Die Hintermänner von 9/11: Welche Rolle spielte Saudi-Arabien?

MONITOR vom 09.09.2021

Die Hintermänner von 9/11: Welche Rolle spielte Saudi-Arabien?

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Bericht: Nikolaus Steiner

Die Hintermänner von 9/11: Welche Rolle spielte Saudi-Arabien? Monitor 09.09.2021 09:39 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste Von Nikolaus Steiner

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Georg Restle: "Und jetzt zu diesem Datum, das sich geradezu eingebrannt hat ins kollektive Gedächtnis: Der 11. September 2001. Übermorgen jähren sich die Terroranschläge von New York und Washington zum 20. Mal. Aber für viele Angehörige der Opfer ist der Schmerz noch lange nicht vorbei. Viele von ihnen wollen endlich Klarheit und fordern die US-Regierung jetzt erneut auf, unter Verschluss gehaltene Dokumente über die Hintermänner der Anschläge endlich zu veröffentlichen. Geheimdokumente, die auch beweisen könnten, welche Rolle Saudi-Arabien und dessen Herrscherfamilie bei diesen Anschlägen gespielt haben. Brisantes Material, schließlich betrifft es einen der wichtigsten Verbündeten des Westens in der Region. Und könnte den Blick auf die Anschläge vom 11. September entscheidend verändern. Nikolaus Steiner."

Der 11. September 2001. Fast 3.000 Menschen sterben an diesem Tag durch die Terroranschläge. Eine Zäsur in der Weltgeschichte. Und eine Kriegserklärung an die Drahtzieher.

George W. Bush, ehem. US-Präsident, 20.09.2001 (Übersetzung Monitor): "Jede Nation, die den Terroristen Unterschlupf gewährt oder sie unterstützt, wird von uns als feindliches Regime betrachtet."

Feindliches Regime – damit sind vor allem Afghanistan und die Taliban gemeint, die Al-Qaida unterstützt haben sollen. Doch der Drahtzieher Osama bin Laden stammte aus Saudi-Arabien. Ebenso wie 15 der 19 Attentäter vom 11. September. Saudi-Arabien, wichtigster arabischer Verbündeter der USA im Mittleren Osten, Waffenkäufer, Ölexporteur. Welche Rolle spielte die saudische Regierung, das saudische Herrscherhaus bei den Anschlägen von 11. September? Seit 20 Jahren gibt es immer wieder Hinweise, die bis nach Riad führen.

Doch zentrale Dokumente zur Rolle Saudi-Arabiens werden von der US-Regierung bis heute geheim gehalten. Deshalb fordern einflussreiche US-Politiker nun vollständige Aufklärung.

Richard Blumenthal, US-Senator (05.08.2021) (Übersetzung Monitor): "Es gibt immer mehr glaubhafte und bedeutsame Beweise, die eine Komplizenschaft der saudischen Regierung bei den Anschlägen vom 11. September belegen. Und das mag nur die Spitze des Eisbergs sein. Aber das amerikanische Volk verdient es, alles zu erfahren."

Die offizielle Untersuchungskommission des US-Kongresses zu den Anschlägen vom 11. September kam 2004 zu dem Ergebnis, es habe keine Beweise für eine Beteiligung der saudischen Regierung gegeben. Brett Eagleson glaubt das nicht. Er ist Sprecher der Familien der Opfer und hat selbst bei den Anschlägen seinen Vater Bruce verloren. Er macht der US-Regierung und Saudi-Arabien schwere Vorwürfe.

Brett Eagleson, Vertreter der 9/11-Opfer und Angehörigen (Übersetzung Monitor): "Wir sehen eine Vertuschung, die mit Präsident Bush angefangen hat, die von Obama und Trump über Jahre fortgeführt wurde. Wir sehen eine Vertuschung der Regierung der Vereinigten Staaten, was Saudi-Arabiens Rolle bei den Anschlägen vom 11. September angeht."

Darum geht es: Die beiden Attentäter Nawaf al-Hazmi und Khalid al-Mihdhar. Sie kaperten eines der Flugzeuge am 11. September und steuerten es in das Pentagon. Im Januar 2000 kommen die beiden Attentäter in Los Angeles, Kalifornien an. Laut Ermittlern des FBI haben sie dort Kontakt mit einem Diplomaten aus dem saudischen Konsulat, Fahad-al Thumairy. Und sie bekommen Hilfe von diesem Mann: Omar al-Bayoumi, der laut FBI mit dem Diplomaten im engen Kontakt steht. Es gebe Hinweise – hieß es damals – dass Al-Bayoumi

Zitat: "Mitglied des saudischen Geheimdienstes"

sein könnte. Die Ermittler sprechen von einer

Zitat: "… substantiellen Unterstützung der beiden Attentäter",

durch al-Bayoumi. Und es gab laut den FBI-Ermittlern damals einen dritten Mann in Kalifornien, der eine wichtige Rolle spielte: Osama Bassnan, saudischer Staatsbürger, der die beiden Attentäter ebenfalls unterstützt haben soll. Auch hier hatte das FBI Hinweise, dass er

Zitat: "Mitglied des saudischen Geheimdienstes"

sein könnte. Und:

Zitat: "Nach CIA-Angaben bekam Bassnan finanzielle Unterstützung und wahrscheinlich einen gefälschten Pass von saudischen Staatsangestellten. Er und seine Frau bekamen finanzielle Unterstützung vom saudischen Botschafter in den USA und dessen Frau."

Die saudische Botschaft in Washington. Welche Rolle spielte sie bei dem mutmaßlichen Unterstützernetzwerk? Saudischer Botschafter zu der Zeit war Prince Bandar bin Sultan, Mitglied des saudischen Königshauses und enger Freund von Bush senior – und Bush junior. Was wusste Prince Bandar über die mutmaßlichen Unterstützer der Attentäter? Der Prinz habe eine zentrale Rolle gespielt, sagt Kenneth Williams, der fast dreißig Jahre beim FBI für Terrorbekämpfung zuständig war. Heute arbeitet er für die Anwälte der Opferfamilien und konnte viele geheime Dokumente einsehen.

Kenneth Williams, ehem. FBI-Ermittler (Übersetzung Monitor): "Prinz Bandar war ein sehr mächtiger Mann. Er steuerte den saudischen Geheimdienst von Washington aus. Und er hatte ein sehr gutes Verhältnis zu der Bush Familie. Er hatte quasi freien Zugang zum Weißen Haus."

Gab es also Verbindungen zwischen den Attentätern in Kalifornien und der saudischen Botschaft in Washington? Bis 2016 ist das FBI dieser Frage nachgegangen. Aber bis heute sind fast alle Dokumente zu diesen Ermittlungen von der US-Regierung unter Verschluss oder geschwärzt. In einem zu großen Teilen unkenntlich gemachten Dokument von 2012 heißt es zu den Ermittlungen: Das FBI habe …

Zitat: "... Beweise, dass [geschwärzt] al-Thumairy und al-Bayoumi beauftragt hat, die Attentäter zu unterstützen."

Ein Auftraggeber der mutmaßlichen Terrorunterstützer? Ein Befehl von ganz oben sozusagen? Im vergangenen Jahr passierte Erstaunliches: Das FBI veröffentlicht – aus Versehen, wie es heißt – in einem Nebensatz den Namen des mutmaßlichen Auftraggebers: "Jarrah" Brisant: Denn laut ehemaligen Ermittlern arbeitete ein Musead al-Jarrah in der Zeit vor den Anschlägen als Diplomat in der saudischen Botschaft in Washington – also die Botschaft, die Prinz Bandar, Mitglied der saudischen Herrscherfamilie, seit 1983 leitete. Hatte ein Diplomat aus der saudischen Botschaft die Anweisung gegeben die Attentäter zu unterstützen? Falls ja, müsse das der Prinz gewusst haben, sagt Williams.

Kenneth Williams, ehem. FBI-Ermittler (Übersetzung Monitor): "Aufgrund meiner langen Erfahrung in der Spionageabwehr und Terrorbekämpfung weiß ich, dass der saudische Geheimdienst sehr professionell arbeitet und sehr leistungsfähig ist. Und es ist, denke ich, nahezu unmöglich, dass der Prinz nichts von den Aktivitäten des Geheimdienstes wusste."

Hinzu kommt: Zahlreiche Beweismittel beim FBI sind angeblich verschwunden. Laut den Familien der 9/11-Opfer fehlt etwa ein Video eines saudischen Staatsangestellten und den Attentätern, Telefonaufzeichnungen seien verschwunden, ein Foto. Und sogar ein kompletter FBI-CIA-Bericht über Saudi-Arabiens Rolle beim 11. September. Alles verschwunden?

Kenneth Williams, ehem. FBI-Ermittler (Übersetzung Monitor): "Vielleicht war es nur ja nur Schlamperei. Aber wenn gleich sechs oder sieben Beweismittel auf einmal verschwinden, dann muss es einen anderen Grund geben. Ich habe 30 Jahre beim FBI gearbeitet und ich kann Ihnen sagen, die arbeiten nicht so schlampig. Die arbeiten sehr sorgfältig."

Beweise, die aus unerklärlichen Gründen verschwinden? Ermittlungsergebnisse die unter Verschluss gehalten werden? Wie kann das sein? Im vergangenen Jahr erklärte der Justizminister der Trump-Regierung, William Barr:

Zitat: "... die Offenlegung der geheimen FBI-Unterlagen könnte der Nationalen Sicherheit erheblichen Schaden zufügen."

Der Nationalen Sicherheit? Oder doch den Rüstungsgeschäften? Schließlich schloss Trump schon 2017 mit den Saudis Waffengeschäfte im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar ab. Alle US-Präsidenten seit dem 11. September pflegten enge Beziehungen zum wohlhabenden Saudi-Arabien – im militärischen Bereich genauso wie bei den Geheimdiensten. Haben verschiedene US-Administrationen die schützende Hand über den Bündnispartner Saudi-Arabien gehalten? Auch US-Präsident Biden zögert in Sachen Transparenz. Am vergangenen Wochenende hat er das Justizministerium angewiesen zu prüfen, welche Dokumente in den nächsten Monaten veröffentlicht werden könnten, sofern das nicht der Nationalen Sicherheit schade.

Brett Eagleson, Vertreter der 9/11-Opfer und Angehörigen (Übersetzung Monitor): "Das Justizministerium und das FBI wissen doch seit Jahren, was sie haben, sie brauchen nicht noch mehr Zeit zum Prüfen. Sie versuchen nur Zeit zu schinden, um es bis zum 12. September zu schaffen, weil jetzt gerade die Augen der Welt auf die Biden-Regierung und die Opferfamilien von 9/11 gerichtet sind."

Menschen wie Dennis und Marty McGinley, die bei den Anschlägen ihren Bruder Daniel verloren haben. Die Geheimhaltungspolitik der US-Regierungen empfinden sie als Schlag ins Gesicht. Auch weil sie und viele andere Angehörigen der Opfer Saudi-Arabien auf Schadenersatz verklagen wollen.

Dennis McGinley, Angehöriger (Übersetzung Monitor): "Ich denke, es geht unserer Regierung darum, die guten Beziehungen zu Saudi-Arabien nicht zu beschädigen. Unserem sog. "Verbündeten". Wir kaufen deren Öl, die kaufen unsere Waffen. Wir fordern unsere Regierung und das FBI auf, endlich mit uns, den Angehörigen der Opfer zu kooperieren, damit die Wahrheit ans Licht kommt und dieser 20-jährige Alptraum ein Ende hat."

20 Jahre nach 9/11 – und noch immer keine Aufklärung. Von der saudischen Regierung bekommen wir auf MONITOR-Anfrage keine Antwort. Die Rolle Saudi-Arabiens bei den Anschlägen vom 11. September – sie wird wohl ein Staatsgeheimnis bleiben.

Stand: 09.09.2021, 22:15

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8 Kommentare

  • 8 OberstMeyer 10.09.2021, 09:40 Uhr

    Welch Überraschung. Soeben noch als Verschwörungstheorie abgetan, Schwenk um 180°. Aber halt. Ist das taktischer Rückzug auf ausgebaute Verteidigungsstellungen? Soll Saudi-Arabien geopfert werden, um die US -Regierung und die "Dienste " aus der Schusslinie zu halten? Versteht Ihr die Skepsis?

  • 7 Jens Fischer 10.09.2021, 01:56 Uhr

    Wie können 19 Männer mit Teppichmessern eine Supermacht erschüttern, die eine Weltordnung durchsetzt, in der alle 3 Stunden 3000 Menschen verhungern?

  • 6 Freier Kurde 10.09.2021, 01:20 Uhr

    Meines Wissens , schickt die BRD immer noch Ausbilder um die Polizei in Saudi Arabien zu schulen . Worin nur , das Volk dort zu unterdrücken, also wenn wir hier von Systemunterstützenden Maßnahmen reden da sind die USA nicht die einzigen die die Demokratischen Ideale verraten . Ob nun die Nato die Kurden verrät und Erdogan einen Diktator stützt oder die BRD die Könige Saudi Arabiens deckt oder die USA die Akten vom Anschlag unter Verschluss hält . Alles die gleiche Verlogenheit . Demokratien haben in meinen Augen nur noch 2 Interessen Geld um jeden Preis und Macht um jeden Preis mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun, zeigt es doch letztlich nur wie der Kapitalismus die Demokratie missbraucht . Den Preis zahlen die Opfer im Jemen oder auch natürlich die Gefängnisinsassen in Saudi Arabien und auch der Türkei die unter einer solchen Macht Manipulation leiden . Macht Missbrauch , auch alles Opfer des Anschlags auf das World - Trade - Centers

  • 5 Johannes Fassbinder 09.09.2021, 23:23 Uhr

    Es stellt sich doch die Frage, die schon weiter unten anklingt: Cui Bono? Mit anderen Worten: Worin bestand der Gewinn für Saudi-Arabien, den Anschlag auf das World Trade Center sowie das Pentagon zu unterstützen? Falls dies der Fall gewesen sein sollte (eine Unterstützung), tappe ich da im Dunkeln. Denn ich bin kein Kenner der politischen Verhältnisse im arabischen Raum. Wenn Sie Ihren Bericht untermauern wollen, fehlt da noch eine ganz wesentliche Argumentationskette.

  • 4 CeCe Jones 09.09.2021, 22:37 Uhr

    -und die Komich ist in 2004 zu dem Schluß gekommen, das es keine Beweise gibt für die Beteiligung von Saudi Arabien. -period. -case closed. -et dient keinem Zweck, mit einem Richter zu qwerulieren, mit dem Ziel, der würde zum Schluß, aleine aus Müdigkeit, dem Gegenteil zustimmen. Das hat niemals funktioniert, und wird es auch dieses mal nicht. So, und jetzt steht die M-redaktion knietief in dem Brei, wo sie auch früher stand (vor zirca 10-15 Jahren) und sich dabei komischerweise ziemlich wohl gefühlt hatte, als Entertainer für ein kleines Randpublikum das nur lebt für eben solche Fake-News und Konspieraz-Theorien. -ich denke mal, 20Jahre lang Krieg, ist in diesem Fall lang genug. Jetzt gen mir was komplet anders machen. ..

    • I. Terresiert 09.09.2021, 22:57 Uhr

      Verstehe ich das richtig: für Sie ist Monitor = fake news?

  • 3 Silvio Trommer, Hamburg 09.09.2021, 22:36 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 2 I. Terresiert 09.09.2021, 22:24 Uhr

    Was vermutet die Redaktion ist / wäre die Motivation der saudischen Regierung Terroristen zu unterstützen, die den großen Geschäftspartner USA eine solch verheerenden Schlag zu versetzen? Gruss

  • 1 Gert Spötter 09.09.2021, 17:07 Uhr

    Die Reigerungen Biden und auch Obama halten bzw. hielten Dokumente und sogar Beweismittel zurück ? Das kann nicht stimmen.

    • Karin Ufer 10.09.2021, 02:59 Uhr

      "Das kann nicht stimmen." - warum nicht? Es passt doch zu den Mustern, die wir aus den USA seit Jahrzehnten erkennen müssen. Nach meiner Wahrnehmung ging es in Bezug auf die Anschläge nie um Wahrheitsfindung, sondern vielmehr um die Rechtfertigung einer Politik, die an Aggressivität kaum zu überbieten ist.