Der Faktencheck zur Sendung vom 21.09.2020

Bei uns füllen sich die Stadien, bei anderen die Kliniken – Hat Deutschland Corona-Dusel?

Der Faktencheck zur Sendung vom 21.09.2020

Wieder Publikum bei der Bundesliga, Theater- und Kinosessel füllen sich – wie lange geht das gut? Sind die Fans in Stadien und Hallen wirklich so diszipliniert, wie es die Hygieneregeln verlangen? Und warum explodieren bei Nachbarn die Infektionszahlen, in Deutschland aber nicht?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt hartaberfair nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Andreas Gassen über Corona und Intensivbetten

Bei aller nötigen Vorsicht spricht sich Andreas Gassen dafür aus, die Corona-Maßnahmen immer wieder zu hinterfragen. Die aktuelle Situation lasse dies seiner Ansicht nach zu. Im Moment müssten bei 10.000 freien Intensivbetten nur 267 Corona-Patienten intensivmedizinisch versorgt werden. Deutschland habe also einen “Riesen Puffer“.

Tatsächlich werden in Deutschland aktuell gerade einmal 267 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt. Das geht aus dem täglichen Lagebericht des Intensivregisters der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin hervor (Stand: 21.09.20). Etwas mehr als die Hälfte (145) dieser Intensivpatienten müssen im Moment künstlich beatmet werden. Insgesamt verfügt Deutschland über etwas mehr als 30.000 Intensivbetten, von denen aktuell rund 9.400 frei sind. Derzeit wird also weniger als ein Prozent der vorhandenen Intensivbetten für die Behandlung von Corona-Patienten genutzt. Richtig ist auch, dass in Deutschland weit mehr Intensivbetten zur Verfügung stehen als in Italien und Spanien. Auf Basis von Daten der OECD zählt das statistische Bundesamt für Deutschland 33,9 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner. Dagegen kommt Spanien auf 9,7 und in Italien stehen gerade einmal 8,6 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner zur Verfügung.

Karl Lauterbach über R-Wert und Entwicklung der Fallzahlen

Karl Lauterbach sagt, selbst wenn es beim derzeitigen Infektionsgeschehen bliebe (rund 1000 Neuinfektionen am Montag) und der R-Wert bei 1,24 stagnieren würde, müssten wir in fünf Wochen mit täglich 7000 Neuinfektionen rechnen.

Gemeinsam mit einer Kollegin modelliert Michael Osthege, Doktorand am Forschungszentrum Jülich unter anderem die Entwicklung des Covid-19 Infektionsgeschehens unter Berücksichtigung des R-Wertes. Auf der Webseite Rtlive.de stellen die Jülicher Forscher tägliche Vorhersagen des R-Wertes für fast alle Bundesländer bereit. Der Jülicher Modellierer erklärt, dass der R-Wert nicht den täglichen Zuwachs, sondern die mittlere Zahl von Personen beschreibt, die von einem Infizierten während des gesamten Krankheitsverlaufs angesteckt werden. “Für eine Prognose müssen daher weitere Faktoren berücksichtigt werden. Insbesondere die sogenannte ‘Generationszeit‘, die den Zeitversatz zwischen Infektion und Weitergabe der Infektion beschreibt“, sagt Osthege. Unter Berücksichtigung dieser Generationszeit sei die Rechnung von Lauterbach plausibel, so Osthege. Er fügt noch hinzu, dass ja nachdem welchen Wert man für die Generationszeit bzw. den R-Wert annimmt, die Zahlen auch höher oder niedriger ausfallen können. Derartige Unsicherheiten in Analysen mit einzubeziehen ist genau die Spezialität der Jülicher Forscher.

Karl Lauterbach über Infektionen in Innenräumen

Karl Lauterbach rechnet im Herbst mit steigenden Corona-Zahlen. In dieser Jahreszeit hielten sich die Menschen wieder vermehrt in Innenräumen auf. Über 90 Prozent der “Superspreading-Ereignisse“ hätten ihren Ursprung in Innenräumen.

Virologen gehen schon länger davon aus, dass sich das SARS-CoV-2-Virus in geschlossenen Räumen besser verbreiten kann als an der frischen Luft. Für exakte Prozentangaben wie viele Superspreader-Ereignisse ihren Ursprung in Innenräumen hatten, haben wir keine Belege gefunden. Studien sprechen aber dafür, dass Übertragungen in Innenräumen deutlich wahrscheinlicher sind als draußen. Bereits im Frühling dieses Jahres kamen zwei Preprint-Studien aus Japan und China zu diesem Schluss. So berechneten die japanischen Wissenschaftler, dass das Risiko, sich mit Corona zu infizieren, in geschlossenen Räumen rund 19 mal höher liegt als draußen. Chinesische Forscher haben in einer Untersuchung ihr Augenmerk auf 318 Ausbruchsfälle gerichtet, bei denen es zu drei oder mehr Ansteckungen gekommen war. Die weitaus meisten Menschen infizierten sich demnach zu Hause. Die zweithäufigsten Ansteckungen gab es in Bussen und Bahnen. In nur einem einzigen Fall konnten die Wissenschaftler einen Ausbruch nachweisen, der seinen Ursprung im Freien gehabt hatte.

Karl Lauterbach über Corona-Tests in Deutschland und Spanien

Karl Lauterbach sagt, in Deutschland sei mehr auf Covid-19 getestet worden als in Spanien.

In absoluten Zahlen ist das richtig. Allerdings sagen die absoluten Zahlen nichts darüber aus, wie engmaschig vor dem Hintergrund der Gesamtbevölkerung getestet wird. Aus den Zahlen der Datenplattform worldometers.info, die weltweit von Regierungen, Wissenschaft, Medien und Wirtschaft genutzt wird, geht zwar hervor, dass Deutschland mit rund 14,5 Millionen mehr Corona-Tests durchgeführt hat als Spanien (rund 11,8 Millionen). Bezogen auf die Bevölkerungszahl ist in Spanien aber engmaschiger getestet worden: Hier kommen auf eine Million Einwohner rund 253.000 Tests. In Deutschland liegt diese Zahl mit rund 173.600 darunter.

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Stand: 23.09.2020, 15:32