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Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige?

Der Faktencheck zur Sendung vom 15.11.2021

In Deutschland sind zu viele Menschen ungeimpft, die vierte Welle trifft das Land mit voller Wucht. Warum sind wir wieder unvorbereitet? Knickt die Politik ein vor den Impfverweigerern? Wer hat Schuld, wenn wieder viele Tausend sterben und für alle Corona kein Ende nimmt?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Svenja Flaßpöhler über Geimpfte, die erkranken und anstecken

Svenja Flaßpöhler sagt, auch nach einer Impfung könne man andere anstecken, selbst erkranken und auch auf der Intensivstation landen. Die Datenbasis hält sie für die Durchsetzung einer Impfpflicht für zu vage.

Svenja Flaßpöhler

Hart aber fair 15.11.2021 00:19 Min. Verfügbar bis 15.11.2022 Das Erste

Dass auch Geimpfte mit Corona infiziert werden und das Virus weitergeben können, wird von Kritikern der Corona-Maßnahmen immer wieder ins Feld geführt. Das ist zwar richtig, allerdings wird dabei häufig unterschlagen, dass Geimpfte deutlich seltener einen schweren Krankheitsverlauf durchmachen als Ungeimpfte. Außerdem ist nach Angaben des RKI das Risiko, “dass Menschen trotz Impfung PCR-positiv werden und das Virus übertragen, auch unter der Deltavariante deutlich vermindert.“ In seinem letzten Wochenbericht fasst das RKI die geschätzte Wirksamkeit einer Impfung noch einmal zusammen: Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, in ein Krankenhaus eingeliefert werden zu müssen, bei einem Geimpften zwischen 18 und 59 Jahre um 88 Prozent geringer als bei einem Ungeimpften. Bei Menschen über 60 Jahre sind es immer noch 85 Prozent. Der Schutz vor einer Behandlung auf einer Intensivstation liegt bei den 18 bis 59-jährigen demnach sogar bei 93 Prozent (90 Prozent bei den über 60-jährigen). Vor dem Tod schützt eine Impfung die 18 bis 59-jährigen zu 92 Prozent (87 Prozent bei über 60-jährigen).

Auch der Vergleich der Inzidenzen zwischen Geimpften und Ungeimpften, den wir bereits in unserem Einspielfilm gezeigt haben, verdeutlicht die Wirksamkeit der Impfung: Die Inzidenz unter den Geimpften in Sachsen-Anhalt liegt bei 81, unter den Ungeimpften bei 792. Baden-Württemberg verzeichnet eine Inzidenz von 36 unter den Geimpften aber 893 unter den noch nicht geimpften. Besonders groß ist der Unterschied in Sachsen: Hier liegt die Inzidenz unter den Geimpften bei 62, während die Ungeimpften eine Inzidenz von 1.718 aufweisen. (Stand 15.11.21)

Svenja Flaßpöhler über Impfungen und Herzmuskelentzündungen

Svenja Flaßpöhler sprach in der Sendung Herzmuskelentzündungen an, die als Nebenwirkung nach einer Impfung auftreten können. Wie ist die aktuelle Datenlage?

Svenja Flaßpöhler (li.) mit Stephan Weil und Lisa Federle

Hart aber fair 15.11.2021 00:23 Min. Verfügbar bis 15.11.2022 Das Erste

Richtig ist, dass es besonders bei jungen Männern zu einer leichten Erhöhung der Wahrscheinlichkeit kommen kann, nach einer Impfung eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) zu erleiden. Laut Daten des Paul Ehrlich-Instituts wurden bis Ende September bei über 92 Millionen verabreichten Impfdosen rund 1240 Verdachtsfälle gemeldet. Am häufigsten gab es den Verdacht bei unter 30-jährigen Männern – vor allem bei den 12- bis 17-jährigen. Für den Impfstoff von Biontech bedeutet das, dass von 100.000 Impfungen 5 Verdachtsfälle aufgetreten sind. Da die Verdachtsfälle beim Moderna-Impfstoff mit 11 pro 100.000 Impfungen doppelt so hoch lagen, hat die Ständige Impfkommission (STIKO) im November empfohlen, bei unter 30-jährigen, die mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden, nur noch den von Biontech einzusetzen. Gleichzeitig betont die STIKO, dass der Verlauf einer Myokarditis nach einer Impfung überwiegend mild sei.

Deutlich höher ist dagegen das Risiko durch eine Covid-19-Infektion an einer Myokarditis zu erkranken. Darauf hat auch unser Gast Prof. Watzl hingewiesen. Studien belegen das. Eine israelische Untersuchung kommt nach Auswertung von Daten von 1,7 Millionen Menschen zu dem Ergebnis, dass von 100.000 Personen, die an Corona erkrankt sind, 11 eine Herzmuskelentzündung erleiden. Bei geimpften Personen waren es im Durchschnitt nur 2,7 pro 100.000 - also viermal seltener. Mehr noch: Bei den ungeimpften Personen war nicht nur das Risiko für eine Herzmuskelentzündung deutlich höher, sondern auch für Herzinfarkte, Rhythmusstörungen, Nierenschäden oder Lungenembolien.

Eine weitere Studie aus den USA bestätigt das geringe Risiko nach einer Impfung an einer Herzmuskelentzündung zu erkranken. Die Forscher aus Texas fanden nach Auswertung von 177 Millionen Impfungen heraus, dass von einer Million Impfungen es rechnerisch bei nur 12,6 zu einer Entzündung des Herzmuskels gekommen ist. Die Symptome sind demnach innerhalb von zwei Wochen verschwunden. Bleibende Schäden konnten die Autoren nicht feststellen.

Svenja Flaßpöhler über Corona in Schweden

Svenja Flaßpöhler sagt, Schweden habe bei einer ähnlichen Impfquote wie hier die „virale Lage“ ziemlich gut im Griff. Die Inzidenz liege dort bei etwas über 50.

"hart aber fair" - Gästerunde

Hart aber fair 15.11.2021 00:42 Min. Verfügbar bis 15.11.2022 Das Erste

Es ist richtig, dass die Inzidenz in Schweden aktuell bei 52,9 liegt. Richtig ist auch, dass in Schweden 68,55 Prozent der Menschen vollständig geimpft sind und die Impfquote mit der in Deutschland (67,6 Prozent) vergleichbar ist.

Dennoch darf nicht außeracht gelassen werden, – und das hat Frank Plasberg in der Sendung bereits angesprochen – dass die Corona-Strategie der Schweden nicht verhindert hat, dass in Relation zur Gesamtbevölkerung deutlich mehr Menschen gestorben sind als in Deutschland. Hierzulande sind bis gestern pro 1 Million Einwohner 1.167 Menschen in Verbindung mit Corona gestorben. In Schweden waren es 1.484 - und das, obwohl die Bevölkerungsdichte in Schweden gut 10mal niedriger ist als in Deutschland. Dass eine höhere Bevölkerungsdichte die Verbreitung des Corona-Virus begünstigt, darauf deutet eine Analyse von Andreas Mense (Uni Nürnberg-Erlangen) und Claus Míchelsen (DIW Berlin) hin. Ein unter diesem Aspekt mit Schweden besser vergleichbares Land ist Norwegen. Hier starben pro 1 Million Einwohner 174 Menschen – also mehr als achtmal weniger als in Schweden. Auch in Dänemark starben mit 478 je 1 Million Einwohner deutlich weniger Menschen als in Schweden.

Studie zur Berichterstattung über Corona

Svenja Flaßpöhler erwähnte eine Studie, die herausgefunden haben soll, dass in den Medien einseitig über Corona berichtet werde. Bestimmte Stimmen seien häufig zu Wort gekommen, andere weniger.

Svenja Flaßpöhler

Hart aber fair 15.11.2021 00:23 Min. Verfügbar bis 15.11.2022 Das Erste

Noch während der Sendung machte Prof. Carsten Reinemann, einer der Autoren der Studie, seinem Ärger über Svenja Flaßpöhlers Deutung der Untersuchung Luft: “Sehr ärgerlich, wie Flaßpöhler gerade in hartaberfair unsere Studie zur Berichterstattung über Corona darstellt“, twitterte der Medienforscher von der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Gemeinsam mit seinen Kollegen Prof. Marcus Maurer und Simon Kruschinski von der Universität Mainz hat Reinemann für die Rudolf-Augstein-Stiftung die Qualität der journalistischen Berichterstattung zur Corona-Pandemie untersucht. Insgesamt kommen die Autoren unter anderem zu dem Schluss, dass es durchaus auch eine kritische Berichterstattung gegeben habe: “…Kritik war in den Medien sehr deutlich vorhanden, sowohl an den amtierenden Regierungen und ihren Repräsentanten als auch an den Corona-Maßnahmen. In dieser Hinsicht war die Berichterstattung folglich zugleich regierungsnah und regierungskritisch“, so ein Fazit der Studie. Und auch der Befund einer Unausgewogenheit, den Svenja Flaßpöhler aus der Studie herausgelesen haben will, ist laut Forscher zu undifferenziert. Reinemann verweist in seinem tweet auf einige Kernaussagen der Untersuchung. So reiche die alleinige Ausgewogenheit von Gegnern und Befürwortern der Corona-Politik nicht aus, um auf die Qualität der Berichterstattung zu schließen. Dass etwa „fundamentale Gegner der Corona-Politik („Querdenker“) und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Gefährlichkeit des Virus und der Pandemie rundheraus abstritten, in den traditionellen Nachrichtenmedien kaum Gehör fanden, kann man nur dann als Mangel an Vielfalt interpretieren, wenn man die Darstellung von Ansichten unabhängig von ihrem Bestätigungsgrad als Beleg für hohe Qualität sieht.“ Die komplette Studie finden Sie hier:

Stand: 16.11.2021, 13:10 Uhr