Schlechte Perspektiven: Brennpunktschulen in Deutschland

MONITOR vom 09.01.2020

Schlechte Perspektiven: Brennpunktschulen in Deutschland

Kommentieren [6]

Bericht: Anna Herbst, Martin Suckow

Schlechte Perspektiven: Brennpunktschulen in Deutschland Monitor 09.01.2020 07:08 Min. UT Verfügbar bis 09.01.2099 Das Erste Von Anna Herbst, Martin Suckow

Kommentare zum Thema, weiterführende Links und der Beitragstext als PDF

Georg Restle: „Ob jemand im Alter von Armut bedroht wird, entscheidet sich oft schon am Anfang des Lebens. Denn wer in Deutschland als Kind in ärmere Verhältnisse geboren wird, hat es besonders schwer, nach oben zu kommen. Dafür verantwortlich ist eine Bildungspolitik aus dem vorletzten Jahrhundert. Eine Bildungspolitik, die immer noch selektiert und aussortiert und genug junge Menschen ihrer Chancen beraubt. Auch dazu gibt es eine Zahl: Während 53 Prozent der Hauptschüler in Deutschland aus sozial benachteiligten Schichten kommen, sind es unter den Gymnasiasten gerade mal 16 Prozent. Chancengleichheit sieht anders aus. Dass es auch ganz anders laufen kann, zeigen Ihnen Anna Herbst und Martin Suckow. Sie haben eine so genannte Brennpunkt-Schule besucht, in der Kinder mit sehr schlechten Prognosen es dennoch schaffen.“

Die Gesamtschule Bockmühle in Essen zerfällt, bei laufendem Schulbetrieb. Denn Essen ist hochverschuldet. Und hat jahrelang zu wenig investiert.

Julia Gajewski, Schulleiterin Gesamtschule Bockmühle Essen: Nix ist schön hier. Da spricht so die fehlende Wertschätzung für die Kinder, die spricht so aus allen Wänden dieses Gebäudes.“

Julia Gajewski ist die Schulleiterin. Und ihre Schule ein Beispiel dafür, dass Geld im deutschen Bildungssystem nicht dort ankommt, wo es am dringendsten nötig ist. Irgendwann in den nächsten Jahren soll neu gebaut werden – so der Plan. Die Schule ist nicht nur marode, zehn Lehrerstellen waren im vergangenen Schuljahr unbesetzt. Heute sind Vorstellungsgespräche. Doch die Auswahlkommission wartet – stundenlang. Die meisten Bewerber kommen gar nicht erst, weil sie lieber bei anderen Schulen anfangen. Am Ende kann an diesem Tag nur eine Stelle besetzt werden.

Julia Gajewski, Schulleiterin Gesamtschule Bockmühle Essen: „Es ist so eine Ohnmacht, also was sollen wir tun, wir können noch nicht mal Leute einstellen, hier will überhaupt keiner hin und uns unterstützen. Und wir leiden da schon sehr unter der Unterbesetzung. Das bedeutet definitiv mehr Arbeit für alle anderen Kollegen.“

Aktuell sind immer noch fünf Stellen unbesetzt. Die Gesamtschule Bockmühle im Essener Stadtteil Altendorf gilt als Brennpunktschule. Von den 1.400 Schülern leben zwei Drittel von Hartz IV. Die meisten Schüler haben einen Migrationshintergrund. Der Lehrermangel trifft Brennpunkt-Schulen besonders hart. Trotzdem will die Bockmühle jedem ihrer Schüler eine Chance geben. Als Brandon Ayissou nach der Grundschule hierher kam, hatte er eine Hauptschulempfehlung, wie die meisten seines Jahrgangs. Jetzt steht er kurz vor dem Abi. In wenigen Wochen sind Prüfungen.

Reporter: „Was hat die Schule dir persönlich denn gebracht?“

Brandon Ayissou, Abiturient: „Selbstbewusstsein, weil ich anfangs … ich war ein sehr, ich würde sagen, ein sehr ruhiger Schüler. Und ich würde auch sagen, dass die Lehrer dadurch mich sehr gepusht haben, mich immer wieder gefördert haben. Und dafür bin ich sehr dankbar.“

Brandons Familie stammt aus Togo, seine Mutter ist alleinerziehend, zu Hause sprechen sie meist ihre Muttersprache Ewe. Dass Schüler wie Brandon Abi machen, ist im deutschen Schulsystem eher der Ausnahmefall. Denn statistisch gesehen haben sozial benachteiligte Kinder deutlich schlechtere Chancen als andere.

Julia Gajewski, Schulleiterin Gesamtschule Bockmühle Essen: „Und das werfe ich unserer Gesellschaft vor. Das finde ich katastrophal. Die sorgen sich nicht um alle Kinder, sondern nur um bestimmte. Und die bestimmten haben Eltern, die das Sorgen auch einfordern. Können, weil sie bildungsnah sind, weil sie sprechen können, weil sie wählen gehen. Es ist ja auch ein Großteil unserer Eltern, geht auch nicht wählen.“

Wie vielerorts in Deutschland ballen sich hier in Essen-Altendorf soziale Probleme in einem sozial schwächeren Stadtteil – und damit auch an einer Schule. Das hat Folgen. Während in Altendorf gerade mal 22 Prozent der Grundschüler eine Gymnasialempfehlung bekommen, sind es wenige Kilometer entfernt im reichen Süden von Essen 65 Prozent. Ungleiche Bildungschancen – die Gesamtschule Bockmühle kämpft dagegen an. Ein Teil des Konzepts: Eine außergewöhnlich enge Lehrer-Schüler-Beziehung. Wir sind in der 5 h, der Klasse von Lisa Bartoleit. Wie alle Lehrer an der Schule beginnt sie die Woche immer mit einer Eingangsstunde.

Lisa Bartoleit: „Ich frage, was ihr euch so vorgenommen habt. Leon, was hast du dir vorgenommen?“

Leon: „Ich habe mir vorgenommen, dass ich pünktlich bin.“

Lisa Bartoleit: „Hast du ein Problem mit der Pünktlichkeit?“

Leon: „Ja, ich gehe sehr spät los. Ja, deswegen.“

Lisa Bartoleit: „Okay. Ali, du bist auch dran, was hast du dir vorgenommen?“

Ali: „Ich gucke nach vorne.“

Lisa Bartoleit: „Okay.“

Lisa Bartoleit, Lehrerin Gesamtschule Bockmühle Essen: „Unser ganzes Konzept basiert darauf, dass die Kinder sich Ziele setzen, egal ob jetzt soziale oder inhaltliche Ziele in den Fächern. Und das dann versuchen zu erreichen und dann reflektieren, habe ich das erreicht? Und wenn nicht, warum habe ich das nicht erreicht? Das ist so diese Grundkompetenz, die man eigentlich später im Leben braucht. Und da wollen wir die halt hinführen.“

Ein enger Kontakt zu den Eltern ist Teil des Schulkonzepts, wie zur Mutter von Tristan. Auch weil seine Familie Hartz IV bekommt, wurde er an der Grundschule gehänselt; hatte schlechte Noten. Heute gibt es Halbjahreszeugnisse. Tristan hat sich verbessert.

Tristan-Rene Ludwig, Schüler: „Es wird viel zu viel schlecht über die Schule geredet. Die ist eigentlich so richtig gut, vor allem für Kinder wie mich. Die werden nicht von anderen gemobbt, weil man weiß, Mobben ist auf dieser Schule nicht. Also man kann hier gut arbeiten.“

Immer wieder füllt Lisa Bartoleit für Eltern Anträge aus, damit die Geld vom Jobcenter für Schulausflüge oder Bücher bekommen. Sie stellt Kontakt zu Beratungsstellen her, kümmert sich um Nachhilfe. Das alles kostet viel Zeit und Kraft. Manchmal zu viel.

Lisa Bartoleit, Lehrerin Gesamtschule Bockmühle Essen: „Wir reißen uns alle den Arsch auf und arbeiten, bis wir nicht mehr können. Und melden uns größtenteils wirklich nur ganz selten mal krank, weil sofort das schlechte Gewissen einsetzt: Oh mein Gott! Wenn ich jetzt ausfalle, dann müssen meine Kolleginnen und Kollegen alles übernehmen, was ich da mache, das kann ich ja gar nicht verantworten. Wir sind aber alle so am Limit, also viele hier.“

Eine Folge dieses Einsatzes: Im vergangenen Schuljahr haben 39 Schüler das Abitur geschafft. Heute ist Abiball. Und keiner der Schüler hier hatte eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Julia Gajewski, Schulleiterin Gesamtschule Bockmühle Essen: „Unsere Schulstruktur verhindert Chancengleichheit. In dem Moment, wo ich nach vier Jahren Schule die Leute selektiere auf Zukunft: Hauptschule, Realschule, Gymnasium, und nur – ja, ich sag mal – marginale Chancen denen gebe, aus dieser Hauptschul-Karriere rauszukommen, um auf ein Gymnasium zu kommen, dann habe ich die Selektion so früh getroffen, dass ich doch eigentlich den Kindern gar keine Chance gebe.“

Brandon aber hatte dank der Gesamtschule Bockmühle eine Chance – und er hat sie genutzt. Abi in der Tasche, Durchschnitt 2,6. Sein Ziel: Ein Studienabschluss im Fach Gesundheit und Diversity in Bochum.

Brandon Ayissou, Abiturient: „Ich wäre dann der Erste, der jetzt studieren würde hier in Deutschland, und das ist natürlich schon ein großer Schritt, auch für meine Familie. Diese Erfahrung werde ich dann auch mit ihnen teilen, und die erleben das so gesehen mit mir.

Georg Restle: „Ein schöner Erfolg; aber leider immer noch eher die Ausnahme in Deutschland. Auch daran müsste sich jede Menge ändern, wenn man die Spaltung dieser Gesellschaft tatsächlich bekämpfen will.“

Stand: 09.01.2020, 22:15

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

Unsere Netiquette

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

6 Kommentare

  • 6 Nanu 11.01.2020, 19:15 Uhr

    Ich habe mich nach meinem Referendariat dort beworben. Schon damals war sie Schule marode, ich bin kaum reingekommen. Aber entscheidend ist, dass ich voller Motivation dort anfangen wollte und abgelehnt wurde... Mehr möchte ich dazu nicht sagen...

  • 5 Thomas Köhler 11.01.2020, 16:16 Uhr

    Guter Rat an Restle & Co.: Schaut 'mal auf der Seite "Tichys Einblick" nach, was die Leute dort über euch schreiben! Vermutlich sind die alle von den Rechten instrumentalisiert. In Wahrheit habt ihr vom Leben keine Ahnung. Ihr sitzt in euren Redaktionsstuben und malt euch die Welt so aus, wie sie euch gefällt - mit der Realität hat das wenig zu zun. - Ein Beispiel: Wer in einer Brennpunktschule mit 70 Prozent Migrantenanteil unterrichtet, ist nach spätestens zehn Jahren psychisch am Ende - weil dir diese Klientel die Nerven ruiniert. Wer das Gegenteil behauptet, lügt! Warum sollte man das machen? Weil ich ein Gutmensch bin und in der Kirche singe? So etwas kann man nur einem Idioten erzählen und damit ist schon alles gesagt!

  • 4 Maria Anna Viktoria, 09.01.2020, 22:33 Uhr

    Meine Tochter wird bald 30 Jahre und ist Managerin -Wirtschaftsprüfer. Ich war damals alleinerziehende Mutter (Beamtin),meine Tochter kam aufgrund ihrer guten Noten aufs Gymnasium,sie hat viel gelernt,vielleicht auch ,weil sie als Mischlingskind auf die Welt kam.Deutsch war ihre Muttersprache,heute spricht sie 3 Fremdsprachen perfekt,ihr Ehrgeiz.Sie ist deshalb viel in der Welt unterwegs. Damit will ich deutlich machen,daß es in Deutschland jeder schaffen kann,sofern die Kinder lernen und das Elternhaus das mitmacht. Jeder kann es nach oben bringen,mit Abitur und Studium,auch wenn ich als Mutter nie auf dem Gymnasium war.Ich spreche keine Fremdsprache. Also nur jammern hilft nichts.Jeder erntet die Früchte seines Fleißes.Wie wahr.

    • HOPF L. 10.01.2020, 22:05 Uhr

      @Maria Anna Viktoria,09.01.2020,22:33 Uhr.Bei Ihrem Beitrag fallen mir die Verse meiner Großmutter ein,die da lauteten:"So laßt uns jetzt mit Fleiß be- trachten,was durch die gute Kraft entspringt,den schlechten Mann,muß man verachten,der nie bedacht,was Er vollbringt".Zu meiner Schulzeit,war es noch viel schwerer,die Eltern mußten Schulgeld für das Gymnasium zahlen.Dies konnten sich viele Eltern finanziell nicht leisten.Daher dürfen die heutigen Generationen nicht jammern.

  • 3 Der Philanthrop 09.01.2020, 22:23 Uhr

    Danke für ihre Sendung. Das Beispiel der Schule in Essen, hat bei mir einen lange nicht mehr für möglich gehaltenen Hoffnungsfunken aufsteigen lassen, dass es doch noch Beispiele für Pädagogen gibt, die ihre Aufgabe Ernst nehmen den Ihnen Anvertrauten den Weg ins Leben zu bahnen. Ich würde mir wünschen, dass sich diese Berufsaufassung irgendwann vollständig gegen das Unwesen der rein destruktiven Selektions"pädagogik" überwinden hilft. Bis dahin ist es zumindest gut dass engagierte Pädagogen wie die gezeigten zumindest die Möglichkeit belegen, dass Schule auch hilfreich sein kann.

    • Manfred Berger 11.01.2020, 16:19 Uhr

      Wenn Sie selbst Lehrer wären, würden Sie nicht solch einen Schwachsinn reden! Und was heißt hier Selektionspädagogik, wenn mittlerweile über 50 Prozent eines Jahrgangs das Abitur machen? Und für wen kann denn Schule hilfreich sein? Für diejenigen, die hierher kommen und kein Wort Deutsch sprechen? Erst einmal das Gehirn einschalten, bevor man redet!

  • 2 Frank von Bröckel 09.01.2020, 21:29 Uhr

    Die Inklusion und Diversität machen das Leben der Lehrer heutzutage auch nicht gerade wesentlich leichter! 10 verschiedene Muttersprachen bei 20 unterschiedlichen Kinder mit 30 unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten ergibt erwiesenermaßen 40 Elternteile, die 80 völlig unterschiedliche Meinungen darüber haben, was denn nun unbedingt ihr EIGENES Kind das allerbeste sei!

    • Jürgen Hardtwig 11.01.2020, 16:23 Uhr

      Vor allem dann nicht, wenn die Kinder aus muslimischen Familien kommen, deren Mütter kein Wort Deutsch können, dafür ihren Kindern ihre mittelalterliche Lebensweise aufzwingen. Selbst türkische Jugendliche der zweiten und dritten Generation fühlen sich weiterhin als Türken und nicht etwa als Deutsche. Daran wird sich auch in der vierten Generation nichts ändern!

  • 1 Maik sydow 09.01.2020, 17:45 Uhr

    Das ist alles so gewollt, wäre es anders müssten wir nicht alle 2 Wochen über neue Bereiche wo der Fachkräftemangel sich breitmacht , sich gedanken machen. MfG

    • Maria Potucek, 09.01.2020, 22:57 Uhr

      Es ist nicht so gewollt,und Gedanken schreibt man nicht klein . Heute haben viele kein Bock auf lernen,da in den Familien die deutsche Sprache nicht gesprochen wird.Ich habe diesbezüglich Ehrfahrungen gemacht und bin aus diesem Umfeld weggezogen..Meine einzige Tochter hat in der Schule-Gymnasium viel gelernt damals und das alleine hat ihre Position als Managerin heute bestimmt. Ohne Fleiß keinen Preis..