Bankenkrise: Die dubiose Rolle der Deutschen Bank

Monitor Nr. 577 vom 24.04.2008

Bankenkrise: Die dubiose Rolle der Deutschen Bank

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Bericht: Andreas Orth, Kim Otto, Markus Schmidt

Bankenkrise: Die dubiose Rolle der Deutschen Bank Monitor 04.04.2008 06:57 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste

Moderation Sonia Mikich: "Die weltweite Finanzkrise ist auch bei mir angekommen. Denn: Wir Steuerzahler müssen den Fast-Konkurs der Mittelstandsbank IKB ausbaden. Möglicherweise mit bis zu 10 Milliarden Euro.

So manches schlechte Geschäft der IKB wurde mit dem Branchenprimus gemacht: mit der Deutschen Bank.

Und jetzt wird es hoch spannend: Seit gestern prüft die Staatsanwaltschaft Frankfurt, ob ein Händler der Deutschen Bank strafbare Insider-Geschäfte getätigt hat - ausgerechnet mit IKB-Aktien.

Markus Schmidt, Kim Otto und Andreas Orth haben sich durch einen wahren Finanzdschungel geschlagen."

Es war der 24. Juli 2007. Der Verleger Hans Blömer besuchte seine Bank in Düsseldorf. Er kaufte an diesem Tag Aktien der IKB Industriebank, weil ihm die - so erinnert er sich - als günstiges Papier angedient worden seien. Die Mittelstandsbank galt zu diesem Zeitpunkt als solide Wertanlage. So dachte er, so dachte wohl auch sein Berater von der Deutschen Bank. Das böse Erwachen folgte nur wenige Tage später.

Hans Blömer im Portrait

Hans Blömer

Hans Blömer, Verleger: "Ja, erstaunt war ich ja nun wirklich, weil ich mir gesagt habe, das kann ja gar nicht sein. Wenn ich von der Deutschen Bank eine Aktien kaufe, wo man mir sagt, das ist eine Staatsbank, da können Sie gar kein Geld dran verlieren, dann guckt man ja doch ziemlich erstaunt, wenn man sieht, mit welcher Rasanz dann der Kurs von 24 Euro zurückgegangen ist bis letztlich ja unter vier Euro!"

Nur drei Tage später stand die IKB im Feuer. Die Deutsche Bank wollte ihr kein Geld mehr leihen. Mehr noch, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Ackermann, informierte am 27.07. die Bundesaufsicht für das Finanzwesen BaFin, dass die IKB kurz vor der Pleite stehe. Daraufhin stürzte die IKB Aktie in den Keller. Von 21,48 Euro auf einen Tiefststand von 4 Euro. Der Grund: Die IKB muss für hochspekulative US-Wertpapiere gerade stehen.

Hans Blömer, Verleger: "Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass die Deutsche Bank drei Tage vorher nicht gewusst hat, dass die IKB dabei ist Pleite zu machen. Denn dass die IKB und die Deutsche Bank schon lange zusammengearbeitet haben, habe ich ja hinterher gelesen."

So der Bankkunde.

Jetzt gibt aber einen noch schlimmeren Verdacht, ausgerechnet gegen einen Händler der Deutschen Bank. An den Börsen: Einige Tage vor der Krise, es werden erstaunlich viele IKB-Aktien verkauft, und zwar auffällig viele über die Deutsche Bank, stellt die BaFin fest. Hat da jemand im Wissen um die Lage der IKB noch schnell IKB-Aktien abgestoßen? Das wäre strafbarer Insider-Handel. Diesen Verdacht hat die Bankenaufsicht und hat deshalb Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt jetzt gegen einen Händler der Deutschen Bank. Die Deutsche Bank bestätigt dies mit folgendem Hinweis:

Zitat: "Nach den uns bisher vorliegenden Erkenntnissen betreffen die Ermittlungen nicht den Eigenhandel der Bank, sondern Geschäfte für Kunden, und die Bank hat daraus keinen Nutzen gehabt."

Welche Rolle spielte die Deutsche Bank und ihr Chef Josef Ackermann beim Niedergang der IKB, für den jetzt der Steuerzahler mit Milliarden gerade stehen muss? Fest steht: Die Deutsche Bank und die IKB sind seit Jahren Geschäftspartner. Und das genau in dem Geschäftsfeld, das unmittelbar zum Beinahe-Zusammenbruch der IKB Bank führte.

Rückblende: New York. Der wichtigste Finanzmarkt der Welt. Clevere Investmentbanker dachten sich hier vor einigen Jahren neuartige Wertpapiere aus. Sie bündelten dafür Tausende Immobilienkredite. Mischten hoch riskante, mit weniger riskanten Papieren. Einer der größten Player im Treuhandgeschäft mit solchen Papieren ist die Deutsche Bank Gruppe. Und die IKB übernahm diese neuartigen Kreditpakete reichlich, auch von der Deutschen Bank - noch bis ins Jahr 2007 hinein. Gleichzeitig spekulierte in New York ein Top Banker mit seiner Abteilung unter dem Dach der Deutschen Bank, ausgerechnet auf den künftigen Verfall derartiger Spezialpapiere. Er verdiente damit Hunderte Millionen Dollar für die Deutsche Bank Gruppe. Ein vollkommen legales, aber delikates Geschäft. Denn während der eine Arm der Deutschen Bank auf fallende Kurse spekulierte, verkaufte ein anderer Arm derartige Papiere an die IKB.

Prof. Peter Derleder im Portrait

Prof. Peter Derleder

Prof. Peter Derleder, Wirtschaftsjurist, Uni Bremen: "Man muss genau prüfen, was für vertragliche Verhandlungen geführt worden sind, ob die Deutsche Bank die IKB methodisch in größere Risiken hineingeführt hat und dabei Anpreisungen und irreführende Ausführungen dazu gemacht hat. Dann kann es einen Schadensersatzanspruch geben."

Juristischer Klärungsbedarf. Die Deutsche Bank weist alle Vorwürfe weit von sich.

Zitat: "Die IKB ist ein professioneller Markteilnehmer. Sie hat stets eigene Anlageentscheidungen getroffen und diese in Wertpapiergeschäften mit zahlreichen Banken umgesetzt. Eine dieser Banken war die Deutsche Bank. Die IKB ist bei ihren Anlageentscheidungen nicht von der Deutschen Bank beraten worden."

Tatsächlich? Das riskante Geschäft funktionierte über eine Zwischengesellschaft, die so genannte Rhineland Funding. Über dieses undurchschaubare Konstrukt wurden die Geschäfte mit der IKB abgewickelt.

Neben anderen Banken, an wichtiger Stelle, in vielen Funktionen, auch die Deutsche Bank, wie diese internen Dokumente belegen. Hat sie doch eine weit wichtigere Rolle gespielt als zugegeben? Wusste sie womöglich mehr? Detaillierte Nachfragen dazu beantwortet die Deutsche Bank nicht.

Renommierte Wirtschaftsexperten sehen erhöhten Aufklärungsbedarf.

Prof. Ekkehard Wenger im Portrait

Prof. Ekkehard Wenger

Prof. Ekkehard Wenger, Lehrstuhl für Bank- und Kreditwirtschaft, Uni Würzburg: "Wenn diejenigen in der Deutschen Bank, die der IKB beziehungsweise Rhineland die Papiere angedient haben, wussten, dass die Papiere marode waren, und auch wussten, dass der Ausbruch der Krise unmittelbar bevorstand, dann hat die Deutsche Bank ein Problem."

Christine Scheel im Portrait

Christine Scheel

Christine Scheel, Bündnis 90/Die Grünen, Bundestagsabgeordnete: "Wenn das stimmt und dann muss natürlich schon überlegen, wer trägt die Haftung? Und es kann nicht sein, wenn die Risiken bekannt sind, dass man diese Papiere verkauft und darauf hofft, dass am Ende der Staat einspringt."

Doppeltes Spiel unter dem Dach der Deutschen Bank zum Schaden des Steuerzahlers? Oder völlig legales Banking? Die Rolle der Deutschen Bank beim Niedergang der IKB müssen jetzt womöglich Gerichte klären. Verleger Blömer überlegt sich, ob er die Deutsche Bank verklagen soll.

Stand: 22.02.2014, 13:18

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