Eingesperrt und ausgeliefert: Corona in deutschen Flüchtlingsunterkünften

MONITOR vom 30.04.2020

Eingesperrt und ausgeliefert: Corona in deutschen Flüchtlingsunterkünften

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Bericht: Andreas Maus, Neila Doss

Eingesperrt und ausgeliefert: Corona in deutschen Flüchtlingsunterkünften Monitor 30.04.2020 07:04 Min. UT Verfügbar bis 30.04.2099 Das Erste Von Andreas Maus, Neila Doss

Kommentare zum Thema, weiterführende Links und der Beitragstext als PDF

Georg Restle: „Kein ausreichender Schutz für besonders Schutzbedürftige? Das gilt nicht nur für Gefängnisse. In den letzten Wochen machten einige Flüchtlingsunterkünfte Schlagzeilen, weil sich dort das Corona-Virus rasant ausbreitete. Vor allem deshalb, weil die dort Lebenden kaum eine Chance hatten, sich ausreichend zu schützen oder auf Distanz zu gehen. In vielen zentralen Unterkünften und Aufnahmeeinrichtungen gibt es nämlich kaum eine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Jetzt gibt es schwere Vorwürfe, man habe am Corona-Virus Infizierte nicht wirksam von anderen Bewohnern getrennt und viele Flüchtlinge quasi ihrem Schicksal überlassen. Andreas Maus und Neila Doss sind den Vorwürfen nachgegangen.“

Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im schwäbischen Ellwangen. Die Polizei bewacht die Unterkunft rund um die Uhr. Seit dem 5. April steht sie unter Quarantäne, nachdem sieben Flüchtlinge positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Und jetzt, fast vier Wochen später? Von den 600 Geflüchteten sind jetzt nach offiziellen Angaben 406 mit dem Corona-Virus infiziert. Das sind 68 Prozent. Für die Bewohner eine Katastrophe. Viele seien nach vier Wochen Quarantäne verzweifelt, erzählt uns Rex Osa. Er ist vor Jahren selber nach Deutschland geflohen. Heute hilft er Geflüchteten, auch hier in Ellwangen.

Rex Osa, Refugees4Refugees (Übersetzung Monitor): „Die Situation in der Unterkunft mit Corona jetzt ist sehr schrecklich. Und es herrschen eine große Verwirrung, eine Menge Missverständnisse und eine enorme Frustration.“

Wir würden uns gerne selber ein Bild machen. Aber drehen dürfen wir in der Einrichtung nicht. Diese Videos stammen von Geflüchteten aus der Unterkunft. Sie zeigen, bis zu fünf Menschen sind in einem Zimmer untergebracht. Oftmals auf wenigen Quadratmetern wie hier – dicht an dicht. Und die Menschen teilen sich Toilettenräume und Gemeinschaftsduschen, erzählen sie uns. Wenn man hier lebe, sei Abstand halten kaum möglich. Beim zuständigen Regierungspräsidium in Stuttgart heißt es, man habe man alle nötigen Maßnahmen ergriffen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Thomas Deines, Regierungspräsidium Stuttgart: „Also wir haben in der Einrichtung eben verschiedene Isolierbereiche ausgewiesen, um die positiv getesteten von den negativen zu trennen.“

Dazu versorge man die Menschen mehrsprachig mit Informationen, mit Schutzmasken und Hygieneartikeln. Es werde häufiger gereinigt und das Essen werde in Paketen ausgegeben.

Thomas Deines, Regierungspräsidium Stuttgart: „Ich denke, aktuell haben wir die Situation im Griff, wir haben sehr stabilen Betrieb, wir können die Situation meistern dank der Unterstützung von ganz, ganz vielen Seiten.“

Die Situation im Griff? Die Zahl der Infizierten jedenfalls steigt weiter. Und die Menschen in der Unterkunft beschreiben ihre Situation ganz anders.

Sunday (Übersetzung Monitor): „Einige Leute sind positiv und andere negativ, warum leben wir hier immer noch zusammen?“

Daniel (Übersetzung Monitor): „Wir sind zu fünft in einem Raum. Vier sind positiv, einer ist negativ. Da habe ich denen gesagt, ich kann nicht mit dem Mann zusammen im Zimmer bleiben, ich bin positiv getestet, ich will ihn nicht anstecken. Aber ich sollte zurück in mein Gebäude.“

Keine Chance, der Infektionsgefahr aus dem Weg zu gehen? Die Aussagen können wir vor Ort nicht überprüfen. Beim Regierungspräsidium teilt man uns mit, man nehme die Sorgen der Menschen ernst. Nach wie vor seien negativ und positiv Getestete voneinander getrennt, Einzelfälle könne man nicht beurteilen. Doch Flüchtlingsunterkünfte mit hunderten Menschen seien ein idealer Nährboden für die Übertragung des Virus, sagt der Epidemiologe Oliver Razum.

Prof. Oliver Razum, Epidemiologe, Universität Bielefeld: „Sammelunterkünfte sind ein strukturelles Problem, wenn eine Pandemiesituation entsteht. Dort sind eine große Zahl von Menschen auf engem Raum zusammen und es ist kaum möglich, Abstand voneinander zu halten, so wie das eigentlich erforderlich wäre.“

Ellwangen ist kein Einzelfall: Bundesweit wurden mittlerweile etliche Flüchtlingsunterkünfte wegen Corona abgeriegelt.

Diverse Nachrichtensprecher: „Die Quarantäne für über 500 Flüchtlinge. Keiner wird nunmehr die Erstaufnahmeeinrichtung so verlassen.“ „289 Menschen stehen hier unter Quarantäne.“ „Die Infizierten bleiben erst mal in der Unterkunft.“

Proteste von verzweifelten Geflüchteten und Polizeieinsätze in den Heimen machen Schlagzeilen, wie hier in Halberstadt. Von zuletzt 566 Bewohnern wurden hier nach MONITOR-Informationen 122 positiv getestet. Auch in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bremen ist die Situation angespannt. Hier wurden 146 Geflüchtete auf Corona positiv getestet. Der Bremer Flüchtlingsrat wirft der zuständigen Sozialbehörde Versäumnisse vor.

Gundula Oerter, Flüchtlingsrat Bremen: „Was wir hören, können sich die Bewohner innerhalb des Gebäudes nicht vor Corona schützen und sie können im Übrigen auch nicht die für alle gesetzlich geltenden Regelungen auf Abstand – die auch in Bremen verordnet sind – einhalten. Es ist ihnen schlichtweg nicht möglich.“

Auch hier bekommen wir keine Drehgenehmigung. Über Handy können wir mit der Asylbewerberin Pega aus Iran sprechen. Ihr Mann habe sich mit dem Corona-Virus infiziert und sei im Krankenhaus, sagt sie. Und sie habe gerade ein Baby zur Welt gebracht.

Pega (Übersetzung Monitor): „Körperlich geht es mir nicht so gut, und psychisch auch nicht. Ich bin vor zwei Wochen Mutter geworden.“

Und auch die Bedingungen in der Unterkunft seien für sie nur schwer zu ertragen. Videos von Flüchtlingen aus der Unterkunft. Sie zeigen, auch hier leben Menschen auf engem Raum zusammen. Einige Fenster in den Zimmern lassen sich offenbar nicht öffnen. Viele Zimmer sind nur durch Wände getrennt, die nach oben offen sind. So wie Pegas Zimmer.

Pega (Übersetzung Monitor): „Alle versuchen darauf zu achten, dass sie nicht krank werden und diese Krankheit auch nicht weitergeben. Aber es ist einfach hier nicht möglich, das umzusetzen.“

Die Bremer Sozialbehörde teilt auf Anfrage mit, man habe Maßnahmen getroffen und die erforderlichen Schutzstandards umgesetzt. Zum Beispiel werde wesentlich häufiger gereinigt. Die Belegung sei stark reduziert worden und man wolle nötige Umbauten vornehmen. Aber es sei leider nicht zu vermeiden,

Zitat: „dass eine hochansteckende Krankheit sich in einer Gemeinschaftseinrichtung schneller ausbreitet als in anderen Bereichen der Gesellschaft.“

Für Ramona Lenz von medico international ist klar, die Flüchtlinge müssen raus aus den Massenunterkünften.

Ramona Lenz, medico international: „Also die Corona-Pandemie führt uns gerade vor Augen, wie gesundheitsgefährdend es ist, Menschen für längere Zeiträume in Massenunterkünften unterzubringen. Und deswegen kann die einzige Konsequenz, die wir jetzt ziehen müssen, nur sein, die Menschen dezentral unterzubringen. Jetzt, während der Pandemie – aber auch langfristig.“

In diese Richtung weist auch ein aktuelles Urteil des Verwaltungsgerichts Leipzig. Das gab der Klage eines Asylbewerbers statt, die Erstaufnahmeeinrichtung zu verlassen, da die Abstandsregelungen dort nicht eingehalten werden könnten.

Stand: 01.05.2020, 15:00

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13 Kommentare

  • 13 Wider das Restlegeschwätz 07.06.2020, 09:28 Uhr

    Wieder das übliche Monitor-Gutmenschen- Geschwätz !Selbstverständlich bei allgemeiner Wohnungsnot der Mehrheitsgesellschaft jedem Illegalem eine 60 QM-Wohnung zur Verfügung stellen , finanziert vom deutschem Steuer-Otto von Kleinstrenten und Minilöhnen, die durch staatliche Abgaben bereits soweit belastet sind, daß daß dieser das Spiel gerade noch so mitmacht . Finde den Fehler !Wie wärs mal, das Asylrecht praktisch werden zu lassen und die vielen Illegalen in ihre Heimat zurückzuschicken. Dann gäbs auch keine Massenunterkünfte, keine Corona-Spreader. Im übrigen sollte sich der ÖRR die BBC als Vorbild nehmen und die Zwangsgebühr abschaffen. Das Netz mit seinem Zugang für Jedermann zu jeder Information weltweit hat den oppulenten ORR völlig überflüssig gmacht. Mit der dadurch eingesparten GEZ- Gebühr von 9 Mrd Euros p.A. könnten dann in der Heimat dieser Illegalen, zumeist aus Schwellenländern stammend , dann ca. 7 Mio. Menschen mit Ausbildung und Nahrung versorgt werden ! !

  • 12 G.B. 07.05.2020, 11:22 Uhr

    Ein Blog wie dieser, der ideologisch voll ausgerichtet ist, Beiträge selektiert, Teilnehmer anhand IP-Nummern ausfindig macht und deren Beiträge grundsätzlich herausfiltert, das ist kein guter Blog. So etwas zeigt wohin der zukünftige Weg der BRD geht. Die derzeitigen Einschränkungen der Bürger wegen der Corona-Pandemie, das ist nur der Anfang in Richtung Totalüberwachung. Auch das angedachte Angeben seiner Adresse wenn man demnächst wieder in einem Restaurant essen gehen darf, empfinde ich als einen Missbrauch meiner persönlichen Daten. Politiker und derer Polit-Journalisten haben meiner Meinung nach ihr Recht verwirkt auf die DDR oder heute China zu schimpfen und gegen China zu hetzen. Es stellt sich derzeitig die Frage in welchem Land die Bürger schlimmer gegängelt werden.

    • Aga Bellwald 11.05.2020, 16:35 Uhr

      Liebe(r) G.B. irgendwie das Thema verpasst. Hat mit dem Beitrag von oben nichts zu tun, nicht wahr??

  • 11 Aga Bellwald 04.05.2020, 12:10 Uhr

    Liebe Monitor-Redaktion, dass dieses Thema angesprochen wird, ist richtig. Dabei aber geht eine Gruppe von Geflüchteten unter, bei uns nennt man sie "Sans Papiers". Wisst Ihr mehr darüber, wie es diesen geht? Bei uns haben diese Geflüchteten schlicht Angst, zum Arzt oder ins Spital zu gehen, um sich testen zu lassen. Weil sie nicht regularisiert bei uns leben, aber auch nicht - aus unterschiedlichen Gründen - zurück in ihre Länder gehen können. Dies Situation stellt eine gesundheitliche Gefährdung für sie als auch für andere dar. Wie ist es bei euch?

    • Rex Osa 11.05.2020, 11:13 Uhr

      https://bnn.de/lokales/karlsruhe/illegal-in-baden-wuerttemberg-betroffene-sprechen-ueber-angst-vor-karlsruhe

  • 10 K.L. 03.05.2020, 18:24 Uhr

    Nicht nur diejenigen welche in Deutschland ein Asyl suchen sind sozusagen „eingesperrt“, durch die fast weltweiten Ausgangssperren, insbesondere Rentner sind betroffen. Von einer besonderen „Einsperrung“ / „Einsperrung“ sind Altersheimbewohner. Für fast alle Bewohner eines Altersheim ist die Einweisung nicht auf einem eigenen Wunsch beruhend. Außer Kriegsflüchtlinge wollen fast alle hier in Deutschland als Asylanten bezeichneten Menschen freiwillig nach Deutschland kommen. Wirklich arme Menschen, Menschen ohne Smartphone, nicht in modebewusster Kleidung lebende Menschen aus Afrika usw. haben keine Möglichkeit zu uns zu kommen um Asyl zu beantragen.

  • 9 Antje V. 01.05.2020, 14:10 Uhr

    Guten Tag, mich würden hier auch Zahlen zu Todesfällen interessieren. Der Prozentsatz der Ansteckungsrate allein ist mir nicht aussagekräftig genug. Vllt. würden Informationen hierzu die Menschen beruhigen? Vielen Dank und viele Grüße.

    • Hartmut Elling 06.05.2020, 12:44 Uhr

      Wer arm und schwach ist hat weder Geld noch Kraft für die Suche nach einem besseren Leben. Echte Flüchtlinge in den Risikogruppen sterben weit weg unbemerkt beim UNHCR zunächst mal an Folgen der Unterernährung, weil es dort an Aufmerksamkeit mangelt und dadurch an Geld für die Versorgung. In Deutschland gibt es Aufmerksamkeit und Geld für Migranten; die Todeszahlen dürften daher gegen Null gehen, sonst hätte man die auch in diesem Bericht nicht weggelassen. Für Jüngere ist Corona in der Regel nicht mehr als eine Grippe und oft bleibt man auch völlig frei von Symptomen.

  • 8 André Feldmann 30.04.2020, 23:12 Uhr

    Im Heidelberger Ankunftszentrum PHV stehen 1300 Menschen unter Quarantäne. Ich habe als DRK Mitarbeiter in fast allen Unterkünften (Obdachlose, Geflüchtete) im RNK gearbeitet. Ihren Bericht kann ich bestätigen. Ähnliche Probleme gibt es auch in Mannheim, Weinheim, Heddesheim, Eppelheim... Massenunterkünfte sollten schnellstens aufgelöst werden. Wir sitzen alle im selben Boot. Das Virus kennt keine Grenzen.

  • 7 D. E. Satinoscri 30.04.2020, 23:07 Uhr

    Dezentrale Unterbringung - warum nicht in den steinreichen arabischen Emiraten bei ihren Glaubensbrüdern? Warum nicht in den vielen Staaten des edlen Islam? Wenn der aber gar nicht so edel ist, dann brauchen wir hier nicht noch mehr Anhänger davon. Es gibt viele Länder mit viel Platz und Entwicklungspotential! Beraten die Flüchtlingsräte ihre Klientel darüber? Warum demonstrieren sie nicht vor den Botschaften dieser Staaten? Warum prangert Monitor nie das Verhalten der Scheichs, die unvorstellbare Summen in Fußballvereine stecken können, gegenüber ihren geflüchteten Glaubensbrüdern an? Was ist der Grund dafür?

  • 6 Otto Friedrich 30.04.2020, 22:42 Uhr

    Jedem Flüchtling,Asylant, ein Reihenhaus mit weitläufigem Garten. So wäre dem Flüchtling geholfen .Eventuell noch mit Gärtner und sonstigem Hauspersonal. Die Wut und Ohnmacht würde sich dann bei o.g. verflüchtigen könnte ich mir vorstellen.

  • 5 Eduard Köster 30.04.2020, 22:39 Uhr

    Zu dem Bericht gehört dann aber auch das Verhalten der Flüchtlinge trotz Hinweisen. Treffen mit Umarmungen, Gelage und den Herkunftsländern typischen Küsschen. Hinweise in allen sprachen werden zurückgewiesen und Trennungen in verschiedene Einrichtungen werden abgelehnt. Bei uns im Ort gibt es sogar die Unterbringung in einer Jugendherberge um noch mehr Platz zu schaffen. Das wäre aber positiv und bei Monitor wohl nicht gewollt.

  • 4 Anonymus 30.04.2020, 22:38 Uhr

    Die Situation in den Obdachlosenwohnheimen dürfte um einiges schlechter sein als in den Flüchtlingswohnheimen. Insbesondere in den vertragsfreien Unterkünften. Würde mich freuen wenn Sie an der Stelle mal recherchieren würden.

  • 3 Volker 30.04.2020, 22:35 Uhr

    Ich bin nur froh, dass die Mitarbeiter von den Gesundheitsämter die weltweit vorhandenen 6500 Sprachen fließend sprechen und alles nach verfolgen, so wie uns das RKI immer erzählt. Haben denn die Mitarbeiter von Zoll, Bundeswehr und Polizei alle Einzelapartments? Kreuzfahrtschiffe und Unterkünfte für Arbeiter in der Landwirtschaft sollen auch nicht so optimal sein