Versagen bei Polizeinotruf: Tödliche Versäumnisse bei Terroranschlag in Hanau?

Pressemeldung vom 28.01.2021

Versagen bei Polizeinotruf: Tödliche Versäumnisse bei Terroranschlag in Hanau?

Kommentieren [3]

Recherchen von MONITOR, Hessischer Rundfunk und DER SPIEGEL

Als ein rassistischer Attentäter am 19.02.2020 in Hanau neun Menschen ermordete, war der Polizeinotruf überlastet und offenbar nicht ausreichend besetzt. Das zeigen Recherchen des ARD-Magazins MONITOR, des Hessischen Rundfunks und des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Zahlreiche Zeugen und Betroffene kamen unter der Notrufnummer 110 nicht durch, darunter ein späteres Todesopfer. Polizeiexperten sprechen von einem schweren Versagen, durch das die Möglichkeit eines schnelleren Eingreifens verhindert worden sei.

Polizeiautos stehen am 20.02.2020 in der Nähe von einem der Tatorte in Hanau.

Eine Dokumentation der Notrufe zeigt, dass während der Tatzeit zwischen 21:55 Uhr und 22:09 Uhr gerade einmal fünf Anrufe über den Polizeinotruf 110 registriert wurden. Offenbar sind aber viele Notrufe nicht durchgekommen. Zahlreiche Zeugen berichten unabhängig voneinander, dass die 110 während der Tatzeit nicht erreichbar gewesen sei.

Unter den Anrufern, die mehrfach erfolglos versuchten, die Polizei zu erreichen, war auch der 22-jährige Vili-Viorel Păun. Während er den Attentäter in seinem Auto verfolgte, wählte er mehrfach erfolglos den Polizeinotruf, wie sich aus seinen Handydaten entnehmen lässt. Wenig später wurde er vom Täter erschossen. Danach ermordete dieser weitere Opfer in einem Kiosk und einer Bar.

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, spricht gegenüber MONITOR von einem schweren Versäumnis: Es sei „nicht unwahrscheinlich“, dass man mit mehr Kenntnis von Zeugen auch „Gelegenheiten gehabt hätte, nachfolgende Taten noch zu verhindern.“

Das Polizeipräsidium Südosthessen räumte auf Nachfrage ein, es sei „bei sehr hohem Anrufaufkommen“ nicht auszuschließen, dass „Notrufe im Einzelfall nicht direkt angenommen werden können“. Dass es sich angesichts lediglich fünf angenommener Anrufe im Tatzeitraum nur um Einzelfälle handelt, scheint indes fraglich. So konnten in der Tatnacht nach den vorliegenden Dokumenten nur an zwei Apparaten Notrufe entgegengenommen werden, und auch diese waren offenbar nicht durchgängig besetzt. Eine Rufumleitung zu einer Leitstelle war nicht eingerichtet. Zudem wurden zahlreiche erfolglose Anrufversuche in der Tatnacht nicht einmal registriert oder aufgezeichnet. So wurde im unmittelbaren Anschluss an den Terroranschlag im Zeitraum von über einer Stunde nicht ein einziger Anruf mit Tatbezug registriert.

All das sei „zutiefst irritierend“, sagt Sebastian Fiedler. Notrufe müssten von professionellen Leitstellen entgegengenommen werden. Umleitungen dorthin seien „eigentlich seit Jahrzehnten Standard“ Wie es dazu kommen konnte, dass das ausgerechnet in Hanau nicht der Fall war, müsse aufgeklärt werden.

Aufklärung fordert auch die Fraktionsvorsitzende der SPD im Hessischen Landtag, Nancy Faeser: „So etwas darf nicht passieren. Wie kann es sein, dass im Jahre 2020 Polizeibehörden mit völlig aus der Zeit gefallenen Notrufsystemen arbeiten?“ Die hessischen Behörden müssten die Vorgänge nun aufklären, so Faeser. „Was ist in der Nacht schiefgelaufen? Was wird dafür getan, dass das besser wird?“

Behoben ist das Problem der Überlastung bei hohem Anrufaufkommen in Hanau auch ein Jahr nach dem Attentat offenbar nicht. Die Polizei teilt auf Nachfrage nur mit, ein “Überleitungssystem” für Notrufe sei “geplant”.

Stand: 28.01.2021, 06:00

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

Unsere Netiquette

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

3 Kommentare

  • 3 Anonym 24.02.2021, 17:03 Uhr

    Wir erleben ständig Rassismus durch die Polizei und Behörden. Ich selber habe schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Es gibt viele rechtsradikale bei der Polizei. Wie oder wer kann uns noch schützen????? Ich bin eine Frau und wurde grundlos rassistisch angegriffen(Lebensgefährich). Ich versuche auch nicht sooft das Haus zu verlassen.

  • 2 Thomas Hamacher 19.02.2021, 13:28 Uhr

    Laut Ihrem Beitrag liefen zu der Tatzeit nur 5 Notrufe ein. Zwei Apparate, anscheinend, (lt. FAZ) nur ein Beamter als Annehmender. Weiterleitung an eine Leitstelle technisch nicht möglich (noch heute nicht ! Sei in Arbeit). Heute lese ich in der FAZ als Fakt: ´Der Notruf war heillos überlastet´. Was erzählt man mir da ? Was denn nun ? Ich finde, das gehört definitiv untersucht.

  • 1 Dieter Zeller 28.01.2021, 22:22 Uhr

    sowohl bei der Frage warum der Hanau Attentäter nicht rechtzeitig entwaffnet wurde, wie auch bei der Datenübertragung von Infektionsmeldungen und auch beim Home-Office könnte die Wirkung des korrekt angewandten Datenschutzes mitverursachend sein.