Blackout-Angst: Alles Panikmache?

Monitor 27.10.2022 09:11 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Herbert Kordes, Jan Schmitt, Martin Suckow, Sebastian von Hacht

MONITOR vom 27.10.2022

Blackout-Angst: Alles Panikmache?

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Bericht: Herbert Kordes, Jan Schmitt, Martin Suckow, Sebastian von Hacht

Georg Restle: "Bilder aus der Dunkelheit der Ostukraine, wo viele Menschen ohne Strom, Heizung und fließendes Wasser auskommen müssen. Seit Monaten bombardiert die russische Armee die Energie‑Infrastruktur im ganzen Land. Da droht ein langer kalter und sehr dunkler Winter für viele Menschen in der gesamten Ukraine. Guten Abend und willkommen bei MONITOR. Gegenüber diesen Bildern wirkt die Angst vieler Deutscher geradezu skurril, dass hier bei uns ein Blackout drohen könnte. Dass die Lichter ausgehen, kein Wasser, keine Heizung, kein Internet. Über Tage oder Wochen gar. Bis die gesamte Infrastruktur zusammenbricht, und Deutschland im Chaos versinkt. Und das alles nur, weil nicht genug Gas, Kohle oder Atomstrom vorhanden sei. Fast täglich wird diese Angst von einigen Medien und Politikern regelrecht angefacht. Aber was ist wirklich dran an diesen Horrorszenarien? Oder anders gefragt: Wer treibt da gerade eigentlich welches politische Spiel mit den Ängsten der Menschen? Und mit welchem Ziel? Herbert Kordes, Jan Schmitt, Martin Suckow und Sebastian von Hacht“

Es ist ein absolutes Horrorszenario: Überall gehen die Lichter aus. Städte verdunkeln sich, Aufzüge und Bahnen bleiben stehen. Nach und nach bricht das gesamte Stromnetz zusammen – nicht nur in Deutschland – sondern darüber hinaus. Blackout! In den Medien überbieten sich so genannte 'Blackout-Experten' mit Wahrscheinlichkeitsprognosen.

O-Ton: “…ich rede von 60 bis 70 Prozent…“

 O-Ton: “Ich sag, 99,9 Prozent und zwar aus dem einzigen Grund: Ich möchte, dass die Menschen sich vorbereiten.“  

 Rechte Pegida-Einpeitscher befeuern die Angst auf den Straßen.

 O-Ton: “Kommt der Blackout bei Dunkelheit kommt, rechnet man schon ab Minute Eins mit Plünderungen in den Großstädten.“

…und die AfD: im Parlament.

 O-Ton: “Es gibt kein wichtigeres Thema zu einer aktuellen Stunde weil genau dieses Thema Blackout – das ist das, was die Bürger umtreibt…“

 Und auch Politiker demokratischer Parteien nutzen die Angst vor dem Blackout, um Stimmung zu machen:

 O-Ton: “Das Risiko, das wir jetzt im Moment haben ist, dass das Netz zusammenbricht, dass es Blackouts gibt.”

 Man redet von:

 O-Ton: “…Blackout-Bingo…” 

 Und bei vielen Menschen verfangen diese Warnungen. Ein Baumarkt in Krefeld, Ende vergangener Woche. Die Sorge vor dem Blackout treibt auch heute Kunden hierher, um sich irgendwie abzusichern. Für Marktleiter Sebastian Deppe ist die Blackout-Angst messbar – in Verkaufszahlen. Etwa bei großen Akkus, die in der Lage sein sollen, mehrere Tage lang Strom zu liefern.  

O-Ton: “Die Nachfrage nach diesen Akkumulatoren hat sich sehr, sehr verstärkt, wirklich sehr, sehr verstärkt.“ 

Der Umsatz von Notstromaggregaten habe sich sogar verdreifacht, sagt Deppe. Viele haben schon ein Gerät zuhause. 

O-Ton: “Ja, wegen Stromausfall, ne, weil wir haben zwei große Truhen und wenn die dann komplett ohne Strom sind, auch mal Kaffee machen, auch mal, ja, vielleicht kriege ich das Fernsehen auch noch mit an.“

O-Ton: “Was macht Ihnen da Sorgen?“

O-Ton: “Dass wir in Zukunft wahrscheinlich häufiger Blackouts kriegen, Stromausfälle auch im längeren Zeitraum, gehe ich von aus, ja.“

Bei einem Blackout ist die Stromversorgung vollständig außer Kontrolle. Kaskadenartig bricht die Versorgung durch das Übertragungsnetz zusammen. Immer wieder wird behauptet, dass ein Energiemangel – also zu wenig Stromerzeugung – einen Blackout in Deutschland verursachen könnte. Stimmt das?  Christof Epe ist der Chef des örtlichen Stromversorgers in Krefeld. Wie groß ist die Blackout-Gefahr in Deutschland aus seiner Sicht?

Christof Epe, Geschäftsführer Netzgesellschaft Niederrhein: “Nahezu Null. Also man kann es nie hundert Prozent ausschließen, weil Eventualitäten können eintreffen, aber nicht aufgrund einer Energiemangel-Lage.“

 Mit 'Eventualitäten', meint er Terroranschläge oder Sabotageakte am Stromnetz, eine potenzielle Gefahr, die auch früher schon bestand. Aber kein Blackout wegen Energiemangels. Wir wollen eine zweite Meinung und treffen den Aachener Professor Dirk Uwe Sauer. Er ist Experte für Energiespeichersysteme. Wie sieht er aktuell die Blackout-Gefahr wegen Energiemangels in Deutschland?  

 Prof. Dirk Uwe Sauer, RWTH Aachen: “Ich halte die Wahrscheinlichkeit für außerordentlich gering und das liegt auch daran, dass gerade auch das deutsche Stromsystem extrem gut darauf vorbereitet ist.“

 Das bedeutet: Die großen Übertragungsnetzbetreiber, wie AMPRION bei Köln – zuständig für 29 Millionen Stromkunden – wachen mit ihren Ingenieuren rund um die Uhr darüber, dass das Stromnetz stabil ist. Und darauf kommt es an: Alle Stromerzeuger zusammen – Windräder, Kraftwerke, Solaranlagen – müssen genau so viel Strom produzieren, wie von Haushalten und Industrie verbraucht wird. Andernfalls muss gegengesteuert werden: Wenn eine Überlastung des Netzes droht, werden zum Beispiel Großverbraucher wie Stahlproduzenten vom Netz getrennt. Vertraglich geregelt und mit Entschädigung. Erst wenn gar nichts anderes mehr geht – als letztes Mittel – weist AMPRION örtliche Versorger wie die Stadtwerke in Krefeld an, einen Teil der rund 250 Stromkreise in der Stadt abzuschalten. Kontrolliert – ein sogenannter ‚Brownout‘. Davon wären dann auch Privatkunden und Gewerbebetriebe betroffen – für maximal 90 Minuten. Der Unterschied zum Blackout: Bei einem Brownout haben die Ingenieure immer die volle Kontrolle über das Netz. Aber selbst dafür gibt es aktuell kein erhöhtes Risiko, sagen Experten.

Prof. Dirk Uwe Sauer, RWTH Aachen: “Mit dem aktuellen Stand der Kohlevorräte, die wir haben, plus der Gasvorräte, die wir haben, hat sich an der Wahrscheinlichkeit eines Brownouts vom letzten Jahr auf dieses Jahr nicht wirklich was verändert.“

Horrorszenario "Blackout" wegen Energiemangel. Wenn Brownouts und Blackouts fast auszuschließen sind, warum dann die Stimmungsmache in der Politik? Offenbar geht es einigen um etwas ganz anderes. Darum nämlich: Die Atomkraftwerke im Land. Union und FDP wollen, dass sie deutlich länger weiterlaufen – angeblich auch, um einen Blackout zu verhindern.

Christian Lindner (FDP) Bundesfinanzminister, 19.09.2022: “Ich bekenne mich dazu – ich würde auch eine längere Zeit bis 2024 die drei klimafreundlichen Kernkraftwerke weiter nutzen…“

 Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender, 05.09.2022: “…denn nur so können wir einigermaßen sicher sein, dass wir eine zu erwartende Stromlücke nicht in dem Umfang erleben, dass es zu Blackouts in Deutschland kommt.“

 Für Dirk Sauer eine Scheindebatte – auch, weil die Kernkraftwerke im nächsten Jahr nur noch etwa vier Prozent zur Stromproduktion in Deutschland beitragen könnten. 

 Prof. Dirk Uwe Sauer, RWTH Aachen: “Wir haben für das Stromsystem ausreichend konventionelle Kraftwerke, sodass ein Blackout zuverlässig auch ohne den Weiterbetrieb der AKWs gesichert werden kann. (...) zu spielen sozusagen mit der Suggestion, dass dieser Blackout, eben dieses Katastrophenszenario ist, an der Stelle unverantwortlich.“

 Die Bundesregierung hat eine Laufzeitverlängerung bis 2024 oder darüber hinaus jetzt explizit ausgeschlossen. Die drei restlichen Reaktoren Isar 2, Neckarwestheim und Emsland sollen nur noch bis Mitte April laufen. Länger geht auch nicht, weil die Brennelemente in den Kraftwerken dann verbraucht sind. Sie sind das Herzstück jedes Reaktors. Für eine längere Laufzeit müsste man neue Brennstäbe beschaffen. Aber genau das schließt der Atomkompromiss der Bundesregierung explizit aus. Im Entwurf zum neuen Atomgesetz heißt es

Zitat: “…dass der Einsatz neuer Brennelemente nicht zulässig ist.”

 Aber kaum hat die Bundesregierung das beschlossen, fachen führende FDP-Leute die Debatte um die Atomkraft schon wieder an.

Nicola Beer, stellv. FDP-Bundesvorsitzende, 18.10.2022: "Ich glaube, dass wir uns auf eine längere Zeit einrichten müssen und von daher: Neue Lage, neue Bewertung. Das werden wir dann sehen.“

 FDP-Vize Wolfgang Kubicki meinte vergangene Woche in einem Zeitungsinterview: 

 Zitat: “Wenn sich herausstellen sollte, dass wir die Kernkraftwerke weiterhin brauchen, dann wird der 15. April 2023 nicht das Enddatum der Kernkraft in Deutschland sein“.

Der Kernphysiker Heinz Smital vermutet hinter diesen Statements etwas ganz anderes als die Sorge um die Energiesicherheit: 

Heinz Smital, Kernphysiker, Greenpeace: “Man muss vermuten, dass hinter der Forderung einer Laufzeitverlängerung bis 2024 eigentlich eine verlogene, versteckte Forderung für einen mehrjährigen Betrieb ist, weil der Kernbrennstoff dann noch abgebrannt werden muss.“

Neue Brennelemente lassen sich nach einem Betriebsjahr nämlich nicht einfach wieder herausnehmen. Das bedeutet: Mit neuen Brennelementen müssten die Atomkraftwerke weit über 2024 hinaus laufen – und genau das ist offenbar beabsichtigt. Es wäre der Wiedereinstieg ins Atomzeitalter. Erreicht mit der Angst vor Blackouts. Eine Frage spielt dabei derzeit offenbar gar keine Rolle mehr: die der Sicherheit. Die deutschen Atomkraftwerke sind Jahrzehnte alt, entsprechen seit Jahren schon nicht mehr dem Stand von Wissenschaft und Technik. Keines von ihnen würde heute noch eine Zulassung erhalten. 

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Stand: 27.10.2022, 22:53 Uhr

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122 Kommentare

  • 122 Kaufmann 15.11.2022, 18:09 Uhr

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  • 121 Dieter 14.11.2022, 22:22 Uhr

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  • 120 Hauser 14.11.2022, 13:06 Uhr

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  • 119 Gerber 13.11.2022, 18:45 Uhr

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  • 114 Hugo Schmidt 13.11.2022, 10:47 Uhr

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  • 111 Kaufmann, Melanie 12.11.2022, 21:37 Uhr

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