Bundeswehrabzug aus Afghanistan: Alle Macht den Terror-Milizen?

Monitor Nr. 653 vom 17.10.2013

Bundeswehrabzug aus Afghanistan: Alle Macht den Terror-Milizen?

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Bericht: Marc Thörner, Markus Zeidler, Julia Amberger

Bundeswehrabzug aus Afghanistan: Alle Macht den Terror-Milizen? Monitor 17.10.2013 07:03 Min. Verfügbar bis 17.10.3014 Das Erste

Moderation Georg Restle: „Noch bis nächste Woche ist die Schwarz-Gelbe Bundesregierung ganz offiziell im Amt. Und manchmal fragt man sich, ob so mancher Minister eigentlich noch weiß, was er da tut, oder ob er uns schlicht belügt. Zum Beispiel Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière. Bis Mitte 2014 will die Bundeswehr raus aus Afghanistan - und glaubt man dem Minister, war das eine einzige Erfolgsgeschichte. Doch an wen übergeben wir da eigentlich die Macht, wen haben wir ausgebildet und aufgerüstet? Unser Autor Marc Thörner war für uns rund um Kundus unterwegs, wo die Bundeswehr gerade die letzten Kisten packt. Er hat dort Mördern und Terrormilizen getroffen, die sich ganz offen damit brüsten, Partner der Bundeswehr zu sein, und die das Land in Zukunft sicherer machen sollen - ganz offiziell. Über das gefährliche Erbe der Bundeswehr in Afghanistan Marc Thörner und Markus Zeidler.“

Wir haben einen Termin. Und wir werden erwartet. Wir sind in Kunduz. Unsere Gastgeber haben den Treffpunkt vorgeschlagen. Keine Kämpfer, sondern Zivilisten aus einem kleinen Dorf. Sie wollen sich mit uns treffen, weil sie uns etwas Unerhörtes erzählen wollen. Sie haben Angst - vor den afghanischen Sicherheitskräften. Angst vor denen, die sie eigentlich beschützen sollen.

Afghane (Übersetzung MONITOR): „Sie schießen auf unsere Häuser. Klauen unsere Fahrzeuge und unser Essen.“

2. Afghane (Übersetzung MONITOR): „Wenn wir vom Dorf in die Stadt fahren, halten sie uns an, ziehen uns ab, wollen unser Geld.“

1. Afghane: „Die ausländischen Soldaten sollten diese Milizen entwaffnen, stattdessen versorgen sie sie mit Geld und Waffen. Das führt doch nur zum Bürgerkrieg.“

Gewalttätige Milizen, vom Westen finanziert und bewaffnet? Wir beginnen unsere Recherche in der Provinz Kunduz, da wo die Deutschen bis vor zwei Wochen das Sagen hatten. Je weiter wir aufs Land fahren, desto weniger sehen wir Polizei in Uniform. Aber Männer mit Waffen, die das tun, was eigentlich Aufgabe der Polizei ist. „Bundeseigentum“ steht auf den Wolldecken, auf denen sie sitzen. Ist das die Polizei, die Deutschland am Hindukusch aufbauen wollte? Wir dürfen mit auf ihren Posten. Sie seien hier für die Sicherheit im Bezirk zuständig, erzählen sie. Und ihr Kommandant ist er, Nabi Gutschi! Früher kämpfte er gegen die Russen, heute führt er eine der Milizen, vor denen die Menschen Angst haben. Wir wollen wissen, wer sie bezahlt.

Nabi Gutschi, Milizenführer (Übersetzung MONITOR): „Die deutschen und amerikanischen Freunde haben uns eineinhalb Jahre lang Sold bezahlt. Jetzt aber nicht mehr. Jetzt bekommen wir ein bisschen Geld von der lokalen Regierung.“

Geld für irreguläre Miliz-Polizisten? Die Bundesregierung hatte bislang stets betont, Deutschland arbeitet in Afghanistan nur mit der offiziellen Armee und Polizei zusammen. Und so wurde uns das jahrelang präsentiert. Solide deutsche Ausbildung für eine solide reguläre Polizeitruppe. Und es war der Verteidigungsminister, der deutschen Parlamentariern noch im Sommer schriftlich versicherte, es gebe eine klare Weisung seines Ministeriums.

Zitat: „Danach ist keine Einbindung der Milizen in die eigene Operationsführung vorzunehmen.“

Weisungen aus Berlin, die Wirklichkeit in Afghanistan. Östlich von Kunduz treffen wir Nawid. Er ist Kommandeur von 20 Milizionären. Die reguläre Polizei sucht ihn seit Jahren wegen mehrfachen Mordes. Aber Nawid und seine Söldnertruppe sind auch bewährte Kämpfer.

Nawid, Milizenführer (Übersetzung MONITOR): „In Char Darah haben wir mit den Deutschen zusammengearbeitet, weil die afghanische Regierung uns damals - 2010 - gebeten hat, in Char Darah zu kämpfen.“

Ein polizeilich gesuchter Mörder im Kampf auf der Seite der Bundeswehr? Laut Bundesregierung soll es das gar nicht geben.

Wolfgang Gehrcke, Bundestagsabgeordneter, Die Linke: „Entweder lügt die Bundesregierung, oder sie weiß nicht, was in Afghanistan tatsächlich passiert. Oder die Kräfte, die in Afghanistan eingesetzt sind von Seiten der deutschen Politik gehen über ihren Auftrag hinaus. Andere Möglichkeiten gibt es nicht.“

Soldaten sprechen ganz offen über das, was die Bundesregierung so vehement bestreitet. Der Vortrag eines Hauptmanns an der Bundeswehr-Uni, zu finden im Internet. Er war Chef einer Kampfkompanie in Kunduz. Spricht über das Partnering, also die gemeinsamen Einsätze mit den Afghanen.

Vortrag eines Hauptmanns an der Bundeswehr-Uni: „Das Partnering entweder mit der afghanischen Polizei oder mit der afghanischen Armee oder mit so genannten Local-Security-Forces, CIP-Guards, Kräften, die als Milizen auf unserer Seite operiert haben.“

Die Zusammenarbeit mit Milizen. Offenbar nicht nur Einzelfälle, sondern klares Konzept. Und vielerorts heißen diese Milizen jetzt einfach ALP, Afghanische Lokal-Polizei, obwohl es dieselben marodierenden Trupps sind. Im Kampf gegen die Taliban heiligt der Zweck wohl die Mittel. Im Raum Kunduz ist die ALP inzwischen eine der Hauptursachen für Instabilität und Kriminalität, warnt einer, der für die Vereinten Nationen und die EU lange in Afghanistan gearbeitet hat.

Thomas Ruttig, Afghanistan Analysts Network: „Die ALP haben letztendlich einen Freibrief, in ihren Gebieten zu machen, was sie wollen, weil dort niemand ist, der sie wirklich kontrollieren kann. Auch das Innenministerium in Kabul ist ja fern. Und dann hat die Bevölkerung darunter zu leiden.“

Und der Verteidigungsminister? Der kommt wieder mit Beteuerungen.

Zitat: „Die Bundesregierung beteiligt sich weder an Aufstellung, Ausrüstung, noch an Ausbildung der ALP.“

Lüge oder Unwissen? Der Minister sollte vielleicht mit seinen Offizieren sprechen. Wir treffen Oberst Jochen Schneider, den Kommandeur in Kunduz. Er schwärmt geradezu vom „engen Kontakt“ zur ALP.

Oberst Jochen Schneider: „Wir haben sie auch ausgestattet, wir haben ihre Stellungen verbessert. Und wir haben eine sehr gute Awareness. Und auch gerade jetzt im Hinblick auf unsere Konvois jetzt gerade, gestern Nacht auf heute, hat der dritte Konvoi stattgefunden, ist diese Verbindung sogar sehr wichtig.“

Wichtig für den sicheren Abzug der Bundeswehr vielleicht, gefährlich aber für die Zukunft der Afghanen, sagen auch afghanischen Sicherheitsexperten.

Mir Ahmad Joyenda, Afghanistan Research Unit, (AREU) (Übersetzung MONITOR): „Die ALP wird zwangläufig die Quelle des nächsten Konflikts sein. Wegen ihrer Verwicklung ins Drogengeschäft und anderen kriminellen Machenschaften.“

Genau so haben es uns die Menschen am Anfang unserer Geschichte erzählt. Und, dass sie sich es nicht mehr lange gefallen lassen wollen.

Afghane: „Wenn es so weiter geht, haben wir keine Chance als selber zur Waffe zu greifen, um uns vor der ALP zu schützen.“

Die Bundeswehr ist weg aus Kunduz. Zurück bleibt die Saat für den nächsten Bürgerkrieg.

Stand: 17.10.2013, 21:45

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