Absurdes Gesundheitssystem: Ärzteschwemme hier, Ärztemangel dort

MONITOR vom 19.01.2017

Absurdes Gesundheitssystem: Ärzteschwemme hier, Ärztemangel dort

Bericht: Jan Schmitt, Hanna Wangler, Jochen Taßler

Georg Restle: „Wer in Deutschland einen Termin bei einem Kardiologen oder Orthopäden braucht, kann doppelt Pech haben: Erstens, wenn er gesetzlich versichert ist - und zweitens, wenn er irgendwo auf dem Land lebt, wo es viel zu wenige Fachärzte gibt. Das Problem daran, eigentlich haben wir in Deutschland viel zu viele Ärzte; nur sind die äußerst ungleich verteilt. Genau das wollte Bundesgesundheitsminister Gröhe ändern. Vor einem Jahr wurde sogar ein Gesetz erlassen, um Arztpraxen in überversorgten Gebieten dichtzumachen. Ein Jahr später wollten wir jetzt wissen, wie viele Praxen denn tatsächlich geschlossen wurden. Keine ganz einfache Recherche - mit einem sehr ernüchternden Ergebnis. Jan Schmitt und Hanna Wangler.“

Christoph Lanzendörfer ist Hausarzt auf dem Land in Bassum bei Bremen. Und für seine Patienten auch noch Kardiologe, Suchtmediziner, Psychotherapeut, Palliativ- und Rettungsmediziner. Bis zu hundert Patienten kommen jeden Tag in seine Praxis.

Dr. Christoph Lanzendörfer, Hausarzt in Bassum: „Kurz nach sechs bin ich meistens hier und gucke mir die Laborwerte vom Vortag noch an, muss noch Entscheidungen treffen und so ab sieben, halb sieben beginnt der Praxisalltag.“

Und geht bis abends um acht, 14 Stunden. Ein Grund: In Bassum fehlen dringend Ärzte. Für die Menschen auf dem Land bedeutet das Wartezeiten und weite Wege zum Arzt.

Patientin: „Allein wäre es unmöglich, wenn ich meine Tochter nicht hätte. Ich wüsste nicht, wie ich das da hinkommen sollte.“

Reporterin: „Was würde es für Sie bedeuten, wenn der Arzt wegfallen würde?“

Patientin: „Oh, das wäre sehr schwierig für mich.“

Vom ländlichen Bassum in die Großstadt Hamburg. Bei Chirurgin Simone Kirkegaard geht es ruhiger zu. Sie behandelt 15 bis 20 Patienten am Tag, operiert Muttermale und Melanome, macht aber vor allem Schönheitsbehandlungen.

Dr. Simone Kirkegaard, Chirurgin in Hamburg: „Wir sind so, fallen so ein bisschen raus aus dem ganzen Kassensitz, Versorgung. Diese gepackten Praxen, das sind wir nicht, wir haben es ein bisschen angenehmer.“

Möglich, weil es in Hamburg viel zu viele Ärzte gibt. Überversorgung wie in vielen deutschen Städten. Ein Grund: Ärzte praktizieren lieber dort, wo mehr Privatpatienten leben. Mit ihnen lassen sich höhere Honorare abrechnen als mit Kassenpatienten. Zwei Drittel der Patienten, die Simone Kirkegaard versorgt, sind private Selbstzahler. Auch sie würde nicht aufs Land gehen wollen, dafür müsste man schon handfeste Anreize schaffen, sagt sie.

Dr. Simone Kirkegaard, Chirurgin in Hamburg: „Ich denke eher, man müsste die, man müsste die Vergütung ändern. Letztendlich ist Attraktivität eines Arbeitsplatzes in der Regel damit verbunden, wie die Vergütung ist.

Reporter: „Also mehr Geld?“

Dr. Simone Kirkegaard, Chirurgin in Hamburg: „Ja.“

Dr. Christoph Lanzendörfer, Hausarzt in Bassum: „Nein, ich glaube nicht, dass es am fehlenden Geld liegt. Wo soll das denn herkommen? Doch nur von den Beitragszahlern. Geld ins System, das heißt, wir schröpfen die Leute, die gerade eine schlechtere Versorgung auch haben. Das finde ich unangepasst.“

Christoph Lanzendörfer in Bassum muss deutlich mehr arbeiten für sein Geld. Denn er hat nur 5 Prozent Privatpatienten und 95 Prozent Kassenpatienten. Er ist eher dafür, Arztsitze umzuverteilen, von überversorgten Gebieten aufs Land.

Dr. Christoph Lanzendörfer, Hausarzt in Bassum: „Kassensitze, die ganz offensichtlich nur spaßeshalber geführt werden, sind zu schließen und woanders hin zu verlegen.“

Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitswesen der Welt. Fast 330 Mrd. Euro kostet es die Bürger pro Jahr - Tendenz stark steigend. Auch weil die Deutschen fast drei Mal so oft zum Arzt gehen, wie der europäische Durchschnitt, sagt der Vorsitzende des Sachverständigenrates Gesundheit. Das führe auch zu vielen unnötigen Behandlungen.

Prof. Ferdinand Gerlach, Sachverständigenrat Gesundheit der Bundesregierung: „Die Folge ist also potentiell zu viel und falsche Medizin. Und das kostet Geld, das kann Patienten schaden

und das führt eben auf der anderen Seite - weil ja jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann - zur Unterversorgung.“

Eigentlich weiß man das schon lange. 2015 erklärte Bundesgesundheitsminister Gröhe dann aber, etwas dagegen tun zu wollen.

Hermann Gröhe, Bundesgesundheitsminister: „Wer über Unterversorgung redet muss auch über Überversorgung reden.“

Sagte er und ließ einen Gesetzentwurf schreiben. Klarer Auftrag: Arztsitze, die auslaufen, weil Ärzte etwa in den Ruhestand gehen, sollten von den Kassenärztlichen Vereinigungen aufgekauft und anschließend abgebaut werden. Chirurgen zum Beispiel gibt es in allen roten Gebieten mehr als benötigt. Hier sollten Arztsitze wegfallen. Dagegen wehrte sich sofort die geballte Ärztelobby. In einem Brandbrief an Gesundheitsminister Gröhe ist von drohender „Mangelversorgung“ die Rede und von „dirigistischer Staatsmedizin nach DDR-Muster“. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein behauptete gar, dass mit dem neuen Gesetz bis zu „25.000 Praxen“ schließen müssten. Erfolgreiche Lobbyarbeit. Denn zwischen Gesetzentwurf und Gesetz tat sich Erstaunliches - noch einmal erklärt am Beispiel niedergelassener Chirurgen: Vor dem Lobbyprozess sollten in allen überversorgten Gebieten Sitze abgebaut werden. Das sind Gebiete mit mehr als 110 Prozent Versorgung. Nach dem Lobbyismus kam das Gesetz. Und plötzlich hieß es, Abbau nur noch in Gebieten mit mehr als 140 Prozent Versorgung. Das betrifft viel weniger Gebiete und viel weniger Ärzte. Wir wollen wissen, ob das Gesetz so überhaupt etwas gebracht hat. Dazu fragen wir nach, bei allen Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland. Wie viele Arztsitze wurden auf Grundlage des neuen Gesetzes konkret abgebaut? Die Antworten sind erstaunlich: drei in Mecklenburg-Vorpommern, einer in Nordrhein. Überall sonst kein einziger. Vier also in ganz Deutschland. Trotz hunderter möglicher Schließungen.

Ann Marini, GKV-Spitzenverband: „Angesichts dieser Zahlen, die Sie präsentiert haben, muss man leider sagen, dass dieses Instrument, die Verschärfung oder die vermeintliche Verschärfung, nichts gebracht hat für den Versicherten.“

Warum aber wirkt das Gesetz noch nicht einmal in extrem stark überversorgten Gebieten? Die Antwort liegt hier. Sogenannte Zulassungsausschüsse entscheiden darüber, ob Arztsitze abgebaut werden. Aber bei Stimmengleichheit entscheiden die Ärzte. Wenn sie also nicht für einen Aufkauf stimmen, passiert auch nichts. Die Überversorgung bleibt bestehen.

Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler: „Insofern scheint es mir so zu sein, dass das Gesetz eben nicht umgesetzt wird, weil offensichtlich eben auch die ärztliche Seite zu stark ihre Besitzstände verteidigt.“

Bundesgesundheitsminister Gröhe hatte keine Zeit für ein Interview. Warum er sein Gesetz geändert hat? Was er zu den Zahlen sagt? Dazu auch schriftlich keine Antwort. Christoph Lanzendörfer und seinen Patienten hilft das nicht. Noch macht er Hausbesuche. Aber wenn hier noch mehr Praxen schließen, muss er die vielleicht einstellen.

Georg Restle: „Es scheint zu den herausragenden Merkmalen des Bundesgesundheitsministers zu gehören, sich vor kritischen Fragen einfach wegzuducken. Nur die Probleme, Herr Gröhe, die wird man so nicht los.“

Stand: 20.01.2017, 13:12

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6 Kommentare

Neuester Kommentar von "Manuela Lintl", 14.03.2017, 12:32 Uhr:

Überversorgung in Großstädten? Wohl auch hier ist das Problem komplexer, d.h. auch hier gibt es für best. Fachrichtungen zu wenig Ärzte. So kann man die Situation auch in der Hauptstadt Berlin (Prenzlauer Berg) 2017 nur als schlecht bezeichnen: Man bekommt spontan, selbst wenn es um ein akutes Gesundheitsproblem geht, keinen Termin. Viele Arztpraxen versuchen auch, den "nur" gesetzl. krankenversicherten Patienten abzuweisen, sprich er soll nicht einfach vorbei kommen und warten. Die Notaufnahmen in den Krankenhäusern sind wohl auch aus diesem Grund entsprechend überbelastet, fast egal zu welcher Zeit. Termine beim Augenarzt, Zahnarzt, Urologen oder Kieferorthopäden z.B. werden durchschnittlich frühestens in 4-8 Wochen vergeben. Selbst mit Termin sind dann die Wartezeiten oft sehr lang, 40-90 Minuten eher die Regel als eine Ausnahme. Oder in manchen Praxen gibt es eine regelrechte Massenabfertigung mit Mehrkabinensystem, in die der Facharzt/die Fachärztin dann nur kurz rein hüpft, s ...

Kommentar von "que", 09.03.2017, 11:36 Uhr:

Unterversorgung kostet Menschenleben und Überversorgung kostet dem Gesundheitswesen und damit dem Bürger exponentiellen Kostensteigerungen.

Kommentar von "RDA", 04.03.2017, 11:58 Uhr:

Es fehlen regional noch viel mehr Fachärzte: Psychiater und Augenärzte vergeben Termine auch nur noch mit bis zu 1 Jahr Vorlauf. Augenärzte sogar auch bei reinen Privatleistungen wie der Glaukomvorsorge.

Kommentar von "Herr S.", 05.02.2017, 01:38 Uhr:

Der Vergleich der beiden Ärzte im Film ist mehr als nur absurd. Ein Hausarzt hat natürlich weniger privat-zahlende Patienten und absolut mehr Patienten als eine Chirurgin, welche primär Schönheitsoperationen macht. Außerdem ist diese Situation nicht absurd. Sie ist folgerichtig! Auch eine Arztpraxis ist letztendlich ein Unternehmen und muss sich rechnen. Es ist extrem naiv zu glauben, dass ein Arzt auf Grundlage eines sozialromantischen Helfersyndroms eine Praxis eröffnet. Wenn in einer Region eben nicht genügt Nachfrage nach der Dienstleistung Gesundheit besteht, dann wird diese nicht angeboten. Will der Staat, dass dieses Angebot trotzdem existiert, dann muss er es eben bezuschussen. Bei Bereichen wie dem ÖPNV ist dies schon längst absolute Normalität.?

Kommentar von "Marina Heckmann", 31.01.2017, 05:36 Uhr:

Das liegt an der schlechten Verteilung. Wir wohnen auch "ländlich". Mein Sohn hatte sich freitags kurz vor Feierabend beruflich die Netzhaut verletzt. Ich habe keinen Führerschein, somit ging es per Taxi (90 Euro) zum nächst gelegen Augenarzt-Notdienst...Man sollte den prakt. Ärzten fürs Land mehr Anreize geben...

Kommentar von "Grummelchen", 19.01.2017, 22:56 Uhr:

Warten auf einen Termin beim Psychologen in Süd Ost Niedersachsen 12 bis 18 Wochen als gestzlich Versicherter.