Hilfe ein paar Wochen zu spät kam – mit dramatischen Folgen."

Bis Anfang Oktober war die Welt hier noch in Ordnung. Das Seniorenheim Haus Jacobus in Osthofen bei Worms. Dann kam der Corona-Ausbruch – mit tödlichen Folgen. Noch immer packen Menschen das Hab und Gut ihrer verstorbenen Angehörigen zusammen. Wochenlang war das nicht möglich, weil das Heim unter Quarantäne stand. Über 100 Menschen haben sich im Oktober infiziert, 13 Bewohnerinnen und Bewohner sind verstorben. Wie konnte das passieren? Mona Schniering fragt sich das bis heute. Sie ist Pflegedienstleiterin im Haus Jacobus; als der Ausbruch kam, stand sie im Zentrum des Sturms. Wie das Virus ins Haus kam, lässt sich nicht mehr nachvollziehen – doch da ist noch etwas: Die Booster-Impfungen. Fast alle Bewohner hätten schon vor Wochen ihre dritte Corona-Impfung erhalten können. Schon lange war klar, dass der Schutz der ersten beiden Impfungen nachlassen würde. Anfang August wurden die Booster-Impfungen dann endlich angekündigt, doch erst im September bekamen sie hier von den Behörden die nötigen Instruktionen, dann die Bürokratie. Statt mit dem Impf-Team sollten erstmal Termine mit Hausärzten gemacht werden, Einverständniserklärungen einholen und so fort. Für viele kam der Termin dann einfach zu spät.

Mona Schniering, Pflegedienstleiterin Haus Jacobus: "Es wurde ja bereits Februar/März drüber gesprochen, dass es eine Booster-Impfung bzw. auch eine Auffrischungs-Impfung geschehen soll – ist die Frage warum hatten wir sie nicht vorher?"

Reporter: "Hat das Menschenleben gekostet?"

Mona Schniering, Pflegedienstleiterin Haus Jacobus: "Also ich würde behaupten ja, es hat Menschenleben gekostet bei uns hier. Wenn sie dreifach geimpft wären, hätten vielleicht die Bewohner eine Chance gehabt."

Die Mutter von Alfred Weinmann ist vor zwei Wochen verstorben. Eine letzte Besprechung mit Tanja Kiarie vom Sozialdienst. Auch für die Angehörigen war der Ausbruch ein Schock.

Alfred Weinmann: "Die dritte Impfung war in Planung, das Boostern. Und, ja, jeder hat hier geglaubt, dass alles rum ist. Ja, aber dem war halt nicht so. Wir haben nebendran gestanden und wissen Sie, wie es einem dann geht, wenn man sieht, wie die Mutti da liegt. Sie holt Luft und, und, und … sie kriegt keine."

Im vergangenen Winter hatte die Politik versprochen, die Alten besser zu schützen. Und trotzdem nun wieder Ausbrüche in etlichen Heimen in ganz Deutschland. Alle Bewohner im Haus Jacobus mussten nach dem Ausbruch in Quarantäne. Gerade Demenzkranke haben oft einen großen Bewegungsdrang, nun sollten sie den ganzen Tag in den Zimmern bleiben. Für viele wie eine Strafe. Die Katastrophe wirkt nach. Für Luzie Marinac war der Oktober wohl die schlimmste Zeit, seit sie hier im Heim ist. Aus dem Fenster schauen, ob vielleicht ein Vogel vorbeikommt, essen, schlafen, fernsehen. Die Anrufe der Kinder oder Besuche am Balkon waren die einzige Abwechslung.

Luzie Marinac: "Weil wir durften ja nicht raus. Es war ja eine Situation, die gar nicht zu beschreiben ist. Dann geht man beizeiten abends ins Bett, ja, dann können Sie aber nicht schlafen. Sie konnten … Sie haben ja gar keine Bewegung gehabt, Sie waren ja gar nicht … es ist schon sehr, sehr, sehr hart, ist sehr, sehr hart – und für uns alte Menschen vor allen Dingen. Man hängt an dem bisschen, was man hat, und das sind die Kinder."

Ihrer Mitbewohnerin Anni Groebe ist es nicht ganz so schwer gefallen. Mit 92 hat sie wieder angefangen zu stricken. 23 Paar Socken hat sie schon geschafft. Aber die Stimmung im Haus macht beiden sehr zu schaffen.

Blaue Kittel, Schutzbrille, Maske. Miriam Beerbom möchte für die Bewohner da sein, doch manchmal erkennen sie die Pflegerin gar nicht. Wenn das Virus erst in einem Heim ist, dann lässt sich die Ausbreitung trotz Schutzkleidung kaum stoppen, sagen Fachleute. Zu viel "körpernahe Dienstleistung". So heißt das, wenn die Pflegerin den alten Menschen nahe kommt – dabei ist Nähe so wichtig.

Pflegerin: "Situation, er hört mich nicht. – Mitkommen!"

Bewohner: "Mitkommen?"

Pflegerin: "Ja!"

Damit das Virus draußen bleibt, werden die Besucher nun wieder am Eingang getestet. Doch die Vorgaben von Land und Gesundheitsamt waren sehr lange sehr lax. Besucher, die geimpft oder genesen waren, wurden überhaupt nicht mehr getestet. Bewohner und Mitarbeiterinnen nur alle zwei Wochen, Ungeimpfte einmal die Woche. Und das Virus? Nutzte seine Chance.

Manuela Haller ist die Leiterin des Hauses. Bis Oktober war kein einziger Bewohner des Heims an COVID verstorben. Dann wurde es zum Symbol einer verschleppten Corona-Politik.

Manuela Haller, Geschäftsführerin Haus Jacobus: "Diese Sicherheit ist genommen. Ja, wir haben uns sicher gefühlt, auch die Bewohner haben sich sicher gefühlt. Die waren geimpft, ist ja nichts passiert, alles war lange gut. Wir haben damit tatsächlich nicht gerechnet, und auch unsere Bewohner nicht. Und dieses Gefühl der Sicherheit ist weg."

Die Sicherheit ist weg, aber immerhin, inzwischen sind die Booster-Impfungen erfolgt, keine Station steht mehr unter Quarantäne. Morgenandacht mit Hausseelsorger Paul Narinder. Einige müssen sich noch von ihrer Corona-Infektion erholen, andere fehlen jetzt in diesem Morgenkreis. Hier wieder gemeinsam zu beten, gibt manchen Kraft. Kraft, die sie erst wieder sammeln müssen im Haus Jacobus.

Georg Restle: "An dieser Stelle mal vielen Dank an all die Altenpfleger und -pflegerinnen, die angesichts solcher Zustände nicht verzweifeln. Grund dafür hätten sie allemal."

Stand: 18.11.2021, 22:35

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4 Kommentare

  • 4 Anonym 19.11.2021, 00:40 Uhr

    Der Staat ist gemäß seinem Grundgedanken u. verfassungsrechtlichem Leitbild Nichts anderes als eine Versicherung für die sog. "großen Lebensrisiken" ,nämlich die Risikofälle: Alter,Arbeitslosigkeit, Krankheit ! Das sind die Kernpflichten des Staates. Diese Aufgaben erfüllt der Staat aber immer schlechter: Pflege im Alter und Absicherung im Krankheitsfall sind weitestgehend privatisiert und damit von erwerbswirtschaftlichem Handeln dominiert ! Stattdessen erfüllt der Staat in der Verbändedemokratie der BRD nur noch Interessen, die verbandsmäßig.d.h. lobbymäßig organisiert sind ! Weil vorgenannte Kernpflichten auf Seiten der Leistungsempfänger aber kaum Lobby haben, bleiben sie halt weitgehend von der Politik unbedient. Die Verbändedemokratie führt also dazu, daß nur noch diejenigen Interessen bedient werden, für die Verbände,Lobbys am lautesten schreien und den meisten Wind machen können ! Alles Andere bleibt mehr oder weniger unbedient, trotz allgem. Relevanz,wie Pflege der Alten !

  • 3 H.D. 18.11.2021, 22:22 Uhr

    Ich frage mich langsam ernsthaft, wann sich eine Staatsanwaltschaft endlich traut, strafrechtliche Ermittlungen gegen den Verantwortlichen für dieses Desaster einzuleiten. Diese Toten gehen auf das Konto von Herrn Spahn!

    • Thomas Holm 19.11.2021, 09:38 Uhr

      Nicht nur. Auch z.B. Herr Söder oder Herr Ramelow oder Frau Schwesig könnten für eine erstklassige Pflege in erstklassigen Krankenhäusern und Altenheimen sorgen. Kein Problem. Sie hatten und haben aber andere Prioritäten.

  • 2 Klaus 18.11.2021, 15:16 Uhr

    Einen Virus darf man niemals (wie schon 2009 mit der "Schweinegrippe") politisieren und noch weniger bürokratisieren. Er muss als solcher behandelt werden - mit seinen physikalischen, biologischen und chemischen Grenzen! Illegale Gesetze und Massnahmen sind natürlich viel einträglicher - ein Millionenheer lebt vom Verwalten der Probleme - ohne persönliche Verantwortung zu übernehmen! Die mögen gerne duschen - ohne sich nass zu machen!

  • 1 Saskia Schneider 17.11.2021, 11:50 Uhr

    Die menschenverachtenden Zustände in der Pflege sind seit vielen Jahren bekannt. Jede Kommune kann, wenn sie denn will, ein erstklassiges Pflegeheim bauen oder kaufen und betreiben, Länder und der Bund natürlich auch. Geld ist ja offensichtlich reichlich vorhanden nur eben nicht dafür oder zur bekämpfung der Altersarmut, der Kinderarmut oder für Steuer und Abgabensenkungen. Dafür haben wir kein Geld. Ich finde das schäbig und menschenverachtend.