Bildungssystem: Wie der Boom der Privatschulen die Spaltung der Gesellschaft fördert

MONITOR vom 17.05.2018

Bildungssystem: Wie der Boom der Privatschulen die Spaltung der Gesellschaft fördert

Bericht: Fabienne Hurst, Andreas Maus, Bernhard Küchler

Kommentare zum Thema, der Beitragstext als PDF und weiterführende Links

Georg Restle: „Arm oder reich. Wo jemand in dieser Gesellschaft am Ende landet, entscheidet sich immer früher, oft schon in der Grundschule. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder mittlerweile in private Grundschulen, weil sie dem staatlichen Bildungssystem nicht mehr vertrauen. Das Problem ist nur, solche Schulen kosten eine ganze Menge Geld, und das kann sich eben nicht jeder leisten. Die soziale Spaltung nimmt dadurch immer weiter zu. Dabei steht im Grundgesetz ganz klar, dass Bildung keine Frage des Einkommens sein darf. Doch das scheint die Politik nicht zu kümmern. Kein Wunder, denn der Staat profitiert ganz besonders vom Boom der privaten Grundschulen. Zulasten all der Kinder, die zurückgelassen werden mit ihren Hoffnungen und Träumen. Fabienne Hurst, Andreas Maus und Bernhard Küchler.“

Mädchen der 3. Klasse, Hövelschule Essen: „… möchte ich Tierärztin werden, weil ich dann Tieren helfen kann.“

Junge der 3. Klasse, Hövelschule Essen: „Pilot.“

Mädchen der 3. Klasse, Hövelschule Essen: „Ich möchte Kinderärztin werden.“

Die Träume der Kinder an der Essener Hövelschule sind groß. Aber was ist mit ihren Chancen? Statistisch gesehen sieht es schlecht aus. An der Hövelschule schaffen es nur 20 Prozent der Kinder auf ein Gymnasium. Halb so viele wie im Landesdurchschnitt. Viele der Kinder hier kommen aus einkommensschwachen Familien, drei von vier haben ausländische Wurzeln. Wer zu Hause wenig Deutsch spricht, braucht mehr Unterstützung. Doch auffangen kann das die Schule kaum. 27 Kinder und nur eine Lehrerin. Es fehlen zusätzliche Lehrer, Sozialarbeiter, Sprachmittler.

Birte Gajewski, Lehrerin, Hövelschule Essen: „Jeder kleine Fortschritt, den die Kinder hier im Unterricht machen, der erfüllt mich und erfreut mich. Ja, dadurch verliere ich dann - ich persönlich - manchmal das Große aus den Augen, dass ich denke verflixt nochmal, ich habe 27 Kinder, ich glaube aus 15 Nationen, ich brauche hier mehr Unterstützung, ich brauche mehr Hilfe.“

Direktor Felix Busch hat, gemeinsam mit anderen Schulleitern, schon vor Monaten Alarm geschlagen.

Felix Busch, Schulleiter Hövelschule Essen: „Wir produzieren im Grunde genommen mehr Bildungsverlierer auch von Grund auf, weil einfach die Basiskompetenzen nicht vernünftig vermittelt werden können. Die Gefahr besteht eben auch, ja, dass eben sogenannte Restschulen irgendwie übrig bleiben in den Brennpunkten.“

Restschulen in den Brennpunkten - das heißt auch, wer es sich leisten kann, geht weg - und kauft sich bessere Chancen. Marcus Kostell will die besten Chancen für seinen Sohn. Die sieht er nicht auf einer staatlichen Grundschule, sondern hier, auf einer privaten Waldorfschule in Bochum. Dass Privatschulen wirklich bessere Bildung bieten, ist zwar nicht erwiesen, und doch sieht hier alles ganz anders aus. Auf zehn Schüler kommt ein Lehrer. Nur wenige Kinder haben hier einen Migrationshintergrund. Es gibt eine Holzwerkstatt, eine Theaterbühne, Nachmittagsbetreuung und einen Schulgarten. Dafür zahlt der Krankenpfleger alles in allem rund 300,- Euro im Monat, etwa zehn Prozent seines Gehalts. Aber das ist es ihm wert.

Marcus Kostell: „Er ist im Moment halt schon so weit, dass er schon schreiben und lesen und so weiter alles kann. Und auf den staatlichen Schulen würde wahrscheinlich erstmal Rücksicht genommen auf den schlechtesten in der Klasse. Und dass er auch einen anderen sozialen Umgang hätte.“

So wie Marcus Kostell schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf eine Privatschule. Und das schon ab der ersten Klasse. Die Zahl der privaten Grundschulen hat sich in den letzten 20 Jahren vervierfacht. Bildung wird immer früher zum käuflichen Gut.

Meltem Kulaçatan, Politikwissenschaftlerin, Universität Frankfurt: „Ein sozialer Aufstieg über Bildung ist de facto nicht mehr möglich in Deutschland. Ausschlaggebend sind die soziale Herkunft der Eltern und die finanziellen Kapazitäten der Eltern. Das ist eigentlich - wenn man das weiterdenkt - eine Bankrotterklärung.“

Eine Bankrotterklärung der Politik, aber für den Staat rechnet sich das. Öffentliche Schulen finanziert er zu 100 Prozent. Bei Privatschulen trägt er im Bundesdurchschnitt nur 69 % der Kosten. So spart der Staat Milliarden. Den Rest übernehmen größtenteils die Eltern; und zahlen noch extra für zusätzliche Angebote, die es auf staatlichen Schulen gar nicht gibt. Wer viel verdient, zahlt meist mehr - und das hat Folgen für die Auswahl der Schüler. 

Marcel Helbig, Bildungsforscher, Wissenschaftszentrum Berlin: „Da kommen wir genau zu dem Problem, dass die Eltern, die Geld haben, die sind mir einfach lieber. Weil sie können in diese Fördervereine eben freiwillige Beiträge - wie freiwillig auch immer - eben auch besser zahlen. Und wenn darüber eigentlich die Finanzierungen von Privatschulen gehen, werden reiche Eltern immer die sein, die ich als erstes annehme.“

Dabei hat der Staat geregelt, dass der Schulbesuch nicht vom Einkommen der Eltern abhängen darf, das steht sogar im Grundgesetz. Private Ersatzschulen darf es danach nur geben, wenn

Zitat: „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.“ 

Das klingt entschlossen. Aber wird der Grundsatz auch eingehalten? Bildungsforscher Marcel Helbig ist dieser Frage in einer Studie nachgegangen. Sein Fazit: Die Elternbeiträge sind oft viel zu hoch. Und der Staat kontrolliert sie kaum.

Marcel Helbig, Bildungsforscher, Wissenschaftszentrum Berlin: „Das Problem ist, dass ein Staat sich aus seiner Kontrollfunktion vollkommen zurückgezogen hat und es zulässt, dass die privaten Schulen die soziale Spaltung so durchführen können bzw. unüberwacht wird es einfach hingenommen, wie es momentan die Praxis ist.

Reporterin: „Ist das mit dem Grundgesetz vereinbar?“

Marcel Helbig, Bildungsforscher, Wissenschaftszentrum Berlin: „Absolut nicht. Das ist absolut nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.“

Immer mehr private Grundschulen für die, die es sich leisten können. So nimmt der Staat die soziale Spaltung der Gesellschaft nicht nur in Kauf - er verschärft sie sogar. Was also tun? Privatschulen für alle? Oder abschaffen? Was müsste Bildungspolitik leisten, um soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen?

Meltem Kulaçatan, Politikwissenschaftlerin, Universität Frankfurt: „Meiner Meinung nach sollte die Politik nicht nach dem Gießkannen-Prinzip vorgehen, sondern nach dem Prinzip, ungleich zu verteilen, dort, wo Ungleichheit bereits besteht. Also strukturelle Ungleichheit, wo mehr Investitionen notwendig sind, in die Technik, in das Personal und so weiter.

Felix Busch, Schulleiter Hövelschule Essen: „Die Schulen, die hier vor Ort sind, hier im Brennpunktviertel sozusagen, die müssen so gut ausgestattet sein, dass diese Abwanderung, sage ich jetzt mal, in andere Bezirke eben nicht passiert.“

Echte Chancengleichheit würde bedeuten, dass die Träume an der Hövelschule mit der gleichen Wahrscheinlichkeit wahr werden wie anderswo. Profitieren würden davon alle.

Georg Restle: „Ungleichland, nicht nur bei Bildungschancen. Für diesen Film haben wir mit Kollegen des Projektes „Docupy“ zusammengearbeitet. Mehrere Dokumentationen zum Thema finden Sie online bei docupy.de.“

Stand: 18.05.2018, 11:02

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8 Kommentare

  • Nünke 23.05.2018, 17:45 Uhr

    Herr Prof. Helbig soll doch mal sagen, was er wirklich will: die Privaten schlecht machen? - denn er denunziert, oder das öffentliche Schulwesen besser machen? Warum ist er Professor und Millionen Andere nicht: Ungerecht? Quatsch! Prof. Helbig schürt gesellschaftlichen Neid und bedient sozialdarvinistische Denkweisen. Eine natürliche Ungleichheit der Menschen wird in der kapitalistischen Gesellschaft verstetigt. Wenn ein Prof. Helbig dieses Faktum nicht begriffen hat, ist zu fragen, mit welchen verengten Blicken er auf die Gesellschaft schaut. Prof. Helbig sollte geisteswissenschaftliches Wissen genug haben, um die Folgen gleichmacherischer politischer Eingriffe in die Gesellschaft zu kennen. Also was will er? Private denunzieren?, Bildungspolitik in eine Sackgasse lotsen? - steht Prof. Helbig überhaupt auf dem Boden des Grundgesetzes? Ich erwarte von jedem Wissenschaftler, die Folgen seines Tuns abzuschätzen. Prof. Helbig schadet dem Bildungssystem und diskreditiert Wissenschaft.

  • Stefan Voß 19.05.2018, 10:01 Uhr

    Hallo Monitor, sehr guter Beitrag Was private Bildung wirklich wert ist sehen Sie am besten in England, An der sogenannten Eliteschule Eton Dort scheint mir der Geschichtsunterricht von besonderer Qualität zu sein Ein Prinz der an dieser Schule war verkleidet in einer Naziuniform

  • Friederike 18.05.2018, 16:37 Uhr

    Natürlich will man als Eltern das Beste für sein Kind. Deshalb haben wir uns bei der Grundschule auch für eine in freier Trägerschaft entschieden und beim Gymnasium für ein staatliches. Das hat also nichts mit reich und arm, sondern mit der wahrgenommenen Qualität der Schule zu tun. Und die hängt ab vom Engagement von Pädagogen, Schülern und Eltern.

  • René Zimmer 18.05.2018, 16:25 Uhr

    Liebes Monitor-Team, ich hoffe, dieser Beitrag war nur der Auftakt für weitere Beiträge, denn dieses vielschichtige Problem verlangt mehr Aufmerksamkeit. Da wäre zunächst eine Differenzierung in staatliche Schulen, Schulen in freier Trägerschaft (Ersatzschulen) und Privatschulen nötig. Und gerade Waldorfschulen, Evangelische Grundschulen, Freie Schulen sind keine Privatschulen, sondern eben Schulen in freier Trägerschaft, die mit deutlich weniger staatlicher Unterstützung den Bildungsauftrag abdecken. Die Eltern kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, deshalb sind die Beiträge gerechterweise auch einkommensabhängig. In ihrem Beitrag hätten Sie thematisieren können, dass die Eltern, die ihre Kinder an Schulen in freier Trägerschaft schicken, doppelt für Bildung zahlen: einmal über Steuergelder, zum anderen über die Schulbeiträge. Was ist mit dem Thema "Entlohnung" der Pädagogen? Diese ist an Schulen in freier Trägerschaft deutlich niedriger als an staatlichen Schulen.

  • Kirsten Kunert 17.05.2018, 22:53 Uhr

    Liebe Leute, gerade die im Beitrag gezeigte Schule als elitär hinzustellen, ist schon etwas gewagt. Die Schulbeiträge dort sind einkommensabhängig und werden nach Familie abgerechnet, unabhängig von der Kinderzahl. Bei der Schnelligkeit des Schreibenlernens, die dort so betont wurde, hängt es dort vom einzelnen Kind ab. Die Klassengröße variert je nach Anmeldungen, und im Laufe der Schuljahre kommen oft bis zu dreißig Schüler zusammen, auch durch Schüler, die mit dem Druck der Staatsschulen nicht klarkommen. In der Oberstufe steigt auch hier der Leistungsdruck. Wie sie auf 10 Schüler pro Lehrer kommen, ist mir sehr schleierhaft und mir aus 13 Schuljahren meiner Tochter dort nicht bekannt. Diese Schule als Beispiel für soziale Spaltung herzunehmen, wo Schüler diverser Nationalitäten und Einkommensstufen zusammenlernen, ist wirklich nicht angemessen. Die Darstellung in diesem Beitrag verzehrt die Realität.

  • Uwe Reinicke 17.05.2018, 22:18 Uhr

    Hallo wenn das System dem Grundgesetz nicht entspricht wie es im Beitrag benannt wird frage ich mich wer dagegen klagt. Das ist wünschenswert und erforderlich. Viele Grüße Uwe Reinicke

  • Stefan Krefeld 15.05.2018, 21:36 Uhr

    Ich hoffe, dass Sie das "Sonderungsverbot" (Art. 7 GG) und dessen Umgehung unzweideutig darstellen!!!

  • Recht so... 15.05.2018, 18:50 Uhr

    Ich würde mein imaginäres Kind auch nicht auf eine Staatsschule schicken, - die sortiert nur aus, schaltet gleich, und setzt auf Konkurrenz, statt Individualität, Talente und Zusammenarbeit zu fördern! - Dazu Hierarchie, Gruppenzwang, Mobbing & Gewalt - so als würde man dem Betaembryo, vor dem Entkorken die Sauerstoffzufuhr reduzieren... - In der Masse kommt da auch nix gutes bei raus, wie die Wahlergebnisse seit knapp 70 Jahren zeigen...