Zügelloser Kapitalismus: Armut im Steuerparadies Bermuda

MONITOR vom 19.09.2019

Zügelloser Kapitalismus: Armut im Steuerparadies Bermuda

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Bericht: Petra Blum, Herbert Kordes

Zügelloser Kapitalismus: Armut im Steuerparadies Bermuda Monitor 19.09.2019 08:22 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Petra Blum, Herbert Kordes

Kommentare zum Thema, weiterführende Links und der Beitragstext als PDF

Georg Restle: „Ginge es allein nach den Unternehmen, würden sie am liebsten gar keine Steuern mehr zahlen. Und einige vermeiden es auch, indem sie auf solche Trauminseln flüchten mit traumhaften Steuersätzen, die praktisch bei null liegen. Zum Beispiel Bermuda, eine Insel im Atlantik, wo man heute schon sehen kann, was passiert, wenn internationale Großkonzerne keine, die arbeitende Bevölkerung aber jede Menge Steuern zahlen muss. Petra Blum war auf Bermuda und zeigt Ihnen jetzt mit Herbert Kordes die Verlierer dieser Politik – und wie ein Kapitalismus aussieht, der weder Zügel noch Schamgrenzen kennt.“

Lange Strände, spektakuläre Sonnenuntergänge – auf den ersten Blick ein traumhafter Ort mitten im Atlantik: Bermuda. Ein Paradies, nur nicht für jeden. Wir treffen Angeline Pitt. Hier an einem der schönsten Strände der Insel hat die Bermudianerin die schlimmsten Monate ihres Lebens verbracht, sagt sie. Das Leben im Steuerparadies ist für sie unerschwinglich geworden – trotz Vollzeitstelle als Kellnerin. Nach dem Tod ihres Mannes verlor sie das gemeinsame Haus und wurde obdachlos.

Angeline (Übersetzung Monitor): „Leute sagten, du hast einen von den Bungalows da oben? Und ich sagte, neeein! Ich habe den kleinen, blauen Wagen namens Marcy Grace-Ann – da lebe ich. Du lebst also in einem Auto?“

Tatsächlich hat die 49-Jährige zuletzt hier gelebt, in diesem kleinen blauen Auto, denn Angeline fand trotz Arbeit keine bezahlbare Bleibe mehr für sich auf Bermuda.

Angeline (Übersetzung Monitor): „Ich habe die öffentliche Toilette zum Waschen benutzt, weil ich ja zur Arbeit musste. Also bin ich um 5:30 Uhr aufgestanden und bin dahingegangen, bevor Leute kamen. Ich habe immer wieder in den Spiegel geschaut und gesagt, bitte Gott, ich kann so nicht weitermachen.“

Inzwischen hat Angeline dank fremder Hilfe wieder eine Wohnung gefunden – andere nicht. Einheimische mit Job leben in solchen Zelten – kein Wunder. Eine einfache Drei-Zimmer-Wohnung kostet auf dem freien Markt 6.000,- Dollar und mehr Miete pro Monat. Unerschwinglich für viele Bermudianer, aber nicht für die Mitarbeiter internationaler Finanzkonzerne. Vor allem Versicherungen haben sich im Steuerparadies Bermuda niedergelassen, auch deutsche. Die Münchener Rück oder die Hannoversche Rückversicherung beispielsweise. Nicht direkt erkennbar, hinter dieser Tür ist eine Tochter der Deutschen Post registriert. Für alle gilt, hier zahlen sie keine Unternehmenssteuern! Große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie etwa KPMG locken potenzielle Mitarbeiter mit solchen PR-Videos auf die Insel:  „Gute Stimmung, nach Feierabend zum Schnorcheln, golfen – traumhafte Aussichten.“ Das ist die Botschaft an karrierebewusste Finanz- und Steuerberater. Dass die Mieten auf Bermuda gerade wegen der Finanzelite explodiert sind, räumt sogar die Regierung ein. Wir fragen beim Premierminister nach.

E. David Burt, Premierminister Bermuda (Übersetzung Monitor): „Es ist seltsam, weil wir hier viele internationale Konzerne in Bermuda haben, die ihren Angestellten Mietzuschüsse zahlen. Die Einheimischen bekommen keine Zuschüsse. Einige dieser Mietzuschüsse belaufen sich auf 2.000,- oder 3.000,- Dollar im Monat. Das treibt die Mietpreise nach oben und natürlich auch die Lebenshaltungskosten.“

Sheelagh Cooper weiß wie kaum jemand hier, wohin diese Entwicklung mittlerweile geführt hat. Sie arbeitet für eine Wohltätigkeitsorganisation und fährt mit uns in eine Gegend mit vielen Sozialwohnungen.

Sheelagh Cooper (Übersetzung Monitor): „Die staatliche Bermuda-Housing-Corporation hat überall auf der Insel Sozialwohnungen – nicht genug, aber einige. Es gibt eine lange Warteliste.“

Diese Frau – sie möchte nicht erkannt werden – zahlt für ihre Sozialwohnung 1.800,- Dollar im Monat, inklusive undichtem Dach. Ein Sozialsystem wie in Deutschland kann sich Bermuda nicht leisten. Wohngeld? Gibt’s nicht!

Sheelagh Cooper, Habitat für Humanity (Übersetzung Monitor): „Die Regierung hat kein Geld. Sie besteuern diese großen Unternehmen, die sich hier angesiedelt haben, nicht. Millionen von Dollar sitzen hier, während wir unsere eigenen Leute, die am unteren Ende der Einkommensskala unserer Gesellschaft leben, hier vor die Hunde gehen lassen.“

Nicht nur die Mieten, auch die Lebensmittelpreise steigen immer weiter. In einem Supermarkt zeigt uns die Erzieherin Sophia – rund 1.500,- Dollar Monatseinkommen, drei Kinder – dass selbst Grundnahrungsmittel kaum noch zu bezahlen sind.

Sophia (Übersetzung Monitor): „Das kostet 6,85 Dollar. 6,85 für einen Laib Brot. So stell dir vor, du hast drei Kinder. Das reicht vielleicht für drei Tage, wenn überhaupt.“

Für zwölf Eier zahlt sie umgerechnet knapp fünf Euro!

Sophia (Übersetzung Monitor): „Wir haben die Cornflakes, die kosten zehn Dollar. Und dann noch die Milch dazu, für 5,49 Dollar.“

Explodierende Preise und Wohnungslosigkeit haben sich auf Bermuda zu einer nationalen Krise ausgewachsen. Eine ehemalige Werkstatt – die Besitzer sind vor der Armut geflohen – heute schlafen hier Obdachlose. Nur wenige Kilometer entfernt stehen die großen Villen schwerreicher Ausländer. Wegen der Steuerfreiheit für internationale Finanzkonzerne müssen vor allem die Arbeitnehmer für die Staatseinnahmen sorgen, auch Geringverdiener wie Renee. Wir treffen sie am Hafen der Hauptstadt Hamilton. Renee verdient als Zimmermädchen knapp 15,- Dollar brutto pro Stunde. Knapp die Hälfte davon kassiert der Staat.

Renee Dill (Übersetzung Monitor): „Ich zahle 1.750,- Dollar Miete. Es ist ein ständiger Kampf. Oft muss ich mich entscheiden, ob ich meine Rechnungen bezahle oder den Kindern etwas zu essen kaufe. Manchmal muss ich meine Mietzahlungen hinauszögern, damit meine Kinder jeden Abend eine Mahlzeit haben.”

Renee zeigt Sheelagh Cooper ihren Lohnzettel. Ihr Verdienst: umgerechnet 462,- Euro brutto. Davon bekommt sie nur die Hälfte raus. Oft werde ihr Lohn für Schulden bei der Krankenkasse vollständig einbehalten, sagt sie.

Renee Dill (Übersetzung Monitor): „In manchen Wochen bekomme ich gar keinen Lohn mehr ausbezahlt, wegen der Krankenkasse.“

Sheelagh Cooper (Übersetzung Monitor): „Das heißt?“

Renee Dill (Übersetzung Monitor): „Das heißt: kein Geld!“

Sheelagh Cooper (Übersetzung Monitor): „Kein Geld? Nach wieviel Stunden Arbeit?“

Renee Dill (Übersetzung Monitor): „Nach einer 40-Stunden-Woche. Immer dann, wenn ich meinem Arbeitgeber noch den Krankenkassenabschlag schuldig bin. Dann bleibt mir gar nichts“.

Sheelagh Cooper (Übersetzung Monitor): „Das darf nicht sein!“

Renee Dill: „Yep!“

Es ist zum Verzweifeln! Inzwischen formiert sich eine Gegenbewegung. Geschäftsleute, Sozialarbeiter, Geringverdiener, sie alle sind zu einem Vortrag des Ökonomen Robert Stubbs gekommen. Stubbs schätzt, dass inzwischen etwa 60 Prozent der Menschen auf Bermuda in die Armut abgerutscht sind. Und er kritisiert die Nähe zwischen Regierung und Finanzindustrie.

Robert Stubbs, Ökonom (Übersetzung Monitor): „Der Einfluss des Finanzsektors und der abnormale Gewinn, der hier in Bermuda abgeschöpft wird, das ist wirklich obszön.“

Obszöner Reichtum, bittere Armut. Wo die Finanzkonzerne Gewinne horten, fühlen sich viele Menschen im Stich gelassen.

Renee Dill (Übersetzung Monitor): „Weil Bermuda nicht für uns arme, schwarze Leute da ist, die jeden Tag kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen. Es ist für die reichen Leute da, und bald kann ich vielleicht schon nicht mehr hier sitzen.“

Georg Restle: „Kein Geld zum zum Leben und kein Sozialstaat, der hilft. Viele Bewohner in Bermuda verlassen gerade ihr Land. Das ist die bittere Realität eines zügellosen Kapitalismus, wo am Ende eben kein Platz mehr bleibt für Menschen, die von ihrer Arbeit leben wollen.“

Stand: 19.09.2019, 22:15

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8 Kommentare

  • 8 will auch mal was sagen 08.10.2019, 16:50 Uhr

    Bermuda ist doch wirklich Klein-Deutschland in absehbarer Zukunft. 15$ Lohn/Stunde, mehr hat doch der Normalo bei uns auch nicht. Mieten Köln, das was man landläufig Wohnung nennt, gibt's dafür auch nicht. Aber Herr Altmeyer möchte Unternehmen steuerlich entlasten und die entfallenden Steuern fast allen Bürgern aufbürden, mal abgesehen von den Reichen. Die sozialen Abgaben und Steuern bei Lohnempfängern sind ja noch nicht bei 50%, da ist wohl noch etwas Luft. Die Parallelen zu Bermuda, paralleler geht es gar nicht mehr. Man muss sich fragen, ob denn bürgerlich demokratisch gewählte Volksvertreter ihre Arbeitsaufgaben kennen. In der Schule jedenfalls gäbe es dafür: Setzen 5, Ziel verfehlt! Oder sind Politik-Ziele keine Bürger-Ziele..., aber wer weiß das schon. Ergebnis: Bermuda gibt es überall auf der Welt, die sind nur schon etwas weiter. 99% wird arm, das eine Prozent der Erfolgreichen und Erben bleibt in ihren Paradiesen für sich.

  • 6 Klaus Keller 20.09.2019, 12:50 Uhr

    Luxemburg beteiligt seine eigenen Bürger an der Beute. Dort ist der öffentliche Nahverkehr kostenlos, weil wir den mit unseren Steuerausfällen bezahlen, während bei uns der öffentlich Nahverkehr immer teurer und schlechter wird. Aus der nationalen Sicht macht es keinen so großen Unterschied, ob unser Steueraufkommen nach Luxemburg, Niederlande und Irland geht oder ob unsere Steuern eine Reise in die Karibik machen. Auch hier gilt der Spruch, das Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer. Legale und illegale Steuerhinterziehung über das Ausland ist ein zusätzliches Argument gegen „Weltoffenheit“ und mit diesem Unterschieben von solchen Vorgängen kehrt sich der einstmals positiv besetzte Begriff um ins Negative. Lohndumping über Ausland oder Ausländer wird auch bei Weltoffenheit untergeschoben; da warte ich aber noch den vollständigen Beitragstext zum Thema Pflegenotstand ab.

    • Claudia S. 21.09.2019, 09:43 Uhr

      Da bringen Sie wohl etwas durcheinander. Für die Beute aus den Raubzügen in anderen Ländern und Kontinenten im Kolonialismus bis heute und für das daraus entstandene Kapital gab und gibt es schon immer offene Grenzen. Diese Art von brutaler und mörderischer "Weltoffenheit" ist nichts Neues. Jetzt, wo einige Menschen ihren geraubten Reichtümern nachfolgen, weil sie aus der so erzeugten Perspektivlosigkeit und vor so erzeugten Kriegen flüchten, wird Weltoffenheit plötzlich problematisiert. Wir ernten jetzt die Folgen von Jahrhunterten der Zerstörung und Ausbeutung von Natur und Menschen, die von Europa ausging und heute zusätzlich durch Nordamerika weitergeht. Schließlich wurden die USA und Kanada von europäischen Eroberern mit Völkermord und Sklavenhandel gegründet und werden von deren Nachfahren regiert. Nur weltweite Gerechtigkeit für alle Menschen und die Natur kann den Mord und Selbstmord der Menschheit stoppen. In diesem Sinne: Weltoffenheit!

  • 5 Doris Halm 19.09.2019, 22:36 Uhr

    Bei uns in Deutschland gibt es auch viele Menschen die von Ihrer Arbeit nicht leben können !! Warum berichten Sie nicht darüber ??

    • carlo 19.09.2019, 23:44 Uhr

      Weil es jetzt gerade mal um Bermuda geht und um die schrecklichen Auswirkungen der Steuerflucht (und sogenannter "Steuerparadiese"). Und darum, was eben u.a. auch deutsche Firmen dort anrichten. Immer das Gejammere "In Deutschland gibts doch auch..." und "niemand kümmert sich...". Stimmt ja nicht! Gibt genauso Berichte über die Armut in Deutschland. Und das ist auch gut so, weil es auch da viel Elend und Ungerechtigkeiten gibt. In Deutschland gibt es aber zumindest ein Sozialsystem, dass immerhin die schlimmsten Härten abfedert. (Selbst wenn ich in Deutschland gar keine Arbeit habe, bekomme ich trotzdem noch Geld. Das ist in sehr vielen Ländern nicht der Fall)

  • 4 schmid 19.09.2019, 22:26 Uhr

    „Zügelloser Kapitalismus“? Das suggeriert, als müsste man nur Zügel anlegen, dann wäre alles gut. Eben Nicht. Es sind keine „Ausrutscher“ oder „Fehlleistungen“ einiger Böswilliger des Kapitalismus, wenn sich das Kapital in den Bermudas ansiedelt. Das liegt im Wesen dieses System. Wirklich aufklärerisch wäre die Formulierung: „Der Kapitalismus an sich ...“

  • 3 Waldemar Grytz 19.09.2019, 22:15 Uhr

    Da kann man nur empfehlen: holt Euch alles zurück, was diese Parasieten Euch täglich stehlen!

  • 2 h.ewerth 18.09.2019, 11:51 Uhr

    Aber das wird doch nicht erst seit gestern gemacht. Wie lange schon wird nicht mehr investiert? statt dessen an den Finanzmärkten "investiert" oder sollte man nicht sagen "gezockt"? Wieso sonst, dominieren Derivate die Wirtschaft? Nur einmal so eine Zahl, Heutzutage beträgt das Volumen der uns bekannten gehandelten Derivate zwischen 600 und 700 Billionen Euro, um das einmal ins Verhältnis zu setzen: Das ganze globale Bruttoinlandsprodukt, mit anderen Worten, alles, was die Länder produzieren, beträgt gerade einmal. ca. 60 Billionen Euro. Deshalb sei die Frage erlaubt, basiert unsere Struktur auf einer Realwirtschaft, die von Finanzdienstleistungen und von den Finanzhäusern gefördert wird, oder ist unsere Welt eine finanzielle Welt, deren Ansprüche auf die Realwirtschaft gehandelt werden? Mit anderen Worten, die Realwirtschaft ist nur noch ein Anhängsel der Finanzwirtschaft. Um so mehr Steuersenkungen, um so mehr Investitionen in die Finanzwirtschaft.

  • 1 ist doch egal bin sauer 17.09.2019, 18:06 Uhr

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