Jürgen Becker: Artikel 4 - Religionsfreiheit

Jürgen Becker: Artikel 4 - Religionsfreiheit

"Alle Religionen müssten regelmäßig auf den Rollenprüfstand des Grundgesetzes", sagt der Kabarettist Jürgen Becker bei WDR 3 in seinem provokanten Kommentar zu Artikel 4. Er fragt sich, ob Religionsfreiheit überhaupt eine gute Idee ist.

Jürgen Becker über Artikel 4 - Religionsfreiheit

WDR 3 Kultur am Mittag | 09.06.2017 | 09:46 Min.

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Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist mir heilig! Es enthält aber einen Artikel, bei dem ich mich gerade dieser Tage frage: Hält er einer näheren Sinnprüfung überhaupt noch stand? Als Kabarettist gehe ich an diese Sinnprüfung mit großer Freude, denn es handelt sich um den Artikel 4:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Dieser Artikel hätte aus der Feder Friedrichs des II. stammen können. Der preußische König schrieb auf eine Anfrage, ob die römisch-katholischen Schulen wegen ihrer Unzuträglichkeit wieder abgeschafft werden sollten, Folgendes an den Rand der Eingabe:

Die Religionen Müßen
alle Tolleriret werden
und Mus der Fiscal nuhr
das Auge darauf haben
das keine der anderen
abruch Tuhe, den hier
mus ein jeder nach
Seiner Faßon Selich
werden    

Verkürzt ist dieses historische Zitat bis heute in aller Munde und ein pointiertes Plädoyer für die pluralistische Gesellschaft: "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden." Den Satz es Preußenkönigs übersetzten die Rheinländer dann ins Kölsche: "Jede Jeck is anders."

Im Falle der Religion trägt diese Beobachtung einem besonderen Umstand Rechnung: Niemand kann etwas dafür, in welche Religion er hineingeboren wird, das ist und bleibt reiner Zufall. Ich bin zum Beispiel katholisch in Köln geboren. Zufällig. Aber nehmen wir mal an, ich wäre im Orient zur Welt gekommen. Sagen wir in irgendeiner Stadt im Nahen Osten. Gummersbach.

Oder noch weiter. Dann wäre ich vielleicht Moslem. Die meisten Menschen haben doch einfach nur eine bestimmte Religion, weil das die Geschichte ist, die man Ihnen als Kind erzählt hat. Und da haben wir uns halt keinen Neue mehr ausgedacht. Aber vielleicht stimmt die ja gar nicht.

Welche Religion man hat, ist Zufall

Sehen Sie mal, die Margot Käßmann ist im evangelischen Marburg geboren. Jetzt ist die natürlich evangelisch. Wäre die in Mekka geboren und aufgewachsen, wär’ die jetzt Muslima. Dann hätte die nie Alkohol getrunken. Die wäre noch im Amt! Welche Religion man hat, ist Zufall, gemischt mit Tradition. Und deshalb kann es ja auch gut sein, dass die eigene Religion gar nicht Recht hat, sondern eine andere. Und ebenso die Vorstellung von dem, was nach dem Tod kommt. Dann steht man blöd da.

Ja, stellen Sie sich mal vor, Sie sind katholischer Priester, haben das ihr ganzes Leben lang geglaubt, kommen nach dem Tod in den Himmel und dort stehen dann plötzlich 72 Jungfrauen für Sie bereit. Da können Sie gar nix mit anfangen. Da denken Sie doch: Was soll ich mit so vielen Haushälterinnen? Die kann ich doch nicht mit nach Haus bringen. Was sagt denn dann mein Freund dazu? Nun gibt es aber im Artikel 4 der GGS noch den Absatz 3:


(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Dies ist ein untrüglicher Hinweis darauf, dass die Väter des Grundgesetzes die Religionen als überwiegend friedliebend wahrnahmen. So sehr, dass sogar der biblische Satz. "Du sollst nicht töten" nach der Wiederbewaffnung die klassische Wehrpflicht außer Kraft setzen konnte und zur Kriegsdienstverweigerung berechtigte. Viele junge Männer nahmen dieses Recht in Anspruch "verweigerten" und gingen später zum sogenannten Wehrersatzdienst, auch schlicht Zivildienst genannt.

Eine solide Ausbildung zum Selbstmordattentäter

Heute aber erleben wir gerade bei manch religiös motivierten Jugendlichen eine umgekehrte Entwicklung und wir müssen uns fragen, warum sich auch bei uns immer mehr junge Menschen vom IS anwerben lassen, um in den Dschihad zu ziehen, den heiligen Krieg gegen die westliche Welt.

Gut, viele sagen: Ich will einfach nur einen sicheren Arbeitsplatz. Und der einzige, der das heute noch zu 100 Prozent garantieren kann, ist der Islamische Staat – mit einer soliden Ausbildung zum Selbstmordattentäter. Da haben sie bis zum Lebensende einen sicheren Job.

Mit ganz bestimmten Suren aus dem Koran ködern die Islamisten junge Menschen in ihrer Sehnsucht nach Abenteuer, Ruhm und einem Leben, das Bedeutsamkeit verspricht. So wurde "der IS die dynamischste Jugendbewegungen der Gegenwart", wie es die "FAZ" formuliert. Und das, obwohl er alles verbietet, was Spaß macht - sogar Konzerte und Musikinstrumente. Wie kann man Musikinstrumente verbieten, wenn die eigenen Anhänger vor allem Arschgeigen und Flachpfeifen sind?

Junge Leute werden nach Syrien oder in den Irak gelockt mit dem Versprechen auf ein Leben, in dem sie Gemeinschaft finden, und wo sie etwas darstellen, eine wichtige Rolle spielen, oder einfach nur provozieren oder aussteigen können. Die Gewalt macht sie stark und sie kehren als Terroristen nach Europa zurück.

Ist Gewalt im Koran angelegt?

Wer Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert sehen will, muss sich daher fragen, welchen Anteil der Islam an diesem Phänomen hat. Ist die Gewalt, auch die Gewalt gegen Frauen, im Koran angelegt? Immer mehr Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens fordern nun eine Reform des Islam, von Intellektuellen wie Navid Kermani bis zu Menschen mit einfachen Tätigkeiten - wie dem Grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. In dessen Bundesland Baden-Würtemberg leitet Dr. Abdel Hakim Ourghi den Fachbereich Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Der aus Algerien stammende Theologe beschrieb jetzt in der "Süddeutschen Zeitung", wie man sich eine Reform des Koran vorstellen könnte. Er unterscheidet Mohammeds Offenbarungen in Mekka von denen in Medina. Mekka heißt deswegen so, weil es an den dort offenbarten Versen nichts zu meckern gibt. Sie beinhalten zeitlose, friedfertige Lehren im ethischen Sinne. So ungefähr, wie wir sie in unserer Kultur auch aus uralter Zeit noch kennen, etwa wie: "Am morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund." Da ist im Großen und Ganzen alles relaxt und tolerant.

Die umstrittenen Suren dagegen sollen erst in Medina offenbart worden sein. Da führte der Prophet und Feldherr Mohammed Krieg gegen Juden, Christen und arabische Heiden. Kein Wunder, dass viele Verse hier anders ausfielen. Es ging ja um Rechtfertigung von Krieg und Überlegenheit und die Verachtung der Feinde. Daher das Gewaltpotential. Und viele Muslime fragen sich mittlerweile selbst, ob es ihrer Religion gut tut, dass dieses Gewaltpotential unbewusst bis heute in ihren religiösen Alltag sickert, wenn sie die umstrittenen Suren rezitieren wie in jedem Freitagsgebet: "Allah, hilf dass wir auf dem rechten Weg bleiben und nicht so werden wie diese ungläubigen Juden und Christen."

Die anderen Religionsgemeinschaften werden schon in der Eröffnungssure gleich als Feinde ausgemacht. Wenn der islamische Theologe Dr. Ourghi Recht hat, ist also der Islam im Sinne der religiösen Betriebssicherheit ein fehlerhaftes Produkt. Das ist keine Spezialität des Orients, das kennen wir von VW. Die positive Nachricht: Der Fehler ließe sich durchaus beheben. Mit einer Rückrufaktion des Religionsanbieters. Und weit billiger als bei Volkswagen, aber mit derselben Methode: Nachbesserungen in der Software. Nach dem Motto: Medina ins Altpapier, Mekka, das lob ich mir. Oder anders ausgedrückt: Bleibt Medina in der Schmonzette, kriegt der Koran keine grüne Plakette. So verhindern wir das Attentat, der Islamist kommt nicht mehr in die Innenstadt.

Religionen müssten auf den Rollenprüfstand des Grundgesetzes

Alle Religionen müssten regelmäßig auf den Rollenprüfstand des Grundgesetzes. Auch die Rolle der Frau in der Religion. Denn Religionen sind die Oldtimer der Zivilgesellschaft. Sie kommen aus einer Zeit, die längst vorbei ist. Das muss kein Problem sein. Sie können heute auch mit uralten Autos am Straßenverkehr teilnehmen. Sogar solchen, die bei Charly Chaplin und in Dick-und-Doof-Filmen permanent in die Luft flogen. Mit einer solchen Tin-Lizzy aus den 20er-Jahren dürfen Sie heute tatsächlich mitten in der Rushour in die City fahren. Sie müssen nur dafür sorgen, dass sie jeder Zeit zu bremsen ist und nicht explodiert.

Das T-Modell markiert gleichermaßen die älteste Automarke und den ältesten Witz: "Adam und Eva sündigten in einem Ford". Nicht mehr und nicht weniger als von diesem Auto im biblischen Alter kann man heute von jeder Religion verlangen. Noch bis in die 60er-Jahre betete man im katholischen Gottesdienst mit der Bitte, Gott möge dafür sorgen, dass wir nicht werden wie die "perfideä Judäes." Die perfiden, treulosen Juden. Dieser aggressive Textbaustein wurde aus Sicherheitsgründen entfernt und es war gut.

Dasselbe muss nun zum Wohle aller mit dem Koran geschehen. Aber vielleicht ist das Grundgesetz damit überfordert und es wäre einfacher, man würde alle religiösen Fragen mit der Straßenverkehrsordnung regeln, schließlich geht es um den rechten Weg. Dort liest man in Paragraph 1:


"Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird."

Auch hier schwingt bereits Friedrich der Große mit, obwohl er keinen Führerschein besaß:

Die Religionen Müßen
alle Tolleriret werden
und Mus der Fiscal nuhr
das Auge darauf haben

das keine der anderen
abruch Tuhe,

den hier
mus ein jeder nach
Seiner Faßon Selich
werden    

Der alte Fritz wusste: Religionen verteufeln gerne Religionen und entwickeln dabei eine große Sprengkraft. Also muss das Gesetz regeln: Keine Religion darf die andere runter machen. Auch nicht in Gebeten und Texten. Das darf nämlich nur das Kabarett. Denn wie die Religionsfreiheit ist auch die Freiheit der Kunst im Grundgesetz verankert. Hans Conrad Zander erkannte die Verwandtschaft im Geiste: "Moderne Kunst ist wie Religion. Beide haben eine offene Flanke zur Spinnerei".

Von daher stelle ich bei der Sinnprüfung des Artikel 4 des Grundgesetzes die Frage, ob die Religionsfreiheit wirklich eine so gute Idee ist. War es vorher nicht einfacher und besser? Das Volk hatte stets die Religion des jeweiligen Regenten. Heute wären wir unter Angela Merkel, auch die Zeugen Jehovas, Katholiken, Sunniten und Shiiten - alle evangelisch. Und wir hätten Ruhe im Karton. Mir würde das nichts ausmachen. Und wenn der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz aus dem katholischen Würselen, im September die Wahl gewinnt, wechselt ganz Deutschland zu seiner Religion. Er glaubt an den 1. FC Köln.

Unter #Grundgesetz, auf Facebook, Youtube und natürlich im Radio rufen wir von WDR 3 Sie zur Diskussion auf. Ist Religionsfreiheit wirkich eine gute Idee? Wir freuen uns auf Ihre Meinung!

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Stand: 09.06.2017, 10:05