Einkalkuliertes Elend: Armut durch Rente

MONITOR vom 09.01.2020

Einkalkuliertes Elend: Armut durch Rente

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Bericht: Herbert Kordes, Jan Schmitt

Einkalkuliertes Elend: Armut durch Rente Monitor 09.01.2020 06:48 Min. UT Verfügbar bis 09.01.2099 Das Erste Von Herbert Kordes, Jan Schmitt

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Georg Restle: „Niedrige Löhne bedeuten niedrige Renten. Millionen älterer Menschen gelten heute schon als armutsgefährdet. Und die Zahlen steigen dramatisch an: Waren 2010 noch 2,4 Millionen Rentner und Pensionäre von Armut bedroht, waren es 2017 schon 3,2 Millionen, 800.000 Menschen mehr, das entspricht einer Zunahme um 33 Prozent. Die Einführung einer Grundrente – darin sind sich viele Experten einig – dürfte an dieser Entwicklung übrigens kaum etwas ändern. Für viele der Betroffenen bedeutet Altersarmut ein Leben in Scham. Und gäbe es nicht zahlreiche Privatinitiativen, könnten sich viele von ihnen weder ein neues Sofa, noch eine neue Brille oder eine neue Waschmaschine leisten. Herbert Kordes.“

Seit zwei Jahren geht Therese Nieder hier lang. Jeden Montag – zum Einkaufen. Aber nicht im Supermarkt. Therese Nieder geht zur Tafel im Münchner Stadtteil Ramersdorf.

Therese Nieder: „Das war nicht leicht. Ich hab mich geniert. Ich hab gedacht, oh Gott, wenn dich da jemand sieht, der mich kennt – und dann hab ich mir gedacht, ja, es waren lauter Fremde, und dann ... mit jedem Mal wird’s besser.“

Therese Nieder gehört zu den über drei Millionen armutsgefährdeten Rentnern und Pensionären in Deutschland. Ihre kleine Rente wird mit staatlicher Grundsicherung aufgestockt – zusammen sind das zwar gut 1.100 Euro monatlich, nach Abzug von Miete, Strom und Versicherungen bleiben ihr aber nur noch rund 8,30 Euro am Tag – für Lebensmittel, Reparaturen, Medikamente oder Kleidung. Trotz wachsender Altersarmut sehe man hier nur wenige ältere Menschen, sagt Birgit Schuster-Fuchs. Sie leitet diesen Standort der Münchner Tafel. Viele Ältere schämten sich zu kommen, sagt sie.

Birgit Schuster-Fuchs, Münchner Tafel e. V.: „Ich hätte mir nie in meinem Leben vorstellen können, dass ich mal bettle. Das ist so ein Satz, der tatsächlich von dieser auch Kriegs- oder Nachkriegsgeneration häufig gesagt wird. Und ich versuche dann natürlich zu erklären, dass das hier nichts mit betteln zu tun hat.“

Therese Nieder: „Grüß Gott, bitte, kommen Sie rein.“

Wir besuchen Therese Nieder zu Hause – eine kleine, gemütliche Wohnung im Osten Münchens.

Therese Nieder: „Dies ist der Sohn, dies ist die Älteste.“

Drei Kinder hat sie. Zehn Jahre war sie nur für sie da – dann ging die Ehe in die Brüche, sie musste allein zurechtkommen.

Reporter: „Wie haben sie das denn gemacht?“

Therese Nieder: „Indem ich Nachtschichten gemacht habe – von drei in der Frühe bis acht gearbeitet. Post verteilt. Und dann, wenn ich dann heimgekommen bin, Kinder fertig gemacht, in die Schule schicken, und die Kleine in den Kindergarten.“

Reporter: „Und dann konnten Sie mal …?“

Therese Nieder: „Und dann konnte ich kurze Zeit schlafen, wenn nicht grad wieder was geklingelt hat.“

Ab und zu hat sie mit Nähen was dazu verdient. Sozialamt? Kam für Therese Nieder nie infrage. Doch auch als sie später wieder Vollzeit arbeitete – die ersten Jahre, als sie nur für die Kinder da war, hat sie für ihre Rente nie wieder aufgeholt.

Therese Nieder: „Das fehlt einfach – also man wird bestraft, wenn man Kinder erzieht. Ich hab eine Rente, kriege ein bisschen Müttergeld, aber das ist ganz minimal – und die zehn Jahre, wo ich daheim war, die fehlen halt an der Rente.“

Die lange umstrittene Mütterrente bringt ihr aktuell zusätzlich 49,60 Euro monatlich – sie bekommt also mehr Rente. Die wird aber auf die staatliche Grundsicherung angerechnet. Ein Nullsummenspiel. Wir sind in Köln. Diese Frau arbeitet daran, armen Rentnern das Leben zu erleichtern: Sandra Bisping vom Verein „Ein Herz für Rentner“. Sie prüft gerade den Antrag von Burckhard Nirschl.

Sandra Bisping: „Sie haben gesagt, sie brauchen eine Waschmaschine?“

Burckhard Nirschl: „Ja.“

Sandra Bisping: „Genau. Ihre alte ist jetzt kaputt?“

Burckhard Nirschl: „Ja genau, die alte ist  halt kaputt gegangen, hat zehn Jahre gehalten.“

Der 63-jährige Elektriker lebt von Erwerbsminderungsrente. Mal eben eine neue Waschmaschine? Ist nicht drin. Ihm und anderen hilft Sandra Bispings Verein bei Anschaffungen, organisiert Veranstaltungen oder unterstützt sie mit Patenschaften. Der Verein will helfen – dort, wo der Sozialstaat versagt.

Sandra Bisping, „Ein Herz für Rentner“e. V.: „Grundsätzlich sollte es uns gar nicht geben müssen. So wie eine Tafel zum Beispiel auch. Wir sind in einem reichen Sozialstaat Deutschland, heißt es immer. Und es kann nicht sein, dass wirklich viele Menschen so tief in der Armut leben, sich wirklich teilweise kein Essen leisten können, auf dem Boden schlafen müssen mit 82 Jahren, weil das Lattenrost kaputt geht.“

Oder die Brille. Wie bei Gisela Breuhaus, 70, aus Wachtberg bei Bonn. Nach 15 Jahren ging ihre Brille kaputt.

Gisela Breuhaus: „Ich bin gestürzt und die Brille war total zerkratzt. Die war auch schon ziemlich alt, und ich hätte auf jeden Fall eine neue Brille benötigt, aber ich hätte nie gewusst, wie ich das finanzieren sollte.“

Der Verein von Sandra Bisping hat ihre neue Brille bezahlt. Sie will den Bügel noch etwas anpassen lassen – wir begleiten sie. Gisela Breuhaus ist heute schwerbehindert. Auch sie hat sich um Kindererziehung gekümmert und 16 Jahre lang Angehörige gepflegt – erst ihren Vater, später ihren Mann. Obwohl für pflegende Angehörige seit Jahren Beiträge in die Rentenkasse gezahlt werden – vor der Altersarmut hat es sie nicht geschützt. Ihre gesetzliche Krankenkasse hat zur Brille nichts dazu gegeben – Zuschüsse gibt es nur bei sehr starken Sehbehinderungen. Und wenn es nun den Verein nicht gegeben hätte?

Gisela Breuhaus: „Das wäre eng geworden. Das weiß ich nicht. Da hätte ich mir irgendwo Geld leihen müssen oder so.“

Ein Problem, mit dem Menschen wie sie immer zu kämpfen haben. Auch Therese Nieder. Sie hat von dem Verein eine neue Couch bekommen. Und?

Therese Nieder: „Dann habe ich den Pulli bekommen, einen wunderschönen, weichen, angenehmen Pulli.“

Und eine wärmende Bettunterlage. Es ist immer dasselbe: keine Rücklagen – etwa, wenn die Waschmaschine kaputt geht. Was dann?

Therese Nieder: „Entweder das Konto überziehen oder Geld zu leihen und dann kleinweise wieder zurückzahlen.“

Reporter: „Fällt Ihnen das denn leicht, Bekannte zu fragen?“

Therese Nieder: „Nein. Nein! Gar nicht. Ich will ja nicht … ich hab ja immer gearbeitet und das verstehen die alle nicht.“

Auch Gisela Breuhaus bekommt – zusätzlich zur Rente – staatliche Grundsicherung. Trotzdem bleiben ihr am Ende nur rund 330,- Euro zum Leben. An ihrem Kühlschrank führt sie uns vor, was Sparsamkeit heißt. Mehrere Frischhaltedosen sind gefüllt mit Sachen aus einem halben Huhn, gekauft von einer Nachbarin für 4,- Euro.

Gisela Breuhaus: „Das ist ein Paprikasch von einem halben Huhn, das ist die Hühnerbrühe von dem halben Huhn, das ist noch die Hühnersuppe von dem halben Huhn.

Reporter: „Wie lange kommen Sie denn mit sowas dann hin?“

Gisela Breuhaus: „Eine gute Woche. Dazu kommen natürlich dann so was wie Spätzle auch.“

Seit kurzem bekommt sie noch 38,- Euro monatlich als Patenschaft vom Rentner-Hilfe-Verein. Damit will sie bald mal wieder ins Konzert gehen. Bislang, sagt sie, müsse ihr Wohnzimmer als Konzertsaal herhalten.

Stand: 09.01.2020, 22:15

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28 Kommentare

  • 28 Jürgen K. 15.01.2020, 12:05 Uhr

    Verehrte Monitor Redaktion. Von Armut "bedroht" ! "Relative" Armut ! Um die beschönigenden Bewertungen derer vorwegzunehmen, die die "Grosse Freiheit" vor allem der Wohlhabenden vorwegzunehmen. Vollständig wird das Bild, wenn NUR festgestellt werden kann, dass etwa 1 000 Milliarden aus dem BIP, nämlich die, die als Gewinne und Kapitalerträge oder Erträge aus Mieten und Pachten NICHT mit 40 % Sozialbeiträgen belegt werden wie "SozialversicherungPFLICHTIGE. 400 Milliarden fehlen damit der "MIT" - Finanzierung des "Sozialen Gemeinwohls". Zur "Belohnung" werden gerade diese Einkommen werden sogar noch geringer besteuert, als etwa die Erwerbseinkommensteuer der Erwerbstätigen. Und auch das ist noch nicht einmal alles ! Die 3,2 Millionen Altersarmen reichen jetzt allein aus, um die Menge der Einkommensbezieher zu bilden, aus denen dann das "Hartz 4 Existenzminimum" errechnet wird. Hieraus das Steuerfreie Existenzminimum ! MAXIMALER Zirkelschluss der Armut ! Go Prof Sell ! MFG

  • 27 D. E. Satinoscri 13.01.2020, 23:11 Uhr

    Warum müssen die Deutschen 5 Jahre länger bis zur Rente arbeiten als die Franzosen? Fangen die Franzosen 5 Jahre früher zu arbeiten an, haben sie eine höhere Wochenarbeitszeit oder arbeiten sie effektiver? Wer kann mir das endlich mal erklären?

    • Ralf Binder 15.01.2020, 12:25 Uhr

      Wir haben nicht die gelben Westen angezogen. Als Rot-Grün mit Schröder die Rente demontiert hat waren nur wenige auf der Straße und die waren brav. Da bekommt Macron mit seiner Agenda made in France doch ein ganz anderes Echo.

  • 26 Uwe Günzel 13.01.2020, 20:43 Uhr

    tja, und wenn man dann noch als Rentner mit Grundsicherung hin und wieder einer kleineren Nebenbeschäftigung nachgeht, und sich bezahlen lässt, wird in einem der folgenden Monate das gerade eben hinzuverdiente Geld mit der nächsten Grundsicherungszahlung mit 1:1 in Abzug gebracht. Man wird quasi gezwungen -von Staats wegen- arm zu bleiben. Da kannste nichts ansparen für Urlaub, medizinisches Zubehör oder ein Sprungbrett zu erreichen um aus der Altersarmut heraus zu kommen. Einmal in der Gosse, immer in der Gosse! Und dann fragen die Politiker warum ihre Bürger so aggressiv geworden sind; bei der Politik?!

  • 25 D. E. Satinoscri 13.01.2020, 10:57 Uhr

    16 Jahre lang verkohlt, 4 Jahre geschröddert und 15 Jahre lang ausgemergelt - wie gut, dass Helmut Schmidt diese Zustände nicht mehr erleben muss!

  • 24 Don.Corleone 12.01.2020, 16:58 Uhr

    @.G.B.: Halloooooo: es geht NICHT um Unternehmer o. Bosse , d. alles v.d. Wand gefahren haben. Es geht um Deutsche Malocher, d. i.Leben lang malocht haben incl. Arbeitslosenzeit etc. Das ist auch in anderen Ländern gang u. gäbe . Unterschied : Da bekommt JEDER eine angemessene Rente Minmium = 1500 Euronen ! In D. u. merkel/cdu u.Co. müsssen Millionen Dt. Rentner darben bis zum Tode. Strom weg, Bude Kalt, Flaschensammeln ! U.das in einem d.reichst.Staaten d.ERDE ! WER Ändert d. System ? Antwort: Die demokratische, soziale A F D ! Es kommt a.d. Dt. Wähler an ! Wenn ALLE wählen würden, wäre merkel u. i. asoziale Politik weg v. Fenster !

  • 23 Robert Karst 11.01.2020, 18:00 Uhr

    Natürlich ist es schlimm, wenn im Alter die Armut hinzukommt. Jedoch hätte ich mir eine differenzierte Berichterstattung gewünscht. Ein Teil der betroffenen Personen jedoch ist selbst daran Schuld. Jahrelang wurde an der Steuer vorbei geabeitet, um Sozialversicherungen und Steuern einzusparen. Im Alter ist dann natürlich die Rente gering. Wenn diese Personen keinen SV und Steuerbetrug gemacht hätten, wären Sie höchstwahrscheinlich in der Lage, ihre Versorgung selbst zu tragen. Warum berichten Sie nicht einmal darüber, wie viel Sozial- und Steuerbetrug pro Jahr in Deutschland begangen wird und welche Auswirkungen genau dieser Betrug hat. Armut im Alter! Falls Sie nicht wissen, in welchen Bereichen dieser Betrug stattfindet, dann schauen Sie sich doch einmal das Baugewerbe, das Taxigewerbe, die Gastrononmie und und und an.

    • Don.corleone 12.01.2020, 16:49 Uhr

      @-robert Karst : Der Sozialbetrug findet fast ausschließlich im Bereich d. Komplex -Migration-Wirtschafts-Asylanten statt !. Von daher triftt Ihre Feststellung ins LEERE ! Daß d. Mehrheit der deutschen Rentner absolut ARM ist, steht übrigens außer Frage !

  • 22 Hans_Dampf 11.01.2020, 13:12 Uhr

    Danke GroKo!

  • 21 HOPF L. 10.01.2020, 23:50 Uhr

    Sehr geehrter Herr Georg Restle!Ich möchte Sie darauf hinweisen,daß unter You Tube vom 28.06.2019, die ganze Unehrlichkeit bei der noch nie völlig zurücker- statteten,versicherungsfremden Leistungen,in der gesetzlichen Rentenver- sicherung bis zur Beitragsbemessungsgrenze ab dem Jahre 1957 bis 2018,ans Tageslicht kam.Keine Bundesregierung so der absolute Rentenexperte Otto Teufel,hat die Zahlungen der versicherungsfremden Leistungen,in dem ange- gebenen Zeitraum jährlich offen gelegt.Herr Rudolf Dressler,hatte sich auf diesem You-Tube vom 28.06.2019,entsprechend dazu geäußert.Das Wort Subsidaritätsprinzip aus der katholischen Soziallehre,ist für viele im Bundes- tag vertretenen Parteien und Politiker ein Fremdwort.

  • 20 HOPF L. 10.01.2020, 21:32 Uhr

    Sehr geehrter Herr Restle! Sie können noch soviele Sendungen über die armen Rentnerrinnen machen,dabei wird die eigentliche Wahrheit,unserer Rentenmi- sere bewußt verschwiegen.Der gesetzlichen Rentenversicherung bis zur Bei- tragsbemessungsgrenze,fehlen infolge nicht völlig zurückgezahlten ver- sicherungsfremden Leistungen ab dem Jahre 1957 bis 2018,811 Milliarden Euro,laut der Otto Teufel Tabelle.Dem letzten Sozialpolitiker der SPD,Rudolf Dressler,der diesen Namen noch verdient sind diese Mißstände bekannt.Kein Politiker der im Bundestag vertretenen Parteien,ist an der Aufklärung dieser Mißstände interessiert.Sie zahlen ja nicht in diese Versorgungswerk ein. Ferner verweise ich auf die Dokomentationen des Diplom Ingenieurs Otto Teufel zu diesem Thema unter Google.Auch der Forist Rolf,so in Seinem Bei- trag im Gästebuch von "hart aber fair,vom 12.02.2019,10:43 Uhr,hatte 10 Mal, erfolglos vor "Deutschen Sozialgerichten" ,gegen diese Mißstände geklagt.

  • 19 Silke 10.01.2020, 15:30 Uhr

    Weit mehr als die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner in Deutschland, die so geringe monatliche Einkommen haben, dass ihnen Grundsicherung zusteht, nimmt diese nicht in Anspruch. Geschätzt 625.000 Rentnerhaushalte in unserem Land leben offensichtlich von weniger als dem, was Staat und Gesellschaft für ein absolutes Minimum für den Lebensstandard erachten. Dies ist das alarmierende Resultat einer Studie des DIW Berlin. Liebe Rentner holt Euch doch das Geld was Euch zusteht(Grundsicherung),dass ist doch keine Schande. Genau wie das Wohngeld das gerade wieder erhöht wurde ! Keine falsche Scharm.Dafür habt ihr doch mit Steuern bezahlt.

  • 18 H.Ewerth 10.01.2020, 10:43 Uhr

    Dieser Kommentar wurde mehrfach abgegeben und daher an dieser Stelle gesperrt. (die Redaktion)